Archiv der Kategorie: MEDIEN SPEZIAL

Handke und Serbien: Außerhalb der Norm von Medien und Politik

Die Jugoslawienkriege wären vermeidbar gewesen, hätten sich westliche Politik und Medien nicht auf eine Seite der nationalistischen Akteure gestellt. Das meinen manche Zeithistoriker, aber auch Peter Handke, der mit seiner proserbischen Haltung erneut Empörung ausgelöst hat.

Udo Bachmair

Handkes Grundthese war, vor allem in der deutschen und österreichischen Berichterstattung über die Jugoslawienkriege komme die serbische Seite nicht zu Wort. Und wenn, sei Serbien als Feindbild dargestellt worden. Tatsächlich lässt sich belegen, dass auch renommierte westliche Medien, vor allem in Deutschland und Österreich, einseitig Partei gegen Serbien ergriffen haben.

Kriegsverbrechen kroatischer Nationalisten hatten die meisten Medien ausgeblendet. Ich erinnere mich als ORF-Moderator, dass es eine inoffizielle „Weisung“ seitens des konservativen Generalintendanten Bacher gegeben hat, in der Berichterstattung auf Seiten des „christlichen Abendlandes“, also auf Seiten des katholischen Kroatiens zu stehen..

Aus der damaligen Sicht weniger kritischer Geister, die die weitgehend antiserbische Haltung als einen provokanten konfliktfördernden Fehler von Politik und Medien gehalten haben, erscheint die Gegenposition Handkes auch heute erklärbar, wenngleich dessen mangelnde Distanzierung von serbischen Kriegsverbrechen zu recht kritisiert wird.

Die Kritiker der „leichtfertigen Auflösung Jugoslawiens“ klagen noch heute den damaligen Außenminister Mock an, der sich Hand in Hand mit dem deutschen Kanzler Kohl zu einer einseitig prokroatischen Propaganda-Achse zusammengefunden habe. Zudem habe die „zu früh anerkannte“ Loslösung Sloweniens und Kroatiens aus dem jugoslawischen Staatsverband den Konflikt erst recht eskalieren lassen.

Interessant im Zusammenhang mit dieser Causa ist ein in der Rhein-Neckar-Zeitung veröffentlichtes Interview, das der Journalist Volker Oesterreich mit dem deutschen Theatermacher und Ex-Burgtheaterdirektor Claus Peymann geführt hat.

Dazu der folgende Gesprächsausschnitt :

Herr Peymann, seit der legendären Uraufführung der „Publikumsbeschimpfung“ im Jahr 1966 haben Sie viele Stücke von Peter Handke inszeniert. Nun polarisiert er wieder wegen seiner Haltung zu Serbien während des Balkankriegs und wegen seiner 2006 gehaltenen Grabrede für den serbischen Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic. Ist die Empörung gerechtfertigt?

Ganz gewiss nicht. Es muss ja möglich sein, dass ein Schriftsteller seine Meinung vertritt und den Untergang von Jugoslawien bedauert – auch wenn er das anhand bestimmter Personen festmacht. Ich war indirekt beteiligt, weil ich 1999 Handkes Stück zum Jugoslawien-Konflikt am Burgtheater uraufgeführt habe: „Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg“. Als eine Art Reisemarschall bin ich mit ihm in eine kleine Enklave in den Kosovo gereist, Handke hat dort das Preisgeld des Heinrich-Heine-Preises in eine Dorfschule investiert. Diesen Humanismus kann man ihm nicht ankreiden. Bei unserer Reise habe ich viel begriffen von seiner Haltung und seiner Religiosität, auch von seiner Liebe zu Serbien und zur serbischen Kultur.

Und der Streit jetzt?

Dieser Konflikt ist total aufgeblasen. Letztlich spielt dabei Handkes ungewöhnlicher Charakter eine entscheidende Rolle. Er ist kein Opportunist, er richtet sich nicht nach der Mehrheit, sondern spricht seine eigene Meinung aus, wie das Schriftsteller machen sollen. Denken Sie an den Streit um Martin Walser oder um Günter Grass – das sind ungewöhnliche Persönlichkeiten, die sich nicht an die Norm halten.

Bekommt Handke also den Nobelpreis zu Recht?

Es war die schönste Nachricht des Jahres für mich, dass er den Nobelpreis bekommt. Ich bewundere ihn sehr. Das ist ein großer, alter Mann, und ich hatte das Glück, einen Teil meines künstlerischen Weges mit ihm gehen zu können. Ich erwäge, ob ich nach Stockholm mitfahre, um dabei zu sein, wenn Handke den Thron der Weltliteratur besteigt.

Aschenbrödel-Info: Über 100 Millionen Arme in der EU!

In einer Zeitung muss man alles lesen. Auch das Kleinste. Das schrieb der französische Präsident De Gaulle. Hier ein eklatanter Fall: Eine niedliche Kurzinfo über extrem Folgenreiches.

Hans Högl

Ich schätze die „Wiener Zeitung“, aber etwas war heute ärgerlich. Sehr. Ein kritischer Blick auf ihre Gestaltung, auf das Layout. Von US-Präsidentschaftskandidat Sanders handelt ein umfangreicher Bericht mit fünf großen Spalten und parallel dazu ein großes Foto. Sanders kämpft um seine letzte Chance. Das ist recht wichtig für die US-Amerikaner. Dann darunter: Die Tumulte im Hongkonger Parlament. Das ist recht wichtig für Hongkong! Auch diesen dreispaltigen Bericht unterstreicht ein Foto. Der Text zählt 43 Zeilen und ist wie folgender auf Seite fünf.

Dagegen ist ein für uns Europäer äußerst wichtiger Text winzig! Er hat nicht 43 Zeilen, sondern 12, also rund ein Viertel des Hongkong-Berichtes. Worum geht es? Auf 12 winzigen Zeilen und als völlig nebensächlich im Layout (ganz rechts unten) in der Rubrik „Kurz notiert“ auf Seite fünf heißt es mit einem niedlichen kleinen Titel: „Armut in der EU sinkt“.

Und dann geht aus dem völlig beiläufig platzierten Text hervor: Im Vorjahr waren 109,2 Millionen Menschen oder 21,7 Prozent (also jeder fünfte Mensch in der EU) von Armut betroffen. Und es gibt sogar einen Rückgang um 0,8 Prozent (das sind 2,7 Mio Menschen. Laut einer Eurostat-Aussendung war weiterhin Bulgarien mit 32,8 Prozent negativer Spitzenreiter. D.h. jede dritte Person in Bulgarien ist arm. Und das faßt die „Wiener Zeitung“ (17. Okt.) unter dem Titel „Armut in der EU sinkt“ zusammen. Es ist ein peinliches Eingeständnis, dass in der EU riesige soziale Probleme bestehen, die möglichst wenig bewusst werden sollen.

Nicht zufällig verachten Medienpraktiker das Publizistikstudium. Das hat gute Gründe. Eine wissenschaftliche Analyse schärfte meinen Blick für Irreführungen durch Medien. Dies war die Textanalyse in meiner Dissertation über die „Pentagon Papiere“ zum Vietnam-Krieg: Ich verglich dazu „Le Monde“ mit der „Frankfurter Allgemeinen“. So entdecke ich leichter inhaltliche Verzerrungen, aber auch Leser werden das bemerken. Keine Frage: Der euphemistische Titel „Armut in der EU sinkt“ soll so wenig wie möglich gelesen werden! Es gilt die Schliche der Chefredakteure zu durchschauen.

ORF-Ressort Religion als PR-Abteilung ?

Der ORF „leistet“ sich eine Religionsabteilung. Eines der Alleinstellungsmerkmale des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Garantie auch für anerkannt gute journalistische Arbeit.

Udo Bachmair

Längst ist die „ORF-Religion“ kein ( katholischer ) „Kirchenfunk“ mehr. Die Redaktion der Abteilung versteht sich in kritischer Äquidistanz zu allen Religionen. Darum hat sich vor allem der legendäre frühere Ressortleiter Peter Pawlovsky verdient gemacht. Und auch die neue Chefin des Religionsressorts, Barbara Krenn, führt diese Tradition bestmöglich fort.

TV-Highlights wie „Orientierung“ oder „Kreuz&Quer“, die ich einige Jahre die Ehre hatte zu moderieren, stehen für ORF-Qualität, wie sie der öffentliche Kultur- und Informationsauftrag des ORF zu erfüllen hat. Und auch das ORF-Radio bietet von „Religion aktuell“ bis „Praxis“ und zahlreichen weiteren Sendungen qualitative Berichterstattung.

Vor diesem Hintergrund sei Ihnen eine in der „Wiener Zeitung“ veröffentlichte Analyse von Barbara Krenn nicht vorenthalten, die Bezug nimmt auf einen kritischen Gastkommentar von Gerhard Engelmayer. Ausgehend vom Religionsunterricht kritisierte der Autor u. a. das Konkordat und auch die ORF-Abteilung Religion.

Darauf hat Barbara Krenn in der Wiener Zeitung folgendermaßen reagiert :

Die ORF-Religionsabteilung ist weder „Kirchenfunk“ noch PR-Abteilung der Kirchen

Barbara Krenn

Im Gastkommentar von Gerhard Engelmayer geht es im Zusammenhang mit dem Konkordat unter anderem auch um die Religionsberichterstattung und die Religionsabteilung des ORF. Der Autor stellt darin folgende Behauptungen auf:

„Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk diktiert dieser Vertrag (Anm: gemeint ist das Konkordat)sogar Sendungen, deren Inhalt die Kirche bestimmt.“ Das ist falsch.

„. . . denn was gesendet wird, geht durch die ‚kleine Zensur‘: Der Stephansplatz gibt sein Sanctus, er dirigiert schließlich – mittelbar auch aufgrund des Vertrages – eine eigene ORF-Abteilung, die Religionsabteilung.“ Das ist falsch.

„Ihr Leiter ist ein ehemaliger Pastoralassistent.“ Das ist falsch.

Richtig ist vielmehr: Als Journalistinnen und Journalisten der Religionsabteilung sind wir – wie alle anderen Journalisten des ORF auch – dem ORF-Gesetz verpflichtet. Wir haben daher nicht nur das Recht auf Unabhängigkeit, sondern auch die Pflicht dazu.

Die Religionsabteilung des ORF ist weder „Kirchenfunk“ noch PR-Abteilung der Kirchen und Religionsgemeinschaften. Weder bei den Sendungsinhalten noch bei der Bestellung von Mitarbeitenden hat „die Kirche“ beziehungsweise „der Stephansdom“ ein Mitspracherecht.

Der ORF ist den Bürgerinnen und Bürgern Österreichs verpflichtet. Das bedeutet: Vielfalt und Diversität sind zentral. Genauso wie der ORF aktuelle Information und Unterhaltendes bieten muss, hat er Sportbegeisterte, Kulturinteressierte, Menschen am Rande der Gesellschaft und auch Religionsaffine anzusprechen.

Für die Religionsabteilung bedeutet das unter anderem: Menschen über ihre Glaubens- und Wertvorstellungen miteinander ins Gespräch zu bringen; der Frage nach dem Stellenwert von Religion in einer aufgeklärten Gesellschaft nachzugehen und auch das Verhältnis von Religion und Politik, von Glaube und Vernunft zu diskutieren. Und es bedeutet – auch dazu verpflichtet das Gesetz den ORF -, über alle gesetzlich anerkannten Kirchen (und nicht ausschließlich die römisch-katholische Kirche!) und Religionsgemeinschaften in Österreich – derzeit sind es 16 – angemessen zu berichten. In kritischer Distanz wohlgemerkt.

P.S.: Weder ich noch mein Vorgänger waren im früheren beruflichen Leben Pastoralassistent/in.
( Barbara Krenn )

Lob für den Kultur- und Informations-Spartensender ORF III

Hans Högl

Der TV-Sparten-Sender ORF III verdient, positiv hervorgehoben zu werden; denn er bietet eine Fülle, ja fast eine Überfülle von wertvollen Dokumentationen – so über Österreichs Kultur, Politik, Geschichte und über Europa. Manchmal würde man gern im Vorhinein in Printmedien ein wenig mehr erfahren, was in etwa der Inhalt der Filme und Reportagen ist.

Ich sah vor meiner Burgundreise den Film über Kaiser Maximilian und über seine Heirat mit Maria von Burgund.Der Geschichtsunterricht wäre wohl überfordert, abgesehen von der europäischen Bedeutung dieser Heirat – Näheres über die politischen Hintergründe dieser Vermählung zu vermitteln. Der Film veranschaulichte, welche Spannungen diese Heirat mit den Stadtherren in den Niederlanden auslöste und verwies auf die diplomatische Verwicklungen und führte zu einem Krieg mit Frankreich, das ebenso den Burgund für sich beanspruchte. Für mich blieb vorerst unbeantwortet, ob und inwiefern der Spielfilm auch den historischen Tatsachen entsprach. Das wäre vielleicht als Vor- oder Nachwort wünschenswert.

Am Samstag, den 12. Oktober 2019 Nachmittag, war die oberösterreichische Region Mühlviertel im Blick. Diese gilt wie das niederösterreichische Waldviertel als wirtschaftliche Randzone, angrenzend an Böhmen. Die ORF III Sendung brachte mutmachende wirtschaftliche Initiativen aus dieser durch Granit geprägten Landschaft – über Biolandwirtschaft, Hopfenanbau, Leinenweberei….Er zeigte, wie Menschen durch Kreativität selbst in Regionen mit wenig Industrie ihr Überleben sichern. Das war konstruktiver Journalismus im besten Sinne.

Ein Hinweise für unsere deutschen Leser: Das Mühlviertel ist zumindest geologisch dem Bayerischen Wald und dem niederösterreichischen Waldviertel ähnlich. Die Bezeichnung Waldviertel ist insofern irreführend, als es neben Wäldern auch Feldwirtschaft und Wiesen gibt.

Ein schönes Spielzeug für Volkskapitalisten. Tschechien

Dankenswerterweise hat mich nun Hans K o u b a (Wien) auf den einschlägigen Beitrag im „Spiegel“ über die Privatisierung in Tschechien aufmerksam gemacht.(Spiegel Nr. 22/ 1992).

Rascher als alle anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks privatisiert die Tschechoslowakei ihre Staatsbetriebe. Jeder Bürger kann Coupons kaufen und damit an einer Art Lotterie teilnehmen. Experten warnen vor einem Fiasko, clevere Jung-Unternehmer aber sehen die Chance ihres Lebens.
Das ehemalige Forschungsinstitut im Süden Prags birgt einen seltsamen Schatz. In langen, bis zu zwei Meter hohen Reihen türmen sich dort über 500 000 Hefte – jedes 1000 Kronen (etwa 56 Mark) wert, und schon bald wohl sehr viel mehr.
Die Dokumente mit dem zweischwänzigen böhmischen Löwen und dem slowakischen Doppelkreuz auf dem Deckblatt sind „Kuponova KnIzka“, Coupon-Büchlein. Mit diesen Scheinen können Anteile an CSFR-Unternehmen erworben werden.
Kein anderer Privatunternehmer im Land verfügt über so viele dieser Coupons wie Viktor Kozeny, 28. Der Präsident der Harvard Capital & Consulting Company, die in dem ehemaligen Forschungsinstitut untergebracht ist, hat die erstaunlichste Karriere im noch jungen Kapitalismus der Tschechoslowakei gemacht.
Anfang vergangener Woche ist die Privatisierung von über 1400 großen Staatsbetrieben angelaufen. Nach Abschluß der beispiellosen Aktion, das steht jetzt schon fest, wird der junge Tscheche das größte private Aktiendepot seines Landes kontrollieren.
Kein anderes ehemals sozialistisches Land will seine Staatsbetriebe so radikal und rasch in Privateigentum überführen wie die CSFR. Schon vor Ablauf des nächsten Jahres sollen rund drei Viertel aller tschechoslowakischen Großbetriebe in privater Hand sein.

Seit Januar 1991 wurden bereits über 20 000 ehemals staatliche Läden, Gaststätten, Werkstätten oder andere Kleinbetriebe versteigert. Über 100 000 Betriebe wurden an ihre früheren Eigentümer oder deren Erben zurückgegeben.
Das war die sogenannte kleine Privatisierung, nun folgt die große. Von den 4000 größten Unternehmen des Landes sollen nur ein Viertel in Staatshand bleiben, weil sie, wie etwa die Eisenbahn, von strategischer Bedeutung sind – oder zu marode.
Daß nun ausgerechnet der rotblonde, etwas pausbäckige Endzwanziger Kozeny zum Großkapitalisten aufsteigt, ist paradox. Die Vermögenskonzentration in Kozenys Hand wird nämlich nur dadurch möglich, daß die demokratische Führung in Prag ihre Bürger zu Kleinkapitalisten machen will.
Jeder Tscheche und Slowake über 18 Jahre sollte die Chance zum sehr preisgünstigen Erwerb eines kleinen Anteils an jenem Vermögen erhalten, das nach kommunistischer Doktrin schon immer dem Volk gehörte: den großen Staatsbetrieben.
Daneben hat sich die Regierung auch bemüht, Großbetriebe direkt an ausländische Interessenten (Beispiel: Skoda an VW) zu verkaufen. Solche Investoren haben den Vorteil, daß sie Know-how und Kapital mitbringen.
Rund 40 Prozent der gesamten CSFR-Wirtschaft aber sollen durch das Coupon-Verfahren in Privathand gelangen. Ausgetüftelt hatten es zwei polnische Wirtschaftswissenschaftler; die Polen selbst oder die Wirtschaftsreformer in anderen ehemaligen Ostblockländern wagten jedoch nicht, es anzuwenden.
Jeder der elf Millionen CSFR-Bürger konnte an diesem Privatisierungs-Lotto teilnehmen. Er mußte sich nur in den vergangenen Monaten bei der Post ein Coupon-Heft zum Preis von 35 Kronen (etwa zwei Mark) beschaffen und dann bei einer amtlichen Registrierungsstelle eine Wertmarke von 1000 Kronen kaufen. Dieser Betrag ist etwa so hoch wie ein durchschnittlicher Wochenlohn.
Wie viele Aktien für die 1000 Kronen zu erhalten sind, hängt von den Kauforders ab, die seit vergangener Woche erteilt werden können: Bietet der Coupon-Besitzer bei einem begehrten Unternehmen wie etwa der Pilsener Brauerei mit, erhält er nur einige wenige Anteilscheine oder womöglich sogar nur eine Aktie zugeteilt. Bei einem unattraktiven Unternehmen wie etwa einem veralteten Stahlwerk reichen 1000 Kronen dagegen zum Erwerb von Dutzenden oder gar mehreren hundert Aktien aus.
Viel mehr als ein Glücksspiel ist das nicht. In einer total verstaatlichten Wirtschaft, wie es die tschechoslowakische noch vor kurzem war, gibt es kaum Informationen über die Ertragskraft eines Unternehmens oder über den tatsächlichen Wert seiner Grundstücke, Gebäude und Fabrikationsanlagen.
Experten der Weltbank warnten die Prager Wirtschaftsreformer daher schon im August 1990 vor dem Zorn jener Kleinaktionäre, die beim großen Privatisierungs-Lotto nur Nieten ziehen. Darüber hinaus mißfiel ihnen, daß die Coupon-Methode zu einer sehr breiten Streuung der Aktien führen werde. Ein „allzu zersplitterter“ Aktionärskreis, fürchteten die Fachleute, werde das Management nicht effektiv genug kontrollieren können.
Trotz dieser Warnungen hielt die neue Prager Führung an der Coupon-Methode fest. Vor allem Bundesfinanzminister Vaclav Klaus, der Chef-Reformer in der CSFR-Regierung, machte sich für das neuartige Verfahren stark.
Im Vergleich zum mühsamen Direktverkauf hat das Coupon-System einen Vorzug, der nach Meinung von Klaus alle Nachteile mehr als aufwiegt: Der Vermögenstransfer läßt sich relativ rasch durchziehen.
Die Coupon-Privatisierer müssen nicht lange nach geeigneten Käufern für ihre – meist nicht sehr attraktiven – Objekte suchen. Auch gibt es keine langen Streitereien um die korrekte Bewertung der zum Verkauf stehenden Unternehmen. In einer Art Auktionsverfahren mit mehreren Bewertungsrunden wird der Bezugskurs so festgesetzt, daß die Nachfrage der Coupon-Halter nach Aktien einer bestimmten Firma schließlich mit dem Angebot übereinstimmt.
An dem Coupon-Monopoly können sich nicht nur die kleinen Heftchenkäufer beteiligen. Zugelassen sind auch professionelle Spieler.
Banken, Beratungsgesellschaften und selbsternannte Anlageexperten durften sogenannte Investment-Privatisierungs-Fonds (IPF) gründen. Ihnen konnte jeder Bürger, der sich keine eigene Anlageentscheidung zutraute, seine Coupons überlassen. Im Gegenzug erhalten alle, die ihre Gutscheine an einen IPF abgetreten haben, später Anteile an diesem Fonds.
Mit der Zulassung der IPF kam die große Stunde des Viktor Kozeny. Der Präsident der Harvard Capital & Consulting gründete acht Fonds, um auf die Jagd nach Coupons zu gehen.
Insgesamt ließen sich 437 IPF registrieren. Aber nur die Sparkassen mit ihrer riesigen Organisation hatten beim Einsammeln von Coupons noch ein wenig mehr Erfolg als der Harvard-Mann. 814 779 der über 8,5 Millionen Tschechen und Slowaken, die an der nun angelaufenen Privatisierungswelle teilnehmen, vertrauten alle ihre Coupons oder einen Teil davon den Fonds des jungen Pragers an.

Bis vor wenigen Monaten war der Aufsteiger in seiner Heimat ein Nobody. Nach dem Tod seines Vaters, eines Prager Mathematikprofessors, war Kozeny 1980 in die Bundesrepublik emigriert. Zwei Jahre später zog der junge Exiltscheche in die USA weiter. Er studierte an der Harvard-Universität, das Geld dafür verdiente er sich mit Gelegenheitsjobs.
Bevor Kozeny im Frühjahr 1990 in seine Heimatstadt zurückkehrte, sammelte er noch einige Monate Berufserfahrung bei einer kleinen Londoner Investmentbank. Dann machte er im Herbst 1990 mit einem Startkapital von 3000 Dollar seine eigene Anlageberatungsfirma auf.
Landesweit bekannt wurde Kozeny, als er Anfang Dezember vergangenen Jahres einen großangelegten, sehr aggressiven Werbefeldzug für seine Fonds startete. Der Clou der Kampagne war ein äußerst verlockendes Angebot: Jedem, der seine Coupons einem Harvard-Fonds überlassen werde, garantierte Kozeny eine Verzehnfachung des eingesetzten Kapitals von jeweils 1035 Kronen innerhalb eines Jahres.

Die Offerte löste einen Run auf Kozenys Firmenzentrale im tristen Prager Vorort Michle aus. Bis zu 17 000 Menschen drängten sich an Spitzentagen vor den Toren des Harvard-Hauptquartiers, um ihre Coupon-Hefte abzugeben.
Die Post, die jeden Coupon-Transfer an eine zentrale Erfassungsstelle melden muß, richtete ein Sonderamt in einem der größten Räume des Harvard-Gebäudes ein. Bis zu 50 Postbedienstete fertigten dort im Schichtbetrieb die Klienten Kozenys ab.

Über 25 000 Agenten schwärmten bis zum Böhmerwald und zu den Beskiden aus, um für Harvard Coupons zu sammeln. Kofferweise schleppte die riesige Drücker-Kolonne die Büchlein an.
Die düpierte Konkurrenz zog schließlich nach. Manche Fonds-Manager versprachen sogar, nach einem Jahr den 15bis 18fachen Einsatz zu erstatten. Doch Kozeny hatte bereits einen riesigen Vorsprung vor den Wettbewerbern.
Um zu verhindern, daß die Verwalter großer Fonds zu mächtig werden, setzte das Parlament vergangenen Monat ein Limit für die Beteiligung an Unternehmen. Höchstens 20 Prozent aller Aktien einer Firma darf ein Fonds besitzen, und wenn ein IPF-Gründer wie Kozeny mehrere Fonds aufgelegt hat, dürfen diese zusammen nicht mehr als 40 Prozent aufkaufen. Aber „das Gesetz ist wie ein Käse, voller Löcher“, spottet der Mann, gegen den diese Vorschrift in erster Linie gerichtet ist.
Die Gefahr, daß Kozeny zum Super-Tycoon der CSFR-Wirtschaft aufsteigt, wird von vielen Fachleuten allerdings nicht sehr hoch eingeschätzt. Wesentlich größer scheint das Risiko, daß er scheitert und seine Profitgarantie nicht halten kann.

„Die Harvard-Fonds werden an ihrem eigenen Marketing-Erfolg ersticken“, warnt beispielsweise Jaroslav Lizner, Chef des Coupon-Privatisierungszentrums im Prager Bundesfinanzministerium.
Nach Ansicht Lizners hat Kozeny allzu viele Coupons gehortet. Er kann sich nun nicht – wie der Manager eines kleinen Fonds – auf den Kauf von Anteilen an jenen 200 oder 300 Unternehmen beschränken, denen Kenner gute Entwicklungschancen in der Marktwirtschaft einräumen. Wegen ihrer riesigen Coupon-Vorräte sind die Harvard-Fonds dazu verdammt, auch in Unternehmen mit sehr zweifelhafter Zukunft einzusteigen.
„Schwierigkeiten, noch vernünftige Anlagemöglichkeiten zu finden“, sagt Karl Heinz Hauptmann, Berater der Prager Interbank, sogar schon allen Fonds voraus, die mehr als 100 000 Coupon-Büchlein gesammelt haben. Die Harvard-Fonds verfügen, in ihrer Prager Zentrale und andernorts, über mehr als achtmal so viele.
Kozeny gibt sich jedoch gelassen. „Wir haben so kalkuliert“, behauptet er, „daß wir unsere Ertragsgarantie auch dann noch halten können, wenn jeder zweite Betrieb, an dem wir uns beteiligen, geschlossen werden muß.“
Aber selbst wenn der Kurswert der Aktien in seinen Fonds-Depots sich verzehnfacht, kann Kozeny in Schwierigkeiten geraten. Wollen sehr viele Kleinanleger nach Ablauf der Jahresfrist den Garantie-Gewinn kassieren, braucht Kozeny eine Menge Bargeld: Im Extremfall, wenn alle Harvard-Anleger Bares wollen, müßte er gut 6,5 Milliarden Kronen (rund 370 Millionen Mark) auszahlen.

Versucht er, sich dieses Geld durch den Verkauf von Aktienpaketen zu beschaffen, stürzen die Kurse. Ausländische Spekulanten könnten diese Situation nutzen, um zu Schleuderpreisen in die frisch privatisierte tschechoslowakische Wirtschaft einzusteigen.
Kozeny baut darauf, daß nur jeder fünfte seiner Fonds-Schützlinge schon nach einem Jahr Bares sehen will. Für den Fall, daß diese Quote höher ist, hat er angeblich Vorsorge getroffen. „Wir haben Angebote New Yorker Banken“, behauptet er, „die uns Kredit geben wollen.“
In der CSFR halten viele den Jung-Kapitalisten ohnehin für einen Strohmann, der im Auftrag fremder Investoren arbeitet. Kozeny bestreitet das entschieden.

Der überraschende Aufstieg des Harvard-Mannes zu einer der wichtigsten Größen in der CSFR-Wirtschaft ist für Kritiker ein Beleg dafür, wie naiv Bundesfinanzminister Klaus und dessen Gefolgsleute an ihre Privatisierungsaufgabe herangegangen sind. „In der Regierung ist man überzeugt“, sagt Prinz JirI Lobkowicz, „daß ein Betrieb stets besser in Privat- als in Staatshand aufgehoben ist, auch wenn die neuen Eigentümer sehr dubiose Figuren sind.“
Der in der Schweiz geborene böhmische Adelssproß, ein erfahrener Investment-Banker, wollte in der Heimat seiner Vorfahren nicht nur für die Rückgabe des Familienbesitzes kämpfen, sondern auch die Regierung beim Umbau des Landes von der Murks- zur Marktwirtschaft beraten.
Nur ersteres gelang. Die Lobkowicz-Sippe hat inzwischen 17 Schlösser zurückerhalten.
Seinen Job als Berater von Wirtschaftsminister VladimIr Dlouhy dagegen gab der Prinz Ende März verärgert auf. Seiner Meinung nach ging die Regierung bei der Vorbereitung der Privatisierung allzu stümperhaft ans Werk.
„Die Coupon-Privatisierung ist zwar ein schönes Volkskapitalismus-Spielzeug“, höhnt Lobkowicz, „aber sie wird als große Farce enden.“
DER SPIEGEL 22/1992. 25.Mai

Sächsische Dörfer an polnischer Grenze und AfD

Folgenden Text fand ich in der Neuen Zürcher online Freitag 4.Okt. 2019. Geschildert werden Dörfer an der polnischen Grenze in Ostdeutschland und situative Hintergründe für den Aufstieg der AfD (Hans Högl)

Hier sei mal eine Kneipe gewesen, und da habe es mal einen Laden gegeben. Herr Hoffmann, der Taxifahrer aus Görlitz, deutet immer wieder auf Punkte links und rechts an der Strasse. Er scheint ein sicheres Gespür für die Auflösungserscheinungen sächsischer Dörfer zu haben. Er weiss, welche Höfe leer stehen und welche Restaurantbesitzer die DDR-Toiletten bis heute nicht ausgewechselt haben. 

Wir sind auf dem Weg von Görlitz in die Gemeinde Neisseaue, eine Ansammlung versprengter Strassendörfer an der deutsch-polnischen Grenze. Der grösste Ort heisst Zodel und hat etwas mehr als 500 Einwohner, der kleinste ist Emmerichswalde mit 13. Das ganze Gebiet ist mehr Naturreservat als Zivilisation, auf einem Quadratkilometer leben 36 Menschen. Der Ort wirbt damit, die «östlichste Gemeinde Deutschlands» zu sein. Man ist also in einem Raum, der schon fast Polen, aber immer noch Deutschland ist. Bei der Europawahl wählten hier 46,4 Prozent der Menschen die Alternative für Deutschland. Es war ein Rekordwert selbst für Sachsen.
Seit der Wahl ist von einer Spaltung des Landes die Rede. Die Grünen nehmen die westdeutschen Städte ein, die AfD räumt in den ostdeutschen Dörfern ab. In Sachsen und in Brandenburg machte die AfD das beste Ergebnis aller Parteien, in Thüringen das zweitbeste. In allen drei Bundesländern finden im Herbst Wahlen statt, und in Görlitz könnte bereits im Juni der erste AfD-Politiker in Deutschland zum Oberbürgermeister gewählt werden. Der Polizeikommissar Sebastian Wippel liegt nach dem ersten Wahlgang an der Spitze. Seine Plakate hängen in der ganzen Gegend: «Ein Görlitzer. Mit Sicherheit!»

«Wir sind am Arsch der Welt»
Alleen säumen die Strassen, dahinter liegen weite Felder. Menschen ziehen weg, und die Natur arbeitet langsam, aber beharrlich daran, das Gelände zurückzuerobern. Dorfstrukturen wie in Bayern habe es hier nie gegeben, sagt der Taxifahrer Hoffmann. Die Leute hätten nicht auf dem Dorfplatz getratscht, sondern beim Bäcker und über die Zäune hinweg. Wir sind gerade auf der Suche nach dem östlichsten Punkt Deutschlands zwischen Deschka und Zentendorf, da soll eine Art Denkmal stehen. Aber der Taxifahrer Hoffmann verfährt sich schon zum wiederholten Mal. Er chauffiert hauptsächlich kranke Menschen in der Gegend herum, zu Denkmälern fährt er nur selten. Schliesslich hält er vor einem Haus und bittet einen alten Deschkaer einzusteigen, um den Weg zu zeigen.

«Kneipen gibt es keine mehr, Bus weiss ich nicht, wir sind am Arsch der Welt», so fasst der neue Passagier die allgemeine Lage zusammen. Auch einen Laden gebe es in Deschka schon lange nicht mehr, Anfang der neunziger Jahre habe der «Konsum» geschlossen. Einmal in der Woche kommen nun Verkaufswagen vorbei und bringen Brot, Fleisch und Gemüse. Ein Sparkassenbus versorgt die Leute mit Bargeld. Wie hält der Mann es mit der AfD? «Muss nicht sein.» Er sei aber ohnehin nicht zur Wahl gegangen, denn das Wahllokal sei in Zodel gewesen, drei Kilometer entfernt. Früher sei er manchmal zum östlichsten Punkt Deutschlands spaziert, aber seit der Hund gestorben sei, mache er das nicht mehr. Alles scheint bei dem Mann aufs Aufhören angelegt zu sein.

Nur ans Wegziehen denkt er offenbar nicht. Er sei hier aufgewachsen, habe ein Haus gebaut und 44 Jahre lang als Polizist gearbeitet. Jetzt versuche er, so lange es gehe, hierzubleiben. Auch wenn das nicht immer schön sei. Manchmal funktioniere nicht einmal das Festnetz, sagt der alte Polizist. Dieses Jahr hätten Kriminelle schon zweimal Telefonleitungen abgebaut, Hunderte von Metern, nur wegen des Kupfers. 
Viel scheint der Mann nicht mehr zu erwarten. Wenn aber jemand käme und ein paar Dinge in Ordnung brächte, hätte er wohl nichts dagegen. Den AfD-Polizisten, der in Görlitz Oberbürgermeister werden will, findet er zum Beispiel sympathisch. Das heisst, er sei zumindest «kein Hirnverbrannter».

Der östlichste Zipfel Deutschlands ist ein seltsames Arrangement. Dazu gehören ein grosser Stein, ein «Zipfel-Buch», in das sich die Gäste eintragen können, ein Häuschen, das wie der Einstieg zu einem Atombunker aussieht, und eine verblichene Deutschlandfahne. Es wäre eine Lüge, zu behaupten, dass die Reisegruppe an diesem Punkt besonders berührt sei. Der Taxifahrer Hoffmann nutzt den Halt für eine Rauchpause. Ein bisschen scheint er sich auch Sorgen zu machen um seinen Wagen, denn die Fahrt zum östlichsten Punkt Deutschlands gleicht einer Safari.

Am Ende der Reise stehen die AfD-Politiker Roberto Kuhnert und Heiko Titze an der Dorfstrasse in Zodel. Kuhnert ist selbständiger Baudienstleister und führt die AfD-Regionalgruppe Weisswasser, zu der auch Neisseaue gehört. Titze ist Polizeibeamter im Ruhestand und kommt aus Hähnichen, ein paar Kilometer weiter nördlich von hier. Männer wie Kuhnert und Titze ziehen nun für die AfD in die deutschen Parlamente ein, beide wurden vor einer Woche in den Görlitzer Kreistag gewählt. Das Gespräch findet in der Landbäckerei in Zodel statt, aber ganz wohl ist es den beiden Herren dabei nicht. Kuhnert redet betont leise, doch es nützt nichts. «Da wird es mir ganz übel, wenn ich das höre!», fährt ihn eine Kundin nach wenigen Minuten an. Kuhnert hat gerade berichtet, wie sehr die CDU in Sachsen versagt habe. Wenig später mischt sich eine weitere Frau ein: «Ministerpräsident Kretschmer hat viel bewirkt in der Region!»
54 Prozent wählen in Neisseaue nicht die AfD, daran haben die beiden Damen noch einmal erinnert. Kuhnert diskutiert mit ihnen, bis der Bäcker einschreitet: «Hier muss bedient werden!» Er hätte auch sagen können: «Hier darf nicht politisiert werden!» Der Bäcker fürchtet offenbar um sein Geschäft. In einem Dorf mit 500 Einwohnern kann er es sich nicht leisten, dass AfD-Politiker im Laden die CDU-Kundschaft vertreiben. Solche Szenen wie eben seien eine Ausnahme, sagt Kuhnert später. «Aber manche verteidigen die CDU heute so, wie früher Unverbesserliche die SED verteidigt haben, als es mit der DDR zu Ende ging.» Es sei Zeit für eine «neue Wende», sagt Kuhnert.

«Die Region fühlt sich abgehängt»
Titze ist ein schweigsamer Mann, meistens hat er die Arme verschränkt und die Mundecken leicht nach unten gezogen. Eigentlich wäre er noch immer gern Polizist, wie er sagt. Aber er habe einen Dienstunfall gehabt und danach sieben Operationen. Manchmal setzt er an und will etwas sagen, aber Kuhnert ist schneller. Der AfD-Mann aus Weisswasser gibt gern den Welterklärer. Vor allem aber ist er begeistert von den jüngsten Wahlerfolgen. «Uns wählt der komplette Querschnitt der Gesellschaft», sagt er. Wie zum Beweis fügt Titze hinzu, «mein Hausarzt hat mich auch gewählt». Kuhnert: «Es gibt keine Alternative zur Alternative!» Aber warum wählen gerade in Neisseaue so viele Leute die AfD? «Die Region fühlt sich abgehängt», sagt Kuhnert. «Das ist nicht nur ein Gefühl, es ist so. Die Industrie siedelt sich mittlerweile in Polen an.»
Das eigene Unglück scheint sich im Erfolg der Polen noch zu vergrössern. Titze sagt: «Die Wirtschaft fehlt, die Jugend zieht weg. Viele Handwerker wollen junge Leute gar nicht mehr ausbilden, weil diese ohnehin in den Westen auswandern.» Für Kuhnert ist das Konzentrat aller Probleme die geringe Kaufkraft. Titze kann das nur bestätigen: «Die Leute können sich ja ein Bier im Gasthaus kaum noch leisten.» Der pure Patriotismus ende beim Portemonnaie, erklärt Kuhnert. Für den Friseur, Zigaretten und zum Tanken fahren viele Deutsche, die im Grenzgebiet leben, nach Polen.

«Man will keine Zustände wie in Berlin»
Eine tragende Rolle für den Erfolg der AfD spiele auch die Flüchtlingskrise, sagt Kuhnert. «Man will hier keine Zustände wie in Berlin.» Aber eigentlich geht es nicht einmal um Berlin, es geht schon um Görlitz und Zwickau. So peripher die Menschen auch leben, viele haben Angst, dass sie ihre Heimat irgendwann nicht mehr erkennen könnten. Titze erzählt, wie er kürzlich durch die Stadt spaziert sei, in der er geboren wurde. In der Einkaufsstrasse von Zwickau sehe es heute aus wie auf einem türkischen Basar. Titze wirkt weniger empört als enttäuscht.
Der Bäcker hört den Neopolitikern mit grimmiger Miene zu. Aber nur wenn keine Kunden im Laden sind. Irgendwann fragt er die AfD-Männer: «Denken Sie tatsächlich, dass die Presse Ihnen hilft?» Er rät ihnen, besser zu schweigen, denn Journalisten würden nur Unsinn verbreiten. «Jetzt haben wir dieselbe Situation wie am 17. Juni 1953», sagt er. «Journalisten kommen zu uns, um Sensationsberichte zu schreiben. Vorher hat sich für den Osten niemand interessiert!» Kuhnert beschwichtigt den Bäcker und macht seine heiser-feine Stimme noch etwas feiner. Der Vergleich der jetzigen politischen Situation mit dem Volksaufstand von 1953 in Berlin scheint niemanden zu wundern. Es sind die Relationen, in denen man hier denkt. Der Kampf gegen die SED wird bald mit dem Kampf gegen die CDU verglichen, der Volksaufstand von 1953 mit der Europawahl von 2019, die politischen Umbrüche der heutigen Zeit mit der Wende von 1989.

ARTE -Medientipps

Hans Högl

MEDIENTIPPS AUS ARTE-Programm

Yangtse-Unterwegs in China. Reise entlang des Flusses.Mit Shanghai.Je: 17.10 Uhr Mo 7.Okt.,Die 8.Okt.,Mittw. 9.Okt./Do u. Fr.

André Malraux. Schriftsteller,Kulturminister. MI 9.Okt. 22:05 Uhr.

Borgen-Gefährliche Seilschaften. Dänischer Politikfilm (preisgekrönt!) Do 10.Okt. 23.15 Uhr

Winter des Schreckens. Die ersten Siedler in den USA. Jamestown im Jahr 1607. So 13.Okt. 20:15 Uhr Geschichtsdoku

Erich Mielke-Meister der Angst. Minister der Staatssicherheit in der DDR
Die 15.Okt. 20.15 Uhr. In der Mediathek bis 21.10

Das Salz der Erde.Zu Ehren des großen brasilianischen Fotografen Sebastiao Delgado
Mittw. 16.Okt. 00:00. in Mediathek bis 22.10.

Kuba- Flüchten oder Standhalten? Gesellschaftsdoku. Do 17.Okt 17: 40 – 18:35

Tricks von Hochstaplern und Inszenierungen

In unserer Lebenswelt ist viel Inszenierung und Hochstapelei. Davon handelt ein solid recherchiertes Buch. Manches erinnert an die Medienwelt und an deren Inszenierung.

Hans Högl. Buchrezension

Ist Hochstapelei eine Anforderung an den modernen Menschen, um vorwärts zu kommen? Sind wir alle Felix Krull? Was vormals nur für Schauspieler und Künstler galt, sei heute als Standard in die Lebenswelt breiter Kreise eingeflossen. Es gilt, sich selbst zu erfinden, verschiedene Identitäten und Lebensentwürfe zu erproben und mit der richtigen Selbstinszenierung zu Markte zu tragen. Werden wir zu Hochstaplern, ohne es zu wollen? Der kanadische Soziologe Erving Goffman behauptet: Wir spielen alle Theater.

Der Blick des Buches „Mit fremden Federn“ schweift über die herkömmliche Auffassung von Hochstaplern hinaus. Es betrachtet die betrügerische Rafinesse von Investoren, falsche Prinzen,Liebesschwindler, Exotikfälscher, Lieblingskonkubinen, Männer-Imitatorinnen, KGB-Gigolos. Alle vereint das Mindestkriterium, dass sie mit Absicht nicht sind, wofür sie sich ausgeben, und dass ihnen die Verstellung Gewinn bringt (S. 204).

Nennen wir konkrete Personen: Geheimdienst war von Beginn an Frauensache. Die verführerische Belgierin Margaretha Geertruida Zelle, die sich als Mata Hari einen Namen machte und als Agentin eine Geheimdienstkarriere begann. Ihre mysteriöse Herkunft als indonesische Königstochter und Tempeldienerin verlieh ihren Auftritten eine transzendente Aura des Göttlichen, die sich von billigen Nackttänzerinnen unterschied. Dann sank ihr Stern, war irgendwann pleite und gewohnt, von Männern Geld zu nehmen -wenn nicht für Liebe, dann eben für Spionage (p. 78 f.).

Irritierend-köstlich ist, wie „Der kleine Nicolas“ die spanische Regierung und das Königshaus narrte (p. 28). Ein anderer präsentierte sich als wieder erschienener Kaiser Friedrich II. der Staufer. Faszinierend sind die „Spielchen“, die Karl May bis zu seiner Gefängnisstrafe trieb, bevor er als Schriftsteller phantasierte. Die „Leipziger Zeitung“ suchte nach einem verdächtigen Herren: Er trägt Brille, einen Ring an der rechten Hand, gibt sich aus als Dr.med. Heilig aus Rochlitz, Augenarzt und früherer Militär. Er trägt einen schwarzen Tuchrock mit wollener Borte besetzt….In seiner sprudelnden Phantasie schrieb er in Sachsen die berühmten Karl-May-Bände, später präsentierte sich „Dr.“ Karl May als weitgereister Mann, der zunächst aus dem Orient berichtete und dann im Wilden Westen Amerikas zum Blutsbruder des Indianerhäuptling Winnetou wurde. Auf Vorträgen gab er an, 1.200 (!) Sprachen zu sprechen (S. 81).

Ein Kapitel des Buches lautet „Auf der Couch. Das Innenleben der Hochstapler“: Irrtümlich hält sich das Profil des Hochstaplers als des intelligenten Betrügers, doch Studien der Kriminologie verorten seine kognitiven Fähigkeiten als durchschnittlich.

Der sogenannte „Salonblödsinn“ tarnt sich hinter sprachlichen Arabesken und Wortkaskaden, die den Zuhörer (oder das Lesepublikum) mit unklaren Begriffen berauschen. Diese Vorspiegelung von Tiefsinn und Intelligenz ist für intellektuelle Hochstapler symptomatisch (p. 112). Aber kollegiale Geschlossenheit und Standesdünkel schont zuweilen die schwarzen Schafe der eigenen Zunft (p. 119). Ich denke hier an einen österreichischen Spitzenmanager der Medienbranche, der zu 9 Monaten unbedingt in der zweiten Instanz verurteilt wurde, aber kein einziges Medium nannte seinen Namen….

Die Wahrheit gilt als Maß und höchste Kategorie der Wissenschaft. „Doch Erfolgsdruck, Renommierstück, interne Fehden und Rivalität um Forschungsgelder haben aller wissenschaftlichen Ethik zum Trotz einen festen Platz unter Gelehrten und treiben Experten dazu, falsche Ergebnisse wider besseren Wissens oder im Vertrauen auf späteren Beweis zu verbreiten. Es gibt keine Fachrichtung, die davon frei ist“ (p.172).

Buch von Anett Kollmann: Mit fremden Federn. Eine kleine Geschichte der Hochstapelei, Hamburg 2018. Mit Register u. genauen Literaturangaben.

Natürliche Klimaschwankungen

Es gibt zahllose Medienberichte über den von Menschen verursachten (anthropogenen) Klimawandel, selten solche über natürliche Klimaschwankungen. Davon möchte ich berichten.

Hans Högl

Es gibt natürliche Klimaschwankungen und einen solchen Klimawandel, der als vom Menschen beeinflußt gilt. Ich lasse politische Parteien aus dem „Spiel“, und greife auf verlässliche Texte zurück: auf Wiki Bildung und auf das Brockhaus-Lexikon.

Nachdem sich ursprünglich die sehr heiße Erdoberfläche abkühlte, entstanden vor 3,2 Mrd Jahren die ersten Ozeane und vor 2,3 Mrd Jahren die ersten polaren Eisbildungen (Brockhaus). Insgesamt sind im quartären Eiszeitalter mindestens 20 Kalt- und Warmzeiten aufgetreten.

Unter Plattentektonik wird z.B. verstanden, dass sich im Laufe der Erdgeschichte ganze Kontinente verschoben haben oder Gebirge entstanden. Dies verläuft sehr langsam über Millionen Jahre mit eisfreien und eiszeitlichen Abschnitten.

Andere Schwankungen beruhen auf der Sonneneinstrahlung, die durch die Veränderungen der Erdbahn bedingt sind. Sie sind in den letzten zwei bis drei Millionen Jahren verantwortlich für den Wechsel von Kalt- und Warmzeiten, der in einem Ablauf von etwa 100 000 Jahren erfolgt. Andere Schwankungen entstehen durch Sonnenflecken (Sonnenfackeln).

Noch kürzer wirken vereinzelte  Vulkanausbrüche, deren weithin verstreuten Teilchen eine Abkühlung von in der Regel ein bis zwei Jahren hervorrufen, bei Serien von Ausbrüchen aber auch längerfristige kühlere Phasen bewirken. Es wird angenommen, dass dadurch die Dinosaurier ausgestorben sind.

Medien und Meinungsforschung

Wie verlässlich waren die Ergebnisse der Wahlforschung vor Österreichs Nationalratswahl 2019, und wie ging der Boulevard mit den Daten um? Das ist für die Medienkultur von Belang.

Hans Högl

Österreichs Medien haben etwas gelernt – nach Misserfolgen der Wahlforschung – mit diesen fachgemäßer umzugehen. Dies trifft erstaunlicherweise auf die Boulevard-Zeitung „Österreich“ zu, die ihr Lesepublikum sogar über Schwankungsbreiten der Wahlprognosen informiert.

Laut der Zeitung „Österreich“ kam die ÖVP neun Tage vor der Wahl auf 34 % der Stimmen mit einer Schwankungsbreite von 3,2 %- (reell dann 37%). Das heißt: Die Kurz-Partei schöpfte exakt die maximal positive Schwankungsbreite aus.

Die SPÖ kam nach den Prognosen auf auf 23 % ( reell dann 21,7%), die Grünen auf 12 % (reell 14 %) die Neos auf 8 % (reell 7,8 %), die Liste Jetzt auf 2 % (reell 2 %). Erstaunlich genau war das schwache Abschneiden von Peter Pilz mit der Liste Jetzt, obgleich ihm eine TV- Bühne geboten wurde.

Positiv hervorzuheben ist ein Beitrag über Wahlbeisitzer in der „Presse am Sonntag“, die ehrenamtlich ab 6:15 Uhr für rund 13 bis 14 Stunden im Einsatz waren und neben einer kleinen Mittagsverpflegung und einer Vergütung von knapp 50 € in Wien (in Oberösterreich mit 100 €) tätig waren. Manchmal fehlt die Bereitschaft dazu.

Die Schweiz hat die Wahlkontrolle einfacher geregelt und diverse Wahltermine zusammengelegt. In Österreich sind bald wieder Wahlen auf Länderebene an unterschiedlichen Terminen. In der Schweiz wird vier mal pro Jahr gewählt und gleichzeitig über drei Bereiche abgestimmt – über den Bund, den Kanton und die Gemeinde. Das führt rund zu 12 Abstimmungen pro Jahr – einer Anzahl, die für Österreich höchst ungewohnt ist.

Darum wäre eine Einführung des Schweizer Wahlsystem für Österreichs Wähler höchst ungewohnt. Doch auch hierzulande wären andere Formen von mehr an Partizipation wünschenswert. Vgl. Analysen vor ein paar Tagen – zu „Krone“-Kommentare von Tassilo Wallentin und zu den Forderungen der FPÖ.