Archiv der Kategorie: Gastbeiträge

Israel fühlt sich verleumdet

Israel verklagt die New York Times. Der Grund: Der Pulitzer-Preisträger Nicholas Kristof hatte auf Basis seriöser Quellen recherchiert, dass und wie palästinensische Gefangene in israelischen Hafteinrichtungen systematisch misshandelt werden.

Susanne Mattner *

Nicht irgendwelche anonymen Quellen haben das berichtet. Nicht Hamas-Propaganda. Sondern namentlich bekannte Opfer, unabhängige Untersuchungen von AP, CNN, der Washington Post — und die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem, die solche Fälle bereits 2024 und 2026 konkret dokumentiert hatte.

Die Reaktion Israels: Verleumdungsklage.

Ich habe diese Entwicklung verfolgt und frage mich seitdem, was eigentlich noch gesagt werden darf — und von wem.

Natürlich muss man die Verbrechen des 7. Oktober benennen. Natürlich waren die Morde, Entführungen und sexuellen Gewalttaten grausam. Darüber gibt es nichts zu diskutieren.
Aber inzwischen wirkt die öffentliche Debatte wie ein politisches Zauberstück aus einem schlechten Las-Vegas-Keller: „Achtung, bitte alle nur auf diese Hand schauen — und die andere ignorieren wir einfach komplett.“

Berichte über misshandelte palästinensische Gefangene? Puff — antisemitisch.

UN-Berichte? Puff — Hamas-Propaganda.

Aussagen israelischer Menschenrechtsaktivisten? Puff — selbsthassende Juden.

Israelische Ex-Soldaten, die öffentlich Alarm schlagen? Wahrscheinlich auch heimlich Hamas-Mitglieder mit Mossad-Ausweis rückwärts auf links getragen.

Und jetzt verklagt man also Medien, weil sie über Vorwürfe berichten. Klar. Wenn man lange genug auf den Rauchmelder einschlägt, verschwindet vielleicht irgendwann das Feuer. Genialer Plan.

Das Ganze erinnert langsam an einen Mann, der mit Benzinkanister durchs Wohnzimmer läuft, während hinter ihm die Gardinen brennen — und der hysterisch schreit: „WER HAT DIESEN FOTOAPPARAT HIER REINGELASSEN?!“

Besonders faszinierend ist ja diese Vorstellung, dass wirklich ALLE lügen: die UN, Ärzte, Hilfsorganisationen, Journalisten, ehemalige Gefangene, israelische Aktivisten, internationale Beobachter — ein gigantisches weltweites Verschwörungstheater offenbar. Aber die Regierung, die gerade selbst untersucht wird, die sagt natürlich die reine Wahrheit.
Ja gut. Und Marlboro empfiehlt wahrscheinlich auch Lungenyoga.

Und irgendwo sitzt dann jemand mit ernstem Gesicht vor den Bildern zerstörter Städte, hungernder Kinder und Berichten über Misshandlungen — und erklärt: „Also solange das nicht von meinem Lieblingssprecher bestätigt wurde, sehe ich da keinen Handlungsbedarf.“

Vielleicht ist das inzwischen die eigentliche Krankheit unserer Zeit. Nicht Hass. Nicht einmal Gewalt. Sondern diese groteske Fähigkeit, menschliches Leid nur dann wahrzunehmen, wenn es politisch ins eigene Wohnzimmer passt.

Menschenrechte sind offenbar für manche wie Netflix-Passwörter geworden: Man teilt sie nur mit der eigenen Familie.

*Gastautorin Susanne Mattner ist Journalistin der Nachrichtenplattform NEX24 News

www.nex24.news

Verrutschter Diskurs

Der Diskurs zu Israel-Palästina wird speziell in Deutschland und Österreich eher emotional und kaum faktenbasiert geführt. Vor diesem Hintergrund sieht sich neben anderen Journalistinnen besonders auch die Nahost-Expertin Kristin Helberg aktuell erneut medialen Angriffen ausgesetzt. Im Gespräch mit etos.media-Redakteur Jakob Reimann spricht sie über verengte Debattenräume und die Strategien hinter der Diffamierung. Im Folgenden das (von Udo Bachmair) leicht gekürzte Interview.

Kristin Helberg * (auf Fragen von etos.media**)

etos.media: Als Journalistin und Autorin äußern Sie sich in deutschsprachigen Medien klar und kompetent zu Israel-Palästina sowie weiteren Kriegen und Konflikten in Westasien – und werden dafür seit Langem von proisraelischen und rechten Akteuren angegriffen. Wie gehen Sie damit um?

Kristin Helberg: Ich betrachte diese Akteure nicht als „proisraelisch“ und verstehe mich selbst auch nicht als „propalästinensisch“. Als Journalistin bin ich nicht für oder gegen bestimmte Menschen oder Staaten, sondern wende die gleichen Standards in der Berichterstattung über Israel und Palästina an wie in anderen Kontexten. Weil viele deutsche Medien das nicht tun, stehen wir „Nahost-Experten“ dann als einseitig propalästinensisch da. Wir werden in Talkshows eingeladen, um die – inzwischen oft von CDU-Politikern vorgetragene – israelische Propaganda zu entlarven, und werden hinterher als „Hamas-Versteher“ beschimpft. Eigentlich müssten da Vertreter beider Parteien sitzen, deren Aussagen wir unabhängig einordnen oder erklären könnten. Aber palästinensische Perspektiven fehlen meist komplett. Der Diskurs zu Israel-Palästina ist so verrutscht, dass Experten, die auf der Grundlage von Völkerrecht und Menschenrechten argumentieren, als Terrorapologeten dastehen – das ist das Problem. Wer in Deutschland die israelische Armee zitiert, steht vermeintlich auf der „richtigen Seite der Geschichte“, wer humanitäre Helfer, Menschenrechtsorganisationen, UN-Kommissionen und internationale Gerichtshöfe zitiert, gilt als „Israel-Hasser“ oder hat eine „Obsession mit Israel“.

etos.media: In letzter Zeit häufen sich die Angriffe gegen Sie. Sehen Sie darin eine koordinierte Kampagne, oder braucht es dafür gar keine Koordination mehr?

Kristin Helberg: Gute Frage. Ich gehe davon aus, dass sich die Protagonisten untereinander kennen, aber die Dynamik entsteht wahrscheinlich ohne konkrete Absprachen. Wenn linke anti-deutsche Autoren mit der Diffamierung anfangen und am Ende rechte Polemiker mit den gleichen Falschbehauptungen Hitler verharmlosen, läuft etwas gehörig schief.
Da ich sehr auf Fakten und eine korrekte Sprache achte, liefere ich wenig Angriffsfläche. Das frustriert manche. Wenn sie nichts gegen mich finden, kommt das Argument mit dem „syrischen Ex-Mann“. Das ist einerseits lustig, andererseits sexistisch. Denn es unterstellt, dass ich als weibliche Analystin sage, was ich sage, weil ich mit einem Syrer verheiratet war. Beeinflussung durch die Ehefrau vermutet man bei männlichen Kollegen eher nicht.
Jetzt glauben meine Gegner, „neues Material“ gegen mich gefunden zu haben: meine Arbeit für Zeit zu reden. Deshalb stürzen sie sich darauf. Sie versuchen, mich als „palästinasolidarische Aktivistin“ darzustellen – was etwas Ehrenwertes ist, aber nicht meinem Selbstverständnis entspricht – und so meiner Glaubwürdigkeit als Journalistin zu schaden.

etos.media: In den Artikeln über Sie und Zeit zu reden fallen häufig Begriffe wie „antiisraelisch“ oder „israelfeindlich“. In Zeiten von Völkermord, ethnischer Säuberung, Besatzung und anhaltenden Bombardierungen mehrerer Länder in der Region: Wie viel politisches Schmähpotenzial steckt heute in solchen Begriffen?

Kristin Helberg: In Deutschland als „Israelfeind“ markiert zu werden, ist ein Problem. Aber ich muss dem Staat Israel nicht feindlich gegenüberstehen, um ihn in seiner aktuellen Verfasstheit zu kritisieren – als Besatzungsmacht expandierend und ohne vollständig markierte Grenzen, mit Institutionen, die für die genannten Verbrechen verantwortlich oder daran beteiligt sind. Die Besatzung palästinensischer Gebiete hat ja nicht unter der aktuellen Regierung begonnen, sondern besteht seit Jahrzehnten, ist laut Internationalem Gerichtshof (IGH) auf Dauer angelegt und deshalb illegal. Neu ist die offiziell beschlossene und vorangetriebene Annektierung. Ich bin also weder „antiisraelisch“ noch „israelfeindlich“, sondern ordne ein, was unabhängige Quellen feststellen.

etos.media: Bei einer Veranstaltung sollen Sie gesagt haben, es sei ein großes Problem, dass Deutschland sich mit der Staatsräson klar für das Existenzrecht Israels ausspreche.

Kristin Helberg: Meine Aussagen wurden hier bewusst verkürzt und missverständlich wiedergegeben. Das Problem besteht darin, dass das bloße Nachdenken über eine Veränderung israelischer Staatlichkeit in Deutschland skandalisiert wird. Menschen, die sich für eine andere territoriale Lösung als die Zweistaatenlösung einsetzen, wird pauschal unterstellt, sie wollten Juden vertreiben. Dabei gibt es auch in Israel Menschen, die über einen Staat mit gleichen Rechten für alle oder eine Konföderation nachdenken. Über die Möglichkeiten des gleichberechtigten Zusammenlebens von sieben Millionen Juden und sieben Millionen Nicht-Juden zu diskutieren, bedeutet nicht automatisch, die reale Existenz des Staates Israel infrage zu stellen oder gar einen Angriff auf den Staat Israel zu rechtfertigen. Deswegen sprechen sich viele deutsche Juristen gerade dagegen aus, die Leugnung eines völkerrechtlich nicht kodifizierten Existenzrechts unter Strafe zu stellen.

etos.media: Spätestens seit dem Hamas-Angriff auf Israel und dem israelischen Zerstörungskrieg in Gaza ist der Begriff der „Staatsräson“ allgegenwärtig. Wie beeinflusst dieses aus dem Feudalismus stammende Konzept die Berichterstattung?

Kristin Helberg: Die deutsche Politik hat die Sicherheit Israels als Teil der Staatsräson definiert und versteht diese als unbedingte Solidarität mit dem israelischen Staat und seiner Regierung, nicht mit den dort lebenden Menschen. Auf dieser Grundlage setzen Politiker und Journalisten Antisemitismus inzwischen mit Israel-Kritik gleich und behaupten, damit sowohl jüdisches Leben in Deutschland als auch Israel als „Wertepartner“ schützen zu wollen. Dabei erreichen sie mit dieser Vermischung das genaue Gegenteil: Sie schaden hier lebenden Juden und zivilgesellschaftlichen Akteuren in Israel, die unsere eigentlichen Verbündeten sein sollten. Juden weltweit dürfen unter keinen Umständen mit den Taten Israels in Verbindung gebracht werden – erst recht nicht in Zeiten, in denen Israel wegen Genozids angeklagt ist und Haftbefehle gegen israelische Politiker wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorliegen. Deshalb muss verantwortungsvoller Journalismus klar zwischen Hass auf Juden als Juden und Kritik an Israel wegen aktuell stattfindender Verbrechen unterscheiden. Genau für diese Differenzierung setze ich mich in meiner Arbeit als Journalistin und als Moderatorin bei Zeit zu reden ein.

Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Kristin Helberg berichtete sieben Jahre lang von Damaskus aus über Westasien, hat mehrere Bücher zu Syrien geschrieben und lebt heute als Autorin, Analystin und Moderatorin in Berlin. Sie ist Mitgründerin der Gesprächs- und Bildungsinitiative Zeit zu reden, deren Veranstaltungen sie seit September 2024 moderiert. Früher auch als ORF-Korresponentin tätig gewesen, ist Kristin Helberg heute seitens des ORF nicht mehr erwünscht…

Das ungekürzte Gespräch ist abrufbar via www.etosmedia.de/politik/wer-internationale-gerichte-zitiert-gilt-als-israel-feind-im-gespraech-mit-kristin-helberg<

Verspielen wir die Neutralität?

Etwa 80 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher betrachten die Neutralität als festen Bestandteil der österreichischen Identität. Wird die offizielle Politik dem Wunsch vieler Österreicher nach konsequenter aktiver Neutralitätspolitik gerecht? Und werden wir eigentlich im Ausland wirklich noch als neutraler Staat wahrgenommen? Da sind ernste Alarmzeichen nicht mehr zu übersehen.

Hans-Christian Scheid *

Schon in unserem Nachbarland Deutschland scheint man von Österreichs Neutralität wenig zu wissen beziehungsweise wissen zu wollen. Am 3.April 2026 hat eine Moderatorin des privaten Nachrichtensenders NTV allen Ernstes Österreich in ihrer Moderation in die Reihe der „Verbündeten der USA“ gestellt. In einem Moderator-Gespräch mit einem Politikwissenschafter meinte sie, man habe den Eindruck, die Verbündeten der USA ließen sich immer weniger auf der Nase herumtanzen. Nach Spanien würden wir jetzt auch in Österreich sehen, dass man sich mehr und mehr querstelle und sie fragte allen Ernstes, ob jetzt im Iran- Krieg Stück für Stück den USA die Verbündeten wegliefen? Die Moderatorin wusste von der Neutralität Österreichs offenbar nichts, weil sie schlicht die dem Neutralitätsgesetz entsprechende Sperre des österreichischen Luftraumes für Überflüge US-amerikanischer Militärflugzeuge für den Iran- Krieg missinterpretierte.

Im vergangenen Jahr fiel auch der bayrische Ministerpräsident Söder auf, der in einem Interview von einer NATO- Mitgliedschaft Österreichs schwadronierte. Söder sagte, die österreichischen Freunde hätten ihm erzählt, dass in den Koalitionsverhandlungen zwischen der FPÖ und der ÖVP von Seiten der Freiheitlichen „der Austritt aus der NATO verlangt worden sei“. Söder ergänzte, das entspreche dem Motto „wir legen jetzt alles hin und erobert uns“. Man kann nur hoffen, dass die österreichischen Freunde Söder mittlerweile Nachhilfestunden über die Neutralität Österreichs gegeben haben.

Abgesehen von der obligatorischen Sperre des österreichischen Luftraumes für US- Flugzeuge im Iran-Krieg lässt die österreichische Regierung in meinen Augen leider wenig Initiative erkennen, die einer aktiven Neutralitäts- und Friedenspolitik entsprechen würde. Noch im Wahlkampf für die Nationalratswahl 2024 versprach der SPÖ-Spitzenkandidat und nunmehrige Vizekanzler Andreas Babler eine solche aktive Neutralitäts- und Friedenspolitik. Als besonders bedauerlich werte ich es, dass sich das neutrale Österreich nicht zu einer klaren Verurteilung des Angriffskrieges der USA und Israels gegenüber dem Iran durchringen konnte. Auch zu mutmaßlichen Kriegsverbrechen, wie dem Bombardement einer Mädchenschule im Iran mit mindestens 168 toten Schülerinnen, hat man geschwiegen.

Man könnte auch sagen, das neutrale Österreich misst sogar mit zweierlei Maß, denn der russische Angriffskrieg in der Ukraine wurde stets als völkerrechtswidriger Angriffskrieg vom offiziellen Österreich gekennzeichnet. Stichwort Ukraine- Krieg. Wie ist es eigentlich hier um die österreichische Neutralität bestellt? Durfte der österreichische Bundeskanzler Stocker im vergangenen Dezember im EU-Rat in Brüssel quasi im Alleingang für Österreich dem 90 Milliarden Euro Kredit für die Ukraine zustimmen? Zwei Drittel, 60 der 90 Milliarden Euro sollen für Waffenkäufe verwendet werden. Man muss sich vor Augen führen, dass das neutrale Österreich hier Käufe von Waffen mit ermöglicht, die dann gegen Russland, den Nachfolgestaat der Sowjetunion, also gegen einen Signatarstaat des österreichischen Staatsvertrages von 1955 zum Einsatz kommen sollen.

Es wäre längst an der Zeit, dass die Medien in Österreich eine breite Diskussion über die Neutralität anschieben müssten, aber zuletzt ist auch hier wenig Initiative zu erkennen. Lassen Sie mich zum Schluss zwei Ideen einbringen. Wie wäre es, wenn man von Österreich aus eine Initiative mit der ebenfalls neutralen Schweiz anstößt „zu einer neutralen Achse des Friedens“ mitten in Europa?!? Zwei neutrale Staaten mit UNO- Sitzen in Wien und Genf. Idee Nummer 2: Wenn wir es schon nicht zu einer atomwaffenfreien Welt schaffen, so könnte von Österreich doch zumindest eine diplomatische Initiative für einen atomwaffenfreien Nahen Osten ausgehen. Es hieße, dass Israel seine Atomwaffen abgeben müsste, vielleicht an die USA und der Iran sein möglicherweise waffenfähiges Uran etwa an China oder Russland übergibt. Golfstaaten, wie Saudi- Arabien, die zuletzt über Atomwaffen laut nachgedacht haben, sollten offiziell darauf verzichten. Lassen Sie mich ein wenig träumen: Wie wäre es, wenn in Wien ein solches Abkommen für einen „atomwaffenfreien Nahen Osten“ unterzeichnet werden könnte???

• Gastautor Hans-Christian Scheid ist Journalist, war langjähriger ORF-Redakteur/Reporter und Moderator. Er lebt in Wien.

Pro Grundeinkommen

Die in der breiten Öffentlichkeit etwas abgeglittene Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) könnte durch ein größeres Medieninteresse an dieser Thematik neu belebt werden. Eine gute substantielle Basis dafür könnten Erkenntnisse und Ideen des Netzwerks „Basic-Income-Europe“ bilden.

Ilse Kleinschuster *

Vorausgeschickt sei, ich bin Vertreterin einer Variante der Grundeinkommens (GE)-Idee, die sich Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) nennt, ein Modell, das sich als eine staatliche, universelle und pauschale Geldleistung versteht, welche die individuelle Existenz sichern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen soll. Es ist als ein emanzipatorisches GE konzipiert, wobei ein Großteil der Sozialleistungen beibehalten werden soll.

Die Welt des Arbeitsmarkts wurde ja von linker Seite immer schon mit großer Skepsis betrachtet, wenn es darum ging, wie es je allen Menschen möglich sein sollte, einer Arbeit nachzugehen, der sie gewachsen sind und die sie mit entsprechender existentieller Absicherung erfüllen können. Wenn es heute immer mehr darum geht ‚Geld oder Leben‘, ‚Freiheit oder Sicherheit‘ – dann sehe ich im BGE ein Instrument, das von der Utopie in die Realität führen könnte.

Wenn wir diesen Weg gemeinsam gehen wollen, dann brauchen wir eine wirklich demokratische Wirtschaft und Gesellschaft. Angesichts der kapitalistischen Machtverhältnisse ist es aber naiv darauf zu vertrauen, dass Politiker*innen nur auf Basis von „guten Argumenten“ ihre geliehene Macht dazu nutzen, Gesetze zu beschließen, die mit der Profit- und Wachstumslogik brechen. Auch die Vierte Macht im Staat hängt zu sehr am Tropf der marktwirtschaftlich-kapitalistischen Lebensweise, um Vorschläge zu ihrer Transformation aufzunehmen und konstruktiv weiterzuleiten. Journalismus hat gelegentlich dazu gedient, Widerstand zu unterstützen, tut dies aber nicht in dem Ausmaß wie es heute notwendig wäre.

Ein Netzwerk wie die Grundeinkommensbewegung (Basic Income Europe Network, BIEN) könnte jetzt aufrütteln und eine lautere Stimme für die Entwicklung von Werkzeugen zur Lösung früherer und gegenwärtiger Krisen erheben. Damit könnte mehr Interesse auch vonseiten der Journalistinnen und Journalisten am BGE geweckt werden, weil es Menschen in deren Tätigsein nicht der aktuellen Zeitlogik unterwirft und Zeitstrukturen verändern kann. Sobald Menschen individuell – durch Trennung von Arbeit und Einkommen mit einem BGE – entscheiden können über die Arbeit ihrer Produktivität, wird sich das auch auf die Gesellschaft als Ganze niederschlagen. So gesehen wäre das BGE ein Lösungsansatz, um auch Institutionen, ja selbst gesellschaftliche Strukturen zu transformieren.

Wenn jetzt immer öfter vom Demokratiesterben die Rede ist, dann wäre zu bedenken, inwieweit dies auch mit dem Dahinsiechen von Qualitätsjournalismus zu tun hat. Ja, es gibt ihn, aber er kann mit seiner Fähigkeit, lebendige Demokratie zu gestalten, nicht groß wirksam werden, solange seine Zugänglichkeit vielen Menschen aus monetären Gründen verwehrt bleibt.

* Gastautorin Ilse Kleinschuster ist Journalistin und rege Aktivistin der Zivilgesellschaft mit aktuell besonderem Schwerprunkt BGE

Morde als Erfolgsmeldungen

Die sogenannten gezielten Tötungen werden besonders im israelisch-amerikanischen Angriffskrieg gegen den Iran als großer Erfolg verbucht. Begleitet von entsprechendem Wording in unseren Medien. Sprache erweist sich dabei einmal mehr auch als Spiegel einer menschenverachtenden Propaganda.

Mirko Lange *

Als ich diese Schlagzeile las, erschrak ich: „Israel verkündet Tötung von Ali Larijani“. Ganz unwillkürlich fragte ich mich, wie ich reagieren würde, wenn da stünde : „Iran verkündet Tötung von Benjamin Netanjahu“. Ich stelle diese Frage nicht als Wunsch, sondern als Spiegel. Und mir geht es um das Wort „Verkünden“ und um die Inszenierung des Todes eines Menschen. Genauer: Der Tötung eines Menschen. Oder gar: Der Ermordung eines Menschen?

#SpracheAlsSpiegel
Das Wort „verkünden“ kommt nicht aus der Sprache des Krieges. Es kommt aus der Sprache des Triumphs. Man verkündet Siege, Errungenschaften, Neugeburten. Wenn ein Staat den Tod eines Menschen „verkündet“, ist das keine Kriegsberichterstattung. Es ist Triumphkommunikation. Der gezielte Tod wird zur Erfolgsmeldung, die dem Publikum zu Hause Befriedigung verschaffen soll.

#MusterKeineAusrutscher
Und es ist nicht nur die deutsche Übersetzung. Es gibt öffentlich dokumentierte Aussagen führender israelischer Regierungsmitglieder, keine anonymen Stimmen, keine Extremränder. Verteidigungsminister Israel Katz schrieb, Larijani habe sich in den „Tiefen der Hölle“ angeschlossen. Joaw Galant, der ehemalige Verteidigungsminister, nannte Gazabewohner im Oktober 2023 „menschliche Tiere“. Bezalel Smotrich forderte, die Stadt Huwara solle „ausgelöscht“ werden. Itamar Ben-Gvir feiert Siedlergewalt öffentlich. Netanyahu zitierte Amalek, das biblische Gebot zur totalen Vernichtung eines Volkes. Und es gibt Dutzende mehr Belege. Entwürdigende Rhetorik ist kein Alleinstellungsmerkmal autoritärer Regime.

#DehumanisierungAlsVorbedingung
Die Genozidforschung kennt diese Logik: Dehumanisierung ist keine Folge von Gewalt, sie ist ihre Vorbedingung. Man muss den anderen erst zum Tier, zum Teufel, zur Verkörperung des Bösen machen, um ohne moralische Hemmung töten zu können. Die Sprache legitimiert, was die Waffe vollzieht.

#DieAndereSeite
Ich höre den Einwand: einseitig. Also: Die Hamas-Charta ruft zur Vernichtung Israels auf. Khamenei skandiert seit Jahrzehnten „Tod zu Israel“. Der 7. Oktober war ein Massaker, das mit erkennbarer Freude an der Grausamkeit begangen wurde. Das ist real, dokumentiert und moralisch eindeutig zu verurteilen.

#Demokratie
Aber gerade weil Israel eine Demokratie ist, wiegt diese Rhetorik schwerer. Ein Staat, der westliche Werte beansprucht, Milliarden an westlicher Unterstützung erhält und sich als einzige Demokratie im Nahen Osten bezeichnet, hat einen Vertrag mit seinen eigenen Werten eingegangen. Wer diesen Vertrag bricht und dabei triumphiert, beschädigt nicht nur sich selbst. Er beschädigt den Wert der Demokratie als solchen.

#Maßstäbe
Moralische Maßstäbe verlieren ihren Wert, wenn man sie nur auf den Gegner anwendet. Wer das kritisiert, wünscht niemandem den Tod. Er besteht auf dem Unterschied zwischen Krieg und Heiligem Krieg, zwischen Verteidigung und Vernichtungsrhetorik, zwischen Demokratie und ihrer Simulation.

* Mirko Lange ist Mirko Lange ist Medienkritiker, Jurist, Kommunikationsstratege und Gründer der Initiative Democracy Intelligence. Diese prüft Politikeraussagen, wie vertrauenswürdig sie sind. Langes Analyse haben wir von Facebook übernommen.

Wer verteidigt Europa ?

Überlegungen zu Jana Puglierins Buch „Wer verteidigt Europa? – Die neuen Kriegsgefahren und was wir tun müssen, um uns zu schützen“, veröffentlicht im ROWOHLT-Verlag.

Ilse Kleinschuster *

Viele Menschen in Europa glauben an eine Bedrohung aus dem Osten und fragen sich heute, ob aktuell sich die Europäer gegen einen Angriffskrieg verteidigen können werden, wenn sich die USA mittelfristig aus Europa zurückzieht, wie es unter Donald Trump den Anschein hat. Andere wiederum sehen – oder wollen – keine Bedrohungen sehen, denen Europa ausgesetzt ist: konventionell, hybrid, atomar. Menschen, die von einem Bedrohungsszenario ausgehen und gerne informiert sein wollen was jetzt dringend geschehen muss, damit Europa verteidigungsfähiger wird, werden versuchen, sich so verlässlich wie möglich zu informieren.

Auch mir erscheint es wichtig, gut informiert zu sein, um die Lage vernünftig beurteilen zu können. Auf einem meiner Besuche in der ÖGB-Buchhandlung habe ich einen Buchtitel entdeckt, der mir relevant erschien: „Wer verteidigt Europa? – Die neuen Kriegsgefahren und was wir tun müssen, um uns zu schützen“. Die Autorin, Jana Puglierin, geboren 1978 in Siegen, ist Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations, seit 2023 ist sie Mitglied des Beirats der Bundesregierung für zivile Krisenprävention und Friedensförderung.

Die Autorin räumt der Einschätzung einer neuen Bedrohungslage für Europa viel Raum ein: wie real die Gefahr ist, dass sich der Krieg auf EU- oder NATO-Gebiet ausweitet, welche Rolle China spielt, das wirtschaftlich eng mit Europa verflochten ist. Sie fragt sich aber auch, warum Versuche, die Sicherheit und die Verteidigung Europas eigenständiger zu organisieren, trotz jahrzehntelanger Debatten und Initiativen bislang so wenig Wirkung entfaltet haben – und was sich ändern muss, damit das in Zukunft gelingt.

Dass der Krieg zurück in Europa ist, scheint für Puglierin keine Frage mehr zu sein. Aber was mich letztlich doch versöhnlich stimmt, ist der Passus, wo sie schreibt, dass ‚Verteidigung nicht nur Militär heißt‘ und dass neben ihrer Rolle als „Möglichmacherin“ in Hinblick auf militärische Fähigkeiten die EU auch in anderen Bereichen einen wichtigen Beitrag zur Verteidigung Europas leisten kann und muss. Dazu gehöre die gesamtstaatliche Resilienz, die militärische Mobilität, Forschung und Entwicklung sowie Sicherheitsfragen außerhalb des rein Militärischen – zum Bespiel Cybersicherheit. Außerdem, so schreibt sie, sollte die EU dafür sorgen, dass Verteidigung als Querschnittsthema in die europäische Gesetzgebung einfließt, etwa bei der Rohstoffsicherung oder dem Schutz kritischer Infrastruktur.

Schon klar, da geht es nicht um einen Umsetzungsplan zum „ewigen Frieden“ – wie ‚wir‘ es uns im neutralen Österreich wünschen – ja, und wie es sich Christian Felber so schön vorstellt, wenn er schreibt: Die aktuelle Eskalation zeigt einmal mehr auf beeindruckende Weise, dass Aufrüstung *nicht* zum Frieden führt, sondern zum Gefühl von Stärke, zur Demonstration von Stärke und zu völkerrechtswidrigen Angriffskriegen. https://christian-felber.at/wp-content/uploads/2026/03/FFE_2026_02_ewiger-Frieden.pdf?fbclid=IwY2xjawQTWdleHRuA2FlbQIxMABicmlkETE0QmlkaHUzdHltb2NQVDBrc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHlGQTjN0M37VQRiS0RI2ByAYz3pSX5ZXIJ-8PB6GCrMJZ6QaxLUj1v63emWo_aem_W3dWnwRmgtV_1iRRJbLZBg

Klar ist, der Verteidigungsplan der EU wird sehr stark von Interessen aus Wirtschaft und Industrie beeinflusst! Mehr als das wird aber von der Autorin kritisiert, dass die EU oft zu langsam ist und deren Prozesse voller bürokratischer und ideologischer Hürden sind.

Vorrangig fordert Jana Puglierin für eine bessere Verteidigungsfähigkeit die Entwicklung eines Geflechts von NATO-Strukturen, EU-Initiativen, nationalen Strategien und flexibleren Koalitionen. Dabei ginge es ihr weniger darum, das Flickwerk durch ein neues, zentrales System zu ersetzen als es strategisch zu verknüpfen: durch bessere Abstimmung, klar definierte Rollen, gemeinsame Zielbilder – und den politischen Willen, vorhandene Instrumente besser zu nutzen. Es sollte daraus eine neue Form von Handlungsfähigkeit entstehen, die nicht zentralisiert, aber koordiniert ist; nicht einheitlich, aber geeint im Ziel.

Ich bekenne, dass ich mich nach der Lektüre nur vorübergehend etwas erleichtert fühle, mir noch lange kein Stein vom Herzen fällt. Haben mich doch Friedens- und Neutralitätsaufrufe wie z.B. NEIN ZUR EUROPÄISCHEN RÜSTUNGSGEMEINSCHAFT! und JA ZUR NEUTRALITÄT! JA ZUR WELT! nachdenklich gestimmt und als Skeptikerin mich daran erinnert, dass nicht nur die in der EU‘, sondern auch ‚wir in Österreich‘ noch weit entfernt sind von Zielen, die einer Friedensunion Europa würdig wären.

Es fehlt an gesellschaftlichem Rückhalt und einem neuen Grundkonsens, so die Autorin. Ja, es fehlt an Kooperation und es ist jetzt wichtig den Überblick zu behalten, wenn Verteidigung neu gedacht werden soll – für Frieden zu sorgen und vor allem bei uns in Österreich die Neutralität hochzuhalten -, denn nur in friedlichen Zeiten kann gute Aufbauarbeit geleistet werden.

* Gastautorin Ilse Kleinschuster ist engagiertes Mitglied der Zivilgesellschaft

Auch jüngste US-Aggression begrüßt

Die völkerrechtswidrigen Angriffe der USA und Israels auf den Iran stoßen auf weitgehendes Wohlwollen westlicher Medien und Politik, allen voran der Europäischen Union. Eine klassische Täter-Opfer-Umkehr.

Wolfgang Koppler *

Ich gelte ja als Pessimist. Aber das, was die Angriffe auf den Iran in unseren Medien ausgelöst haben, übersteigt selbst meine kühnsten Alpträume.

Die Krone titelt: „Angriff auf Hauptstadt des Terrorregimes“. Und die so genannten Qualitätsmedien sind nicht viel besser. In der „Presse“ klingt es zwar etwas neutraler „Israel greift Ziele in Teheran an“, aber das, was als uns dort als das „Wichtigste im Überblick“ präsentiert wird, wirkt geradezu gespenstisch unkritisch:

Das Wichtigste im Überblick:

• Kurz vor 8 Uhr MEZ haben Israel und die USA den Iran angegriffen.
• US-Präsident Trump will das amerikanische Volk schützen und ruft zum Sturz des iranischen Regimes auf.
• In Israel wurde Luftalarm ausgelöst.
• Es gibt iranische Gegenangriffe auf US-Militärbasen im Nahen Osten.
• Iran verbietet Schiffen die Passage durch die Straße von Hormus.
• Die AUA setzt viele Flüge in Richtung Naher Osten aus, auch nach Dubai.
• Irans Führer Khamenei ist tot. Auch Stabschef Mousavi wurde getötet.
• Der UN-Sicherheitsrat tagt noch am Samstag (22 Uhr MEZ).

Immerhin: Die Kleine Zeitung sorgt sich um die Ölpreise und steht damit nicht ganz allein da: Ölmarkt: „Preise könnten auf jahrelang nicht gesehene Höhen steigen“

Aber großteils werden die Angriffe geradezu begrüßt. Auch im ORF wenig Kritik. Menschen wie Karim El-Gawhary und Rosa Lyon sind geradezu einsame Rufer in der militärischen Wüste, die ihre KollegInnen zurück in die Realität holen müssen.

Dass die EU sich mit Kritik an Trump zurückhält, wenn es gilt, die bösen Mullahs zu stürzen – trotz des Risikos eines Bürgerkriegs im Iran und einer Destabilisierung der gesamten Region samt unabsehbaren Kollateralschäden auch für Europa – ist da geradezu selbstverständlich. Und dass die iranische Bevölkerung seit Jahren durch die Sanktionen ausgehungert wurde, bleibt unerwähnt. Nur nicht ins Fettnäpfchen treten, ist wieder einmal die Devise. Fehlt nur noch, dass man Trump Grönland schenkt und ihn für den Friedensnobelpreis vorschlägt. Unter dem Applaus der Medien, versteht sich.

Rechte Parteien brauchen da nur noch die Protestwähler aufzusammeln. Trump ist schon längst in Europa angekommen. Nur fällt es kaum jemandem auf.

* Mag. Wolfgang Koppler ist Journalist und Jurist. Erlebt in Wien.

Unbeirrt weiterkämpfen?

4 Jahre dauert er nun, der Krieg in der Ukraine. Am 24.2.2022 hatte Russland mit seiner Invasion begonnen. Das Thema behandelte aus diesem Anlass die jüngste Ausgabe der ORF2-Sendung „Das Gespräch“ mit Susanne Schnabl.

Wolfgang Koppler *

„Der Krieg, der spaltet – Kapitulieren oder weiterkämpfen?“ Schon der Titel der jüngsten Diskussionsrunde des ORF-Formats „Das Gespräch“ wirkte auf mich leicht manipulativ. Denn wer will schon zugeben, dass er sich verrannt hat und vielleicht nachgeben und den Kompromiss suchen muss. Wenn der Gegner so unsympathisch und stur ist wie Putin ?

Ganz so schlimm wurde es dann nicht. Auch wenn die Diskussionsleiterin am Anfang auf mich wirkte, als wollte sie den Gesprächsteilnehmern vorgeben, was sie zu sagen hätten. Wobei man angesichts der oft sehr vereinfachenden Slogans mancher FPÖ-Politiker, man solle überhaupt kein Steuergeld für die Ukraine zur Verfügung stellen, man natürlich klarstellen muss, dass ja auch humanitäre und wirtschaftliche Hilfe geleistet wird. Und es wohl nicht in unserem Interesse liegt, die Menschen im Stich zu lassen und neue Flüchtlingswellen auszulösen.

Doch dann wurde es problematisch. Während in der Programmvorschau des ORF noch von Sehnsucht nach Frieden die Rede war und nach einem möglichen Strategiewechsel im Ukrainekrieg gefragt wurde, forderte Sicherheitsexpertin Hoffberger-Pippan nur eine Verschärfung der Sanktionen und Moderatorin Susanne Schnabl stellte auch noch die suggestive Frage, ob nach vier Jahren Krieg alles umsonst gewesen sollte, wenn es nun zu Gebietsabtretungen käme. Auch die Angst vor weiteren militärischen Abenteuern Putins wurde zunächst ein bisschen geschürt. Zum Glück wies Russlandexperte Gerhard Mangott darauf hin, dass angesichts der militärischen und wirtschaftlichen Erschöpfung Russlands ein Krieg gegen einen NATO-Staat in den nächsten Jahren ziemlich unwahrscheinlich sei.

Und dann ging es – geradezu unvermeidlich – um die europäische Aufrüstung. Da wurden schwindelerregende Zahlen genannt. Und wenigstens wurde dadurch klar, dass 800 Milliarden für Aufrüstung zusätzlich zur militärischen Unterstützung der Ukraine plus weiteren 800 Milliarden für deren Wiederaufbau für Europa schwer zu tragen wären. Man sprach zwar von einer gemeinsamen Schuldenaufnahme, wie sie Macron im Auge hätte. Und davon, dass man die Bevölkerung auf Einschnitte bei Sozialausgaben u.a. vorbereiten müsse. Aber irgendwie schien den Diskussionsteilnehmern doch die Phantasie auszugehen, wie das ohne weitere Spaltung unserer Gesellschaft alles zu bewerkstelligen wäre.

Da war es natürlich leichter, über Österreich, seine vielleicht doch nicht so sichere Lage und dessen Sicherheitspolitik und Wehrbereitschaft zu diskutieren. Wobei der ehemalige Spitzendiplomat Petritsch das Gespräch dann wenigstens auf unsere sträflich vernachlässigte Diplomatie und Sicherheitspolitik lenkte. Nicht ohne zuvor geschickter Weise die militäranalytischen Kenntnisse des Diskussionsteilnehmers Sandtner zu loben.

So musste man doch auch über die Möglichkeit von Verhandlungen reden. Und da geschah etwas Überraschendes oder sagen wir – ein im Ukrainekrieg bis jetzt höchst seltenes Ereignis. Angesichts ungeheurer Zerstörungen, wirtschaftliche Kollateralschäden in weiten Teilen der Welt und wohl mehr als 500.000 Toten. Wolfgang Petritsch gestand plötzlich ein, dass man vielleicht schon in der Vergangenheit nach Kontakten und diplomatischen Kanälen zu Russland hätte suchen müssen. Und dies auch jetzt noch tun solle, zumal das, was jetzt an Verhandlungsbemühungen laufe, zu sehr im Licht der Öffentlichkeit geschähe und Trump zudem, sobald die Midterm-Elections anstünden, sich bald wieder auf anderes konzentrieren würde. Europa sei da gefordert.

Ich darf ergänzen: Nicht nur, was die Gesprächsbemühungen selbst und deren Form betrifft – auch inhaltlich könnte sich die europäische Politik vielleicht endlich etwas Neues einfallen lassen. Trotz oder gerade wegen der angesichts von beiderseitiger Sturheit derzeit so verfahrenen Situation. Auch inhaltlich sollte man endlich einmal von den sinnlosen Aufforderungen zur Kapitulation der Gegenseite abkommen. Und einfach nüchtern die Interessen betrachten und vielleicht für den Fall eines Friedens die Aufhebung der Sanktionen in Aussicht stellen, die wie Mangott zurecht sagt, angesichts der entsprechenden Vorbereitung Russlands und dessen wirtschaftlicher Umorientierung nicht wirklich viel gebracht haben. Außer dass wir nun von US-amerikanischem Flüssiggas abhängen und die Energiekosten unsere – sowieso schon von Trumps Zöllen beeinträchtigte – Wirtschaft weiter belasten. Wie es auch in der Diskussion ansatzweise zur Sprache kam.

Aber Donald Trump kann machen, was er will. Letztlich bleibt er der gute – wenn auch etwas eigenwillige – Onkel aus Amerika. bei dem man Unterstützung gegen allerlei Bedrohungen suchen muss. Und bei dem man sich noch bedankt, wenn man statt 30 % nur 15 % Zoll zahlen muss. Denn an was soll man sich denn sonst halten ? Wenn nicht an die eigene Überlegenheit und die des Westens. Selbstbewusstsein und Selbstreflexion sehen anders aus.

* Gastautor Mag. Wolfgang Koppler ist Jurist und Journalist und lebt in Wien

Beklemmende digitale Risken

In der ORF-Sendung ZiB 2 ist am Mittwoch ein spannender und für manche durchaus gruseliger Beitrag ausgestrahlt worden. Im Zentrum ein bis dato eher unbekanntes Computergenie.

Wolfgang Koppler *

Kennen Sie Peter Steinberger ? Der Mann wird gerade als Computergenie gehandelt, der die KI erst wirklich einsatzfähig gemacht hätte.

Er macht es möglich, dass man in absehbarer Zeit die KI per Sprachsteuerung für sich arbeiten lassen kann. Kein lästiges Ausfüllen von Formularen mehr, kein Suchen nach einem Hotel,
Ein Befehl und der Computer nimmt dir alles ab. Das Ganze ist natürlich auch ein Paradies für Hacker, zumal alle Daten samt Kreditkarte, Mailadressen der KI zur Verfügung stehen. Und wohl niemand kann garantieren. dass da kein Fremder bzw. Unberechtigter ins System hineinkommt. Wie auch im einschlägigen ZiB2-Beitrag anklang.

Wirklich beklemmend wurde es, als das „Genie“ seinen großen Auftritt in der ZiB2 hatte. Steinberger hatte offenbar gar nicht systematisch auf seine Entdeckung bzw. Entwicklung hingearbeitet – es hatte sich bei seiner Programmierarbeit irgendwie ergeben. Natürlich wurde er nach seiner milliardenschweren Erfindung umworben. Netterweise lehnte er das Angebot von Formen des Silicon Valley ab und entschied sich für Open AI. Wobei er nicht sagen wollte, wieviel ihm dort geboten wurde. Aber nachdem ihm schon vorher beim Verkauf einer Startup-Firma ein dreistelliger Millionenbetrag zugeflossen ist, dürfte es jetzt ein bisschen mehr sein, wie Moderator Armin Wolf aus ihm herauskitzelte.

Eher schweigsam wurde er, als um die Risiken seiner Erfindung ging. Vor allem, wenn man an die Weiterentwicklung der KI in 5-10 Jahren denkt. Steinberger redete zwar von der Möglichkeit, Prozesse durch einen weiteren Befehl zu stoppen und von Sicherheitssystemen. Aber so ganz wohl war ihm sichtlich nicht in seiner Haut. Trotz des Ruhms und der Anerkennung. Wissenschafter haben ja nie Verantwortung. Sie vertrauen einfach auf den Fortschritt. Und die seelenlose Intelligenz späterer Generationen. Irgendwas wird schon rauskommen – ich habe nur meinen Job gemacht und mich selbst verwirklicht. Schneller, höher, stärker, weiter…Dazu haben mich meine Eltern schließlich erzogen.

Wie lautet doch ein alter Witz ? Der Computer ist die logische Weiterentwicklung des Menschen. Intelligenz ohne Moral. Es fragt sich nur, ob der westliche Mensch nicht schon seit der Antike entsprechend erzogen wurde. Insofern ist die Vision einer Abschaffung des Menschen durch den Computer gar nicht so unrealistisch. Und vielleicht gar keine wirkliche Veränderung.

*Gastautor Mag. Wolfgang Koppler ist Journalist und Jurist in Wien

Wer die Macht hat, hat das Recht

Am späten Sonntagabend konkurrieren einander im Fernsehen hierzulande die Talksendungen Links.Rechts.Mitte von Servus-TV und „Im Gespräch“ mit Susanne Schnabl in ORF2. Der Vergleich macht einen wieder sicher. Meist seriöser ist letzteres Diskussionsformat. Das belegt auch die jüngste ORF-Runde zum Thema „Die Akte Epstein. Steht die Elite über dem Gesetz?“

Wolfgang Koppler *

Einig war man sich darin, dass „die Eliten“ keine verschworene Gemeinschaft von ein paar Reichen sind, welche bewusst miteinander konspirieren, um die restliche Gesellschaft zu beherrschen. Aber ebenso herrschte Übereinstimmung darüber, dass Menschen mit Macht und Einfluss es sich gelegentlich richten können, wenn sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Auffassungsunterschiede zeigten sich hinsichtlich der Stärke dieses Phänomens, das hinter der alten Weisheit „Wer die Macht hat, hat das Recht“ steckt und was die Ursachen dafür sind, dass unser Rechtsstaat vielfach nur Fassade ist.

Journalistin und Podcasterin Alexandra Stanic sah das Ganze aus feministischer Perspektive und somit vor allem die Sexualdelikte, die aus der Jahrhunderte langen Dominanz des Mannes und der Einordnung der Frau als Sexualobjekt herrührten. Die Psychiaterin Adelheid Kastner hingegen wies daraufhin, dass Machtmissbrauch gelegentlich auch bei weiblichen Führungsfiguren anzutreffen sei, etwa in Peru oder in Argentinien, weil ein Übermaß an Macht eben korrumpiere. Sie versuchte aber einem vereinfachenden „Die da unten gegen die da oben“ entgegen zu wirken, indem sie den Blick auf die Moral und das Recht bzw. dahinterstehende Werte lenkte, die auch den machtlosen Menschen ihrer Ansicht nach oft gleichgültig seien. Die Empörung der Öffentlichkeit werde weniger durch die Verletzung von Recht und Moral erregt als über die Tatsache, dass „die da oben“ es sich richten könnten, während man als einflusslose Bürger dies nicht könne.

Erik Frey vom Standard wiederum versuchte die Affäre Epstein aber auch das Thema Machtmissbrauch als primär amerikanisches Problem darzustellen, zumal in Europa zumindest in der Sache Epstein wenig Verdachtsgründe hinsichtlich strafbarer Tatbestände bestünden.

Elitenforscher Michael Hartmann von der Universität Darmstadt ging da schon etwas weiter. Er versuchte vom Feindbild Trump und den Epstein-Akten loszukommen und die seit Jahrzehnten sowohl in den USA als auch in Europa schwelendem Rechtstendenzen zu erklären. Vor allem das Phänomen, wie Leute wie Trump (oder auch Berlusconi und Babis), welche selbst den Eliten angehören, sich als eine Art Robin Hood präsentieren können und sich so den Unmut breiter Bevölkerungsschichten zunutze machen. Und er verwies auf Finanzskandale und sich seit Jahrzehnten abzeichnende soziale Abstürze durch eine zunehmend asozialer werdende Gesellschaft. So hätte etwa die Finanzkrise 2008 unzählige Menschen um ihre Existenz gebracht. Die dann – neben zahlreichen anderen Verlierern – den Nährboden für den Erfolg Trumps bildeten.

Auch wenn es wohl nicht nur die Finanzkrise 2008 war: Aber Hartmann trifft den Nagel auf den Kopf. Auch wenn es natürlich um Werte gehen muss, ohne die eine Gesellschaft langfristig nicht bestehen kann (so wie ein noch so leistungsfähiger Computer ohne passende Software nicht einsatzfähig ist, um dies auch einem Techniker begreifbar zu machen), so wird man diese Werte wohl kaum einer breiten Öffentlichkeit vermitteln können, wenn jene, die Macht und Einfluss besitzen und im Wohlstand leben, sich wenig darum scheren. Und sich dies nicht einmal eingestehen.

Und noch etwas: Auch wenn es keine homogene Elite gibt, die sich gegen die breite Masse verschworen hat, so gibt es doch Oligarchien, die durch gemeinsame Interessen zusammengehalten werden. Ganz gleich welcher Couleur. Das kann in einer Gesellschaft, die den Egoismus zum antreibenden Element erklärt hat und deren einziges Ziel „noch mehr Wohlstand“ ist, auch gar nicht anders sein. Zumal der antike Humanismus den egoistisch-materialistisch-rationalistischen Menschen in den Mittelpunkt stellt. Seelen- und wertlos. Da ist Gerechtigkeit und Menschlichkeit natürlich nachrangig. Auch wenn man sich gelegentlich bei Spendengalas betätigt. Und verbal die Menschenrechte hochhält. Die auf einer Menschenwürde basieren, mit der schon die griechische-römische Antike wenig anfangen konnte.

* Gastautor Mag. Wolfgang Koppler ist Journalist und Jurist. Er lebt in Wien