Archiv der Kategorie: Studien / Rezensionen

Investigativer Journalismus: Positiver Trend für Österreich

In vielen Ländern sind finanzielle Mittel für investigativen Journalismus weitgehend erschöpft. Ein Trend, den die Coronakrise beschleunigt. Allerdings nicht in Österreich: Laut einer Studie arbeiten mehr Journalist*innen als noch vor 10 Jahren investigativ.

Udo Bachmair

Die Überraschung Österreich betreffend ist perfekt. Während weltweit, abgesehen von den skandinavischen Staaten, investigativer Journalismus ums Überleben kämpft, ergeben sich hierzulande positive Zahlen. Das erfreuliche Ergebnis hat jüngst die Euro Media Research Group veröffentlicht. Für Österreich nimmt an diesem Forschungsverbund die Universität Salzburg teil.

Projektleiter Univ. Prof. Josef Trappel sieht Österreich in dieser Causa „ein Stück vorangekommen“. Im Vergleich zu 2009 seien 2019 mehr finanzielle Ressourcen in den investigativen Journalismus geflossen. „Die Sensibilität in Österreich ist gestiegen. Auch der Stellenwert von investigativer Arbeit. Heute sind Zusammenschlüsse zu diesem Zweck zwischen Medien möglich, die vor zehn Jahren noch undenkbar waren“, so Trappel.

In anderen Ländern hingegen fallen ganze Investigativteams Sparmaßnahmen zum Opfer, heißt es in einer Aussendung des Forschungsverbunds. So würden investigative Recherchen oft nur noch von freien Journalistinnen und Journalisten zugekauft oder bei spezialisierten Redaktionsbüros in Auftrag gegeben.

Allerdings setzt die Krise auch die österreichischen Medien unter Druck. Sie behelfen sich laut Prof. Trappel mit Ad-hoc Teams, bündeln Ressourcen gemeinsam mit anderen Medien oder decken die Kosten aus dem laufenden Budget. Die gesamte Studie soll im Frühjahr 2021 öffentlich präsentiert werden.

( Quellen: Universität Salzburg, Der Standard )

Ein Virus, das die Gesellschaft dramatisch verändert

Wir sind mitten drin im Lockdown Nummer 2. Schon der erste hat folgenschwere Auswirkungen. Thema eines bemerkenswerten Buches aus dem Promedia-Verlag, das sich mit Hintergründen und Konsequenzen der Virus-Maßnahmen auseinandersetzt. Titel: „Lockdown 2020“

Udo Bachmair

Ausgangssperren, geschlossene Gaststätten, eingeschränkter Schulunterricht, aufgehobene Versammlungs- und Bewegungsfreiheit, streng kontrollierte Grenzen, etc. haben innerhalb weniger Wochen große Veränderungen mit sich gebracht. Die gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Einschnitte sind die heftigsten seit Jahrzehnten. Gesundheitspolitisch sind laut den Autoren des Sammelbands vor allem jene Länder betroffen, die im Ungeist des Neoliberalismus überzogene Privatisierungsschritte gesetzt und das staatliche Gesundheitswesen geschwächt haben.

Wirtschaftliche Rezession, hohe Arbeitslosigkeit und schwere soziale Verwerfungen werden in dem Buch als Hauptfolgen des Lockdown geortet. Noch gravierender erscheinen die politischen Handlungen: Ohne offene Debatte habe die Politik Hand in Hand mit den Medien Notverordnungen begrüßt und durchgesetzt und Grundrechte beiseite geschoben, Der Ausnahmezustand sei zur neuen Normalität geworden. Dabei wird die Frage aufgeworfen, ob die scharfen Einschnitte im öffentlichen Leben medizinisch gerechtfertigt waren..

Zur Sprache kommt auch die unheilvolle Verknüpfung von Stress, Umweltverschmutzung und Massentierhaltung, die eine Verbreitung von Viren begünstigt. Breiten Raum nimmt in dem Band der Herausgeber Hannes Hofbauer und Stefan Kraft auch die Umgestaltung sozialer Beziehungen und Arbeitsverhältnisse ein. Zudem würden weitere Ungleichheiten in Bildung und Geschlechterverhältnissen zutage treten. Die vermehrte Anwendung von „Künstlicher Intelligenz“ kündige ein kybernetisches Zeitalter an.

Hofbauer, Hannes / Kraft, Stefan (Hg.): Lockdown 2020.
Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu verändern

Promedia 2020. ca. 208 S. 14,8 x 21. brosch.

Print: € 17,90. ISBN: 978-3-85371-473-7.
E-Book: € 14,99. ISBN: 978-3-85371-881-0.

Mit Texten von Ulrike Baureithel, Matthias Burchardt, Suitbert Cechura, Chuang-Blog, Rolf Gössner, Bernhard Heinzlmaier, Hannes Hofbauer, Ursula Holtgrewe, Andrej Hunko, Andrea Komlosy, Stefan Kraft, Jochen Krautz, Armando Mattioli, Alfred Noll, Peter Nowak, Walter van Rossum, Karl Heinz Roth, Roland Rottenfußer, Gerhard Ruiss, Nicole Selmer, Andreas Sönnichsen, Valentin Widmann u.a.

Warum 70 Millionen doch Trump wählten

Trump habe ein breiter US-Anti-Intellektualismus geholfen, analysiert Wolfgang Hochbruck, Univ. Prof. für Nordamerika-Studien) in der Badischen Zeitung (Freiburg i.B.).

Ein Interview mit Wolfgang Hochbruck ausgewählt und gekürzt von Hans Högl :

BZ: War das Ringen um den Sieg für Sie eine Überraschung?

Hochbruck:...Äußerst bedrückend ist es, dass diesem Mann nach vier Jahren kontinuierlicher Lügen und dem unglaublichen Flurschaden mehr als 68 Mill. Amerikaner ihre Stimme gaben.

BZ: Wie kann einer, der lügt, sich rüde verhält und rassistisch äußert, trotzdem millionenfach gewählt werden?

Hochbruck: In den USA besteht seit dem 18. Jahrhundert ein Anti-Intellektualismus und eine Wissenschaftsskepsis. Das wird von der Populärkultur positiv aufgegriffen: Eines der ersten Dramen der US-Geschichte, Royal Tylers „The Contrast“, macht genau das – die männliche Hauptfigur erklärt, sie habe kein Interesse daran, irgendetwas zu lernen, wenn es einen negativen Eindruck vom Land vermittelt.

BZ: Setzt Trump auf eine ordinäre Sprache?

Hochbruck: Natürlich. Der Mann hat sich diese relativ primitive Sprache und diesen Sprachduktus, dieses ständige Wiederholen von einfachen Floskeln, systematisch angeeignet, und er benutzt das als Waffe.- Hillary Clinton hat 2016 verächtlich von den „Deplorables“ – den Bedauernswerten – gesprochen. Das war eine erbärmliche Dummheit und einer der Gründe, weshalb diese Leute nach wie vor zu Trump stehen. Sie fühlen sich von den Demokraten nicht angesprochen, abgehängt.- Die weiße Mittelschicht hat Angst, was zu verlieren. Das ängstigt mehr als das Coronavirus.

BZ: Man hatte zuletzt den Eindruck, dass die demokratischen Strukturen funktionieren….
Hochbruck: …Ja, doch der Senat ist ein Witz – mit zwei Figuren pro Staat, egal ob es sich um fast entvölkerte Landstriche handelt wie in Wyoming oder ob zig Millionen dort leben wie in Kalifornien, Texas oder New York. Das verlangt eine Reform.

BZ: Tun wir Trump auch unrecht, ist das Trump-Bashing berechtigt?
Hochbruck:Trump erinnert uns Deutsche an unsere schlimmsten Zeiten – er ist eine hysterische Mischung aus Kaiser Wilhelm II., Franz-Josef Strauß und Gert Fröbe als Auric Goldfinger in dem gleichnamigen James-Bond-Film; dieses Aufgeblasene, Freche, Unverschämte, diese Haltung „Ich kann hier machen, was ich will“.

Für die 15-Minuten-Stadt: Paris hebt 70.000 Parkplätze auf

Beispielloser ökologischer Umbau von Paris

Quelle: Der Schweizer Blog infosperber.ch „sieht, was andere übersehen“ . Dies ist auch ein Thema der Medienkultur und obwohl seit LANGEM vorgesehen in der Rubrik Medienschmankerl, überrascht es manche. Hans Högl

Die Pariser wussten bei der Wahl, was Anne Hidalgo als Bürgermeisterin will, dass die Sozialistin PARIS zu einer grünen Stadt umbauen will mit kurzen Wegen, mit weniger Parkplätzen und weniger Autos. Der stellvertr. Bürgermeister David Beillard kündigte an, die Stadt werde in den kommenden 6 Jahren 70.000 oberirdische Parkplätze aufheben und umnutzen – zu Grünflächen, Spielplätzen sowie Rad- und Fußwegen.

Damit wird in Paris jeder zweite oberirdische Parkplatz verschwinden, von den 550.000 verbleibenden Parkplätzen befinden sich 480.000 in Einstellhallen. In Paris werden 13 Prozent aller Fahrten mit dem Auto gemacht. So sei es «abnormal», dass Autos 50 % der öffentlichen Fläche der Stadt brauchen.

Ab 2021 soll auf Autostrassen in Paris Tempo-30 gelten – einzige Ausnahme ist die Ringautobahn Périphérique. Das Ziel heisst «15-Minuten-Stadt» – eine Stadt, in der alles, was der Mensch im täglichen Leben braucht, innerhalb von 15 Minuten erreichbar sein soll, so der Lebensmittelhandel, Geschäfte, Parks, Cafés, Arbeitsplätze, Schulen, Sportanlagen, Gesundheitszentren. Und das alles zu Fuss oder mit dem Velo. Beim Autofahren sollen jene bevorzugt werden, die das Auto wirklich brauchen: Logistik, Gewerbe, Personen mit eingeschränkter Mobilität.

Während ihrer ersten 6-jährigen Amtszeit wandelte Hidalgo Schnellstraßen entlang der Seine in Flaniermeilen und Radwege um. Die früher verstopfte, drei Kilometer lange Rue de Rivoli, an welcher der Palais du Louvre steht, ist heute ein Radweg.

Das Konzept der 15-Minuten-Stadt lieferte Prof. Carlos Moreno (Sorbonne) und sagte: «Wir wissen, für Menschen ist es besser, in der Nähe ihres Wohnortes zu arbeiten. Und wenn sie da einkaufen und die Freizeit verbringen, können die Menschen ein ruhigeres Leben führen.»

Jedes Quartier der «15-Minuten-Stadt» soll sechs Funktionen erfüllen: Leben, Arbeiten, Versorgen, Sorgen, Lernen und Geniessen…..Das neue Konzept will nicht nur Autostrassen in Radwege umzuwandeln, sondern will städtische Nähe und Aufenthaltsqualität zu schaffen – so für Kinder. Spielplätze und temporäre Fahrverbote sind im Umfeld von Schulen. Die grösste Schwierigkeit für die 15-Minuten-Stadt ist der Weg zur Arbeit.
Das Konzept stammt von der US- Autorin Jane Jacob, die 1961 den Klassiker «The Death and Life of Great American Cities» verfasste.

Grundrechte für Tiere (Affen)? Zum Welt-Tierschutztag

Zu einer anderswo kaum beachteten Initiative: Für Tierrechte in der Schweiz

Hans Högl

Von allen Tieren sind Affen den Menschen am ähnlichsten – sollen sie Grundrechte erhalten? Am Welt-Tierschutztag und am Tag des Mystikers Franziskus, veröffentlicht der gleichnamige Papst heute ein Rundschreiben. Eine Initiatve in Basel fordert für Tiere, für Primaten, das verfassungsmäßiges Recht auf Leben und auf körperliche und geistige Unversehrtheit. Das Argument: Primaten zeichnen sich aus: durch ihr Gehirn, ihre Sozialstruktur und hohe physische und psychische Leidensfähigkeit.

Basel ist ein weltweit bedeutender Pharmastandort- so wundert es nicht, dass diese kantonale Initiative entstand, ein Sachverhalt -bekannt in sozialethischer Fachliteratur. Es geht um Grundrechte für Tiere. Um dies überhaupt umzusetzen, müssten Primaten rechtlich vertreten werden – so durch einen speziell Beauftragten beim Veterinäramt oder eine Ombudsperson.

Auch der Verfasser dieses Textes bejaht schonenden und schmerzfreien Umgang mit Tieren. Die Basler Initiative ist ein Impuls für ein Gespräch. Am Pharmastandort Basel wurden noch Ende der 1980-er Jahre über 1000 Affen gehalten und in Tierversuchen „auf teilweise schlimme Art und Weise gequält“ (Neue Zürcher 16.9.). Inzwischen haben Tests an Primaten am Forschungsstandort Basel „keine Bedeutung mehr“.

Schon in „Laudato si“ schrieb 2015 Papst Franziskus: „Obschon der Mensch in die Pflanzen- und Tierwelt eingreifen und sich ihrer bedienen kann, wenn es für sein Leben notwendig ist, lehrt der Katechismus, dass Tierversuche nur dann legitim sind, wenn sie in vernünftigen Grenzen bleiben und dazu beitragen, menschliches Leben zu heilen und zu retten.“ (Kap. 130). Sehr vernünftige Worte. Viel aufregender klingt es, vom Grund- oder Menschenrecht für Tiere zu reden.

Vorbilder für westliche Bauelemente aus islamischen Ländern

Dies ist These einer Arabistin. Davon eine außergewöhnlich Buchrezension zum strittigen Thema Islam

Hans H ö g l

Auf Reisen lernte ich islamische Länder kennen: den Iran, die Osttürkei, Marokko, Syrien, Jordanien. Hierbei entstand die Frage, wo die Spitzbögen erfunden wurden. Denn die frühe islamische Kunst kennt sie. War die Gotik davon beeinflusst? Wir erfuhren: Es waren auch Christen, die für den Islam Bauwerke planten und es sei unklar, wer die Priorität für die Spitzbögen habe.

Dazu bot eine Antwort ein Beitrag in der Tageszeitung „Die Presse“ am 8. Sept. 2020 mit dem Titel „Wie schön ist die Gotik, gepriesen sei Allah!“ Und vorweg hieß es: dass das, was „wir für stolze Symbole unserer abendländisch-christlichen Kultur halten, ist fast komplett vom islamischen Morgenland abgekupfert.“ Es war die Rezension eines Buches der Arabistin Diana Darke.

Davon nun ihre zentralen Thesen. Sie löste vorher einen Riesenwirbel aus, als sie schrieb, dass Vorbilder für Bauelemente von Notre Dame in Syrien stünden. Das war Anlass für ihr Buch, und sie belegt, dass die Tore des Domes in Amalfi in Süditalien nicht runde, sondern spitz zulaufende Bogen krönten. Dies erstaunte 1065 den Benediktinerabt von Monte Cassino. Und sein Mitbruder, der Abt von Cluny, kopierte diese Idee beim Neubau seiner Kirche. Und ein weiterer Abt errichtete in St. Denis bei Paris das erste Gotteshaus in rein gotischem Stil. Und seine Steinmetze zogen weiter, um auf der Insel der Seine Notre-Dame zu errichten.

Die Arabistin will hiermit die europäische Bauwerke nicht abwerten, aber doch aufzeigen, „wie stark die Bautraditionen der Kulturkreise ineinander verwoben waren“.

Hallo „Integration“! Paris lässt grüßen

Brennpunktschulen und Gesprächs- und Informationsverweigerung

Hans Högl: Rezension

Nun läuft in Paris der Prozess über die islamistischen Charlie-Hebdo Morde vor fünf Jahren (2015). Moslemische Schulkinder in Wien bejubelten dies einst, und dies wühlte die Lehrerin Susanne Wiesinger auf, und sie publizierte 2018 das weiterhin aktuelle Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer“. Es war ein Outing- ein Aufschrei einer Lehrerin, die 30 Jahre im Schuldienst steht – im „Arbeiter“- Bezirk Favoriten. Wer den Reumann-Platz kennt, erahnt den Wandel der Bevölkerung.

Lebenswelt Brennpunktschule: Regulärer Unterricht ist kaum möglich. Vor 15 Jahren war dies anders. Der islamische Religionsunterricht baue keine Brücken zur säkularen Kultur. Es gibt immer mehr islamische Volksschulkinder in Wien , von 2011 bis 2020 eine Zunahme um 41 % auf 16.680, katholische gibt es 25.947. In Favoriten werden keine Extraräume für Gebete und Fußwaschungen geduldet. Die Autorin ist für einen gemeinsamen Ethikunterricht mit Religionskunde. In Wien ist er denkbar – wie in Ghana.

Die Autorin differenziert nicht, wo Integration Akzeptanz der demokratischen Grundordnung erfordert und was Recht der community ist, muslimisch zu leben. Darf archaische Erziehung der Eltern hingenommen werden? Im Ramadan kommen Kinder müde in die Schule, sie gingen spät schlafen oder wurden sehr früh zum Gebet geweckt. Sie trinken nichts, manche werden ohnmächtig oder fehlen- wie auch sonst. Aber es gibt keine Konsequenzen. Wer Geldstrafen will, gilt quasi als „faschistoid“ (p. 118).

In den Volksschulen von Favoriten haben vier von fünf Kindern (81%) eine andere Umgangssprache als Deutsch, jedes 4. Kind spricht türkisch (25 %), jedes 5. serbo-kroatisch (20 %), deutsch sprechen 18 % (Statistik 2017/18). Deutsch ist zentral für Bildung und Teilhabe. Aber die Hälfte der Kinder (55 %) von Migranten in Wien kann nach 8 Jahren Schule nur ungenügend lesen.

Kinder sind innerlich zerrissen zwischen Familie und schulischem Misserfolg. Es spießt sich im Biologie-Unterricht: Das Bild Nackter ist „haram“- verboten. (War dies nicht vor 35 Jahren weithin ein Problem?). Manche Kinder werden mit Gürteln geschlagen, gegen ihren Willen verheiratet. Lehrer sind auf sich allein gestellt- so bei Konflikten zwischen Türken gegen Roma, Tschetschenen gegen Afghanen. Wer eingreift, riskiert, bespuckt zu werden. Doch inwiefern darf säkulare Erziehung die Einstellungen muslimisch verankerter Kinder umpolen? Der Islam verbietet, ihn infrage zu stellen, so dass Geschlechter gleichwertig sind. Doch diskursives Denken ist Teil westlicher Bildung und Werte. Wie geht dies alles zusammen? Die Autorin fragt, warum Linke den konservativen Islam verteidigen, aber die katholische Kirche kritisieren.

Frau Wiesinger sorgt sich um die Zukunft der schwach ausgebildeten Kinder. Werden sie Arbeit finden? Was tun ohne soziale Hilfen? Eltern sind oft ohne Job, ein Leben von Mindestsicherung und Kindergeld ist schwierig (p. 78 f.) Wiesinger klagt, kein Gehör zu finden. Wer Probleme benennt, isoliert sich, behindert seine Karriere. Im kleinen Kreis ist es anders. Die Folgen: Breiter politischer Vertrauensverlust der Arbeiterschaft.

Was Musikkritiker anrichten

Medien aus Sicht des Dirigenten Franz Welser-Möst. Aufgeregtheit versus Stille

Hans H ö g l- Rezension

Während andere VIPs sich einen Ferrari zulegen, so der Musikkritiker Karl Löbl, ließ sich der Dirigent Franz Welser-Möst eine gediegene Bibliothek einrichten. Und was er liest, überrascht: Heideggers „Sein und Zeit“ und über die Postmoderne. Schon als Kind verschlang er Bücher. Er ist ein spirituell Suchender.

Im Sommer lebt er am Attersee im Salzkammergut. Frühmorgens steigt er auf Berge und erlebt das Werden des Tages. Das Buch des 60-Jährigen spiegelt sein Leben und ist eine Reflexion über die Welt der Musik. In seiner Kindheit sah er nicht fern, sondern lauschte abends seiner Mutter beim Klavierspiel. Wien bietet heute eine Fülle an Konzerten, aber wo wird Hausmusik gepflegt? Musikpflege ist bildend, doch 2017 sind an deutschen Grundschulen 80 % der Musikstunden entfallen. Und siehe da: Welser-Möst lobt die Musikpflege in Rotchina!

Die Ururgroßmutter des Dirigenten war Wienerin. Er selbst, geboren in Linz, wuchs in der Provinzstadt Wels auf, und ein geistlicher Musikpädagoge begeisterte ihn. Eine kleine Notiz lässt aufhorchen: Der frühere Chef der Wiener Staatsoper Joan Holender sah sich auch in der Provinz um Sänger um, förderte und forderte sie.

Seit Jahrzehnten dirigiert der Star das klassische Orchester in Cleveland (USA). Für ihn sind Musikkritiker wichtig, aber er verrät Bedenkliches: Ein Musik-Kritikerin in Chicago brachte Rafael Kubelik, einen exzellenten Dirigenten, schon nach drei Jahren um sein Amt. Den Vogel schoß der Wiener Musikkritiker Franz Endler ab: Seine Rolle als Kritiker gegenüber jungen Künstlern „sei wie die des Jägers für das kranke Wild- es muss herausgeschossen werden“ (S. 135). In Welser-Mösts Zürcher Periode an der Oper stand er von einem Musikkritiker unter Dauerbeschuss. Etwas passte ihm am Dirigenten nicht, dann wurde der Negativist vom Chefredakteur ersetzt.

Auch für solche, für die Musik nicht zentral ist, bietet dieses Buch Lehrreiches. „Das eigentlich Laute ist in Wahrheit das Leise“. Ein Leitmotiv von Welser-Möst ist die Erfüllung der Stille – als Gegenpol zur Schnelllebigkeit heute.

Franz Welser-Möst (2020): Als ich die Stille fand. Brandstätter Wien.

Mehr „Selbstmorde“ als Verkehrstote

Einen anderen Umgang der Medien mit dem „Suizid“ hält Filmproduzent Golli Marboe für wünschenswert

Hans Högl

Der 10. September ist Welttag der Suizidprävention, eine Initiative der Welt-Gesundheitsorganisation (WHO). Ziel ist es, uns für dieses enorme Problem zu sensibilisieren. Das lateinische Wort Suizid bedeutet Selbst -„Mord“, besser Selbsttötung. Medien berichten so gut wie nie über einen Suizid, da er nachgeahmt wird. Das erwies die Suizidwelle zum „Werther“-Roman von Johann W. Goethe. Um dies zu verhindern, vermeiden Medien Berichte drüber.Das ist eine reelle Medienselbstkontrolle. Von Leuten, die sich vor die U-Bahn stürzen, wird nicht berichtet.

Der Filmproduzent Golli Marboe und Obmann des Vereins zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien hat bereits bei der letzten Generalversammlung der Vereinigung für Medienkultur darauf hingewiesen, dass Medien die Frage des Suizids anders gewichten sollten. Seit dem 2.Vatikanischen Konzil gewährt die Katholische Kirche den Menschen, die sich selbst getötet haben, ein kirchliches Begräbnis. Dazu hat die Expertise des österreichischen Psychoanalytikers Dr. Erwin Ringel beigetragen.

Die Wiener Kirchenzeitung bringt in der neuesten Ausgabe (6.Sept.) ein längeres Interview mit Susanne Kummer, einer Bioethikerin. Sie sagt, dass die Suizidrate im Alter zunimmt – auch wegen der Vereinsamung. Auch Jugendliche sind stark betroffen. Zwar sinke die Suizidrate in Österreich kontinuierlich, dennoch gibt es jährlich drei Mal soviel Suizide als Verkehrstote: Im Jahr 2018 nahmen sich in Österreich 1.209 Personen das Leben. Jährlich nehmen sich weltweit rund 800.000 Menschen das Leben.
Für Menschen in Krisensituation gibt es in Wien unter www.suizid-praevention.gv.at eine Anlaufstelle (mit Telefon) oder die Telefonseelsorge Tel. 142 , täglich 0 – 24 Uhr. (www.telefonseelsorge.at)

Perle im Fernseh-Meer des Larifari. Wissenschafter-Biografie

Ein Meisterwerk eines deutschen TV-Films über das Leben des Astronomen Johannes Kepler. Dies im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Bei privaten TV-Anstalten dominiert eher Kommerz mit Unmengen an Schwachsinn. Aber es gibt Ausnahmen.

Hans H ö g l

Die Corona-Wochen gaben mir den Impuls, ungelesene Bücher zu entsorgen. Das Buch „Unser Kosmos“ hatte ich bisher nie angerührt. Und da kam eines zum anderen. Ich vertiefte mich ins Buch, und da bot Fernsehen einen deutschen Film, produziert von SWR,BR und Arte, über Leben und Werk des Astronomen Johannes Kepler. Der Film: ein Meisterwerk einer Wissenschafter-Biografie. Das Anschauliche des Filmes verlebendigte das Buch des US-Astronomen Carl Sagan und darin fesselte mich der Bezug Religion und Astronomie. Kepler, 1571 geboren im württembergischen Städtchen Weil, studierte Theologie in Tübingen, um Geistlicher zu werden, und da er protestantische und mathematische Interessen hatte, wurde er nicht Geistlicher, sondern Mathematik-Lehrer in einer evangelischen Schule in Graz. Doch in Graz griff die katholische Richtung hart durch, da verließ Kepler diese Stadt und wurde obgleich Protestant nach Prag berufen als Mitarbeiter des Astronomen Tycho Brahe am Hof des katholischen Habsburgers Rudolf II. Hier entdeckte Kepler die nach ihm benannten Planetengesetze. Sein Schirmherr Rudolf II. wurde abgesetzt, und Kepler wurde „aufgrund seines kompromisslosen Individualismus in Fragen der Lehre aus der lutherischen Kirche ausgeschlossen“.

Keplers 74-jährige Mutter Katharina wurde als Hexe verdächtigt und in Württemberg bei Nacht und Nebel in einer Wäschetruhe fortgeschafft und „in einem Kerker der Protestanten“ gefangen gehalten und sollte – wie Galilei von den Katholiken – als Hexe gefoltert werden. Ihr Sohn zeigte Widersprüche im Prozess auf, und so wurde Keplers Mutter nur „bei Todesstrafe lebenslänglich aus Württemberg verbannt“. Zwischen 1615 und 1629 wurden in dem Heimatstädtchen Weil jährlich drei Frauen gefoltert und als Hexen verbrannt. Nun: Hexenprozesse gab es auch im puritanischen frühen Amerika. Vgl. Arthur Millers Theaterstück „Hexen von Salem“ mit historischem Hintergrund.

Eine Rückblende zum Bezug Weltbild und Religion: Bekannt sind die Verbrennung des Dominikanermöchs Giordano Bruno als Ketzer und Galileis Probleme mit der Katholischen Kirche. Höchstens beiläufig ist bekannt, dass Kopernikus katholischer Geistlicher war und Martin Luther ihn, den Heliozentriker, als Emporkömmling und Narren bezeichnete. Dies zum Bezug christlicher Konfessionen zum Werden des neuzeitlichen Weltbildes.

Quelle: Carl Sagan „Unser Kosmos“, München 1982, p. 76-79.