Archiv der Kategorie: Studien / Rezensionen

Skandale immer und überall

Der digitale Pranger laut Publizistikprofessor Bernhard Pörksen

Hans Högl: Kontrollverlust.Buch:“Die grosse Gereiztheit“ (Teilrezension Kap. 5)

Das weltweite Netz bietet enorme Chancen für die politische Teilhabe breiter Kreise. Und so kommen Sachverhalte ans Tageslicht, die früher nie beachtet oder tabuisiert wurden. Den traditionellen Redaktionen steht nicht mehr ein homogenes Publikum gegenüber, das sich fallweise in Leserbriefen meldet. Das Netz erlaubt, dass jeder mit Wort und Bild aktiv werden kann. Das einst zur Passivität verdammte Publikum hat an Einfluss gewonnen (S. 159).

Und Pörksen räumt ein:“Es gibt durchaus relevante Enthüllungen von Ungerechtigkeit, Gewalt und Übergriffen, die allein deshalb bekannt werden, weil jemand im richtigen Moment mit seinem Smartphone ein Video dreht und den Film später online stellt“(.S. 178).

Meldungen im Netz können ungeahnte Folgen für Betroffene haben, die in Twitter anscheinend harmlos klingende Infos ins Netz stellen. So schrieb Justine Sacco, eine PR-Managerin aus New York, die nach Afrika flog, auf Twitter: „Hoffentlich bekomme ich kein Aids.Ich mache nur Spaß. Ich bin weiß.“ Ein Journalist entdeckt den Tweet,er hat 15.000 Follower.Tausend Empörte schalten sich ein. Als sie in Südafrika am Flughafen landet, warten schon Fotografen auf sie. Ihren Südafrikaurlaub bricht sie ab, Hotelangestellte würden mit Streik drohen, wenn sie erscheint (S.160f.). Ihr Dienstgeber in New York feuert sie.

Die Folgen von solchen Ereignissen sind Publikumsurteile, ohne dass wie in Gerichten eine Verteidigung möglich ist. Früher entschieden maßgebliche Redakteure, ob ein Fall z.B. von Korruption und dergleichen aufgegriffen wurde.

Diese neue digitale Situation nennt der Autor die fünfte Gewalt. Sie betrifft nicht nur Prominente, sondern auch unbekannte, harmlose Menschen (S.159). Erst im Nachhinein, auf Basis einer gründlichen Analyse von Einzelfällen, lässt sich das Ausmaß von unbedachten Twitter- und Facebook-Meldungen erahnen. Und es tut nichts zur Sache, wenn das Buch vor ein paar Jahren, nämlich 2018 erschien. Und wer Falschmeldungen korrigiert, provoziert dadurch besonderes Interesse. Es gibt kaum eine effektive Rechtfertigung.

„Zum anderen arbeiten auch klassische Medien mit Pseudo-Aufregern, Prangermethoden und frei erfundenen Geschichten, die Klickzahlrekorde, Auflage und Quote versprechen.“ Im Furor der Skandalisierung geht auch im Journalismus die Orientierung an einem Ethos der Aufklärung verloren (S.178).

Im September 2015 verbreitete das britische Boulevardblatt „Daily Mail“ die Geschichte, der damalige Premierminister habe während der Initiationszeremonie des Männerclubs Piers Gaveston Society „eine obszöne Handlung mit dem Kopf eines Schweines vollzogen“ und „einen intimen Körperteil in das Tier eingeführt“ (S.179). Ein paar Tage nach der Veröffentlichung stellte die verantwortliche Daily-Mail-Reporterin Isabel Oakeshott klar: „Sie wisse auch nicht, ob diese Geschichte stimme, aber sie sei nun mal im Umlauf. Die Leute müssen selbst entscheiden, ob sie der Sache Glauben schenken oder nicht, so meinte sie, nach Belegen gefragt.“ (S.179).

NB. -Und jetzt behaupte noch wer, das Publizistikstudium sei unnötig. Leider schleifen sich in der Praxis des journalistischen Berufes auch bedenkliche Verhaltensweisen ein, die selten so extrem sind. Und der Wiener Essayist Franz Schuh betonte kürzlich in der „Wiener Zeitung“ (22.6.22):“Es hat mir nichts auf der Welt ein solches wunderbares Leben ermöglicht, wie der Computer. Das sei ein unfassbarer Fortschritt für einen Schreiber.“

Die große digitale Gereiztheit

Was digitale Erregtheit bewirkt.

Ein Fall, der mir Stunden nach dem Lesen präsent blieb : Ein Bericht im Buch „Die große Gereiztheit“ von Publizistikprofessor Bernhard Pörksen. Der Text spielt nicht auf aktuelle Ereignisse an.

Hans H ö g l

Es ist der 12. Januar 2016 in Berlins Häuserschluchten. An diesem Tag lügt die 13-jährige Lisa die Mutter an, nachdem sie 13 Stunden nicht auffindbar war. Lisa ist am Vortrag auf dem Weg zur Schule verschwunden. Sie war die Nacht über nicht zu Hause, und die Familie hat sie als vermisst gemeldet. Nun berichtet das russischstämmige Mädchen, drei südländisch aussehende Männer hätten sie in ein Auto gezerrt, in eine Wohnung gebracht, geschlagen, vergewaltigt.

Später stellte sich heraus, dass es Schulprobleme gab und man ihre Eltern zu einem Gespräch einbestellt hatte, vor dessen Ausgang sich Lisa fürchtete. Später wird klar, dass es in der Nacht keine Vergewaltigung gegeben hat, sondern sie verbrachte die Nacht bei einem Freund, der ihr nichts angetan hat und dass Lisa sich selbst verletzt hatte, was von der Horrornacht herrühren sollte.

Aber die Lüge in der Familie diffundierte durch die digitale Welt. Schon am 14. 1. 2016 brodelt es in der russischsprachigen Gemeinschaft auf Facebook und Twitter. Und es kursiert das Gerücht, die 13-jährige sei von Migranten missbraucht worden, Politiker und Medien würden den Fall vertuschen. Im ersten Fernsehkanal Russlands behauptet am 16. Januar die Moderatorin, die Menschen in Deutschland seien angesichts der vielen Flüchtlinge nicht mehr sicher. „In den Städten herrsche längst Gewalt und Chaos.“ Ein russischer Korrespondent berichtet, Lisa sei „dreißig Stunden vergewaltigt“ und dann auf die Straße geschmissen worden. Und die Polizei habe nach dem Verhör des Mädchens nichts getan. Ausschnitte aus der TV-Sendung werden millionenfach geklickt. Die rechtsextreme NPD veranstaltete eine Kundgebung und fordert die Todesstrafe für Kinderschänder.

Dann ist in Medien die Rede von fünf Vergewaltigern. Russlanddeutsche demonstrieren in verschiedenen Städten. Vor dem Kanzleramt in Berlin tauchen 700 Demonstrierende auf und rufen: „Unsere Kinder sind in Gefahr“. Im digitalen Paralleluniversum haben sich Agitatoren des Themas angenommen. Man attackiert die Polizei, Politik und etablierte Medien.

Es stellt sich heraus, den Fall hat es nicht gegeben, doch die Geschichte ist auf unzähligen Seiten zur Gewissheit geworden. Der russische Außenminister S. Lawrow wirft den deutschen Behörden vor, aus Gründen politischer Korrektheit, dem Verbrechen nicht nachzugehen, was vom damaligen deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier scharf zurückgewiesen wird.

„Ein paar Tage später erklärt die Staatsanwaltschaft abschließend, dass das Mädchen das Verbrechen „erfunden habe“ (S. 12).

Pörksen schreibt dazu : Der Fall mache klar, dass Gerüchte sich zu Themen verdichten, zu denen sogar Außenminister zweier Länder sich äußern. Ohne die indiskreten Medien des digitalen Zeitalters hätte es die Ereignisse rund um das 13-jährige Mädchen Lisa „so nicht gegeben“ (S. 12). Das zitierte Buch (2018) handelt von neuen Plattformen und Wegen aus der kollektiven Erregung.

Offenes Wort zur Literaturkritik

Immer die Gleichen treten auf. Überforderung bei Literaturkritik erscheint unverkennbar.

Hans Högl

Was die größten Herausforderungen und Probleme für die Literaturkritik heute sind, diese Frage beantwortete der Autor Stefan Gmündner. Angeregt wurde ich durch seinen Text in der Zeitschrift „Die Sichel“. Literatur u. Debatte Nr. 6 – Mai 2022. Dies führte mich zur Antwort in „volltext“.

Lesen kostet Zeit. Rezensieren erst recht. Im Schnitt bedarf eine Literaturkritik sechs Stunden Lese- und fünf Stunden Schreibzeit. Da konnte der Rezensent 2016, als der Beitrag geschrieben wurde, stolze 150 Euro entgegennehmen. Vielleicht sind es heute 2022 um die 200 €.

Noch der verrückteste Überzeugungstäter wird, was den Aufwand betrifft, hierbei die Kirche im Dorf oder den Hengst im Stall lassen. Der Zeitmangel bei Redakteuren und Freien schlägt auf die Qualität. In den meisten Printmedien wird klassischer Literaturkritik eher weniger Platz eingeräumt. Das führt zur fatalen Tendenz von Kurz- und Kürzest-Rezensionen….

Zunehmend wird sichtbar, dass viele Jurys, die Literatur fördern und finanzieren, mit immer denselben Kritikern besetzt werden. Und die gleichen treten im Fernsehen auf, und es bildet sich eine Konzentration auf einige wenige Namen, Netzwerke und Seilschaften, die zu einer Hermetik des Preis- und Stipendienwesens führen. Immer die gleichen Autoren werden ausgezeichnet oder finanziell unterstützt. Zudem lässt sich die Literaturkritik zunehmend durch eventbasierte Berichterstattung die Agenda diktieren.

Immer weniger Christinnen und Christen

Österreich: Die Zahl der Katholiken und Protestanten sinkt dramatisch, die der Muslime, Orthodoxen und Konfessionslosen hingegen steigt stark an.

Hans Högl – übernommen von „Ja- Die neue Kirchenzeitung“

6,9 Millionen Menschen in Österreich – also 77,6 Prozent der Bevölkerung – bekennen sich zu einer Religion, rund 2 Millionen (22,4 Prozent) fühlen sich keiner Glaubensgemeinschaft zugehörig. Dies sind Ergebnisse, welche die Statistik Austria im Auftrag des Bundeskanzleramts 2021 durchgeführt hat.

Rund 6,1 Millionen Männer und Frauen in Österreich bekannten sich 2021 zum Christentum, das entspricht einem Anteil von rund 68,2 Prozent an der Gesamtbevölkerung.

4,93 Millionen Personen (55 Prozent) waren laut Statistik Austria 2021 Mitglied der Römisch-katholischen Kirche, rund 340.300 Personen bzw. 3,8 Prozent waren evangelisch (A.B. und H.B). Zur Orthodoxen Kirche bekannten sich 436.700 Personen bzw. 4,9 Prozent der Bevölkerung. Dazu kommen noch die orientalisch-orthodoxen Christen…die knapp 20.000 Personen ausmachen, sowie die Altkatholische Kirche (ca. 4.700 Mitglieder), die Freikirchen (35.300 Mitglieder), die Methodistische Kirche (2.000 Mitglieder) oder die Neuapostolische Kirche (4.100 Mitglieder)….

745.600 Personen in Österreich (8,3 Prozent der Bevölkerung) fühlten sich dem Islam zugehörig, 26.600 (0,3 Prozent) dem Buddhismus und 10.100 (0,1 Prozent) dem Hinduismus. Für die Israelitische Religionsgesellschaft werden 5.400 Personen (0,1 Prozent) genannt.

Der Anteil der Konfessionslosen ..war in Wien mit über einem Drittel (34,1 Prozent) am höchsten, gefolgt von der Steiermark (22,6 Prozent) und Niederösterreich (20,5 Prozent). 17,9 Prozent der christlichen Bevölkerung Österreichs hat Migrationshintergrund, im Islam sind es 91,9 Prozent.

Veränderungen seit 1951: 1951 waren noch 89 Prozent der Bevölkerung Mitglied der Römisch-katholischen Kirche. 2001 waren es 73,6 Prozent. 2021 lag der Wert bei 55,2 Prozent. Während die Zahl der Bevölkerung evangelischen und altkatholischen Glaubens in diesem Zeitraum ebenfalls beständig abnahm, gab es eine signifikante Zunahme bei Angehörigen der orthodoxen Kirchen sowie des Islam.

Bekannten sich 1971 gerade einmal 22.300 Personen (0,3 Prozent der Bevölkerung) zum islamischen Glauben, waren es 2021 um rund 720.000 Personen mehr.

Ähnlich erhöhte sich die Zahl der orthodoxen Gläubigen in Österreich allein in den vergangenen 20 Jahren von 179.500 im Jahr 2001 bis 2021 auf 436.700. Für die Orientalisch-orthodoxe Kirche wurden keine entsprechenden Daten genannt.

Der Anteil der Bevölkerung ohne Religionsbekenntnis ist ebenfalls stark gestiegen. 1951 betrug die Zahl der Konfessionslosen 264.000 (3,8 Prozent), 2001 waren es 963.300 (12 Prozent) und 2021 eben knapp 2 Millionen (22,4 Prozent).

Armeeforscher aus China in Europa (Schweiz)– Ein Risiko?

3000 Kooperationen von chinesischen Militärforschern an Hochschulen Europas

Hans Högl

Die niederländische Investigativplattform Follow the Money und deutsche Kollegen vom Recherchezentrums Correctiv haben die akademischen Beziehungen zwischen Europa und China untersucht.

Gefunden wurden 3000 Kooperationen mit Forschern an chinesischen Militäruniversitäten. Ein Professor an der hoch angesehenen Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (= ETH) berichtet von einem chinesischen Doktoranden, der die Ortung von Personen in Innenräumen verbessern wollte. Nach Abschluss der Arbeit brach der Kontakt ab, heute arbeitet der Mann für Huawei. Im Nachhinein machten ihn die Verbindungen von dessen Doktorvater zum Militär stutzig, sagt der ETH-Professor.

Die Redaktion der Neuen Zürcher meint (online 23.5.22) Die Kooperation mit China ist für die Schweiz lohnend, weil China etwa der Nanotechnologie weltweit führend ist. Auch finanzielle Anreize spielen eine Rolle: Allein die Stiftung ETH erhielt seit 2016 rund 12 Millionen Franken an nicht zweckgebundenen Schenkungen von chinesischen Unternehmen.

Doch dies wird auch als problematisch gesehen: Was Chinas Militärforscher in der Schweiz an Wissen erwerben, könnten sie direkt der Armee und dem Unterdrückungs- und Überwachungsstaat von Präsident Xi Jinping zur Verfügung stellen. Der Nachrichtendienst des Bundes warnt daher vor möglichen Risiken.

Plastik-fressendes Enzym. Good News

„Stern“-Schnuppen

Hans Högl- Gute Nachrichten im Magazin „Stern“ (12.5.2022, S. 18)

1. Wissenschafter der Universität Texas haben ein Protein (Enzym) entwickelt, das Plastik frisst und zerfallen lässt.

2. In Norwegen nahm das erste vollelektrische Containerschiff den Testbetrieb auf. Das Schiff wird 2 Jahre auf kurzen Strecken unterwegs sein, mehr geben die Batterien noch nicht her. Trotzdem: revolutionär.

1945: Landkrimi und Wirren in Alpenfestung

Hans Högl. Buchrezension.
Günther Marchner (2022): Das Innere des Landes, Salzburg. (A. Pustet).

Am Rande des steirischen Salzkammergutes lebt der Verfasser, in einer Landschaft mit Namen „Hinter“-Berg. Doch er werkt beruflich in der Stadt. Diese Doppel-Bödigkeit durchströmt das Buch, das man nicht so schnell aus der Hand legt, es hat einen Krimi-Spannungsbogen und gleichzeitig erfahren wir von Schicksalen in den letzen Monaten des Zweiten Weltkrieges, von Nazi-Fluchten und -schätzen und dem bitteren Fall einer Erbgeschichte kleiner Leute.

Der Verfasser ist ein Ver-Führer. Erahnen die Leser:innen, dass er Fachhistoriker und Entwicklungsplaner ist? Flüssig, hintergründig und nicht unkritisch liest sich das Buch. Die gekonnt kurzen und verständlichen Sätzen fließen dahin, vertiefen quasi nebenbei Unbekanntes aus der Alpenfestung des Dritten Reiches. In der Erb- und Auswanderungsgeschichte bergen sich Wirren um 1945. Es ist eine Tief-Bohrung in diese prächtige Gegend mit einer Dreifaltigkeit von Bergen, Seen und Landschaft, doch anders als in „Sound of Music“.

Das Buch „Das Innere des Landes“ von Günther Marchner wurde kürzlich im Eike-Forum im Wolferlstall in Bad Mitterndorf mit Musikbegleitung von Toni Burger öffentlich präsentiert,und es wurde viel Interesse bekundet. Denn dem Autor gelingt es, in den Romankrimi geschickt Zeitgeschichtliches und Aktuelles eines reflektierenden Einheimischen einzuflechten.

Vordergründig haben wir eine spannende Story dazu, wie es einer Frau ergeht, die ein Haus erbt, das ursprünglich ihrem Mann gehörte, der in den letzen Kriegstagen 1945 stirbt. Dann trifft sie gerüchteweise das Wort Erbschleicherin… Sie wanderte nach Amerika aus, ihr Haus vermietet sie ohne Vertrag, und nach ihrem Tod sieht ihr Sohn John nach dem Rechten – bei einem Notar. Es blieb Einiges ungeklärt. Die Kriminalgeschichte hat eine doppelte Würze – das familiäre Drama und die einstürzende und sich neu eröffnende Welt um 1945.

Ein paar Texte zur Illustration:

Frau Gruber sitzt im Salettl und klärt John über Land und Leute auf. Sie: Ich bin hier aufgewachsen, aber eigentlich bin ich nicht von hier. Ich bin ländlich und zugleich städtisch, eine urbane Hexe. So lebe ich ..in einer Zwischenwelt. „Diese Gegend ist … eine merkwürdige Mischung aus bürgerlicher Urbanität und spielerischer Landromantik…“

Hier gibt es viel Eigensinniges, viele Spinner und Eigenbrötler, einen verbreiteten Widerstand gegen die unhinterfragte Übernahme alles Neuen (S. 43).

Ein Mann am Stammtisch meint: „In der Gegend wimmelt es von Historikern, akademischen, selbsternannten und volkstümlichen, Landschaftsverschönerern, Kritikern und Beschönigern, Aufdeckern und Zudeckern. Natürlich gibt es auch penible, wissenschaftlich geschulte Menschen mit kritischem Blick, die sich um mehr Transparenz zu den Leichen in den Kellern bemühen, lacht er.“ (S. 73)

Angstgefühle und Panik in der Moderne

Die fulminante Edvard-Munch Ausstellung in der Albertina in Wien genießt große Aufmerksamkeit, im Besonderen das Bild „Der Schrei“. Es symbolisiert Angst- und Panik- Lebensgefühle auch in der Moderne – ob es um Klimaangst, Corona oder den Ukraine-Krieg geht.

Hans H ö g l

Das Bild „Der Schrei“ ist ein Extremausdruck von Angst, Panik, Schrecken. Nicht ein bestimmter Mensch zeigt das Entsetzen, sondern einer für alle. Ein Bild, aus der Lebensangst von Munch geboren, nimmt uns in die Existenzangst des Künstlers hinein. Hier revoltiert Munch gegen den Naturalismus und Impressionismus, und das Bild „Der Schrei“ wird Ikone des Expressionismus- gestaltet 1893 und 1910 – ein Sinnbild unserer letzten Jahrhunderte mit schrecklichen Katastrophen und Ängsten und zwar auch in einer säkularen, aufgeklärten Welt, die nun seit mehreren hundert Jahren die Welt dominiert.

Wer sich z.B. nicht nur mit den Verbrechen des Nazismus, sondern auch mit denen in Russlands Vergangenheit befasst, wie ich kürzlich, findet die Brutalität und Menschenverachtung – schon am Ende der Französischen Revolution und imitiert von Lenin in der Russischen Revolution und die systematisch geplanten Hungersnöte in der Ukraine um 1930 schon beim Lesen (!) unerträglich.

Warum dies so war, danach fragt der frühere Maoist und französische Spitzenhistoriker Stéphane Courtois in dem im deutschsprachigen Raum kaum rezipierten, beziehungsweise verdrängten Werk „Die Verbrechen des Kommunismus“ p. 793-825 (1998 Piper). Und wie die Mannschaft um Putin heute in der Ukraine werkt, ist ebenso bedenklich wie die Brutalität des Westens – so im Irak und Chile und Vietnam usw., obgleich sich der Westen so gern scheinheilig auf individuelle Menschenrechte beruft.

Im „Schrei“ wird der Mensch Symbolfigur für das Sich-Verlieren des Einzelnen im Ganzen: Die Urangst der Gesellschaft am Beginn der Moderne.

Edvard Munch hat die Angstattacke beschrieben: Ich ging den Weg entlang mit zwei Freunden. Die Sonne ging unter. Der Himmel wurde plötzlich rot. Ich stand zitternd vor Angst. Und ich fühlte einen lauten, unendlichen Schrei durch die Natur. So beschreibt es Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina. Das Interview findet sich im Massenblatt der „Krone“.

Die Ausstellung über das Werk von Munch ist in Wien bis 19. Juni zu sehen – in chronologischer Reihenfolge – vor allem das Spätwerk. Es werden auch thematisch ähnliche Werke anderer Künstler gezeigt – so von Andy Warhol, Miriam Cahn und Peter Doig.

NB. Auffällig ist: Ich habe drei Medien-Rezensionen vor mir. Das Bild „Der stumme Schrei“ ist zwar abgebildet, doch nirgends findet sich ein Hinweis, dass dieses Bild selbst nicht in Wien ausgestellt wird. Auf Nachfrage erfahre ich, dass es nicht entliehen wird.

Wienerwald – Grüngürtel Wiens gerettet

Medientipp zur TV-Theke ORF III. : Der Offizier Josef Schöffel aus Mödling schrieb u.a. Pressekommentare. Kaiser Franz Josef löste 1872 den Vertrag über die Abholzung des Wienerwaldes. Wald als Erholungsgebiet-schon 1870 gesehen.

Wienerwald – Habsburgs grüne Sünde ORF III 2022

30. März, 02:40 Uhr (Wiederholung)30.03., 02:40 Uhr (Wh)
02. April, 08:40 Uhr (Wiederholung)02.04., 08:40 Uhr (Wh)
04. April, 02:10 Uhr (Wiederholung)04.04., 02:10 Uhr (Wh)

Über die Rettung des Wienerwaldes um 1870. Damals stand der Wienerwald knapp davor, abgeholzt zu werden. Das gesamte Areal könnte heute komplett zersiedelt und betoniert sein.

Das Kaiserhaus war hoch verschuldet und wollte die Kassen auffüllen. Das Finanzminsterium machte nicht davor Halt, die grüne Lunge Wiens und zugleich ein landschaftliches Juwel zur Abholzung freizugeben – den Waldgürtel um Wien.

Um schnell an Bargeld zu kommen, schloss man einen Monopol-Vertrag mit einem großen Holzhändler ab, der für wenig Geld weite Teile des Wienerwalds rund um den Anninger ohne Wiederaufforstung schlägern durfte. Doch er hatte nicht mit dem Aktivisten Josef Schöffel gerechnet – ein Mödlinger, der eine hartnäckige Medienkampagne gegen die Abholzung startete, wie es sie noch nie zuvor im Kaiserreich gegeben hatte. Die damals noch ganz neu eingeführte Pressefreiheit machte dies erstmals möglich.

Ukraine: Mächte und Menschen-Rechte

Kriegsursachen jenseits der täglichen Medienflut

Hans Högl

1948 wurden die Menschenrechte verkündet, und darum wird seitdem der 10. Dezember als Tag der Menschenrechte begangen. Schon lange vor dem 10. Dezember 2022 kennen wir, wie der Krieg um die Ukraine sein Ende findet. Nach dem Dreißigjährigem Krieg kam es 1648 zum Friedensschluss, nach den Napoleonischen Kriegen fand Europa 1815 eine Vereinbarung, die – wie fragwürdig auch immer- Frieden schuf. Und 1948 – nach dem furchtbaren 2. Weltkrieg- entschieden sich die meisten Staaten der Welt im Sinne der Vernunft für die Menschen“rechte“.

Wer authentisch die Menschenrechte befürwortet, tut gut daran, trotz ideeller Gesinnung zu sehen, wie in der Regel Realpolitik vor sich geht. Auch jetzt. Viele Bücher und viel Mediengerede sind beiläufig,fragen nicht nach den Hintergründen, doch manche Bücher, ja Bücher (1) schrieben sich ins wissenschaftlicher Langzeit-Gedächtnis – wie der Text jenseits jeder Ethik: „Der Fürst“ von Machiavelli.

Und fast nur aus einer Machtperspektive – und zwar jener der Weltmacht USA – schrieb 1977 der gebürtige Pole und Berater von US-Präsident Carter (1977-1981) das Buch mit dem englischen Titel „Das große Schachbrett“ (der Welt). Das Fischer Taschenbuch (7. Aufl. 2003) heißt: „Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft“. Wir entnehmen dem Buch einige Äußerungen im Hinblick auf die aktuellen Ereignisse in der Ukraine.

Amerikas potentielle Herausforderer sind ausnahmslos eurasische Staaten (Brzezinski 2003, 57). Die Dominanz auf dem eurasischen Kontinent (von Lissabon bis hinter Sibirien) ist Bedingung für globale Vormacht. Die USA, als außer-eurasischer Macht, hat Truppen an drei Randgebieten in Eurasien präsent. Irgendwann könnte (so Brzezinski p. 64 f.) ihr ein potentieller Nebenbuhler um die Weltmacht erwachsen. Die Hauptziele für globale Macht lauten: „Absprachen zwischen den Vasallen zu verhindern“ und ihre Abhängigkeit in Fragen der Sicherheit zu bewahren (p. 65 f.).

Es gibt (Stand 1977) fünf geostrategische Hauptakteure und fünf Dreh-und Angelpunkte in Eurasien zu ermitteln: Frankreich, Deutschland, Russland, China und Indien sind Hauptakteure, während Großbritannien, Japan, Indonesien zwar sehr wichtig, aber keine Hauptakteure sind. Die Ukraine, Aserbeidschan, Südkorea, die Türkei und der Iran stellen entscheidende, geopolitische Dreh- und Angelpunkte dar.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion war für sie am beunruhigendsten 1991 der Verlust der Ukraine, da mehr als 300 Jahre russischer Reichsgeschichte gegenstandslos wurden, und es war der Verlust einer reichen industriellen und agrarischen Wirtschaft. Die Unabhängigkeit der Ukraine beraubte Russland seiner beherrschenden Position am Schwarzen Meer mit Odessa (die Krim wird nicht genannt) und machte es „fassungslos“- so Prof. Zbigniew Brzezinski.

Und dies gilt 2022 auch für Putin, der Russland im Zugriff der Nato sieht und darum den opferreichen und bestürzenden Ukrainekrieg auslöste. Wer seine ganze Rede – wiedergegeben im deutschen „Handelsblatt“- gelesen hat, wird ihm eine brutale Rationalität zugestehen, die aber von falschen Prämissen über das Brudervolk der Ukraine ausgeht. Die Sowjets meinten irrtümlicherweise auch, dass die Polen und Ungarn 1956 und die Tschechen 1968 ihre Panzer begrüßen würden…..