Archiv der Kategorie: Medien und Politik / Wirtschaft

Aschenbrödel-Info: Über 100 Millionen Arme in der EU!

In einer Zeitung muss man alles lesen. Auch das Kleinste. Das schrieb der französische Präsident De Gaulle. Hier ein eklatanter Fall: Eine niedliche Kurzinfo über extrem Folgenreiches.

Hans Högl

Ich schätze die „Wiener Zeitung“, aber etwas war heute ärgerlich. Sehr. Ein kritischer Blick auf ihre Gestaltung, auf das Layout. Von US-Präsidentschaftskandidat Sanders handelt ein umfangreicher Bericht mit fünf großen Spalten und parallel dazu ein großes Foto. Sanders kämpft um seine letzte Chance. Das ist recht wichtig für die US-Amerikaner. Dann darunter: Die Tumulte im Hongkonger Parlament. Das ist recht wichtig für Hongkong! Auch diesen dreispaltigen Bericht unterstreicht ein Foto. Der Text zählt 43 Zeilen und ist wie folgender auf Seite fünf.

Dagegen ist ein für uns Europäer äußerst wichtiger Text winzig! Er hat nicht 43 Zeilen, sondern 12, also rund ein Viertel des Hongkong-Berichtes. Worum geht es? Auf 12 winzigen Zeilen und als völlig nebensächlich im Layout (ganz rechts unten) in der Rubrik „Kurz notiert“ auf Seite fünf heißt es mit einem niedlichen kleinen Titel: „Armut in der EU sinkt“.

Und dann geht aus dem völlig beiläufig platzierten Text hervor: Im Vorjahr waren 109,2 Millionen Menschen oder 21,7 Prozent (also jeder fünfte Mensch in der EU) von Armut betroffen. Und es gibt sogar einen Rückgang um 0,8 Prozent (das sind 2,7 Mio Menschen. Laut einer Eurostat-Aussendung war weiterhin Bulgarien mit 32,8 Prozent negativer Spitzenreiter. D.h. jede dritte Person in Bulgarien ist arm. Und das faßt die „Wiener Zeitung“ (17. Okt.) unter dem Titel „Armut in der EU sinkt“ zusammen. Es ist ein peinliches Eingeständnis, dass in der EU riesige soziale Probleme bestehen, die möglichst wenig bewusst werden sollen.

Nicht zufällig verachten Medienpraktiker das Publizistikstudium. Das hat gute Gründe. Eine wissenschaftliche Analyse schärfte meinen Blick für Irreführungen durch Medien. Dies war die Textanalyse in meiner Dissertation über die „Pentagon Papiere“ zum Vietnam-Krieg: Ich verglich dazu „Le Monde“ mit der „Frankfurter Allgemeinen“. So entdecke ich leichter inhaltliche Verzerrungen, aber auch Leser werden das bemerken. Keine Frage: Der euphemistische Titel „Armut in der EU sinkt“ soll so wenig wie möglich gelesen werden! Es gilt die Schliche der Chefredakteure zu durchschauen.

Literarische Total-Kritik der Medienwelt

Es ist so, als ob wir die geheimen Gedanken und Strategien der Chefredakteure und Herausgeber von „Massen“-Medien erfahren: Und dies beiläufig in Thomas Sautners Roman „Fremdes Land“. Es ist eine fundamentale, literarische , also keine wissenschaftliche Medienkritik – vor allem an den am weitest verbreiteten Medien – wie an vielen Fernsehsendern, am Boulevard, an schreiend farbigen Magazinen. Die Rezension des Romans boten wir bereits im letzten Blog.

Hans Högl: Text aus Thomas Sautners Roman „Fremdes Land“ S. 66 f. :

„Diesmal war tatsächlich Ruhe. Und das in einer Branche, die in den letzten Jahrzehnten herabgesunken war zum Lieferanten billigsten Zeitvertreibs. Alles andere, lenkten die Medienleute von ihrer Unzulänglichkeit ab, ziele an den Bedürfnissen der Konsumenten vorbei, gehe ins Leere. Die Konsumenten hätten Alltagsprobleme genug: Sorgen um Heim und Kinder, Ärger im Job, die üblichen kleinen Unzufriedenheiten und Streitereien, das tägliche Gegeneinander.

Da bleibe kein Platz für intellektuell Forderndes, für Kontroverses, für Analytisches. Das Leben der Menschen orientiere sich nun einmal an einem Horizont, der von Tag zu Tag reiche. Entsprechend kurzweilig gelte es das Medienprogramm zu gestalten. Was die Leute demnach wollten, waren Reality-Shows bar jeder Realität, waren Prominente inklusive ihrer Schicksalsschläge und Skandälchen, waren Kino, Kosmetik, Kurzurlaub. Gurusendungen und Horoskop, durchmischt mit Wetter. Glücksspiele, Astro-Tipps und Rätsel. Harter Sport und putzige Tiere. Das war Vielfalt genug. Daraus bestand das Leben der meisten Menschen, der Stoff, aus dem ihre Träume und Sehnsüchte gemacht waren – und gemacht werden konnten. Anderes wünschten sie nicht. Weitreichendes überforderte sie. Das Große und Ganze ebenso wie tiefere Zusammenhänge. Oder gar die Idee des leitenden Gedankens.

Hand in Hand ging die Medienarbeit mit dem Bestreben der Wirtschaft, ihre Marken für die Menschen unverzichtbar zu machen“……

NB. Hans Högl: In dieser Kritik sind wohl nicht gemeint jene qualitativen Medien, die es auch gibt; aber deren Reichweite bestenfalls jeden Zehnten erreichen. Österreichs Qualitätszeitungen erreichen in etwa jeden Zwanzigsten (4 – 6 %!). ARTE erreicht 1 %, 3-sat ca. 2-3%, Radio Ö 1 bestenfalls 10 %.

Lob für den Kultur- und Informations-Spartensender ORF III

Hans Högl

Der TV-Sparten-Sender ORF III verdient, positiv hervorgehoben zu werden; denn er bietet eine Fülle, ja fast eine Überfülle von wertvollen Dokumentationen – so über Österreichs Kultur, Politik, Geschichte und über Europa. Manchmal würde man gern im Vorhinein in Printmedien ein wenig mehr erfahren, was in etwa der Inhalt der Filme und Reportagen ist.

Ich sah vor meiner Burgundreise den Film über Kaiser Maximilian und über seine Heirat mit Maria von Burgund.Der Geschichtsunterricht wäre wohl überfordert, abgesehen von der europäischen Bedeutung dieser Heirat – Näheres über die politischen Hintergründe dieser Vermählung zu vermitteln. Der Film veranschaulichte, welche Spannungen diese Heirat mit den Stadtherren in den Niederlanden auslöste und verwies auf die diplomatische Verwicklungen und führte zu einem Krieg mit Frankreich, das ebenso den Burgund für sich beanspruchte. Für mich blieb vorerst unbeantwortet, ob und inwiefern der Spielfilm auch den historischen Tatsachen entsprach. Das wäre vielleicht als Vor- oder Nachwort wünschenswert.

Am Samstag, den 12. Oktober 2019 Nachmittag, war die oberösterreichische Region Mühlviertel im Blick. Diese gilt wie das niederösterreichische Waldviertel als wirtschaftliche Randzone, angrenzend an Böhmen. Die ORF III Sendung brachte mutmachende wirtschaftliche Initiativen aus dieser durch Granit geprägten Landschaft – über Biolandwirtschaft, Hopfenanbau, Leinenweberei….Er zeigte, wie Menschen durch Kreativität selbst in Regionen mit wenig Industrie ihr Überleben sichern. Das war konstruktiver Journalismus im besten Sinne.

Ein Hinweise für unsere deutschen Leser: Das Mühlviertel ist zumindest geologisch dem Bayerischen Wald und dem niederösterreichischen Waldviertel ähnlich. Die Bezeichnung Waldviertel ist insofern irreführend, als es neben Wäldern auch Feldwirtschaft und Wiesen gibt.

Es müssen noch viele Mauern fallen. Mauerfall 1989

Österreichs Medien berichten über Tschechien, wenn ihr Ministerpräsident einen Skandal hat. Über die Lebenssituation der Menschen des Nachbarlandes erfahren wir kaum etwas.

Hans Högl. Reportage

Eine Tagesexkursion führte unsere Gruppe nach Mähren. Gleich nach der österreichischen Grenze fallen die riesigen landwirtschaftlichen Flächen auf. Sie sind gut bestellt, nicht vernachlässigt wie ich dies in der Westukraine nahe eines Dorfes erlebte mit dem netten Namen übersetzt auf Deutsch „Gute-Nacht-Dorf“. Nein – die Felder in Mähren erscheinen gut bestellt.

Dem Kern meines Gesprächs mit dem Reiseleiter, einem Österreicher mit tschechischen Wurzeln, schicke ich eine andere Stellungnahme voraus. Er sagte, dass die Bauern unter den Kommunisten oft gar nicht so unzufrieden waren. Sie hatten meist ein bißchen Grund und Boden und konnten sich selbst versorgen. Um marxistische Theorien kümmerten sie sich nicht. Aber so unzufrieden waren sie nicht, sie hatten sichere Arbeitsplätze. Ähnliches erfuhr ich in Gesprächen in Bulgarien mit dem Hinweis, dass die Periode nach der Wende „furchtbar schwierig war“ (Vgl. früheren Blog).

Zu meiner Bemerkung zum Reiseleiter: „Eigentlich erfahren wir über Medien von Tschechien nur dann etwas, wenn sich ihr Ministerpräsident etwas zu Schulden kommen lässt.“ Der Reiseleiter: „Nein, so ist es nicht so. In der Zeitschrift Respekt findet man Beiträge über die Lebenssituation in Böhmen und Mähren.“ Leider: Die Zeitschrift „Respekt“ ist tschechisch geschrieben. Davon sind keine Berichte in maßgeblichen Medien Österreichs, vielleicht in Spezialmagazinen. Die Begleiterin des Reiseleiters pflichtet mir indirekt bei und sagt. Bei einer Begegnung ihrer österreichischen Schule mit einer ungarischen staunte sie nicht wenig, dass das ungarische Schulsystem ein völlig anderes ist. „Und wir in Österreich haben keine Ahnung davon, obwohl wir nur 50 km davon entfernt sind.“

Zurück zum Thema der überdimensional großen Feldern in Mähren. Dazu sagte mit bedrückter Stimme der Reiseleiter: „Das ist eine traurige Geschichte. Nach der Wende gab es die Coupon-Wirtschaft. Den ehemaligen Bauern wurden Papiere, Aktien, angeboten. Sie verstanden nicht, worum es sich handelte oder waren ihrer Landwirtschaft durch die lange Periode des Kommunismus entfremdet oder sahen sich nicht imstande, landwirtschaftliche Maschinen anzuschaffen. Und so kamen die Felder in die Hände von Oligarchen. Oder sie gehören den Banken“. Also an Personen, die den Kommunisten nahestanden oder waren. Sie rissen sich die Felder unter die Nägel. Ähnliches berichtete ARTE über die Ex-Sowjetunion: Den Arbeiter von großen Fabriken wurde nach der Wende Aktien angeboten. Gewiefte Manager gaben den Arbeitern zwei Flaschen Wodka und übertölpelten die Werktätigen. Und so kamen die Fabriken in die Hände von Oligarchen.

In Tschechien haben wir nun den Typus von Großgrundbesitzer. Kritik bei uns trifft aber die fernen Großgrundbesitzer Lateinamerikas. Wir und unsere Medien haben den Mauerfall mental noch nicht verarbeitet und tragen in unseren Köpfen Grenzbalken.

Tricks von Hochstaplern und Inszenierungen

In unserer Lebenswelt ist viel Inszenierung und Hochstapelei. Davon handelt ein solid recherchiertes Buch. Manches erinnert an die Medienwelt und an deren Inszenierung.

Hans Högl. Buchrezension

Ist Hochstapelei eine Anforderung an den modernen Menschen, um vorwärts zu kommen? Sind wir alle Felix Krull? Was vormals nur für Schauspieler und Künstler galt, sei heute als Standard in die Lebenswelt breiter Kreise eingeflossen. Es gilt, sich selbst zu erfinden, verschiedene Identitäten und Lebensentwürfe zu erproben und mit der richtigen Selbstinszenierung zu Markte zu tragen. Werden wir zu Hochstaplern, ohne es zu wollen? Der kanadische Soziologe Erving Goffman behauptet: Wir spielen alle Theater.

Der Blick des Buches „Mit fremden Federn“ schweift über die herkömmliche Auffassung von Hochstaplern hinaus. Es betrachtet die betrügerische Rafinesse von Investoren, falsche Prinzen,Liebesschwindler, Exotikfälscher, Lieblingskonkubinen, Männer-Imitatorinnen, KGB-Gigolos. Alle vereint das Mindestkriterium, dass sie mit Absicht nicht sind, wofür sie sich ausgeben, und dass ihnen die Verstellung Gewinn bringt (S. 204).

Nennen wir konkrete Personen: Geheimdienst war von Beginn an Frauensache. Die verführerische Belgierin Margaretha Geertruida Zelle, die sich als Mata Hari einen Namen machte und als Agentin eine Geheimdienstkarriere begann. Ihre mysteriöse Herkunft als indonesische Königstochter und Tempeldienerin verlieh ihren Auftritten eine transzendente Aura des Göttlichen, die sich von billigen Nackttänzerinnen unterschied. Dann sank ihr Stern, war irgendwann pleite und gewohnt, von Männern Geld zu nehmen -wenn nicht für Liebe, dann eben für Spionage (p. 78 f.).

Irritierend-köstlich ist, wie „Der kleine Nicolas“ die spanische Regierung und das Königshaus narrte (p. 28). Ein anderer präsentierte sich als wieder erschienener Kaiser Friedrich II. der Staufer. Faszinierend sind die „Spielchen“, die Karl May bis zu seiner Gefängnisstrafe trieb, bevor er als Schriftsteller phantasierte. Die „Leipziger Zeitung“ suchte nach einem verdächtigen Herren: Er trägt Brille, einen Ring an der rechten Hand, gibt sich aus als Dr.med. Heilig aus Rochlitz, Augenarzt und früherer Militär. Er trägt einen schwarzen Tuchrock mit wollener Borte besetzt….In seiner sprudelnden Phantasie schrieb er in Sachsen die berühmten Karl-May-Bände, später präsentierte sich „Dr.“ Karl May als weitgereister Mann, der zunächst aus dem Orient berichtete und dann im Wilden Westen Amerikas zum Blutsbruder des Indianerhäuptling Winnetou wurde. Auf Vorträgen gab er an, 1.200 (!) Sprachen zu sprechen (S. 81).

Ein Kapitel des Buches lautet „Auf der Couch. Das Innenleben der Hochstapler“: Irrtümlich hält sich das Profil des Hochstaplers als des intelligenten Betrügers, doch Studien der Kriminologie verorten seine kognitiven Fähigkeiten als durchschnittlich.

Der sogenannte „Salonblödsinn“ tarnt sich hinter sprachlichen Arabesken und Wortkaskaden, die den Zuhörer (oder das Lesepublikum) mit unklaren Begriffen berauschen. Diese Vorspiegelung von Tiefsinn und Intelligenz ist für intellektuelle Hochstapler symptomatisch (p. 112). Aber kollegiale Geschlossenheit und Standesdünkel schont zuweilen die schwarzen Schafe der eigenen Zunft (p. 119). Ich denke hier an einen österreichischen Spitzenmanager der Medienbranche, der zu 9 Monaten unbedingt in der zweiten Instanz verurteilt wurde, aber kein einziges Medium nannte seinen Namen….

Die Wahrheit gilt als Maß und höchste Kategorie der Wissenschaft. „Doch Erfolgsdruck, Renommierstück, interne Fehden und Rivalität um Forschungsgelder haben aller wissenschaftlichen Ethik zum Trotz einen festen Platz unter Gelehrten und treiben Experten dazu, falsche Ergebnisse wider besseren Wissens oder im Vertrauen auf späteren Beweis zu verbreiten. Es gibt keine Fachrichtung, die davon frei ist“ (p.172).

Buch von Anett Kollmann: Mit fremden Federn. Eine kleine Geschichte der Hochstapelei, Hamburg 2018. Mit Register u. genauen Literaturangaben.

Medien und Meinungsforschung

Wie verlässlich waren die Ergebnisse der Wahlforschung vor Österreichs Nationalratswahl 2019, und wie ging der Boulevard mit den Daten um? Das ist für die Medienkultur von Belang.

Hans Högl

Österreichs Medien haben etwas gelernt – nach Misserfolgen der Wahlforschung – mit diesen fachgemäßer umzugehen. Dies trifft erstaunlicherweise auf die Boulevard-Zeitung „Österreich“ zu, die ihr Lesepublikum sogar über Schwankungsbreiten der Wahlprognosen informiert.

Laut der Zeitung „Österreich“ kam die ÖVP neun Tage vor der Wahl auf 34 % der Stimmen mit einer Schwankungsbreite von 3,2 %- (reell dann 37%). Das heißt: Die Kurz-Partei schöpfte exakt die maximal positive Schwankungsbreite aus.

Die SPÖ kam nach den Prognosen auf auf 23 % ( reell dann 21,7%), die Grünen auf 12 % (reell 14 %) die Neos auf 8 % (reell 7,8 %), die Liste Jetzt auf 2 % (reell 2 %). Erstaunlich genau war das schwache Abschneiden von Peter Pilz mit der Liste Jetzt, obgleich ihm eine TV- Bühne geboten wurde.

Positiv hervorzuheben ist ein Beitrag über Wahlbeisitzer in der „Presse am Sonntag“, die ehrenamtlich ab 6:15 Uhr für rund 13 bis 14 Stunden im Einsatz waren und neben einer kleinen Mittagsverpflegung und einer Vergütung von knapp 50 € in Wien (in Oberösterreich mit 100 €) tätig waren. Manchmal fehlt die Bereitschaft dazu.

Die Schweiz hat die Wahlkontrolle einfacher geregelt und diverse Wahltermine zusammengelegt. In Österreich sind bald wieder Wahlen auf Länderebene an unterschiedlichen Terminen. In der Schweiz wird vier mal pro Jahr gewählt und gleichzeitig über drei Bereiche abgestimmt – über den Bund, den Kanton und die Gemeinde. Das führt rund zu 12 Abstimmungen pro Jahr – einer Anzahl, die für Österreich höchst ungewohnt ist.

Darum wäre eine Einführung des Schweizer Wahlsystem für Österreichs Wähler höchst ungewohnt. Doch auch hierzulande wären andere Formen von mehr an Partizipation wünschenswert. Vgl. Analysen vor ein paar Tagen – zu „Krone“-Kommentare von Tassilo Wallentin und zu den Forderungen der FPÖ.

Wahlkampf mit Gewalt in der Sprache

Der Wahlkampf für die Nationalratswahl am 29. September 2019 war erwartungsgemäß reich an Verbalradikalität, vielfach arm hingegen in Bezug auf Inhalt und Niveau. Gewalttätige Sprache war glücklicherweise nicht generell dominant. Die blieb größtenteils FPÖ-Hardliner Kickl vorbehalten.

Dazu mein nun in der Tageszeitung „Die Presse“ veröffentlichter Gastkommentar :

Udo Bachmair

Den Linken gebühre „eine Gerade oder ein rechter Haken“. Oder: „Man sollte sie gemeinsam mit Afghanen in ein Loch sperren“. Oder : „Ich beiße zu, wenn sie mir einen Maulkorb umzuhängen versuchen. Kann euch nur sagen, das tut dann weh“. Oder Flüchtlinge, die zu wertloser Ware werden : „Nicht bestellt-Lieferung zurück“.

Einige der Gewaltbotschaften und menschenverachtenden jüngsten Äußerungen eines Ex-Innenministers der Republik. Undenkbar etwa in Deutschland. Ähnliches ist öffentlich bisher nicht einmal von der rechtsextremen AfD zu vernehmen gewesen. Doch Österreich ist anders. Empörung und Protest halten sich in Grenzen.

Verbale Gewaltbotschaften gehen einher mit Hass, Hetze und Schüren von Ängsten. Vor allem auf lokalpolitischer Ebene benützen vorwiegend FPÖ-Mandatare gerne eine gewaltbetont feindliche Sprache gegenüber politisch Andersdenkenden und Fremden. Beispiel etwa der Aufruf zur Jagd auf Nordafrikaner in Innsbruck.

Der erwähnte Ex-Minister, immerhin amtierender FPÖ-Fraktionschef im Parlament, scheint sich selbst im verbalen Gewaltrausch zu gefallen, indem er vor einer johlenden aufgehetzten Menschenmenge dazu aufrief: „Panieren wir die Roten und Schwarzen her!“ Was heißt das wohl im Klartext ? Es ist ein blanker Gewaltaufruf.

Bedenklich erscheint zudem, dass der oftmals als „Wolf im Schafspelz“ charakterisierte FPÖ-Chef Norbert Hofer eine klare Distanzierung von den verbalen Gewaltausritten seines Mitkämpfers Herbert Kickl vermissen lässt. Auch der künftige neue alte Kanzler Kurz drückt wieder einmal mindestens ein Auge zu.

Dabei wäre zunehmender Gewalt in der Sprache konsequent zu begegnen. Auch und gerade in Wahlkampfzeiten wie jetzt. Die Geschichte hat immer wieder dramatisch vor Augen geführt, dass gewaltverherrlichen Worten letztlich reelle Taten folgen können. Lehren der Geschichte, die sträflich missachtet werden.

Jemand, der ungestraft Haken austeilen möchte, jemand, dem die Menschenwürde von Ausländern sowie die Menschenrechtskonvention ziemlich egal zu sein scheinen, ist wohl als Regierungspartner untragbar. Doch der Chef der türkisen (früher christlich-sozialen) ÖVP sieht das möglicherweise anders.
Udo Bachmair ist Journalist (früher ORF) und Präsident der Vereinigung für Medien

Greta Thunberg : Warum der Hass ?

Greta Thunberg scheidet die Geister. Die junge Klima-Aktivistin hat mit einer emotionalen Rede vor der UNO Aufsehen erregt. Begeisterten Bewunderern stehen kritische bis hasserfüllte Gegner besonders in den sogenannten Sozialen Medien gegenüber.

Udo Bachmair

„Wie könnt ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen mit euren leeren Worten?“ fragte die 16-Jährige in ihrer sehr emotionalen Rede vor dem UNO-Klimagipfel. „Menschen leiden, Menschen sterben, ganze Ökosysteme brechen zusammen. Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens und alles, worüber ihr reden könnt, ist Geld und die Märchen von einem für immer anhaltenden wirtschaftlichen Wachstum.“

Viele finden Thunbergs Wut nachvollziehbar und sind voll des Lobes für ihr Engagement zugunsten der Fridays-for-Future-Bewegung. Die hat jüngst allein in Wien 150.000 Menschen motiviert, auf die Straße zu gehen und zu protestieren. Es war eine gewaltige, aber äußerst friedliche Demonstration, wie die Polizei bestätigt.

Vor allem in den sogenannten Sozialen Medien ist Greta Thunberg jedoch mit teils böser Kritik konfrontiert. Vielfach dominieren Verhöhnung und Gehässigkeiten und es drängt sich die Frage auf: „Woher kommt der Hass gegen die engagierte junge Frau ?

Der deutsche Medienpsychologe Jo Groebel dazu gegenüber „Focus“:. „Natürlich muss Greta Thunberg nicht glorifiziert werden, aber Hass ist im Zweifelsfalle noch viel weniger angemessen. Stellvertretend für die Klimadebatte auf eine Person einzuprügeln, ist immer einfacher, als sich auf Sachargumente zu konzentrieren“.

Viele, die die Klimadebatte generell ablehnen, fänden in Thunberg ein willkommenes Objekt, um ihre Kritik loszuwerden, fügt der Psychologe hinzu. Statt sich unbequemen Wahrheiten zu stellen, suchen Menschen lieber Fehler von Thunberg, um sie zu diskreditieren. So werde sie als zu jung und unerfahren hingestellt.

Sie stelle mit ihrer Jugend und Leidenschaftlichkeit, mit der sie für das Thema eintritt, einen starken Gegensatz dar zu den großen, professionellen und häufig routiniert gewordenen Politikern, erklärt der Psychologe. Dass eine junge Frau sich erdreiste, so wichtig zu sein, um im Konzert der großen Politiker mitzuspielen, passe für viele nicht zusammen.

Der Medienpsychologe weiter: „Leute fühlen sich gestört, weil ihnen Leidenschaft suspekt ist“. Natürlich spiele dabei auch die Sorge vor Veränderung des Status Quo eine Rolle. Einerseits gebe es die Angst vor negativer Veränderung und Verlust. Andererseits sorgten sich viele auch darum, „dass man sich da, wo man sich bequem eingerichtet hat, über eine andere Generation oder die zukünftige Gesellschaft Gedanken machen muss“.

Total-Kritik aus dem Hinterhalt

Hans Högl

Jeden Sonntag in der „Krone“, der meist gelesenen Zeitung Österreichs“ und der westlichen Welt,erscheint der Kommentar „Offen gesagt“ von Dr. Tassilo Wallentin. Er kritisiert darin Alles und Jedes, und die Fangemeinde folgt ihm. Mit Wucht schleudert er uns seinen Kommentar „um die Ohren!“ Nichts „passt“ ihm: Seine Hauptfeinde sind die EU, die Europäische Zentralbank, die Bargeld-Abschaffer, der internationale Handel. Wer wird nicht disqualifiziert, in Grund und Boden verdammt? Doch da und dort hat er recht, das ist verführerisch: Handelt nicht die EZB bedenklich, macht nicht die EU Fehler?

Er will nichts bessern, reformieren. Dann müsste er das Pro und Kontra abwägen. Nein – er will Anderes, nur was denn wirklich? Oder ist ist dies nur hohles Krawall-Schlagen, um die Menge Benachteiligter zu befriedigen? Also Bestätigung von Ressentiments? Als ich berichte, mich mit Dr. Wallentin zu befassen, sagt mir ein Politologe: „Das lohnt sich nicht. Er will das bestehende System destabilisieren„. Was heißt: Indem er es gnadenlos kritisiert, unterminiert er eine tragende Säule nach der anderen in unserem Demokratie-Gebäude – bis es vielleicht einstürzt. Es kann sein, dass er sich dessen gar nicht bewusst ist, aber seine Kommentare sind „Wirkungsformen“!

Die Sonntagsbeilage der „Krone“ ist bunt, mit schönen Landschaften, volkstümlichen Trachten, mit Worten zum Sonntag vom Herrn Kardinal, mit Erotiktipps und Reisebildern. Die Leserinnen und Leser genießen es entspannt, und da schleicht sich das verborgene Gift der Worte von Tassilo ein und schlägt messerscharf in die sanft gestimmte Sonntagsherzen.

Die Kritik am „System“ war ein Kampfbegriff in den 30-iger Jahren: Und da sich damals die Demokratien durch den Streit allzu kleiner Parteien lähmten, schlug die Stunde und tödliche Chance einer einzigen Partei. Wollen wir das? Will es die „Krone“? Die Ibiza-Affäre hat deren Chefredakteur nachdenklich gemacht. Was ist Absicht, was kommerzielle Berechnung? Es ist schwer, dies auseinander zu dividieren.

Dr. Tassilo Wallentin macht die Leute (noch) unzufriedener, redet eine Katastrophe herbei. Lohnt es sich darum, wie in meinem vorigen Beitrag, sich mit seinen Dogmen zu befassen? Er will bei uns nicht die Schweizer Demokratie einführen, sondern beweisen: Wir haben keine Demokratie! Sein Echo findet sich in „Krone“-Leserbriefen.

Verdacht schöpfte ich, als Tassilo W. forderte, die UNO abzuschaffen. Ich schrieb ihm, dass Hitler gleich nach Ergreifen der Macht sich von internationalen Bindungen und Organisationen löste, um freie Hand zu haben. Darauf bekam ich von Dr. Wallentin keine Antwort. Die Kommentare von ihm in „offen gesagt“ sind eben nicht offen. Er hat eine andere Agenda: Er will unser politisches System kippen und aushebeln, er übt Totalkritik aus dem Hinterhalt. Was wird dann besser?

Die österreichische Seele und ein Mehr an Demokratie

Hans Högl:
Überlegungen zum Kommentar von Tassilo Wallentin am 22.9. in der „Krone“

Der scharfzüngige Dr. Tassilo Wallentin macht es sich recht leicht: er instruiert uns, die direkte Demokratie à la Schweiz anzunehmen. Als wären wir Österreicher so politikbeflissen. „Österreich braucht die direkte Demokratie nach Schweizer Modell!“ verkündet Dr. Wallentin ultimativ am vergangenen Sonntag.Viele von uns wünschen das, noch mehr t u n so als ob.

Doch ja, mit Parteien sind wir nicht zufrieden. Aber sie sind nicht die ganze Demokratie. Nun – was ist zu tun, wenn wir uns in Schweizer Demokraten verwandeln? Wer es will, muss öfters wählen- vier mal im Jahr. So ist es in der Schweiz. Mehr als vier Wahltermine haben die Leute auch nicht gern, sagt mein Schweizer Bekannter. Aber nicht alle Schweizer sehen Ihren Demokratie-Schatz: Bei der Volksabstimmung am 11.2. 2019 hat nur jeder Dritte gewählt (genau: 37 %). Das ist nicht schön, auch nicht für die Schweizer Demokratie.

Nur in ein paar Landgemeinden wird noch mit Handheben abgestimmt. Vor einer Abstimmung bekommt der Schweizer Bürger 3 Wahlzetteln für 3 Bereiche: für seine Gemeinde, für den Kanton und für die gesamte Schweiz. Seine Wahl trifft er oft postalisch. Am Tag der Wahl werden die Briefkuverts geöffnet oder man geht direkt zur Wahlurne.

Und dass jeder Wiener, jede Wienerin vier mal im Jahr wählen gehen soll! Na` geh! Da sind die Gesetze umzubauen, und es braucht eine österreichischen Seele ohne monarchistische „Gene“. Das geht nicht so schnell mit uns. Das braucht Jahrzehnte! Nur net` hudeln! Übersehen wird: Eine Schweizer Volksabstimmung kann sich über zwei bis vier Jahre hinziehen. Vorher wird viel und ernsthaft und langsam alles erörtert und nicht nur Schmäh geführt.

Dr. Wallentin kritisiert die Parteien. Und er hat recht. Aber wie ist es denn in der Schweiz? Es gibt dort noch mehr Parteien, sogar Grünliberale. Wir können weder in der Familie noch am Stammtisch die diversen Meinungen abschaffen und auch nicht die Interessensgruppen. Das sollen ja die Parteien sein. Leider lieben sie sich selber manchmal zu viel.

Doch jedem Kind ist klar, dass die Parteien nicht selbst bestimmen dürften, ob und wieviel an Förderung sie vom Staat bekommen. Das müsste ein Weisenrat entscheiden oder oder zumindest der Rechnungshof genau kontrollieren Ja, das Wort Partei ist in Verruf gekommen, aber so schlecht geht es uns in Österreich meistens auch nicht! Oder? Oder wollen wir eine Einheitspartei, Dr. Wallentin?

Mir gefällt der Bürgerrat in Vorarlberg. Da werden ganz bunt Menschen aus dem Ländle nach Zufall ausgewählt, die sich dann anderthalb Tage mit Landesthemen befassen. Und das Resumé wird dem Land vorgelegt, und es prüft das und antwortet dem Bürgerrat. Auch in Deutschland wird ein Bürgerrat erprobt.

Wer direkte Demokratie will , muss viel Zeit investieren