Schlagwortarchiv: NATO-Mitgliedschaft

Außenpolitik kein Thema..

Im jüngsten ORF-Sommergespräch mit Außenministerin Beate Meinl-Reisinger sind ausgerechnet außenpolitische Fragen auf der Strecke geblieben. Das hat mehrere kritische Reaktionen ausgelöst.

Udo Bachmair

Das Interesse an Außenpolitik hierzulande ist Studien zufolge relativ gering. Bei akuten Krisen jedoch, die die Energieversorgung, die Ölpreisentwicklung, die medial und politisch geschürte Furcht vor russischen Angriffen oder die Kriegsverbrechen in Gaza betreffen, steigt das Interesse deutlich. Umso erstaunlicher, dass dem ORF „das Kunststück gelungen“ (DiePresse) ist, Außenministerin Meinl-Reisinger im jüngsten ORF-Sommergespräch keine einzige Frage zur Außenpolitik zu stellen. „Ein seltsam provinzielles Interview“ konstatiert etwa auch Ingrid Steiner Gashi im KURIER.

Als langjähriger ORF-Redakteur fällt es mir nicht leicht, ehemalige ORF-KollegInnen zu kritisieren, doch dieses Mal kann ich leider nicht anders. Denn die von Interviewerin Simone Stribl unterlassenen Fragen zur Außenpolitik erscheinen mir als eine nahezu beispiellose journalistische Fehlleistung. Aber vielleicht tut man der innenpolitisch durchaus kompetenten ORF-Journalistin unrecht. Ihr könnte ja von oben oder außen mit Nachdruck nahegelegt worden sein, der Außenministerin unangenehme Fragen zur Außenpolitik zu ersparen.

Es wären heikle Fragen gewesen, auf die das TV-Publikum gewartet hätte: Wie steht Meinl-Reisinger zur israelischen Regierung, deren Polizeiminister zu weiteren „Tötungen“ von Palästinensern aufgerufen hat? Was und wer hindert sie daran, menschenverachtende Aussagen wie diese sowie die trotz Waffenruhe weiterhin brutale Vorgangsweise der israelischen Armee in Gaza und auch die Aggressionen im Westjordanland klar zu verurteilen?

Stattdessen fordert Meinl-Reisinger weitere Sanktionsmaßnahmen gegen Russland und erklärt Finnland zum Vorbild für Österreich. Heißt das, dass auch Österreich so bald wie möglich der NATO beitreten soll? Und damit im Zusammenhang: Verabschiedet sich die österreichische Außenministerin nun endgültig von der Neutralität, die laut renommierten Politologen wie etwa Heinz Gärtner oder sogar Militärs, wie-Ex-General Günter Greindl, durchaus eine Schutzfunktion hätte, gäbe es eine aktive und engagierte Neutralitätspolitik?

Das und mehr wären im ORF-Sommergespräch dringend nötige Fragen an die „Chefdiplomatin“ gewesen. Bekanntlich steht Österreich auch international unter Verdacht, sich von einer verantwortungsbewussten Neutralitäts- und Friedenspolitik immer weiter zu entfernen und immer unverhohlener den Weg hin zu einer NATO-Mitgliedschaft aufzubereiten. Eine verhängnisvolle Entwicklung. Doch auch das scheint die Bevölkerung nicht aus ihrer Lethargie wachzurütteln. Dabei wäre waches Interesse an der Außenpolitik gerade auch in Zeiten wie diesen wichtiger denn je.

War da was ?

Der Mainstream der Berichterstattung über den Ukrainekrieg war und ist vielfach geprägt von Kriegsrhetorik. Nun aber taucht in Medien und Politik zunehmend der Begriff Frieden auf, verbunden mit der Hoffnung auf baldige Waffenstillstandsgespräche.

Wolfgang Koppler *

Angesicht der Turbulenzen um die Regierungsbildung in Österreich und der nahezu allgemeinen Erleichterung, dass es doch nicht zum risikoreichen und die allgemeine Spaltung verschärfenden Experiment einer Kickl-Regierung kommt, ging in Politik und Medien etwas sehr Wichtiges unter: Offenbar unmittelbar bevorstehende Verhandlungen zum Ukrainekrieg.

Fast hatte man den Eindruck, dass sei den Medien ganz recht. Ersparte man sich doch die Peinlichkeit, bei vielen eine 180-Gradwendung in der diesbezüglichen Berichterstattung allzu offen zur Schau stellen zu müssen. Dass man zu diesem Thema am Rande in der ZiB2 des ORF eine eher selten ins Bild kommende Kommentatorin interviewte, war vielleicht nur Zufall.

Hab‘ ich richtig gehört, Putin ist zu Verhandlungen bereit ? Und man fasst ins Auge, auf eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine gegen entsprechende europäische Sicherheitsgarantien zu verzichten ? Oder hatte ich da eine Halluzination ? Wurde nicht genau über diese Themen zu Beginn des Krieges verhandelt und scheiterte das Ganze nicht ?

Eigentlich gar nicht so schwer zu überprüfen. Die Rache der Journalisten an den Politikern ist bekanntlich das Archiv. Die Rache der Leser an den Journalisten ist ihr Gedächtnis.
Und vielleicht darf man das Wort Frieden wieder benützen – ohne es mit desavouierenden Zusätzen zu versehen.

Nichts für ungut. Aber wenigstens ein Blick in die eigenen Artikel der letzten Jahre könnte so manchem Medienprofi nicht schaden.

* Gastautor Mag. Wolfgang Koppler ist Jurist und Journalist in Wien