Archiv der Kategorie: MEDIEN – UNIVERSITÄT

Fernsehen macht blöd. Nein – so einfach ist es nicht! Doku über England

Der Kultur–Sender ORF III verglich in drei Dokumentationen die großen Rivalen Churchill und Hitler, und deren Qualität ist alleine ein Beweis, wie wertvoll Fernsehen sein kann. Viele von uns tun dies zeitversetzt.

Hans Högl

Bemerkenswert geschickt stellte ORF III Fotos von Churchill und Hitler gegenüber – beginnend von der Kindheit. Beide liebten es, Landschaften zu malen, beide waren schon im 1. Weltkrieg verwickelt.- Nach dem Sieg über Frankreich unterbreitete Hitler am 19. Juli 1940 England öffentlich ein Friedensangebot. Dies wurde abgelehnt. Am 8. Mai 1945 war Kriegsende. Churchill war einer der großen Sieger, doch keine drei Monate später war er nicht mehr im Amt. Er hatte den Krieg gewonnen, den Frieden verloren. Es siegte der als farblos geltende Clement Attlee von der Labour Partei.

Wie kam es dazu? Der Hochadelige und Konservative W. Churchill war zwar ein Kriegsheld, hatte aber keinen Sinn für einfache Menschen. Das traf schon in den 30-iger Jahren zu, er verstand die Anliegen der (Berg) Arbeiter nicht. Noch 1945 missbilligte er das Unabhängigkeitsstreben in den Kolonien. Aufgewachsen auf einem Schloss wurde der junge Churchill rundherum bedient. Er war hilflos, als er ein einziges Mal in der U-Bahn fuhr.

Die Briten hatten im Krieg sehr gelitten und hatten 1945 Sehnsucht nach bescheidenem Wohlstand. Dem kam Attlee entgegen, wurde Premierminister und reformierte das Gesundheitswesen. In Mitteleuropa ist uns die englische Klassengesellschaft und diese Variante von Konservatismus fremd. In England wird dann verstaatlicht, wenn Labour regiert und privatisiert, wenn die Tories dran sind. Die Bedeutung des Wortes „konservativ“ ist in England eine andere als in Zentraleuropa, wo nach 1945 beide Großparteien sozialpartnerschaftlich agierten – im Rahmen einer sozialen Marktwirtschaft. Dies in Differenz zu England.

NB: Im Zentrum von London kann jener Bunker besucht werden, wo Churchill mit seinen Generälen die Kriegspläne entwarf

Aschenbrödel-Info: Über 100 Millionen Arme in der EU!

In einer Zeitung muss man alles lesen. Auch das Kleinste. Das schrieb der französische Präsident De Gaulle. Hier ein eklatanter Fall: Eine niedliche Kurzinfo über extrem Folgenreiches.

Hans Högl

Ich schätze die „Wiener Zeitung“, aber etwas war heute ärgerlich. Sehr. Ein kritischer Blick auf ihre Gestaltung, auf das Layout. Von US-Präsidentschaftskandidat Sanders handelt ein umfangreicher Bericht mit fünf großen Spalten und parallel dazu ein großes Foto. Sanders kämpft um seine letzte Chance. Das ist recht wichtig für die US-Amerikaner. Dann darunter: Die Tumulte im Hongkonger Parlament. Das ist recht wichtig für Hongkong! Auch diesen dreispaltigen Bericht unterstreicht ein Foto. Der Text zählt 43 Zeilen und ist wie folgender auf Seite fünf.

Dagegen ist ein für uns Europäer äußerst wichtiger Text winzig! Er hat nicht 43 Zeilen, sondern 12, also rund ein Viertel des Hongkong-Berichtes. Worum geht es? Auf 12 winzigen Zeilen und als völlig nebensächlich im Layout (ganz rechts unten) in der Rubrik „Kurz notiert“ auf Seite fünf heißt es mit einem niedlichen kleinen Titel: „Armut in der EU sinkt“.

Und dann geht aus dem völlig beiläufig platzierten Text hervor: Im Vorjahr waren 109,2 Millionen Menschen oder 21,7 Prozent (also jeder fünfte Mensch in der EU) von Armut betroffen. Und es gibt sogar einen Rückgang um 0,8 Prozent (das sind 2,7 Mio Menschen. Laut einer Eurostat-Aussendung war weiterhin Bulgarien mit 32,8 Prozent negativer Spitzenreiter. D.h. jede dritte Person in Bulgarien ist arm. Und das faßt die „Wiener Zeitung“ (17. Okt.) unter dem Titel „Armut in der EU sinkt“ zusammen. Es ist ein peinliches Eingeständnis, dass in der EU riesige soziale Probleme bestehen, die möglichst wenig bewusst werden sollen.

Nicht zufällig verachten Medienpraktiker das Publizistikstudium. Das hat gute Gründe. Eine wissenschaftliche Analyse schärfte meinen Blick für Irreführungen durch Medien. Dies war die Textanalyse in meiner Dissertation über die „Pentagon Papiere“ zum Vietnam-Krieg: Ich verglich dazu „Le Monde“ mit der „Frankfurter Allgemeinen“. So entdecke ich leichter inhaltliche Verzerrungen, aber auch Leser werden das bemerken. Keine Frage: Der euphemistische Titel „Armut in der EU sinkt“ soll so wenig wie möglich gelesen werden! Es gilt die Schliche der Chefredakteure zu durchschauen.

ARTE -Medientipps

Hans Högl

MEDIENTIPPS AUS ARTE-Programm

Yangtse-Unterwegs in China. Reise entlang des Flusses.Mit Shanghai.Je: 17.10 Uhr Mo 7.Okt.,Die 8.Okt.,Mittw. 9.Okt./Do u. Fr.

André Malraux. Schriftsteller,Kulturminister. MI 9.Okt. 22:05 Uhr.

Borgen-Gefährliche Seilschaften. Dänischer Politikfilm (preisgekrönt!) Do 10.Okt. 23.15 Uhr

Winter des Schreckens. Die ersten Siedler in den USA. Jamestown im Jahr 1607. So 13.Okt. 20:15 Uhr Geschichtsdoku

Erich Mielke-Meister der Angst. Minister der Staatssicherheit in der DDR
Die 15.Okt. 20.15 Uhr. In der Mediathek bis 21.10

Das Salz der Erde.Zu Ehren des großen brasilianischen Fotografen Sebastiao Delgado
Mittw. 16.Okt. 00:00. in Mediathek bis 22.10.

Kuba- Flüchten oder Standhalten? Gesellschaftsdoku. Do 17.Okt 17: 40 – 18:35

Tricks von Hochstaplern und Inszenierungen

In unserer Lebenswelt ist viel Inszenierung und Hochstapelei. Davon handelt ein solid recherchiertes Buch. Manches erinnert an die Medienwelt und an deren Inszenierung.

Hans Högl. Buchrezension

Ist Hochstapelei eine Anforderung an den modernen Menschen, um vorwärts zu kommen? Sind wir alle Felix Krull? Was vormals nur für Schauspieler und Künstler galt, sei heute als Standard in die Lebenswelt breiter Kreise eingeflossen. Es gilt, sich selbst zu erfinden, verschiedene Identitäten und Lebensentwürfe zu erproben und mit der richtigen Selbstinszenierung zu Markte zu tragen. Werden wir zu Hochstaplern, ohne es zu wollen? Der kanadische Soziologe Erving Goffman behauptet: Wir spielen alle Theater.

Der Blick des Buches „Mit fremden Federn“ schweift über die herkömmliche Auffassung von Hochstaplern hinaus. Es betrachtet die betrügerische Rafinesse von Investoren, falsche Prinzen,Liebesschwindler, Exotikfälscher, Lieblingskonkubinen, Männer-Imitatorinnen, KGB-Gigolos. Alle vereint das Mindestkriterium, dass sie mit Absicht nicht sind, wofür sie sich ausgeben, und dass ihnen die Verstellung Gewinn bringt (S. 204).

Nennen wir konkrete Personen: Geheimdienst war von Beginn an Frauensache. Die verführerische Belgierin Margaretha Geertruida Zelle, die sich als Mata Hari einen Namen machte und als Agentin eine Geheimdienstkarriere begann. Ihre mysteriöse Herkunft als indonesische Königstochter und Tempeldienerin verlieh ihren Auftritten eine transzendente Aura des Göttlichen, die sich von billigen Nackttänzerinnen unterschied. Dann sank ihr Stern, war irgendwann pleite und gewohnt, von Männern Geld zu nehmen -wenn nicht für Liebe, dann eben für Spionage (p. 78 f.).

Irritierend-köstlich ist, wie „Der kleine Nicolas“ die spanische Regierung und das Königshaus narrte (p. 28). Ein anderer präsentierte sich als wieder erschienener Kaiser Friedrich II. der Staufer. Faszinierend sind die „Spielchen“, die Karl May bis zu seiner Gefängnisstrafe trieb, bevor er als Schriftsteller phantasierte. Die „Leipziger Zeitung“ suchte nach einem verdächtigen Herren: Er trägt Brille, einen Ring an der rechten Hand, gibt sich aus als Dr.med. Heilig aus Rochlitz, Augenarzt und früherer Militär. Er trägt einen schwarzen Tuchrock mit wollener Borte besetzt….In seiner sprudelnden Phantasie schrieb er in Sachsen die berühmten Karl-May-Bände, später präsentierte sich „Dr.“ Karl May als weitgereister Mann, der zunächst aus dem Orient berichtete und dann im Wilden Westen Amerikas zum Blutsbruder des Indianerhäuptling Winnetou wurde. Auf Vorträgen gab er an, 1.200 (!) Sprachen zu sprechen (S. 81).

Ein Kapitel des Buches lautet „Auf der Couch. Das Innenleben der Hochstapler“: Irrtümlich hält sich das Profil des Hochstaplers als des intelligenten Betrügers, doch Studien der Kriminologie verorten seine kognitiven Fähigkeiten als durchschnittlich.

Der sogenannte „Salonblödsinn“ tarnt sich hinter sprachlichen Arabesken und Wortkaskaden, die den Zuhörer (oder das Lesepublikum) mit unklaren Begriffen berauschen. Diese Vorspiegelung von Tiefsinn und Intelligenz ist für intellektuelle Hochstapler symptomatisch (p. 112). Aber kollegiale Geschlossenheit und Standesdünkel schont zuweilen die schwarzen Schafe der eigenen Zunft (p. 119). Ich denke hier an einen österreichischen Spitzenmanager der Medienbranche, der zu 9 Monaten unbedingt in der zweiten Instanz verurteilt wurde, aber kein einziges Medium nannte seinen Namen….

Die Wahrheit gilt als Maß und höchste Kategorie der Wissenschaft. „Doch Erfolgsdruck, Renommierstück, interne Fehden und Rivalität um Forschungsgelder haben aller wissenschaftlichen Ethik zum Trotz einen festen Platz unter Gelehrten und treiben Experten dazu, falsche Ergebnisse wider besseren Wissens oder im Vertrauen auf späteren Beweis zu verbreiten. Es gibt keine Fachrichtung, die davon frei ist“ (p.172).

Buch von Anett Kollmann: Mit fremden Federn. Eine kleine Geschichte der Hochstapelei, Hamburg 2018. Mit Register u. genauen Literaturangaben.

Natürliche Klimaschwankungen

Es gibt zahllose Medienberichte über den von Menschen verursachten (anthropogenen) Klimawandel, selten solche über natürliche Klimaschwankungen. Davon möchte ich berichten.

Hans Högl

Es gibt natürliche Klimaschwankungen und einen solchen Klimawandel, der als vom Menschen beeinflußt gilt. Ich lasse politische Parteien aus dem „Spiel“, und greife auf verlässliche Texte zurück: auf Wiki Bildung und auf das Brockhaus-Lexikon.

Nachdem sich ursprünglich die sehr heiße Erdoberfläche abkühlte, entstanden vor 3,2 Mrd Jahren die ersten Ozeane und vor 2,3 Mrd Jahren die ersten polaren Eisbildungen (Brockhaus). Insgesamt sind im quartären Eiszeitalter mindestens 20 Kalt- und Warmzeiten aufgetreten.

Unter Plattentektonik wird z.B. verstanden, dass sich im Laufe der Erdgeschichte ganze Kontinente verschoben haben oder Gebirge entstanden. Dies verläuft sehr langsam über Millionen Jahre mit eisfreien und eiszeitlichen Abschnitten.

Andere Schwankungen beruhen auf der Sonneneinstrahlung, die durch die Veränderungen der Erdbahn bedingt sind. Sie sind in den letzten zwei bis drei Millionen Jahren verantwortlich für den Wechsel von Kalt- und Warmzeiten, der in einem Ablauf von etwa 100 000 Jahren erfolgt. Andere Schwankungen entstehen durch Sonnenflecken (Sonnenfackeln).

Noch kürzer wirken vereinzelte  Vulkanausbrüche, deren weithin verstreuten Teilchen eine Abkühlung von in der Regel ein bis zwei Jahren hervorrufen, bei Serien von Ausbrüchen aber auch längerfristige kühlere Phasen bewirken. Es wird angenommen, dass dadurch die Dinosaurier ausgestorben sind.

Fahrt ins Hinterland von Burgund

Reiseführer sind kulturbeflissen, kehren Schönes hervor, Wirtschaftliches schon seltener und noch weniger Soziales. Und Dörfer schon gar nicht. Doch die interessieren mich, den Dorf- und Gemeindeforscher, Autor eines Buches mit dem Untertitel: Dörfer im Stress („Hinter den Fassaden des Tourismus“). Schon 1995 und 2002 wies ich kaum beachtet auf die Sozialfolgen und Überbelastung durch Tourismus hin. Das war Grund, auf Nebenstraßen in Burgund, Land und Leute zu beobachten.

Hans Högl- eine Reportage

Ich wähle eine Straße landeinwärts von Beaune, einem Städtchen südlich von der Haupt- und Herzogs- und Großstadt Dijon. Aber wieviele von uns kennen denn sie mit weit über 300.000 Einwohnern. Mein Richtung: Norden zum berühmten Ort Vézelay über Avallon.

Um Dijon ist eine vielgepriesene Weingegend, so berühmt, dass sogar das für den Weinbau hier so förderliche burgundische K l i m a zum Welterbe der Unesco zählt. Ich suche die Stadt Beaune auf – mit dem erstaunlichen Krankenhaus, das Nicolas Rolin, der Kanzler eines burgundischen Herzogs, 1443 gegründet hat und zwar für kranke, a r m e Menschen. Beaune ist eine einladend wirkende, gepflegte Kleinstadt mit vielen kleinen Geschäften und rund 23.000 Einwohnern.

Zu Mittag fuhr ich mit dem Auto bewusst von Beaune auf der Landstraße los, in Richtung Norden, Ziel war Vézelay, ins Regionale.Bald nach der Stadt und dem Umfeld vom nahen Dijon sehe ich Weingärten und dann erlebe ich etwas, das die Franzosen La France profonde nennen. Die Straßen sind durchwegs gut asphaltiert, korrekt ausgeschildert. Wer hier lebt, hat weit zur Arbeit zu fahren. Ich denke an die Benzin- und Dieselpreise, die kürzlich die Bevölkerung in Zorn versetzt haben. Ökologie ist eines, hohe Preise etwas anderes. Das Land hier ist sehr dünn besiedelt, das ist offensichtlich und dazu braucht es keine Statistik zur Bestätigung. Weit und breit sind keine Häuser.

Mir fällt auf, dass immer wieder Häuser zum Verkauf angeboten werden – bald sind es kleine Bauernhöfe, dann wieder andere meist sehr bescheidene Häuser, nicht selten halb verfallen oder verwahrlost. Ich durchquere verlassene Gegenden. Da ist kein Bistro zu finden, um einmal einen Café zu sich zu nehmen. Zum Glück finde ich eines und bin neben einem anderen Besucher der einzige Gast und sehe dann vor dem Gebäude ein Schild mit dem Hinweis, dass die Gastwirtschaft und das Gebäude zum Verkauf angeboten werden. Gut – ich erlebe einen Sonntag nachmittag, aber das alleine erklärte nicht alles.

Immer wieder nur vereinzelte Häuser, abgeerntete Felder, Laubwälder, hie und da
einige wenige Kühe im Freien, aber mit Normaleuter, nicht überzüchtet zur Superproduktion. Vorbei an baulich vernachlässigten Dorfkirchen, an kleinen Häusern vielleicht mit einem Kleinwagen davor, irgendwie eine trostlose Gegend im Gegensatz zu Städten voller Lebendigkeit.

Es ist ein befreiendes Gefühl, in die Kleinstadt Avallon einzufahren, ein einladend gefälliger Ort mit geöffneten Geschäften und einer bemerkenswert großen Kirche. Vom Zauber des Hügels mit der romanischen Basilika in Vézelay mit Reliquien der hl. Magdalena (!) möchte ich nicht reden. Das tun schon Reiseführer. Mir war wichtig, das Haus des Literatur-Nobelpreisträgers und Friedens-Aktivisten Romain Rolland zu besuchen. Viel mehr als Bücher, ein Klavier und sein Schreibtisch und Bilder in seinem Haus sehe ich nicht. Er verbrachte hier seine letzten Lebensjahre, starb 1944 mitten im Krieg, verleumdet als Friedensaktivist. Zeitlebens betont Rolland, ein Dorfkind, die Wichtigkeit der deutsch-französischen Beziehungen: „Wir sind die beiden Flügel des Abendlandes, zerbricht der eine, so ist auch der Flug des anderen gebrochen“- ein Satz, damals so aktuell wie heute.

Ja, das Dorf Vézelay am Hügel gelegen ist ein wunderschöner Flecken, die Frontseite der uralten romanischen Kirche wir renoviert, gar nicht so selbstverständlich im laizistischen Frankreich. Und von der Terrasse aus sieht das umliegende Land recht lieblich aus. Vielleicht konnte ich ein wenig erahnen, was französische Provinz ist, Frankreich ist ein großes Land mit unzähligen kleinen Orten, von denen niemand spricht, aber aus denen nicht wenige berühmte Menschen hervorgegangen sind- so auch der Erfinder der Fotografie Joseph N. Niépce, der jahrzehntelang im Burgund unweit von Chalon seine Versuche machte, um dann nach acht Stunden Belichtung das erste Landschaftsfoto der Welt zu „schießen“ und anfangs keine Beachtung fand. Ein Schicksal auf dem Land.

Ein Gegensatz zur Großstadt Dijon -mit vielen Bistros und einer gewissene Heiterkeit des Lebens und einem Plakat, das ich fand: mit dem Titel Salon Célibataire. Es lud ein zu einem „Speed Dating“ in einem Lokal, geöffnet ab 16 Uhr, mit kostenpflichtigen Diner ab 20 Uhr und Tanz.

Kulturelle Heimat muslimischer Einwanderer?

Ob Muslime europäische Wertvorstellungen annehmen können. Diskursvorbehalt versus Islam durch ein analoges Menschenrechts-Verständnis

Hans Högl

Im renommierten Gabillonhaus am Grundlsee im steirischen Salzkammergut befasste sich kürzlich eine Serie von Referaten mit dem Thema: „Heimat verloren – Neue Heimat? Die Integrationsproblematik von kulturell und religiös anders sozialisierten Einwanderern“. Ein fundiertes Referat darüber hielt Mag. Friedelwolf Wicke-Jabornegg. Die Perspektive dieses Beitrages ist speziell, fragt aufrichtig nach Integrationschancen und -hindernissen und verdient dadurch einen Platz auf unserem Blog. Es geht nicht einfach um eine Bewertung der verschiedenen Formen des Islam oder gar um Islamfeindlichkeit, sondern darum, ob und inwiefern Muslime in Mittel- und Westeuropa heimisch und voll integrierbar sind und sie selbst es können. Dies ist also keine Ablehnung von Muslimen, wie es nicht selten geschieht, im Gegenteil. Dennoch berühren wir Aspekte, die gegebenenfalls Political Corrrectness störend findet, aber das soll für die Medienkultur kein Grund sein, Fakten anzusprechen.

Zentral im Referat waren primär Einwanderer muslimischer Herkunft in Österreich. Der Heimatbegriff kann geographisch und kulturell aufgefasst werden.- Geographisch können muslimische Einwanderer in Europa allmählich Heimat finden, doch kulturell ist dies sehr viel schwieriger. Die große Mehrheit der Muslime lebt den Islam nicht in seiner strengen Form. Für sie ist die Akzeptanz europäischer Verfassungen zumindest vordergründig kein Problem.

Allerdings führte der Autor k o n k r e t Koranstellen an, aus denen die Unterordnung der muslimischen Frauen den Männern gegenüber dargelegt wird. Dies ist zwar anders im frühen Christentum, aber es heißt doch auch im Kolosserbrief 3,18 im Neuen Testament: Ihr Frauen seid (euren) Männern untertan, wie es sich schickt im Herrn.

Zur Frage Friede und Kampf im Islam: Werden Vertreterinnen des Islam z.B. im österreichischen Fernsehen interviewt, dann heben diese jene Suren im Koran hervor, wo er von der friedlichen Gesinnung spricht. Und es werden jene Koranstellen nicht genannt, die dazu konträr sind und den Kampf gegen die Ungläubigen meinen. Solange Muslime in der Minderheit sind, heben sie ihre Toleranz hervor.

Wicke verwies auf Taqīya. Dieses arabische Wort bedeutet Furcht, Vorsicht. Als Prinzip gilt es bei schiitischen Gruppen, wonach es bei Zwang oder Gefahr für Leib und Besitz erlaubt ist, rituelle Pflichten zu missachten und den eigenen Glauben zu verheimlichen. Im sunnitischen Islam ist das Konzept zwar ebenfalls bekannt, doch wird es nicht allgemein angewandt und wurde oft auch abgelehnt. Doch Verheimlichung des eigenen Glaubens in Gefahrensituation gilt jedoch meist als zulässig.

Wilke meint, dass Muslime mit intensiver Islamgläubigkeit nur in einem größerem Zeitraum europäische Werte annehmen könnten- vergleichbar dem Christentum, dem die Aufklärung die Schärfe nahm. Ein grundlegendes Problem ist die Pflicht des Muslim, den Koran wortwörtlich zu verstehen (Verbalinspiration). Allein dadurch wird klar, dass Integrationsprobleme zwar teils sozial, aber fundamental auch kulturell zu konzipieren sind.

Eine Nebenbemerkung des Referenten: „Unsere Leute“ fühlen sich durch eine zu große Anzahl von Muslimen „unbehaglich“ und haben auch Angst. So vor den vielen „testosterongesteuerten jungen Einwanderern“, welche die Kleidung der Europäerinnen aufreizend finden – in Relation zur Kleidung islamischer Frauen. Solches zu schreiben berührt wohl Political Corrrectness – traf und trifft aber reell zu.

Die furchtbaren Ereignisse der Shoa im Nazismus waren e i n Anlass für die Erklärung der Menschenrechte. Und in Zukunft sollte so die jüdische Religion nie mehr Kritik erfahren. In Analogie dazu führte dies wohl unbewusst dazu, dass auch Kritik an anderen Religionen (wie am Islam) tabuisiert wurde. Dies ist ein Missverständnis. Hingegen bestand keine Scheu, christliche Konfessionen, insbesondere Katholiken und deren Vertreter und diese Glaubensrichtung einer massiven Kritik zu unterziehen. Und dies trifft gegebenenfalls auch legitimerweise zu.

Obschon das Thema einer umfangreichen Begründung bedarf, formuliere ich meine Position zur Frage Ausländer und Autochthone mit Worten des russischen Philosophen Solowjew:

Liebe Dein eigenes Land und achte die anderen „Völker“.Ich weiß, dass dies deutsche Intellektuelle irritieren mag, doch nicht in praxi – siehe die unbändige deutsche Fußballbegeisterung. Doch mich hat ein Erlebnis bei schwedischen Verwandten beeindruckt. Als wir das erste Mal auf Besuch kamen, hisste der Besitzer uns als Gäste seines Hauses die schwedische Fahne. Dies auch als Wertschätzung des eigenen Landes. Auch die Schweizer Fahne ist kein Ausdruck eines Nazismus, sondern eines im politikwissenschaftlichen Sinne verstandenen Patriotismus. So befürworte ich auch den obigen Satz von Solowjew.

Goethe zur Pressefreiheit

Hans Högl

in: Presse in der Demokratie und Möglichkeiten zu rationaler politischer Urteilsbildung. Wien 1978. (Unveröffentlichte Dissertation)

„O Freiheit süss der Presse!
Nun sind wir endlich froh!
Sie pocht von Messe zu Messe
In dulci jubilo.
Kommt lasst uns alles drucken
und walten für und für,
Nur sollte keiner mucken,
Der nicht so denkt wie wir.“

Goethe in „Zahme Xenien“ 1822

Diskursverweigerung? Vermeiden, mit Andersdenkenden zu reden?

Hans Högl

Gestern trafen sich diverse NGOs. Und es entstand eine Streitfrage. Meiner „Initiative Zivilgesellschaft“ (IZ) machte die Sprecherin S von einer öko-sozialen NGO einen massiven Vorwurf. S machte folgende Erfahrung: Bei einer Tagung der IZ referierte Professor X, der in der Anti-Atombewegung verankert war, ferner den Finanz-Dschungel kritisiert und im Sinne der Landwirtschaft den EU-Austritt befürwortet, und Professor X ist neuestens islamophob.

Auch uns in der IZ fiel die Fremdenfeindlichkeit auf, und so erwogen wir selbstkritisch unser Verhalten zu Prof. X. Ein IZ-Vorstandsmitglied argumentierte: In der ATTAC wird es abgelehnt, mit solchen Leuten in eine Diskussion zu treten. Ich vertrat die Position, Prof. X solle sich erklären. Dies im Sinne von wechselseitigem Verständnis.

Gestern erneuerte Sprecherin S den Vorwurf, in der IZ rede man mit einem Ausländerfeind und S deutete an, ihre NGO kappe den Kontakt zu unserer IZ. S präsentiert einen breiteren Trend: den der Dialogverweigerung mit politisch Andersdenkenden. Darum sei es hier Thema. Ich wundere mich: Es ist doch soviel von Inklusion und Integration die Rede.

Ich argumentierte im Sinne von Jürgen Habermas (H.) für einen konstruktiven Diskurs. Für H. sind alle Menschen als gleich und frei und als zum vernünftigen Miteinander fähige Subjekte zu betrachten. Er prägte Begriffe, die zu Diskursmarkierungen wurden: Ihm rutschte das Wort „Linksfaschismus“ aus – gerichtet gegen einen gewalttätigen Flügel der studentischen Linken von 1968, ferner prägte er das Wort der neuen „Unübersichtlichkeit“ und in der EU sah er eine „post- und transnationale Konstellation“. Für uns ist hier der Begriff des „herrschaftsfreien Diskurses“ von näherem Interesse.

Habermas meint das Gespräch zwischen Menschen, die sich um eine gesellschaftliche Ordnung bemühen, und es darf kein Gesprächspartner von vornherein als „unwürdig“ ausgeschlossen werden. Es gibt nach Habermas eine Ebenbürtigkeit von Menschen. Diese Position vertrat ich versus S. Ein einziges Gespräch wird zwar nicht die Welt ändern, aber wir sollten miteinander reden und nicht von vornherein andere ignorieren bzw. verächtlich machen.

Europa mit religiöser Substanz?

Hans Högl

Unser Europa hat eine Vielfalt religiöser Traditionen und eine von Religion geprägte Kultur – man denke hier nur an Notre Dame von Paris. Doch in unserer wissenschaftsgläubigen Welt ist Transzendenz in Ungnade gefallen. Und gerade für eine Wiederentdeckung der Transzendenz plädiert eine bekannte ORF-Journalistin in einem Bestseller. Zweifellos ist dies als Medienlücke von speziellem Interesse für die „Medienkultur“. Und so verweise ich auf das Buch von Renata Schmidtkunz mit dem Titel: Himmlisch frei. Warum wir wieder mehr Transzendenz brauchen. Wien 2019.

Der Kontinent Europa scheint ein eindimensionaler Raum zu werden. Es geht um Profit, Konsum und Effizienz, und dies alles lässt sich in Zahlen ausdrücken. Auf der Strecke bleiben Mitgefühl, Barmherzigkeit, Nächstenliebe. Renata Schmidtkunz plädiert für ein neues Denken, um Distanz zum Weltgeschehen zu gewinnen. Und in diesem Sinn könne religiös fundierte Ethik Kraft geben für gemeinwohlorientiertes Tun und für ein gelungenes Leben.

Das Buch ist stilistisch klar und reich an Gedanken und bietet Impulse abseits vom intellektuellen Mainstream und berichtet vom überraschendem Weg einer evangelischen, kritischen Christin.