Archiv der Kategorie: Medienkompetenz

I-Phone als Evangelium

Hans Högl

Beobachtung an einem Badetag am Ödensee zwischen Bad Aussee und Bad Mitterndorf in der Obersteiermark. Der Ödensee ist ein Geheimtipp – von Wald umgeben, und in der Regel ist das Wasser etwas kühler als zum Beispiel im Grundlsee.

Ich flaniere einen Gehweg den See entlang und sehe vier Leute unten am Wasser sitzen. Drei von vier nützen gerade ihr Mobilphone und suchen darin. Was denn wohl? Die Wettervoraussage, SMS, E-Mails, Kurzinfos und eine Frau gefällt sich immer wieder im Selfie. Für diese Allpräsenz von Handys fällt mir ein Vergleich aus längst vergangenen Zeiten ein, als man Bibelstellen aufschlug, um eine Botschaft zu empfangen. Die eben erlebte Situation lässt sich beliebig vervielfachen. Vor Jahrhunderten war es das Evangelium, das man andächtig las. Lang ist’s her.

Einfluss kleinerer Staaten in der EU

Ein Leser in der Krone schrieb: Die kleineren Staaten in der EU hätten nichts zu sagen. Es gibt Personen, die in ihren bisherigen Vorstellungen verhaftet bleiben.

Hans Högl greift dazu anderslautende Kommentare zur EU-Vereinbarung auf:

Dieses Spitzentreffen in der EU zeigt, dass die Zeiten der deutsch-französischen Führungsrolle vorbei sind. Merkel und Macron haben ihren Vorstoß von 500 Milliarden Direkthilfe nicht mit anderen Regierungen abgesprochen. Das fiel ihnen nun auf die Füße. In der Gemeinschaft ist ein anderes Machtzentrum aus den Niederlanden, Dänemark, Schweden, Finnland und Österreich entstanden, schreiben die Nürnberger Nachrichten und ähnlich formulierte es die Kleine Zeitung (Graz). 21.07.2020. Die Neue Zürcher sieht es so:letztlich habe sich doch Macron zu einem Gutteil durchgesetzt, der seit Jahren sich bemüht, dass die Lasten auf die gesamte EU verteilt werden.

Welche Zukunft für ORF 1 ?

ORF 1 ist jener ORF-Sender, der nur in geringem Ausmaß dem öffentlich-rechtlichen Auftrag entspricht. Neue interessante Vorschläge könnten ihm eine letztlich doch gute Zukunft sichern.

Udo Bachmair

Zu Zeiten des ORF-Generalintendanten Gerhard Zeiler ist ORF 1 zu einem gleichsam kommerziellen Sender geworden. Als Abspielkanal für täglich gleich mehrere US-Filme war er somit kaum mehr von privater, rein profitorientierter TV-Konkurrenz unterscheidbar. In diesem Zusammenhang stellten schon damals manche die Berechtigung für ORF-Gebühren in Frage.

In den vergangenen Jahren hat sich manches gebessert, hat die Programmierung von ORF 1 wieder mehr öffentlich-rechtliche Anteile aufgewiesen. Zu nennen seien da etwa attraktive ORF 1-Eigenproduktionen, wie Dok.Eins oder Willkommen Österreich. Und dennoch: Es fehlt ORF 1 an nötigen Innovationen und Visionen, um auch für die Zukunft gewappnet zu sein.

Interessante Vorschläge zur Rettung von ORF 1 kommen von Golli Marboe, TV- und Filmproduzent und von den NEOS in den ORF-Publikumsrat entsandt. Dem Medienexperten zufolge sollte ORF 1 auf völlig neue Beine gestellt werden. Als „ein Grenzen überschreitendes mitteleuropäisches Programm“, wie Marboe in einem Gastkommentar für die Tageszeitung Der Standard vorschlägt.

Der Autor wünscht sich eine Neugründung von ORF 1, „einen Sender, der aus Dokus, Reportagen und mittelfristig auch aus fiktionalen Programmen besteht, die nicht aus Amerika kommen, sondern die Österreich und Mitteleuropa ins Zentrum der Berichterstattung rücken“. Es sollten Inhalte vermittelt werden, die „Nachbarn zu einer Gemeinschaft werden lassen“.

Marboe schwebt in seiner „europäischen Vision für ORF 1“ ein Projekt zusammen mit den öffentlich-rechtlichen Sendern der Nachbarn vor. Ein Projekt, das „selbstredend auch als Online-Plattform stattfinden müsste“. Überlegenswert, wenngleich umstritten, wäre zudem die Idee, die unzähligen Sportübertragungen von ORF 1 künftig dem Spartenkanal ORF-Sport-Plus zu überlassen.

Wanted: Die Werte der EU

Ein höchst lesenswertes Buch über Jean Asselborn, einen der profiliiertesten Politiker der EU, ist vor kurzem erschienen. Autorin der Biografie ist die renommierte Journalistin und EU-Expertin Margaretha Kopeinig.

Udo Bachmair

Jean Asselborn, langjähriger luxemburgischer Außenminister, hat schon längst weit über die Grenzen seines kleinen Landes hinaus Ansehen und Respekt erworben. Der Sozialdemokrat und glühende Anhänger einer solidarischen EU hat immer wieder mit politischer Weitsicht, inhaltlicher Substanz, sprachlicher Eloquenz und auch mit seinem Humor gepunktet. Zuletzt auch in einem vielbeachteten Gespräch in der ZIB 2 des ORF.

Nun also ist Asselborn und dessen vielfältiges Leben als Politiker und Mensch Gegenstand einer empfehlenswerten Biografie. Titel des Buches der bekannten EU-Expertin und früheren KURIER-Redakteurin Margaretha Kopeinig ist „Merde alors!“. Das heißt so viel wie „Scheiße noch mal…“ Mit diesem spontanen emotionalen Ausbruch hat Asselborn bei einer EU-Konferenz den italienischen Rechtspopulisten Matteo Salini wegen einer rassistischen Bemerkung zurechtgewiesen.

Bei der Buchpräsentation jüngst in Wien sparte Asselborn aber auch nicht mit Kritik an der EU. So bezeichnete er es als größte Wunde der Union, sich angesichts partikularer Interessen nicht auf eine gemeinsame Migrationspolitik einigen zu können. In dem Zusammenhang bekräftigte er sein Credo, dass die EU „Wertegemeinschaft und keine Interessensgemeinschaft“ sei bzw. sein sollte.

Die ablehnende Haltung von ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz zum 750 Milliarden Wirtschaftsaufbauplan der EU bewertete Asselborn als nicht europäisch. Als ebenfalls die Werte der Europäischen Union missachtend sieht Asselborn den Egoismus der Nationalstaaten und die fehlende Humanität im Umgang mit Flüchtlingen.

Die Asselborn-Biografie ist im Czernin-Verlag erschienen und kostet 25 Euro.

Medien befeuern den Instinkt der Angst

Hans Högl: Rezension-1.Folge

Medien können der Versuchung nicht widerstehen, unseren Instinkt der Angst zu befeuern. Die größten Schlagzeilen sind jene, die mehr als e i n e Art von Angst auslösen.

Ängste, die einst zum Überleben unserer Vorfahren beitrugen, sorgen heute dafür, dass Journalisten nicht arbeitslos werden. Wir sollten die Schuld nicht bei den Journalisten suchen und auch nicht erwarten, dass sie sich ändern. Das Phänomen wird weniger von der „Medienlogik“ der Produzenten befeuert als von der Aufmerksamkeitslogik, die in den Köpfen der Medienkonsumenten vorherrscht, heißt es S. 133 in dem außerordentlich wichtigen Buch „Factfulness“ von Hans Rosling (Ullstein Buch, Preis: 16 €, mit Sachindex, 393 Seiten). Für Barack Obama bringt dieses Buch Hoffnung. Bill Gates sagte dazu: „Eines der wichtigsten Bücher, die ich je gelesen habe.“

Unsere Aufmerksamkeit lenken wir auf jene Informationen, die zu unseren dramatischen Instinkten passen und die Informationen ignorieren, die dies nicht tun. Kein Redakteur würde die Nachricht bringen: Malaria schwächt sich allmählich ab. Themen, die leicht unserem Wahrnehmungsfilter passen, sind: Erdbeben, Kriege, Flüchtlinge, Seuchen, Brände, Fluten, Haiangriffe, Terror.

Und Medien liefern dazu spektakuläre Storys. „Wenn wir nicht ganz genau aufpassen, fangen wir an zu glauben, dass das Ungewöhnliche das Normale und dies der Zustand der Welt sei“, schreibt der ungemein detailliert argumentierende schwedische Autor Hans Rosling (S. 130).

Zu viele Menschen haben ein völlig verzerrtes, meist allzu düsteres Bild von der Welt. Dies beeinflusst unser Denken und Handeln.

Corona und bedrohlichere Krisen

Die neue Ausgabe von INTERNATIONAL ist erschienen. Die in Wien erscheinende Zeitschrift für internationale Politik hat einmal mehr eine Fülle interessanter Beiträge zu bieten.

Udo Bachmair

Fritz Edlinger, hauptverantwortlich für INTERNATIONAL, ist es ein Anliegen, daran zu erinnern, dass es neben Corona auch andere, bei weitem auch gravierendere Krisen gibt. Der engagierte Chefredakteur der Zeitschrift zeigt sich überzeugt, dass etwa die Klimakrise für die Menschheit weitaus gefährlicher sei.

Die jüngste Ausgabe von INTERNATIONAL widmet sich vornehmlich jenen Krisensituationen, die angesichts der medial und politisch allgegenwärtigen Corona-Causa in den Hintergrund gedrängt worden sind, langfristig jedoch größere Bedrohungen darstellen, wie etwa die Gefahr eines neuen Kalten Krieges sowie rassistische und fremdenfeindliche Politik.

Aber auch Österreichs Europa- und Außenpolitik wird aufs Korn genommen. Hier sind vor allem die Interviews mit Luxemburgs Außenminister Asselborn, mit EU-Vizepräsident Othmar Karas, sowie ein Kommentar von Thomas Nowotny zu nennen, der Österreichs Außenpolitik kein gutes Zeugnis ausstellt. So habe sich Österreich vom Mitgestalter zum Außenseiter entwickelt.

Weitere Themen des jüngsten Hefts reichen von der Libyenkrise über die Vielfalt der Sprachen Zentralasiens, kulturelle Aspekte der Seidenstraße bis hin zur Zerstörung des Regenwalds.

Bestellungen von INTERNATIONAL via office@international.or.at Kennwort „Medienkultur“

Corona-Krise und Sprache der Angst

Sprache in Zeiten von Corona“ war das Thema einer von der Universität Wien und der Tageszeitung Der Standard veranstalteten Online-Diskussion. Deren Teilnehmer sparten dabei nicht mit Kritik an der Regierungskommunikation.

Udo Bachmair

Die Macht der Sprache aus Politiker- und Expertenmund sei so stark gewesen wie selten zuvor, fasste Jörg Matthes, Vorstand des Publizistikinstitutes der Universität Wien, das kommunikativ Besondere der ersten Corona-Wochen zusammen. Dies gelte für Warnungen und Entwarnungen, ebenso wie für Versprechungen und Drohungen.

In der Lockdown-Phase habe die Sprache von Regierenden und Virologen Angst ausgelöst, diagnostizierte die Sprachwissenschafterin Ruth Wodak. Viele Menschen hätten es trotz stark gesunkener Erkrankungszahlen nicht gewagt, Bekannte zu treffen – aus Furcht, sich mit dem Corona-Virus anzustecken. Das Mittel der Angst sei bewusst eingesetzt worden.

Der Politikberater Thomas Hofer warf ein, dass das Spiel mit der Angst für Politiker höchst verlockend sei. Es eröffne ihnen die Möglichkeit, sich als Retter in der Not darzustellen. „Wir reiten von Angstwelle zu Angstwelle“, fügte Jörg Matthes hinzu. Dabei seien Krisenphänomene höchst komplex und stellten auch die Wissenschaftercommunity vor große Herausforderungen.

ORF: „Gehört gesehen-Ein Radiofilm“

Der Kultur- und Informationssender Ö 1 sowie im TV ORF 3 sind jene beiden ORF-Programme, die den öffentlich-rechtlichen Auftrag wohl am besten erfüllen. Zu Ö 1 gibt es nun einen empfehlenswerten Film im Rahmen der Reihe „dokFilm“. Abrufbar unter https://tvthek.orf.at/profile/Gehoert-gesehen-Ein-Radiofilm/13891829

Udo Bachmair

Die mit dem Österreichischen Filmpreis 2020 als „Bester Dokumentarfilm“ ausgezeichnete Doku zeichnet ein spannendes Portrait des renommierten Radiosenders Ö 1. Entstanden ist die Produktion von „Gehört gesehen-Ein Radiofilm“ aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums des Kultur- und Informationssenders. Der Film ist mehr als nur ein Blick hinter die Kulissen. Selbstkritisch und reflektiert zeigt er, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich in Zeiten des Medienwandels aktuellen journalistischen Herausforderungen stellen.

Der Film porträtiert Ö1 in einer Phase des Umbruchs und beschreibt, wie motiviert und ernsthaft Radiomacherinnen und Radiomacher versuchen, ihren Beitrag zu einer aufgeklärten Gesellschaft zu leisten. Angetrieben von Neugier und Qualitätsansprüchen gelingt es dem Sender immer aufs Neue Themen spannend und informativ zu vermitteln. Vom interessanten Radiokolleg über qualitative Musikprogramme bis hin zu den hervorragenden und reichweitenstarken Ö1-Journalen ist die programmliche Vielfalt von Ö1 wahrlich beachtlich.

Die Regisseure Jakob Brossmann und David Paede zeigen minutiös, welche oft sensiblen und manchmal auch kontroversiellen Grundsatz- und Spezialdebatten Sendungsinhalte entstehen lassen. Sie zeichnen zudem akustische wie visuelle Prozesse nach, beobachten den Entwurf neuer Sendeformate , begleiten das Einspielen neuer Signations, etc.etc.. Bei all dem, ganz nebenbei, bekommen vertraute Ö1- Stimmen plötzlich Gesichter.

„Gehört gesehen – Ein Radiofilm“

https://tvthek.orf.at/profile/Gehoert-gesehen-Ein-Radiofilm/13891829/dokFilm-Gehoert-gesehen-Ein-Radiofilm/14055956

Nun: Gute Nachrichten im „Stern“

Hans Högl

Seit mehr als 10 Jahren setzte die „Vereinigung der Medienkultur“ – abgesehen von anderen Bemühungen – auch den Akzent auf Gute Nachrichten. Immerhin- wir haben es getan. Nun beobachte ich, dass auch das Magazin „Stern“ eine ganze Seite bringt mit neuen begrüßenswerten Fakten, so,  dass die Elektromobilität zugenommen hat.  „Der Spiegel“ tat dies schon früher. Sicherlich: Wir waren nicht der Grund dafür!

Während die „Süddeutsche Zeitung“- recht üblich für sie – sehr skeptisch war zur Beteiligung der Grünen an Österreichs Regierung, zeigt sich, dass diese sehr wohl positive Akzente setzen. So werden die Flüge von Salzburg nach Wien eingestellt,  und Österreichs grüner Gesundheitsminister Anschober macht seine Sache gut.

 

 

Message-Control: Kritischer Journalismus nötiger denn je

Barbara Coudenhove-Kalergi ist die neue Trägerin des Bruno-Kreisky-Preises. Sie wird damit für ihr publizistisches Gesamtwerk geehrt. Die Wichtigkeit von kritischem Journalismus ist ihr ein besonderes Anliegen, gerade in Zeiten von Message-Control.

Udo Bachmair

Der Bruno-Kreisky-Preis für Politische Publizistik wird seit 1993 jährlich vom Karl-Renner-Institut verliehen. Mit diesem Preis wird im Sinne des Lebenswerks Bruno Kreiskys politische Literatur ausgezeichnet, die für Freiheit, Gleichheit, Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz einsteht.

Die diesjährige Preisträgerin Barbara Coudenhove-Kalergi entstammt einer 1945 aus der Tschechoslowakei vertriebenen Prager Intellektuellenfamilie. Als Schriftstellerin und Journalistin hat sie für verschiedene Tageszeitungen sowie für den ORF gearbeitet. Bis heute ist sie gefragte Kolumnistin, im Besonderen für die Tageszeitung Der Standard.

Die Verleihung des Kreisky-Preises hat Coudenhove-Calergi zum Anlass für einen Appell an die Journalisten genommen, kritikfähig zu sein bzw. zu bleiben. Es sei Aufgabe des Journalismus, ein Bild von Politik an die Öffentlichkeit zu transportieren, das faktengestützt und objektiv ist.

Zum Umgang von Medien mit der vor allem von der Kurz-ÖVP konsequent und professionell betriebenen Message-Control meint die Preisträgerin : „Dazu gehören immer zwei. Es liegt an den Journalisten, ob sie sich von der Message-Control kontrollieren lassen oder selbst kontrollieren“.