Die FPÖ Niederösterreich hat in den sozialen Medien ihre „Pfingstbotschaft“ verbreitet. Die evangelische Pfarrerin Julia Schnizlein, bekannt auch als „social-media-Pfarrerin“, hat der FPÖ auf Facebook und Instagram geantwortet:
Julia Schnitzlein *
Liebe FPÖ – Wenn man schon mit christlichen Feiertagen Politik machen möchte, dann sollte man vorher vielleicht tatsächlich in die Bibel schauen.
Die jüngste Pfingst-Aussendung der FPÖ zeigt vor allem eines: wie wenig die FPÖ von Pfingsten weiß. In einem Sujet hieß es: „Pfingsten: Den Geist der Freiheitlichkeit spüren.“ Die FPÖ Niederösterreich schrieb außerdem, Pfingsten bedeute, sich Zeit zu nehmen „für Familie, für gemeinsame Momente und für Werte, die uns verbinden“. Traditionen würden Halt schenken und an „Zusammenhalt und Ruhe im Alltag“ erinnern.
Das klingt nett. Hat aber mit Pfingsten ungefähr so viel zu tun wie ein Lagerfeuerabend mit der Pride.
Denn Pfingsten ist in der Bibel gerade nicht die Feier von Ruhe, Ordnung, nationaler Identität oder Tradition. Pfingsten ist ein Kontrollverlust. Laut, chaotisch, multikulti, irritierend. Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen kommen zusammen. Unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche kulturelle Hintergründe, unterschiedliche Lebensgeschichten – und trotzdem verstehen sie einander.
Die Reaktion der Umstehenden lautet nicht: „Wie schön geordnet.“ Sondern: „Die sind doch betrunken.“
Pfingsten ist die Zumutung, dass Gottes Geist sich nicht an nationale Grenzen hält.
Die Apostelgeschichte erzählt ausdrücklich von Menschen „aus allen Nationen unter dem Himmel“. Nicht Einheit durch Gleichförmigkeit. Nicht Identität durch Abgrenzung. Sondern Verständigung in der Vielfalt.
Jeder hört in seiner eigenen Sprache. Das ist entscheidend. Der Heilige Geist löscht Unterschiede nicht aus. Er macht sie auch nicht bedrohlich. Er verbindet Menschen gerade in ihrer Verschiedenheit.
Deshalb passt Pfingsten auch nicht zu politischen Erzählungen von kultureller Abschottung oder „Schutz nationaler Identität“. Der Geist Gottes weht in der Bibel immer dorthin, wo Grenzen überschritten werden, wo Menschen einander neu verstehen, wo Gemeinschaft größer wird als Herkunft, Sprache oder Nation.
Pfingsten ist keine religiöse Folkloreveranstaltung zur Verteidigung einer „Heimat“. Pfingsten ist die Geburtsstunde einer radikal offenen Gemeinschaft.
Bibellesen hilft
* Mag.a Julia Schnizlein ist seit 2020 Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Kirche Wien-Innere Stadt. Sie äußert sich auch in Sozialen Medien sehr engagiert.