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Ein schönes Spielzeug für Volkskapitalisten. Tschechien

Dankenswerterweise hat mich nun Hans K o u b a (Wien) auf den einschlägigen Beitrag im „Spiegel“ über die Privatisierung in Tschechien aufmerksam gemacht.(Spiegel Nr. 22/ 1992).

Rascher als alle anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks privatisiert die Tschechoslowakei ihre Staatsbetriebe. Jeder Bürger kann Coupons kaufen und damit an einer Art Lotterie teilnehmen. Experten warnen vor einem Fiasko, clevere Jung-Unternehmer aber sehen die Chance ihres Lebens.
Das ehemalige Forschungsinstitut im Süden Prags birgt einen seltsamen Schatz. In langen, bis zu zwei Meter hohen Reihen türmen sich dort über 500 000 Hefte – jedes 1000 Kronen (etwa 56 Mark) wert, und schon bald wohl sehr viel mehr.
Die Dokumente mit dem zweischwänzigen böhmischen Löwen und dem slowakischen Doppelkreuz auf dem Deckblatt sind „Kuponova KnIzka“, Coupon-Büchlein. Mit diesen Scheinen können Anteile an CSFR-Unternehmen erworben werden.
Kein anderer Privatunternehmer im Land verfügt über so viele dieser Coupons wie Viktor Kozeny, 28. Der Präsident der Harvard Capital & Consulting Company, die in dem ehemaligen Forschungsinstitut untergebracht ist, hat die erstaunlichste Karriere im noch jungen Kapitalismus der Tschechoslowakei gemacht.
Anfang vergangener Woche ist die Privatisierung von über 1400 großen Staatsbetrieben angelaufen. Nach Abschluß der beispiellosen Aktion, das steht jetzt schon fest, wird der junge Tscheche das größte private Aktiendepot seines Landes kontrollieren.
Kein anderes ehemals sozialistisches Land will seine Staatsbetriebe so radikal und rasch in Privateigentum überführen wie die CSFR. Schon vor Ablauf des nächsten Jahres sollen rund drei Viertel aller tschechoslowakischen Großbetriebe in privater Hand sein.

Seit Januar 1991 wurden bereits über 20 000 ehemals staatliche Läden, Gaststätten, Werkstätten oder andere Kleinbetriebe versteigert. Über 100 000 Betriebe wurden an ihre früheren Eigentümer oder deren Erben zurückgegeben.
Das war die sogenannte kleine Privatisierung, nun folgt die große. Von den 4000 größten Unternehmen des Landes sollen nur ein Viertel in Staatshand bleiben, weil sie, wie etwa die Eisenbahn, von strategischer Bedeutung sind – oder zu marode.
Daß nun ausgerechnet der rotblonde, etwas pausbäckige Endzwanziger Kozeny zum Großkapitalisten aufsteigt, ist paradox. Die Vermögenskonzentration in Kozenys Hand wird nämlich nur dadurch möglich, daß die demokratische Führung in Prag ihre Bürger zu Kleinkapitalisten machen will.
Jeder Tscheche und Slowake über 18 Jahre sollte die Chance zum sehr preisgünstigen Erwerb eines kleinen Anteils an jenem Vermögen erhalten, das nach kommunistischer Doktrin schon immer dem Volk gehörte: den großen Staatsbetrieben.
Daneben hat sich die Regierung auch bemüht, Großbetriebe direkt an ausländische Interessenten (Beispiel: Skoda an VW) zu verkaufen. Solche Investoren haben den Vorteil, daß sie Know-how und Kapital mitbringen.
Rund 40 Prozent der gesamten CSFR-Wirtschaft aber sollen durch das Coupon-Verfahren in Privathand gelangen. Ausgetüftelt hatten es zwei polnische Wirtschaftswissenschaftler; die Polen selbst oder die Wirtschaftsreformer in anderen ehemaligen Ostblockländern wagten jedoch nicht, es anzuwenden.
Jeder der elf Millionen CSFR-Bürger konnte an diesem Privatisierungs-Lotto teilnehmen. Er mußte sich nur in den vergangenen Monaten bei der Post ein Coupon-Heft zum Preis von 35 Kronen (etwa zwei Mark) beschaffen und dann bei einer amtlichen Registrierungsstelle eine Wertmarke von 1000 Kronen kaufen. Dieser Betrag ist etwa so hoch wie ein durchschnittlicher Wochenlohn.
Wie viele Aktien für die 1000 Kronen zu erhalten sind, hängt von den Kauforders ab, die seit vergangener Woche erteilt werden können: Bietet der Coupon-Besitzer bei einem begehrten Unternehmen wie etwa der Pilsener Brauerei mit, erhält er nur einige wenige Anteilscheine oder womöglich sogar nur eine Aktie zugeteilt. Bei einem unattraktiven Unternehmen wie etwa einem veralteten Stahlwerk reichen 1000 Kronen dagegen zum Erwerb von Dutzenden oder gar mehreren hundert Aktien aus.
Viel mehr als ein Glücksspiel ist das nicht. In einer total verstaatlichten Wirtschaft, wie es die tschechoslowakische noch vor kurzem war, gibt es kaum Informationen über die Ertragskraft eines Unternehmens oder über den tatsächlichen Wert seiner Grundstücke, Gebäude und Fabrikationsanlagen.
Experten der Weltbank warnten die Prager Wirtschaftsreformer daher schon im August 1990 vor dem Zorn jener Kleinaktionäre, die beim großen Privatisierungs-Lotto nur Nieten ziehen. Darüber hinaus mißfiel ihnen, daß die Coupon-Methode zu einer sehr breiten Streuung der Aktien führen werde. Ein „allzu zersplitterter“ Aktionärskreis, fürchteten die Fachleute, werde das Management nicht effektiv genug kontrollieren können.
Trotz dieser Warnungen hielt die neue Prager Führung an der Coupon-Methode fest. Vor allem Bundesfinanzminister Vaclav Klaus, der Chef-Reformer in der CSFR-Regierung, machte sich für das neuartige Verfahren stark.
Im Vergleich zum mühsamen Direktverkauf hat das Coupon-System einen Vorzug, der nach Meinung von Klaus alle Nachteile mehr als aufwiegt: Der Vermögenstransfer läßt sich relativ rasch durchziehen.
Die Coupon-Privatisierer müssen nicht lange nach geeigneten Käufern für ihre – meist nicht sehr attraktiven – Objekte suchen. Auch gibt es keine langen Streitereien um die korrekte Bewertung der zum Verkauf stehenden Unternehmen. In einer Art Auktionsverfahren mit mehreren Bewertungsrunden wird der Bezugskurs so festgesetzt, daß die Nachfrage der Coupon-Halter nach Aktien einer bestimmten Firma schließlich mit dem Angebot übereinstimmt.
An dem Coupon-Monopoly können sich nicht nur die kleinen Heftchenkäufer beteiligen. Zugelassen sind auch professionelle Spieler.
Banken, Beratungsgesellschaften und selbsternannte Anlageexperten durften sogenannte Investment-Privatisierungs-Fonds (IPF) gründen. Ihnen konnte jeder Bürger, der sich keine eigene Anlageentscheidung zutraute, seine Coupons überlassen. Im Gegenzug erhalten alle, die ihre Gutscheine an einen IPF abgetreten haben, später Anteile an diesem Fonds.
Mit der Zulassung der IPF kam die große Stunde des Viktor Kozeny. Der Präsident der Harvard Capital & Consulting gründete acht Fonds, um auf die Jagd nach Coupons zu gehen.
Insgesamt ließen sich 437 IPF registrieren. Aber nur die Sparkassen mit ihrer riesigen Organisation hatten beim Einsammeln von Coupons noch ein wenig mehr Erfolg als der Harvard-Mann. 814 779 der über 8,5 Millionen Tschechen und Slowaken, die an der nun angelaufenen Privatisierungswelle teilnehmen, vertrauten alle ihre Coupons oder einen Teil davon den Fonds des jungen Pragers an.

Bis vor wenigen Monaten war der Aufsteiger in seiner Heimat ein Nobody. Nach dem Tod seines Vaters, eines Prager Mathematikprofessors, war Kozeny 1980 in die Bundesrepublik emigriert. Zwei Jahre später zog der junge Exiltscheche in die USA weiter. Er studierte an der Harvard-Universität, das Geld dafür verdiente er sich mit Gelegenheitsjobs.
Bevor Kozeny im Frühjahr 1990 in seine Heimatstadt zurückkehrte, sammelte er noch einige Monate Berufserfahrung bei einer kleinen Londoner Investmentbank. Dann machte er im Herbst 1990 mit einem Startkapital von 3000 Dollar seine eigene Anlageberatungsfirma auf.
Landesweit bekannt wurde Kozeny, als er Anfang Dezember vergangenen Jahres einen großangelegten, sehr aggressiven Werbefeldzug für seine Fonds startete. Der Clou der Kampagne war ein äußerst verlockendes Angebot: Jedem, der seine Coupons einem Harvard-Fonds überlassen werde, garantierte Kozeny eine Verzehnfachung des eingesetzten Kapitals von jeweils 1035 Kronen innerhalb eines Jahres.

Die Offerte löste einen Run auf Kozenys Firmenzentrale im tristen Prager Vorort Michle aus. Bis zu 17 000 Menschen drängten sich an Spitzentagen vor den Toren des Harvard-Hauptquartiers, um ihre Coupon-Hefte abzugeben.
Die Post, die jeden Coupon-Transfer an eine zentrale Erfassungsstelle melden muß, richtete ein Sonderamt in einem der größten Räume des Harvard-Gebäudes ein. Bis zu 50 Postbedienstete fertigten dort im Schichtbetrieb die Klienten Kozenys ab.

Über 25 000 Agenten schwärmten bis zum Böhmerwald und zu den Beskiden aus, um für Harvard Coupons zu sammeln. Kofferweise schleppte die riesige Drücker-Kolonne die Büchlein an.
Die düpierte Konkurrenz zog schließlich nach. Manche Fonds-Manager versprachen sogar, nach einem Jahr den 15bis 18fachen Einsatz zu erstatten. Doch Kozeny hatte bereits einen riesigen Vorsprung vor den Wettbewerbern.
Um zu verhindern, daß die Verwalter großer Fonds zu mächtig werden, setzte das Parlament vergangenen Monat ein Limit für die Beteiligung an Unternehmen. Höchstens 20 Prozent aller Aktien einer Firma darf ein Fonds besitzen, und wenn ein IPF-Gründer wie Kozeny mehrere Fonds aufgelegt hat, dürfen diese zusammen nicht mehr als 40 Prozent aufkaufen. Aber „das Gesetz ist wie ein Käse, voller Löcher“, spottet der Mann, gegen den diese Vorschrift in erster Linie gerichtet ist.
Die Gefahr, daß Kozeny zum Super-Tycoon der CSFR-Wirtschaft aufsteigt, wird von vielen Fachleuten allerdings nicht sehr hoch eingeschätzt. Wesentlich größer scheint das Risiko, daß er scheitert und seine Profitgarantie nicht halten kann.

„Die Harvard-Fonds werden an ihrem eigenen Marketing-Erfolg ersticken“, warnt beispielsweise Jaroslav Lizner, Chef des Coupon-Privatisierungszentrums im Prager Bundesfinanzministerium.
Nach Ansicht Lizners hat Kozeny allzu viele Coupons gehortet. Er kann sich nun nicht – wie der Manager eines kleinen Fonds – auf den Kauf von Anteilen an jenen 200 oder 300 Unternehmen beschränken, denen Kenner gute Entwicklungschancen in der Marktwirtschaft einräumen. Wegen ihrer riesigen Coupon-Vorräte sind die Harvard-Fonds dazu verdammt, auch in Unternehmen mit sehr zweifelhafter Zukunft einzusteigen.
„Schwierigkeiten, noch vernünftige Anlagemöglichkeiten zu finden“, sagt Karl Heinz Hauptmann, Berater der Prager Interbank, sogar schon allen Fonds voraus, die mehr als 100 000 Coupon-Büchlein gesammelt haben. Die Harvard-Fonds verfügen, in ihrer Prager Zentrale und andernorts, über mehr als achtmal so viele.
Kozeny gibt sich jedoch gelassen. „Wir haben so kalkuliert“, behauptet er, „daß wir unsere Ertragsgarantie auch dann noch halten können, wenn jeder zweite Betrieb, an dem wir uns beteiligen, geschlossen werden muß.“
Aber selbst wenn der Kurswert der Aktien in seinen Fonds-Depots sich verzehnfacht, kann Kozeny in Schwierigkeiten geraten. Wollen sehr viele Kleinanleger nach Ablauf der Jahresfrist den Garantie-Gewinn kassieren, braucht Kozeny eine Menge Bargeld: Im Extremfall, wenn alle Harvard-Anleger Bares wollen, müßte er gut 6,5 Milliarden Kronen (rund 370 Millionen Mark) auszahlen.

Versucht er, sich dieses Geld durch den Verkauf von Aktienpaketen zu beschaffen, stürzen die Kurse. Ausländische Spekulanten könnten diese Situation nutzen, um zu Schleuderpreisen in die frisch privatisierte tschechoslowakische Wirtschaft einzusteigen.
Kozeny baut darauf, daß nur jeder fünfte seiner Fonds-Schützlinge schon nach einem Jahr Bares sehen will. Für den Fall, daß diese Quote höher ist, hat er angeblich Vorsorge getroffen. „Wir haben Angebote New Yorker Banken“, behauptet er, „die uns Kredit geben wollen.“
In der CSFR halten viele den Jung-Kapitalisten ohnehin für einen Strohmann, der im Auftrag fremder Investoren arbeitet. Kozeny bestreitet das entschieden.

Der überraschende Aufstieg des Harvard-Mannes zu einer der wichtigsten Größen in der CSFR-Wirtschaft ist für Kritiker ein Beleg dafür, wie naiv Bundesfinanzminister Klaus und dessen Gefolgsleute an ihre Privatisierungsaufgabe herangegangen sind. „In der Regierung ist man überzeugt“, sagt Prinz JirI Lobkowicz, „daß ein Betrieb stets besser in Privat- als in Staatshand aufgehoben ist, auch wenn die neuen Eigentümer sehr dubiose Figuren sind.“
Der in der Schweiz geborene böhmische Adelssproß, ein erfahrener Investment-Banker, wollte in der Heimat seiner Vorfahren nicht nur für die Rückgabe des Familienbesitzes kämpfen, sondern auch die Regierung beim Umbau des Landes von der Murks- zur Marktwirtschaft beraten.
Nur ersteres gelang. Die Lobkowicz-Sippe hat inzwischen 17 Schlösser zurückerhalten.
Seinen Job als Berater von Wirtschaftsminister VladimIr Dlouhy dagegen gab der Prinz Ende März verärgert auf. Seiner Meinung nach ging die Regierung bei der Vorbereitung der Privatisierung allzu stümperhaft ans Werk.
„Die Coupon-Privatisierung ist zwar ein schönes Volkskapitalismus-Spielzeug“, höhnt Lobkowicz, „aber sie wird als große Farce enden.“
DER SPIEGEL 22/1992. 25.Mai

Sächsische Dörfer an polnischer Grenze und AfD

Folgenden Text fand ich in der Neuen Zürcher online Freitag 4.Okt. 2019. Geschildert werden Dörfer an der polnischen Grenze in Ostdeutschland und situative Hintergründe für den Aufstieg der AfD (Hans Högl)

Hier sei mal eine Kneipe gewesen, und da habe es mal einen Laden gegeben. Herr Hoffmann, der Taxifahrer aus Görlitz, deutet immer wieder auf Punkte links und rechts an der Strasse. Er scheint ein sicheres Gespür für die Auflösungserscheinungen sächsischer Dörfer zu haben. Er weiss, welche Höfe leer stehen und welche Restaurantbesitzer die DDR-Toiletten bis heute nicht ausgewechselt haben. 

Wir sind auf dem Weg von Görlitz in die Gemeinde Neisseaue, eine Ansammlung versprengter Strassendörfer an der deutsch-polnischen Grenze. Der grösste Ort heisst Zodel und hat etwas mehr als 500 Einwohner, der kleinste ist Emmerichswalde mit 13. Das ganze Gebiet ist mehr Naturreservat als Zivilisation, auf einem Quadratkilometer leben 36 Menschen. Der Ort wirbt damit, die «östlichste Gemeinde Deutschlands» zu sein. Man ist also in einem Raum, der schon fast Polen, aber immer noch Deutschland ist. Bei der Europawahl wählten hier 46,4 Prozent der Menschen die Alternative für Deutschland. Es war ein Rekordwert selbst für Sachsen.
Seit der Wahl ist von einer Spaltung des Landes die Rede. Die Grünen nehmen die westdeutschen Städte ein, die AfD räumt in den ostdeutschen Dörfern ab. In Sachsen und in Brandenburg machte die AfD das beste Ergebnis aller Parteien, in Thüringen das zweitbeste. In allen drei Bundesländern finden im Herbst Wahlen statt, und in Görlitz könnte bereits im Juni der erste AfD-Politiker in Deutschland zum Oberbürgermeister gewählt werden. Der Polizeikommissar Sebastian Wippel liegt nach dem ersten Wahlgang an der Spitze. Seine Plakate hängen in der ganzen Gegend: «Ein Görlitzer. Mit Sicherheit!»

«Wir sind am Arsch der Welt»
Alleen säumen die Strassen, dahinter liegen weite Felder. Menschen ziehen weg, und die Natur arbeitet langsam, aber beharrlich daran, das Gelände zurückzuerobern. Dorfstrukturen wie in Bayern habe es hier nie gegeben, sagt der Taxifahrer Hoffmann. Die Leute hätten nicht auf dem Dorfplatz getratscht, sondern beim Bäcker und über die Zäune hinweg. Wir sind gerade auf der Suche nach dem östlichsten Punkt Deutschlands zwischen Deschka und Zentendorf, da soll eine Art Denkmal stehen. Aber der Taxifahrer Hoffmann verfährt sich schon zum wiederholten Mal. Er chauffiert hauptsächlich kranke Menschen in der Gegend herum, zu Denkmälern fährt er nur selten. Schliesslich hält er vor einem Haus und bittet einen alten Deschkaer einzusteigen, um den Weg zu zeigen.

«Kneipen gibt es keine mehr, Bus weiss ich nicht, wir sind am Arsch der Welt», so fasst der neue Passagier die allgemeine Lage zusammen. Auch einen Laden gebe es in Deschka schon lange nicht mehr, Anfang der neunziger Jahre habe der «Konsum» geschlossen. Einmal in der Woche kommen nun Verkaufswagen vorbei und bringen Brot, Fleisch und Gemüse. Ein Sparkassenbus versorgt die Leute mit Bargeld. Wie hält der Mann es mit der AfD? «Muss nicht sein.» Er sei aber ohnehin nicht zur Wahl gegangen, denn das Wahllokal sei in Zodel gewesen, drei Kilometer entfernt. Früher sei er manchmal zum östlichsten Punkt Deutschlands spaziert, aber seit der Hund gestorben sei, mache er das nicht mehr. Alles scheint bei dem Mann aufs Aufhören angelegt zu sein.

Nur ans Wegziehen denkt er offenbar nicht. Er sei hier aufgewachsen, habe ein Haus gebaut und 44 Jahre lang als Polizist gearbeitet. Jetzt versuche er, so lange es gehe, hierzubleiben. Auch wenn das nicht immer schön sei. Manchmal funktioniere nicht einmal das Festnetz, sagt der alte Polizist. Dieses Jahr hätten Kriminelle schon zweimal Telefonleitungen abgebaut, Hunderte von Metern, nur wegen des Kupfers. 
Viel scheint der Mann nicht mehr zu erwarten. Wenn aber jemand käme und ein paar Dinge in Ordnung brächte, hätte er wohl nichts dagegen. Den AfD-Polizisten, der in Görlitz Oberbürgermeister werden will, findet er zum Beispiel sympathisch. Das heisst, er sei zumindest «kein Hirnverbrannter».

Der östlichste Zipfel Deutschlands ist ein seltsames Arrangement. Dazu gehören ein grosser Stein, ein «Zipfel-Buch», in das sich die Gäste eintragen können, ein Häuschen, das wie der Einstieg zu einem Atombunker aussieht, und eine verblichene Deutschlandfahne. Es wäre eine Lüge, zu behaupten, dass die Reisegruppe an diesem Punkt besonders berührt sei. Der Taxifahrer Hoffmann nutzt den Halt für eine Rauchpause. Ein bisschen scheint er sich auch Sorgen zu machen um seinen Wagen, denn die Fahrt zum östlichsten Punkt Deutschlands gleicht einer Safari.

Am Ende der Reise stehen die AfD-Politiker Roberto Kuhnert und Heiko Titze an der Dorfstrasse in Zodel. Kuhnert ist selbständiger Baudienstleister und führt die AfD-Regionalgruppe Weisswasser, zu der auch Neisseaue gehört. Titze ist Polizeibeamter im Ruhestand und kommt aus Hähnichen, ein paar Kilometer weiter nördlich von hier. Männer wie Kuhnert und Titze ziehen nun für die AfD in die deutschen Parlamente ein, beide wurden vor einer Woche in den Görlitzer Kreistag gewählt. Das Gespräch findet in der Landbäckerei in Zodel statt, aber ganz wohl ist es den beiden Herren dabei nicht. Kuhnert redet betont leise, doch es nützt nichts. «Da wird es mir ganz übel, wenn ich das höre!», fährt ihn eine Kundin nach wenigen Minuten an. Kuhnert hat gerade berichtet, wie sehr die CDU in Sachsen versagt habe. Wenig später mischt sich eine weitere Frau ein: «Ministerpräsident Kretschmer hat viel bewirkt in der Region!»
54 Prozent wählen in Neisseaue nicht die AfD, daran haben die beiden Damen noch einmal erinnert. Kuhnert diskutiert mit ihnen, bis der Bäcker einschreitet: «Hier muss bedient werden!» Er hätte auch sagen können: «Hier darf nicht politisiert werden!» Der Bäcker fürchtet offenbar um sein Geschäft. In einem Dorf mit 500 Einwohnern kann er es sich nicht leisten, dass AfD-Politiker im Laden die CDU-Kundschaft vertreiben. Solche Szenen wie eben seien eine Ausnahme, sagt Kuhnert später. «Aber manche verteidigen die CDU heute so, wie früher Unverbesserliche die SED verteidigt haben, als es mit der DDR zu Ende ging.» Es sei Zeit für eine «neue Wende», sagt Kuhnert.

«Die Region fühlt sich abgehängt»
Titze ist ein schweigsamer Mann, meistens hat er die Arme verschränkt und die Mundecken leicht nach unten gezogen. Eigentlich wäre er noch immer gern Polizist, wie er sagt. Aber er habe einen Dienstunfall gehabt und danach sieben Operationen. Manchmal setzt er an und will etwas sagen, aber Kuhnert ist schneller. Der AfD-Mann aus Weisswasser gibt gern den Welterklärer. Vor allem aber ist er begeistert von den jüngsten Wahlerfolgen. «Uns wählt der komplette Querschnitt der Gesellschaft», sagt er. Wie zum Beweis fügt Titze hinzu, «mein Hausarzt hat mich auch gewählt». Kuhnert: «Es gibt keine Alternative zur Alternative!» Aber warum wählen gerade in Neisseaue so viele Leute die AfD? «Die Region fühlt sich abgehängt», sagt Kuhnert. «Das ist nicht nur ein Gefühl, es ist so. Die Industrie siedelt sich mittlerweile in Polen an.»
Das eigene Unglück scheint sich im Erfolg der Polen noch zu vergrössern. Titze sagt: «Die Wirtschaft fehlt, die Jugend zieht weg. Viele Handwerker wollen junge Leute gar nicht mehr ausbilden, weil diese ohnehin in den Westen auswandern.» Für Kuhnert ist das Konzentrat aller Probleme die geringe Kaufkraft. Titze kann das nur bestätigen: «Die Leute können sich ja ein Bier im Gasthaus kaum noch leisten.» Der pure Patriotismus ende beim Portemonnaie, erklärt Kuhnert. Für den Friseur, Zigaretten und zum Tanken fahren viele Deutsche, die im Grenzgebiet leben, nach Polen.

«Man will keine Zustände wie in Berlin»
Eine tragende Rolle für den Erfolg der AfD spiele auch die Flüchtlingskrise, sagt Kuhnert. «Man will hier keine Zustände wie in Berlin.» Aber eigentlich geht es nicht einmal um Berlin, es geht schon um Görlitz und Zwickau. So peripher die Menschen auch leben, viele haben Angst, dass sie ihre Heimat irgendwann nicht mehr erkennen könnten. Titze erzählt, wie er kürzlich durch die Stadt spaziert sei, in der er geboren wurde. In der Einkaufsstrasse von Zwickau sehe es heute aus wie auf einem türkischen Basar. Titze wirkt weniger empört als enttäuscht.
Der Bäcker hört den Neopolitikern mit grimmiger Miene zu. Aber nur wenn keine Kunden im Laden sind. Irgendwann fragt er die AfD-Männer: «Denken Sie tatsächlich, dass die Presse Ihnen hilft?» Er rät ihnen, besser zu schweigen, denn Journalisten würden nur Unsinn verbreiten. «Jetzt haben wir dieselbe Situation wie am 17. Juni 1953», sagt er. «Journalisten kommen zu uns, um Sensationsberichte zu schreiben. Vorher hat sich für den Osten niemand interessiert!» Kuhnert beschwichtigt den Bäcker und macht seine heiser-feine Stimme noch etwas feiner. Der Vergleich der jetzigen politischen Situation mit dem Volksaufstand von 1953 in Berlin scheint niemanden zu wundern. Es sind die Relationen, in denen man hier denkt. Der Kampf gegen die SED wird bald mit dem Kampf gegen die CDU verglichen, der Volksaufstand von 1953 mit der Europawahl von 2019, die politischen Umbrüche der heutigen Zeit mit der Wende von 1989.

„Eines Tages wird sich die Natur rächen!“

Papst Franziskus – Zitat zum Tage

„Die ökologische Krise, vor allem der Klimawandel , ist keine Übertreibung oder Fantasie von jemandem, der sich den Spaß macht, die Stabilität zu schwächen. Die wissenschaftlichen Analysen sind zu lange ignoriert oder abfällig ironisch kommentiert worden. Wir haben eine große Verantwortung, und Gott wird uns in dieser Hinsicht eines Tages zur Rechenschaft ziehen.“

Der unbekannte, längst verstorbene Landpfarrer Michael Koller aus der Region Neulengbach (NÖ), sagte bereits in den 50-iger Jahren: „Eines Tages wird sich die Natur rächen“ .

Offizieller klingt dies in der päpstlichen Enzyklika „Centesimus annus 1991 so: „Statt seine Aufgabe als Mitarbeiter Gottes am Schöpfungswerk zu verwirklichen, setzt sich der Mensch an die Stelle Gottes und ruft schließlich dadurch die A u f l e h n u n g der N a t u r, die vom ihm mehr tyrannisiert als verwaltet wird, hervor.“ (Wiedergabe: Hans Högl)

Eine „alte Frau“ eines Dorfes an Greta Thunberg

Wie sich die Dorfbewohnerin Daniela Pichler (50) verteidigt

Greta Thunberg, Deine Wutrede in New York hat mir imponiert. Aber auch ich bin wütend. Wütend, weil es immer „die Alten“ sind, die an der Zerstörung unserer Erde schuld sein sollen. Das stimmt nicht ganz.

Ich gehöre zu einer Generation, die jeden Tag zu Fuß zur Schule ging, wir hatten bis zum Arbeitseintritt weder einen Fernseher geschweige ein Telefon. Wir standen nicht jeden Tag unter der Dusche. Nach Wachstumsschüben gab es neue Kleidung, der Rest war von Verwandten geschenkt. Mit 14 Jahren sah ich das erste Mal ein Kino von innen. An eine Flugreise war nicht zu denken. Dennoch hatte ich eine schöne Kindheit, bescheiden ja, aber mir fehlte es an nichts. Demnächst werde ich 50 und sehe mich bis heute keineswegs als Klimasünderin.

Wenn ich mein Leben mit eurem vergleiche, könnte es unterschiedlicher nicht sein. Bei all euren guten Taten, die ich zweifelsohne schätze: Habt ihr jemals nachgedacht, woher euer Smartphone, euer Laptop oder euer Tablet kommt? Wisst ihr, wie groß der ökologische Fußabdruck eines Handys ist? Habt ihr eine Ahnung, wie viel Energie, wie viel Ressourcen bei der Anwendung von Streaming-Diensten verschleudert werden? Wohin ging die Maturareise? Wie viele Fotos wurden im Netz versandt? Wisst ihr, wie viele Bäume beim Ausbau von 5G ihr Leben lassen müssen?
Es ist nicht genug, weniger zu fliegen, auf Plastik zu verzichten, Wasser zu sparen, Second-Hand zu tragen und Bio-Äpfel zu kaufen. Es braucht viel mehr, um einen lebenswerten Planeten zu retten. Es liegt auch in eurer Hand.

Daniela Pichler,
5324 Hintersee. Leserbrief in Wiener Zeitung am 26.9.2019

Statt Zinsen Abzüge. Negativzinsen für große Guthaben

In der Badischen Zeitung (Freiburg i. Breisgau) las ich folgende bemerkenswerte Information, die ich in dieser Deutlichkeit in Österreich nicht kenne – ein Anlass, darauf in unserm Blog hinzuweisen.

Hans Högl

Statt Zinsen zu bekommen, könnten Bankkunden für Guthaben zahlen. Es ist für Privatkunden ein Verwahrensentgelt- Kleinsparer würde es nicht treffen. Banken und Sparkassen in Südbaden schließen Negativzinsen aber für Privatkunden nicht aus.

Die einzelnen Institute handeln unterschiedlich. Der Hintergrund: Banken müssen selbst Strafzinsen auf Guthaben bei der EZB bezahlen, derzeit minus 0,4 Prozent. Ein Vertreter der Sparkasse Freiburg kann sich nicht vorstellen, dass ein normaler Sparer, der 50.000 oder 100.000 auf der hohen Kante hat, betroffen sein wird. Bei der Volksbank Freiburg liegt der Freibetrag bei je 750.000 Euro beim Girokonto.

Arbeit geben als Hilfe – laut Gandhi

Die Frage, wie helfen, stellt sich aktuell immer wieder. Bei Mahatma Gandhi fand ich folgende Sätze (Hans Högl):

„Den Nackten Kleider schenken, heißt sie beleidigen. Gib ihnen Arbeit, so dass sie das Geld für Kleider durch eigener Hände Arbeit verdienen können.“

„Es ist eine Versündigung, Freiküchen für die aufzumachen, die zu körperlicher Arbeit fähig sind. Ihnen Arbeit zu geben, ist verdienstlich.“

Mahatma Gandhi: Wer den Weg der Wahrheit geht, stolpert nicht. Verlag Neue Stadt 2016, p. 129. Originaltitel: „A Thougt for the Day“

NB. Es gilt genau zu lesen: Gandhi deutet im letzten Satz an, dass es Leute gibt, die nicht zu körperlicher Arbeit fähig sind. Und diesen gilt es sehr wohl zu helfen! Es kann und soll Hilfe geben für Menschen, die keine Leistung erbringen.

Firmen lassen Jobsuchende zappeln

Folgender Text stammt aus einem Massenblatt der Schweiz – der Gratiszeitung 20Minuten.ch. Ich bringe ihn als Blog der Medienkultur, um zu zeigen, dass auch Massenblätter manchmal glaubwürdig Wichtiges melden. Die Zeitung 20Minuten.CH kann mit „Heute“ in Wien verglichen werden.

Hans Högl

Rund 200 Bewerbungen verschickte Sara Ulmann vergangenes Jahr. Sie bewarb sich als Sekretärin, Sachbearbeiterin oder Direktions-Assistentin. „Zwei Drittel der Firmen antworteten mir überhaupt nicht.“ Der Rest schrieb eine Eingangsbestätigung oder Absage. Das sei ihr an die Substanz gegangen. „Zum Glück habe ich aber doch noch eine Stelle gefunden.“

Da potentielle Arbeitgeber ihre Bewerber „ghosten“, sich also nicht melden, kritisiert Fabian Dütschler, ein Schweizer Geschäftsführer einer IT-Personalleistungsagentur. Der Personalexperte Michel Ganouchi sagt: „Dieses unsägliche Verhalten ist seit Jahren bekannt und hat trotzdem nicht abgenommen.“ Die Funkstille gebe den Bewerbern keine Wertschätzung und vermittle das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Ähnliches passiert auch anderswo und nicht nur in den letzten Jahren. Schon vor Jahrzehnten.

Industriekultur im Burgund

Frankreich gilt als Kulturland und Burgund ist auch berühmt für Weine. Den historisch Interessierten erinnert es an die glückliche Heirat des Habsburgers Maximilian mit Maria von Burgund. Weniger bekannt ist Burgund in seiner Produktion von Stahl.Nicht zuletzt wir in Österreich blicken zusehr in Technikfragen auf Deutschland. Wegen dieser Besonderheit Burgunds erscheint dieser Beitrag im Blog der Medienkultur.

Hans Högl

Burgund ist seit gallischer Zeit ein Zentrum der Verarbeitung von Eisen. Die Zisterzienser in der Abtei Fontenay betrieben im 12./13.Jahrhundert die damals wohl größte Schmiede der Welt mit einem gewaltigen wassergetriebenen Hammer. 1782 wurde im Ort Le Creusot die Fonderie Royal eröffnet: Sie lieferte dem König, dann der Revolution Kanonen- und machte pleite.

1836 kauften die Brüder Schneider aus Lothringen die leer stehenden Industriegebäude und gründeten ihr Stahlimperium und produzierten Dampfturbinen, Dieselmotoren, Loks, Kriegsgeräte, Gleis. Es wurde Zentrum der französischen Stahlindustrie, ein französisches Pendant der Krupp und deren ernsthafte Konkurrenten und sie sprachen im antideutschen Klima ihren Namen bald lieber „Schneidre“ aus. Es belieferte Frankreich in beiden Weltkriegen mit schweren Waffen. Ein Steinkohlerevier um Monceau-les-Mines war für die Produktion von Stahl sehr wichtig.

In den 1950ern engagierte sich Firmenchef Charles Schneider im französischen Atomkraftwerkbau. 1970 fusionierten die Schneider-Werke mit einem anderen Stahlkocher, und diese meldeten 1984 Insolvenz an. Ganz Frankreich war erschüttert, Tausende arbeitslos, das Imperium zerstückelt. Übrig blieben Schneider-Electric und die Reaktorschmiede Creusot Forge.

In Creusot ist heute ein Museum Ecomusée de l`homme et de l`industrie. Der Schnellkochtopf von 1953 wurde zum Verkaufsschlager im französischen Wirtschaftswunder und wurde in der Nähe von Lyon erzeugt.

Diese Anregungen entnahm ich einem Reiseführer mit einer überraschend ansprechenden Gestaltung, nämlich einem neuen Baedeker(!): Burgund, Ostfildern 2019. 11. überarbeitete Auflage (p.26, 244). Dazu fehlen Informationen im Dumont Reise-Taschenbuch Burgund, Ostfildern 2017.

Müssen Hunde wirklich Fleisch fressen ?

Der Zürcher „Tages-Anzeiger“ vom 28. August 2019 stellt sich dieser oft „ideologisch aufgeladenen“ Frage. Ähnlich Zugespitztes zum Thema Fleischkonsum fand ich bisher nirgends. Darum richte ich darauf die Aufmerksamkeit und ordne dies in der Rubrik „Medienschmankerl“ ein.

Hans Högl

Die Schlussfolgerung im Beitrag lautet: Mag mein Tier, was ich ihm serviere? Um ihm vegetarische Kost schmackhaft zu machen, sollte man das Futter nur „sehr behutsam umstellen“. Doch selbst dann lässt sich nicht jeder Hund auf fleischlose Mahlzeiten ein. Und nichts wäre gewonnen, wenn das Tier zu Hause das fleischlose Futter verschmäht – dafür aber vielleicht aus dem nächsten Mülleimer ein weggeworfenes Wurstsandwich „räubert“.

Laut Tages-Anzeiger sucht „ein wachsender Anteil der Hundebesitzer nach einem ausgeklügelten Ernährungskonzept für das Tier“. Ja – da denken wohl Menschen aus dem armen Süden- diese Probleme der Schweizer möchte ich haben, sei als Kommentar angefügt. Doch auch in Wien und München befassen sich Veterinärforscher mit dem Thema. Eine Münchner Tierärztin widerspricht der Auffassung mancher Tierbesitzer, „dass eine strikt vegane Kost ohne Ei und Milch für Hunde geeignet wäre“.

Die bekannte Köchin und Wiener Grünpolitikerin Sarah Wiener sagt zum Fleischkonsum der Menschen: Wir können zumindest unseren Fleischkonsum einschränken und zumindest Fleisch aus der eigenen Region, am besten aus ökologischer Haltung von Familienbetrieben oder Kleinbauern kaufen. Die „Badische Zeitung“ (Freiburg im Breisgau) bedauert am 24.u.25. August die Zunahme des Fleischkonsums und die damit negativen Folgen für die Umwelt und verweist auf Fleisch-Ersatzprodukte. Manche Firmen setzen auf das Labor- andere auf Insektenzucht Zwar habe Fleisch von Wildschweinen und Rehen eine gute Ökobilanz, doch für die Versorgung des Massenmarktes taugt es nicht.

Schweiz: Mulmige Gefühle bei Konzernen

Die OECD und die G-20 erörterten in Paris: Konzerne sollen in jenen Ländern ihre Steuern entrichten, wo sie ihre Umsätze erzielen. Und für sie soll ein Mindest-Steuersatz gelten. Dagegen regt sich Widerstand – so in der Schweiz – dem Sitz großer Konzerne. Diese Analyse biete ich ehrenamtlich auf unserem Blog als Engagierter in der „Vereinigung der Medienkultur . Spenden sind willkommen. IBAN: AT 31 2011 1300 0310 1325

Hans Högl

Es kreisen Bilder von Medien um kuriose Clowns, TV-Politikkomiker und Schauspieler auf der größten Bühne der Welt, dem Fernsehen. So stand gestern der Brite Boris Johnson im Zentrum, vor ein paar Tagen galt der Blick dem siegreichen TV-Star und politischen Komiker und neuen Präsidenten in der Ukraine. Ohne Unterlass vernehmen wir Tweets vom Egozentriker und Geschäfts-Politik-Dealer der USA, dann wieder von politischen Spielernaturen in Italien. Es sind kuriose männliche Politikclowns, die von den Massen aus Verzweiflung über das öffentliche (Un) Wohl gewählt werden. Doch bahnt sich eine Hoffnung an?

In der Schweiz geht eine Angst um. Schweiz liebt internationale Steuer-Flüchtlinge. Doch Konzerne sollen laut OECD nicht sosehr dort Steuern entrichten, wo sich ihren Sitz, ihr Gesäß niederlassen, sondern wo sie ihre Umsätze erzielen. Und es soll eine Mindeststeuer gelten. Da erschrickt der Verband der Konzerne in der Schweiz: das käme einer „substantiellen Erosion des Steuersubstrats“ gleich.

Ecce: Vokabeln mit klassisch-antiken Sprachwurzeln: substantiell, Erosion und Substrat- ein Schleier für das Gemeinte. Und da orten maßgebliche Schweizer Kreise dies als gefährlichsten Angriff der internationalen Gemeinschaft auf die Schweiz. Das käme noch teurer als jener auf das Bankgeheimnis. Aber ereignet sich denn das erörterte Wunder?

Der Schweiz als beliebten Sitz größter Firmen drohen Milliardenausfälle, schreibt die „Neue Zürcher“ am 22. Juli 2019 auf der Titelseite. Denn 400 Fachleute der G-20 Staaten trafen sich bei der OECD in Paris und diskutierten über neue Regeln der Besteuerung. „Doch so gut die Laune des OECD-Steuerchef war, so mulmig dürfte den Teilnehmern aus der Schweiz zumute gewesen sein. Denn die Schweiz gehört zu den Ländern, die wohl die Rechnung für diese „Party“ zahlen müssen. Eine Party – welche Sinn-Verdrehung von etwas, das die Alltagsmoral Vergehen heißt, aber was bisher die Weltpolitik als legal betrachtete.

Und so will der Schweizer Bund, den Schaden begrenzen – mit Bündnispartnern, die da sind: Niederlande, Irland, Luxemburg und – siehe da – auch mit dem so hochgelobten Skandinavien und mit Kanada und Singapur. In der Aufzählung fehlen mir die Londoner City und Steueroasen in den USA.

Und da handelte ein angesehener Kleinstaat im Herzen Europas Jahrzehnte im wohlverstandenen ach` so liberalen Eigeninteresse: Er bietet größten Wirtschaftskonzernen und Leuten mit Supergehältern an, ihren Steuersitz in einem wunderschönen Kantönli zu wählen und Brosamen ihrer Riesengewinne zu versteuern, was dann anderen Ländern und ihren Budgets fehlt. Während kleine und mittlere Betriebe und die Mittelschichten und die kleinen Leute ihren Steuervorschreibungen nachkommen und die Staatsbudgets einigermaßen füllen, entziehen sich die Manager der Großkonzerne und dahinter ihre Financiers ihrer Pflicht und dies ganz legal und mit bisheriger stillschweigender internationaler Zustimmung.

Viele Staaten Europas bieten Sozialleistungen oft nur auf Pump, sind zwar nicht so
hochverschuldet wie Griechenland und Italien, aber doch in einem so gefährlichen Ausmaß, dass sie eines Tages ihre Sozialleistungen nicht mehr stemmen und als Bankrotteure zur Kasse gebeten werden.