Archiv für den Monat: Juni 2022

Umfang der Nato-Aufrüstung

Verlässliche Infos sind nötig – so zur Nato-Rüstung.
Die Sendung Ö1-Diagonal hat vor einiger Zeit die Neue Zürcher besonders lobend hervorgehoben.

Hans H ö g l ( zitiert aus nzz – online )

Die Staats- und Regierungschefs haben sich angesichts der russischen Bedrohung auf eine massive Aufrüstung an der Nato-Ostflanke geeinigt: Die Zahl der einsetzbaren Truppen soll von 40 000 auf 300 000 steigen. Derzeit kommen die Soldaten der schnellen Eingreiftruppe mehrheitlich aus 13 Ländern. Künftig braucht es die Kräfte aller 30 Mitgliedstaaten. Und die Nato muss nach wie vor auch auf nukleare Abschreckung vertrauen.

In der Ukraine ist es zum größten Gefangenenaustausch seit Kriegsbeginn gekommen: Beide Seiten haben nach eigenen Angaben insgesamt knapp 300 Gefangene ausgetauscht.

Bulgarien weist 70 russische Diplomaten aus. Viele Bulgaren fühlen sich dem orthodoxen Bruder Russland traditionell verbunden. Doch der Zuspruch für Putin hat seit Kriegsbeginn stark nachgelassen.

Die Schweiz ist bedroht! Ja?

Negativliste überrascht selbst ein medienkundiges Publikum. Papiersäcke gehen aus!

Hans H ö g l

Im Vorstadtcafé Ritter las ich, dass in der wohlhabenden Schweiz und einer der besten Demokratien der Welt, im Journalismus oft von drohendem Untergang die Rede ist. Dazu eine Dame: Manche wollen gar nicht gute Nachrichten hören. Es ist ein Vorzug Wiener Cafés, dass eine Fülle von diversen Printmedien aufliegen. So findet sich u.a. im Ottakringer „Ritter“: „Le Monde“, die „Süddeutsche“, eine chinesische Zeitung, der „Economist“ und auch die „Weltwoche“. Sie steht der Schweizer SVP um Blocher nahe. Als weltoffener Leser fand ich darin (Nr. 24. 2022) eine Auflistung von drohendem Unheil für die Schweiz. Überall Schrecken. Überall Bedrohung:

„Es droht eine große Hungersnot“ schreibt „Der Blick“, eine Boulevardblatt wie die Zeitung „Österreich“ und die deutsche „Bild“)
„Es drohen Stromausfälle“ (Luzerner Zeitung)
„Es droht ein Chaos-Sommer“ (St. Gallener Tagblatt)
„Es droht schlechte Luft“ (Schweizer Radio)
„Es droht Abstieg“ (Neue Zürcher Zeitung)
„Es droht Versprödung“ (Tages-Anzeiger). Was es ist, wird gefragt. Wichtig: Es ist bedrohlich.
„Der Schweiz droht eine Abfallkrise“ (Sonntagszeitung)
„Der Schweiz droht ein Mangel an Arbeitskräften“ (Aargauer Zeitung)
„Der Schweiz drohen mehr Arbeitslose“ ( 20 Minuten)
„Der Schweiz drohen die Papiersäcke auszugehen“ (St. Gallener Tagblatt)

Skandale immer und überall

Der digitale Pranger laut Publizistikprofessor Bernhard Pörksen

Hans Högl: Kontrollverlust.Buch:“Die grosse Gereiztheit“ (Teilrezension Kap. 5)

Das weltweite Netz bietet enorme Chancen für die politische Teilhabe breiter Kreise. Und so kommen Sachverhalte ans Tageslicht, die früher nie beachtet oder tabuisiert wurden. Den traditionellen Redaktionen steht nicht mehr ein homogenes Publikum gegenüber, das sich fallweise in Leserbriefen meldet. Das Netz erlaubt, dass jeder mit Wort und Bild aktiv werden kann. Das einst zur Passivität verdammte Publikum hat an Einfluss gewonnen (S. 159).

Und Pörksen räumt ein:“Es gibt durchaus relevante Enthüllungen von Ungerechtigkeit, Gewalt und Übergriffen, die allein deshalb bekannt werden, weil jemand im richtigen Moment mit seinem Smartphone ein Video dreht und den Film später online stellt“(.S. 178).

Meldungen im Netz können ungeahnte Folgen für Betroffene haben, die in Twitter anscheinend harmlos klingende Infos ins Netz stellen. So schrieb Justine Sacco, eine PR-Managerin aus New York, die nach Afrika flog, auf Twitter: „Hoffentlich bekomme ich kein Aids.Ich mache nur Spaß. Ich bin weiß.“ Ein Journalist entdeckt den Tweet,er hat 15.000 Follower.Tausend Empörte schalten sich ein. Als sie in Südafrika am Flughafen landet, warten schon Fotografen auf sie. Ihren Südafrikaurlaub bricht sie ab, Hotelangestellte würden mit Streik drohen, wenn sie erscheint (S.160f.). Ihr Dienstgeber in New York feuert sie.

Die Folgen von solchen Ereignissen sind Publikumsurteile, ohne dass wie in Gerichten eine Verteidigung möglich ist. Früher entschieden maßgebliche Redakteure, ob ein Fall z.B. von Korruption und dergleichen aufgegriffen wurde.

Diese neue digitale Situation nennt der Autor die fünfte Gewalt. Sie betrifft nicht nur Prominente, sondern auch unbekannte, harmlose Menschen (S.159). Erst im Nachhinein, auf Basis einer gründlichen Analyse von Einzelfällen, lässt sich das Ausmaß von unbedachten Twitter- und Facebook-Meldungen erahnen. Und es tut nichts zur Sache, wenn das Buch vor ein paar Jahren, nämlich 2018 erschien. Und wer Falschmeldungen korrigiert, provoziert dadurch besonderes Interesse. Es gibt kaum eine effektive Rechtfertigung.

„Zum anderen arbeiten auch klassische Medien mit Pseudo-Aufregern, Prangermethoden und frei erfundenen Geschichten, die Klickzahlrekorde, Auflage und Quote versprechen.“ Im Furor der Skandalisierung geht auch im Journalismus die Orientierung an einem Ethos der Aufklärung verloren (S.178).

Im September 2015 verbreitete das britische Boulevardblatt „Daily Mail“ die Geschichte, der damalige Premierminister habe während der Initiationszeremonie des Männerclubs Piers Gaveston Society „eine obszöne Handlung mit dem Kopf eines Schweines vollzogen“ und „einen intimen Körperteil in das Tier eingeführt“ (S.179). Ein paar Tage nach der Veröffentlichung stellte die verantwortliche Daily-Mail-Reporterin Isabel Oakeshott klar: „Sie wisse auch nicht, ob diese Geschichte stimme, aber sie sei nun mal im Umlauf. Die Leute müssen selbst entscheiden, ob sie der Sache Glauben schenken oder nicht, so meinte sie, nach Belegen gefragt.“ (S.179).

NB. -Und jetzt behaupte noch wer, das Publizistikstudium sei unnötig. Leider schleifen sich in der Praxis des journalistischen Berufes auch bedenkliche Verhaltensweisen ein, die selten so extrem sind. Und der Wiener Essayist Franz Schuh betonte kürzlich in der „Wiener Zeitung“ (22.6.22):“Es hat mir nichts auf der Welt ein solches wunderbares Leben ermöglicht, wie der Computer. Das sei ein unfassbarer Fortschritt für einen Schreiber.“

Krieg und Kriegspropaganda

Ein Krieg geht immer einher auch mit einem Informationskrieg. Kriegspropaganda betreiben alle Kriegsparteien. Besonders gut inszeniert sich dabei die Ukraine. Mit voller Unterstützung westlicher Medien. (Beitrag veröffentlicht im Magazin INTERNATIONAL Juni 2022)

Udo Bachmair

Zwei Hauptnarrative beherrschen den Disput rund um den russischen Krieg gegen die Ukraine: Erstens der Glaube daran, dass Wladimir Putin ausschließlich mit weiteren schweren NATO-Waffen in die Knie gezwungen werden könne. Russlands Präsident würde ausschließlich die Sprache militärischer Gewalt verstehen. Das zweite Narrativ besteht darin, dass immer mehr (schwere) Waffen den Krieg und unermessliches Leid nur verlängern würden und eine weitere Eskalation damit vorprogrammiert sei. Diesem Narrativ schenken westliche Medien weder Glauben noch Aufmerksamkeit. Im Gegenteil: Friedensbewegte, die noch einen Spielraum für diplomatische Bemühungen und sinnvolle Friedensinitiativen sehen, werden als „Putinversteher“ oder naive Pazifisten gebrandmarkt.

Reine Militärlogiker fühlen sich allein schon provoziert von auch nur gemäßigten Äußerungen zur komplexen Causa. So etwa von der Meinung der SPÖ-Vorsitzenden Pamela Rendi-Wagner, Waffen und Sanktionen allein würden nicht ausreichen, um diesen Krieg zu beenden. Man müsse „mit mehr Intensität und Anstrengungen an diplomatischen Lösungen arbeiten“. Diese Perspektive ruft bei Politik und Medien jedoch kaum ein positives Echo hervor. Vielmehr dominieren Verwunderung bis Empörung über eine solche friedensorientierte Position. Im Besonderen Boulevardmedien scheinen einander in Kriegsrhetorik und Dämonisierung Putins und Russlands überbieten zu wollen.

Die regelmäßigen Auftritte des ukrainischen Präsidenten Selenskyj, einmal im Tarnanzug, festen Schrittes durch Kiew marschierend, einmal im olivgrünen Militärleibchen in einem beflaggten Studio, verfehlen ihre Wirkung nicht. Unermüdlich appelliert der zum Helden stilisierte Staatschef mit martialischen Worten an den Westen, speziell die NATO, weitere schwere Waffen zu liefern. Die schon vor dem Angriffskrieg Russlands seit Jahren bereits mit westlicher Hilfe aufgerüstete Ukraine kann auf weitere massive Waffenlieferungen hoffen. Politik und Medien im Westen begleiten sie dabei mit wohlwollender propagandistischer Unterstützung.

Was den Informationskrieg betrifft, der jeden Krieg begleitet, wirken westliche Medien nahezu gleichgeschaltet. Jenseits aller Objektivitätskriterien, die man sich als Medienkonsument gerade auch in der außenpolitischen Berichterstattung wünschen würde, dominiert einseitiger medialer Mainstream. Die Russen generell böse, die Ukrainer generell gut, so lautet vielfach die Devise. Dass damit weiterer Hass geschürt und eine noch spärlich vorhandene, aber noch mögliche Gesprächsbasis endgültig zunichte gemacht wird, interessiert nur marginal.

Vernebelt vom Schwarz/Weiß-Denken und dem Festhalten an einem starren Freund/Feind-Schema stellen westliche Medien ukrainische Quellen als ernstzunehmend dar, hingegen alles, was von russischer Seite kommt, als völlig unglaubwürdig und propagandistisch. Freilich ist es für journalistische Arbeit schwieriger denn je, auf seriöse Quellen zurückgreifen zu können, auch wenn ehrliche Absicht dazu besteht. Glaubwürdige Quellen im Informationskrieg sind nämlich kaum zu orten. Aber es wäre zumindest wünschenswert, Quellen überhaupt anzugeben, was leider auch im ORF selten passiert. Auch beim Konsum von ORF-Nachrichtensendungen bleibt als Botschaft mitunter der Eindruck hängen, dass ukrainische Informationspolitik als faktenbasiert vermittelt wird, die andere Kriegspartei hingegen agiere bloß mit Fakes und Propaganda. Dabei wäre schon der Versuch von Differenzierung im Sinne eines Qualitätsjournalismus ein Hoffnungsschimmer.

Wenn ein Sprecher des rechtsradikalen Asow-Regiments etwa in der ZiB 1 auftritt, ohne dass eine interpretierende oder differenzierende Analyse dazu beigesteuert wird, ist dies unseriös. Oder wenn in TV-Diskussionsrunden nahezu ausschließlich Kriegs- und Militärlogik verbreitet wird, wie etwa in der ARD-Sendung „Hart, aber fair“. Oder wenn in unausgewogen besetzten Diskussionsrunden wie etwa im ORF-Format „Im Zentrum“ antirussische Feindbildpflege dominiert, darf man sich nicht darüber wundern, dass Politik und Medien zunehmend an Glaubwürdigkeit einbüßen, wenn relativierende journalistische Einordnung zunehmend schwindet.

Was sollen die Menschen denn noch glauben, wenn Journalismus nicht in der Lage zu sein scheint, zu differenzieren und die Interessenslage von allen Seiten eines Konflikts her zu sehen und zu hinterfragen. Besonders krass tritt dieses Manko in einer so komplexen Causa wie der des Kriegs gegen die Ukraine zutage.
Dass es auch anders geht, beweist immer wieder der besonnene und sachorientierte ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz, der sich jenseits bloßer Kriegsrhetorik und wegen seiner nichtmartialischen und differenzierenden Beiträge großes Lob verdient. Wehrschütz kann auf authentische Quellen vor Ort verweisen, die meisten Redaktionen westlicher Medien hingegen können dies nicht. Deren Hauptquellen sind die großen US-nahen Agenturen, die nur eine Seite geopolitischer Weltsicht repräsentieren. Auch das ORF-Büro in Moskau greift kaum auf andere Quellen zurück…

Schon Jahre vor dem Krieg haben westliche Medien und PolitikerInnen Russland beharrlich zu einem Feindbild mit aufgebaut. Dabei helfen einzelne Begriffe und Worte, wie sie auch in der sogenannten objektiven Nachrichtensprache verwendet werden. So fällt kritischen Medienbeobachtern auf, dass Äußerungen russischer Politiker durchgängig mit Prädikaten wie „behaupten“, „unterstellen“, etc. versehen werden. Wenn ein US- oder EU-Politiker eine Stellungnahme abgibt, lauten die Prädikate „betonen“, „bekräftigten“, „erklären“ etc. also positiv geladene Begriffe.

Abermals sei bekräftigt, dass ein Angriffskrieg im 21.Jahrhundert in Europa ein absolutes „No go“ sein sollte. Großmachtphantasien mit einem realen Krieg erzwingen zu wollen, ist menschenrechtlich und völkerrechtlich strikt abzulehnen. Krieg und Gewalt sind per se Verbrechen, besonders ein aggressiver militärischer Überfall wie der Russlands. Das heißt aber nicht, dass automatisch nur der Aggressor Kriegsverbrechen begeht. So sind etwa Meldungen über Misshandlungen russischer Gefangener durch ukrainische Soldaten rasch von der Bildfläche verschwunden..
Auch aus politikwissenschaftlicher Perspektive findet da oft eine Verzerrung statt : Wenn „unsere“ Seite einen Krieg anzettelt, herrscht mehr Zurückhaltung, es werden wesentlich mehr Beweise für mögliche Kriegsverbrechen gesucht, bevor darüber berichtet wird. Wenn „Feinde des Westens“ dasselbe machen, ist die Empörung groß. Weil die Politik empörter ist und Medien das spiegeln. Aber auch Medien ihrerseits setzen die Politik unter Druck, noch härter gegen den „Feind“ aufzutreten. Nicht zuletzt deshalb musste sich auch der zunächst zurückhaltend gewesene deutsche SPD-Kanzler Scholz dazu durchringen, der Lieferung von schweren Waffen letztlich doch zuzustimmen

Der Irak-Krieg im Jahr 2003 war ebenfalls ein illegaler Angriffskrieg, ausgeführt von den USA. Medien waren damals aber bei Weitem nicht so empört. Wichtige Details darüber, wie verheerend sich die Invasion auf die Zivilisten im Irak ausgewirkt hat, haben Medien damals kaum beachtet. Völkerrechtswidrige Aspekte und die Tatsache, dass wir es auch beim Irak-Krieg mit einer Aggression zu tun haben, sind damals weitgehend ausgeblendet worden.
Trotz des Irakkrieges, trotz der Bomben auf Bagdad und Belgrad, trotz des gewaltsamen Regime Change in Libyen, etc. wird die NATO in westlichen Medien durchgehend als Verteidigungsbündnis verharmlost. Dass Russland und auch andere die NATO als aggressive Militärallianz wahrnehmen und sich von ihr bedroht sehen, entzieht sich bei Medien und Politik im Westen der Vorstellungskraft und stößt weitgehend auf Unverständnis. Solange der Westen sich nicht auch in die geopolitische Interessenslage Russlands hineindenken kann, Stichwort dazu die NATO-Erweiterung, so lange werden keine effektiven Friedensschritte zu erwarten sein. Von russischer Seite ist dies zurzeit ebenfalls kaum zu erwarten, Putin verharrt in seiner seltsam historisch basierten Kriegslogik. Das muss allerdings nicht so bleiben. Auch der Westen, allen voran die EU, sollten nicht auf Dauer an militaristischer Ideologie im Zusammenhang mit diesem Krieg festhalten.

Der Ukraine sei zu wünschen, so rasch wie möglich friedliche Zustände erleben zu können. Doch beide Kriegsparteien bewegen sich nicht. Dies lässt vorerst keine Hoffnung auf eine Waffenruhe oder auf Friedensverhandlungen keimen. Das Heil ausschließlich in der Lieferung schwerer Waffen zu sehen, wie es etwa die EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen unermüdlich wiederholt, erscheint höchst kontraproduktiv, ein Friedenskonzept der „Friedensunion“ EU fehlt. Für kreative Überlegungen, auf nichtmilitärischem Gebiet Friedensinitiativen anzudenken, mangelt es an Willen und Phantasie. Besonders bemerkenswert ist die militante Haltung vor allem der deutschen Grünen, die sich als früherer parlamentarischer Arm der Friedensbewegung nun ins ideologische Lager der Militaristen begeben haben und damit weiter Öl ins Feuer gießen, allen voran die grüne deutsche Außenministerin Annalena Baerbock. Österreichs Grüne halten da nicht dagegen
Natürlich soll hier nicht einem naiven Pazifismus das Wort geredet werden, allerdings einer von Friedensethik getragenen aktiven Friedenspolitik. Diese müsste auch Kompromissen Raum geben. Eine primitive und ebenfalls naive Kriegslogik sowie weitere beharrliche Feindbildpflege lassen jedenfalls ein sehnlichst erwartetes Kriegsende in noch weitere Ferne rücken.

Vor diesem Hintergrund plädiert der renommierte Medien- und Konfliktforscher Florian Zollmann für einen „konstruktiven Journalismus“ gerade auch in der Kriegsberichterstattung. Medien schauen auf den Krieg oft wie auf eine Sportveranstaltung: Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer? Und im Prinzip ohne konstruktive Lösungen einzubringen, ohne zu schauen: Welche sind die verschiedenen Interessen, was gibt es für Lösungsstrategien, und wie kann man journalistisch deeskalierend wirken? Fragen, über die es gerade auch für die Politik rege nachzudenken gilt.

Leben eines Landarztes

Offenes Wort eines Landarztes, der Havard-Prof. werden wollte

Hans H ö g l

Es ist eine Wiener Eigentümlichkeit, dass Schauspieler und Komödianten einen derart hohen Stellenwert haben. Eben hörte ich Sonntag Mittag ein Interview mit einer Schauspielerin auf dem Kultursender Ö 1. Das interessiert besonders das großstädtische, vor allem Wiener Bildungspublikum. Da ist es eine Ausnahme, wenn ein Landarzt über sein Leben berichten darf: Der langjährige steirische Landarzt in Halbenrain, Engelbert Frühwirt, geht nun mit 69 in Pension und was sagt er darüber. Zu lesen in der in der Steiermark und in Kärnten verbreiteten „Kleinen Zeitung“ am 18. Juni 2022.

„Ich wollte zwar am Anfang in einer Klinik arbeiten, aber das hat mir nicht gefallen. Als Landarzt kann ich für mich selbst arbeiten und entscheiden.“ Er ordiniert seit 1987 als Landarzt und bereut es nicht, würde noch einmal Landarzt werden, aber kein Kassenarzt mit Administration, die eine „Katastrophe“ sei. „Die Dokumentationspflicht muss dringend eingedämmt werden“. Bürokratische Aufgaben machen „mindestens “ zwei Drittel der Arbeit aus. Doch der Dank der Leute habe ihm Kraft gegeben. Rund 100 Patienten und Patientinnen betreut er täglich. „Wir Ärzte verdienen gut, aber wir arbeiten auch wie Viecher“, sagt er.

Bei der Frau eines Wiener praktischen Vorstadt-Arztes erkundigte ich mich über den Umfang der Büroarbeit. Sie findet zwei Drittel an Bürokratiezeit doch als hoch gegriffen, aber sie und ihr Mann haben oft Wochenenden mit Abrechnungen und Steuersachen verbracht. Und erstaunlich sei, was ein Installateur für ein paar Handgriffe verdiene, doch auch sie hätten viele Nebenkosten.

Mich erinnert das an meine Lehrtätigkeit. Wenige wissen darum, wieviel Zettel da von der Bildungsdirektion zu lesen sind und was da an Bürokratie anfällt. Beim Arzt würde ein weniger an Bürokratie mehr an Zeit für persönliche Gespräch eröffnen.

Die große digitale Gereiztheit

Was digitale Erregtheit bewirkt.

Ein Fall, der mir Stunden nach dem Lesen präsent blieb : Ein Bericht im Buch „Die große Gereiztheit“ von Publizistikprofessor Bernhard Pörksen. Der Text spielt nicht auf aktuelle Ereignisse an.

Hans H ö g l

Es ist der 12. Januar 2016 in Berlins Häuserschluchten. An diesem Tag lügt die 13-jährige Lisa die Mutter an, nachdem sie 13 Stunden nicht auffindbar war. Lisa ist am Vortrag auf dem Weg zur Schule verschwunden. Sie war die Nacht über nicht zu Hause, und die Familie hat sie als vermisst gemeldet. Nun berichtet das russischstämmige Mädchen, drei südländisch aussehende Männer hätten sie in ein Auto gezerrt, in eine Wohnung gebracht, geschlagen, vergewaltigt.

Später stellte sich heraus, dass es Schulprobleme gab und man ihre Eltern zu einem Gespräch einbestellt hatte, vor dessen Ausgang sich Lisa fürchtete. Später wird klar, dass es in der Nacht keine Vergewaltigung gegeben hat, sondern sie verbrachte die Nacht bei einem Freund, der ihr nichts angetan hat und dass Lisa sich selbst verletzt hatte, was von der Horrornacht herrühren sollte.

Aber die Lüge in der Familie diffundierte durch die digitale Welt. Schon am 14. 1. 2016 brodelt es in der russischsprachigen Gemeinschaft auf Facebook und Twitter. Und es kursiert das Gerücht, die 13-jährige sei von Migranten missbraucht worden, Politiker und Medien würden den Fall vertuschen. Im ersten Fernsehkanal Russlands behauptet am 16. Januar die Moderatorin, die Menschen in Deutschland seien angesichts der vielen Flüchtlinge nicht mehr sicher. „In den Städten herrsche längst Gewalt und Chaos.“ Ein russischer Korrespondent berichtet, Lisa sei „dreißig Stunden vergewaltigt“ und dann auf die Straße geschmissen worden. Und die Polizei habe nach dem Verhör des Mädchens nichts getan. Ausschnitte aus der TV-Sendung werden millionenfach geklickt. Die rechtsextreme NPD veranstaltete eine Kundgebung und fordert die Todesstrafe für Kinderschänder.

Dann ist in Medien die Rede von fünf Vergewaltigern. Russlanddeutsche demonstrieren in verschiedenen Städten. Vor dem Kanzleramt in Berlin tauchen 700 Demonstrierende auf und rufen: „Unsere Kinder sind in Gefahr“. Im digitalen Paralleluniversum haben sich Agitatoren des Themas angenommen. Man attackiert die Polizei, Politik und etablierte Medien.

Es stellt sich heraus, den Fall hat es nicht gegeben, doch die Geschichte ist auf unzähligen Seiten zur Gewissheit geworden. Der russische Außenminister S. Lawrow wirft den deutschen Behörden vor, aus Gründen politischer Korrektheit, dem Verbrechen nicht nachzugehen, was vom damaligen deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier scharf zurückgewiesen wird.

„Ein paar Tage später erklärt die Staatsanwaltschaft abschließend, dass das Mädchen das Verbrechen „erfunden habe“ (S. 12).

Pörksen schreibt dazu : Der Fall mache klar, dass Gerüchte sich zu Themen verdichten, zu denen sogar Außenminister zweier Länder sich äußern. Ohne die indiskreten Medien des digitalen Zeitalters hätte es die Ereignisse rund um das 13-jährige Mädchen Lisa „so nicht gegeben“ (S. 12). Das zitierte Buch (2018) handelt von neuen Plattformen und Wegen aus der kollektiven Erregung.

Globale Mindeststeuer?

Einstimmigkeit in EU verhindert Wichtiges

Hans Högl

Zweifellos gehört Mut dazu, sich gegen berechtigte Anliegen zu stellen. Doch wie ein österr. Botschafter, tätig in mehreren osteuropäischen Ländern kürzlich im „Lainzer Kreis“ sagte, war Westeuropa zum Osten bis 1989 ignorant und danach arrogant. Es gilt zu beachten, dass die Zeitgeschichte und die Entwicklungen nach 1945 je anders in Ost- und Westeuropa verliefen.

Ungarn blockiert EU-Einigung auf globales Steuerabkommen: Nach Polen blockiert nun Ungarn eine EU-Einigung auf eine globale Mindeststeuer von 15 Prozent. Die ungarische Regierung hatte ihre Haltung damit begründet, dass die Steuer schlecht für die europäische Wettbewerbsfähigkeit sei. Die Mindeststeuer soll verhindern, dass grosse Konzerne ihre Gewinne in Regionen mit niedrigeren Steuern verlagern. nzz online 18.6.22 u. andere Medien.

Digitales Bildungsversagen?

Digitale Medien haben zu eher negativen Veränderungen im Leseverhalten geführt, befindet die Linguistin Naomi Baron. Sie sieht damit auch eine Gefahr für die Demokratie.

Udo Bachmair

Noch unabsehbare Konsequenzen drohen Demokratien und Gesellschaften, wenn der traditionelle Stellenwert des Lesens verlorengeht. So lautet der wenig optimistische Befund der renommierten US-amerikanischen Leseforscherin Naomi Baron von der American University, Washington, D.C..

Einschlägige Studien kommen Baron zufolge zu dem Schluss, dass digitales Lesen zu einem deutlich schlechteren Leseverständnis führe als „gedrucktes Lesen“. Digitales Lesen schränke zudem die fürs Lesen nötige Konzentration sowie auch die Erinnerung an das Gelesene merkbar ein.

Die Bedeutung von Bildung und Lesen zeigt laut der Linguistikprofessorin etwa die Tatsache, dass die große Mehrheit der US-Republikaner, selbst jene mit Hochschulstudium, tief in ihrem Herzen immer noch glauben, dass Trump die Wahlen 2020 nicht verloren habe.

Es handle sich um ein „Bildungsversagen, das oft mit mangelnder Lektüre verbunden ist. „Viele fragen sich nicht, ob es eine Alternative zu ihrem Standpunkt gibt und was die andere Seite zu einem bestimmten Thema sagt“, so die Forscherin.

„Heute sollte es ja ein Leichtes sein, Argumente der Gegenseite herauszufinden“, meint die Linguistin. Ein großer Teil der Bevölkerung würde dies gleich gar nicht versuchen. „Deshalb mache ich mir wirklich Sorgen um die Demokratie“.

(Zitate entnommen einem Interview mit Naomi Baron für die Forschungsbeilage der Tageszeitung Der Standard)

Genf: Grüne dürfen Fleisch essen

Doch keine Verpflichtung zum Vegetarismus

Hans Högl- Quelle- nzz-online

In Genf dürfen die Grünen weiterhin Fleisch essen: Ursprünglich hätten sich grüne Amtsträger zum öffentlichen Vegetarismus bekennen sollen, um gegen die ressourcenintensive und damit klimaschädliche Tierhaltung ein Zeichen zu setzen. Nun stimmten die Genfer Grünen nochmals über die umstrittene Passage in der erst vor einem Monat verabschiedeten Charta ab. Und siehe da: Der Fleisch-Passus wurde fallengelassen.

Neue Antwort auf Ärztemangel

Der Mangel an Ärzten auf dem Land ist bekannt. Hier ein neuer Weg, das Problem zu lösen.

Hans H ö g l

Im Bezirk Tulln (Niederösterreich) entsteht ein best-practice-Angebot in der Gesundheitsversorgung für drei Landgemeinden. Das neue Primärversorgungszentrum garantiert eine zeitgemäße medizinische Versorgung für drei Gemeinden im Tullnerfeld (Michelhausen, Judenau-Baumgarten und Langenrohr). Drei Ärzte werden im neuen Gebäude beim Bahnhof Tullnerfeld, der auch mit dem Bus erreichbar ist, ab voraussichtlich Mitte 2023 gemeinsam tätig sein. Patienten sollen in erweiterten Öffnungszeiten umfassend betreut werden.

Der früher umstrittene Bahnhof hat ein großes Parkangebot für die weitere Umgebung. Dieses wird sehr viel genützt, denn vom Bahnhof Tullnerfeld ist Wien-Zentrum in 15 Minuten, so für Pendler, erreichbar. Heute wird der Sinn der neuen Hochleistungs-Westbahn -mit dem Tunnel durch den Wienerwald- gut verstanden. Vor allem wurden auch die Fahrzeiten nach St.Pölten, Linz und Salzburg stark verkürzt.