Kategoriearchiv: Medienschmankerl

Afrikabild – lückenhaft und einseitig

Auch das ist Afrika: Wachsende Mittelschicht, Aufschwung, Hilfe und Geschäft dank mobiler Technologie. Warum fehlt dies in Medien?

Hans Högl- Bleibend aktuell ist das Buch von Martin Sturmer: Afrika! 2013. Vgl. Zeitschrift: r:k:m Rezensionen: kommunikation:medien 4.Okt 2013.

Lutz Mükke hat in seinem Werk Journalisten der Finsternis herausgearbeitet, dass das deutsche Afrikabild nach wie vor von den negativen K-Themen (Krisen, Kriege, Krankheiten, Korruption, Katastrophen) dominiert wird. Mükke hat auf die geringe Präsenz deutschsprachiger Korrespondent*innen in Afrika hingewiesen und auf die geringe Beachtung Afrikas.

Der österreichische Journalist Martin Sturmer knüpft in seinem Buch Afrika! nun daran an und zeigt Alternativen auf: Was könnte getan werden, um mehr Aufmerksamkeit für Themen aus Afrika zu erzielen? Wie könnte differenzierter berichtet werden? Wie ist möglich angesichts knapper Ressourcen?-Das war ein Buch 2013: geändert hat sich bis heute 2021 wenig. Wer liest denn Bücher?

Überreizt durch Journalismus

Der unablässige Diskurs um Corona lässt an ein Wort von Émile Zola vor mehr als 125 Jahren denken- auch wenn die jetzige Krise nicht einfachhin belanglos ist (Hans Högl)

Émile Zola 1894

„Meine einzige Sorge angesichts des Journalismus von heute ist der Zustand nervöser Überreizung, in dem er die Nation hält“,

…schrieb der Schriftsteller Émile Zola 1894 in seinen „Annales politiques et littéraires“. So konnte ein belangloses Ereignis oder ein Hirngespinst leicht zum Skandal oder zur Staatsaffäre gepuscht werden. Doch für Überreizung sorgte die Nation auch selber.

Joe Biden: Selten Gemeldetes

Im März 2020 nannte Joe Biden in „Foreign Affairs“ bisher selten Erwähntes. Außenpolitiker schätzen diese US-Zeitschrift.

Hans Högl: Resumé aus „Foreign Affairs“ und Rezension

Joe Biden will die Emissionen von Flugzeugen und Schiffen reduzieren, eine saubere Energiewirtschaft mit Null Emissionen bis 2050 erreichen und den Lügen auf Internetplattformen an den Leib rücken.

Joe Biden blieb bei Wahlauftritten er selbst, obwohl ihm Beratern Anderes rieten. Diese Konsequenz mag auch seine überraschende Siege erklären (als junger Senator, als Kandidat der Demokraten, als Wahlsieger). Er zeigte sich stark im Umgang mit Schlägen des Schicksals. Loyal blieb er unter Obama im Hintergrund. Im Übrigen: Was hat es für eine Bewandtnis mit den Verwicklungen von Joe Biden`s Sohn mit der Ukraine?

Bei künstlicher Intelligenz und im 5 G-Bau will Joe Biden China nicht nachhinken. China sieht er als großen Rivalen. Und er will – wenn nötig nicht zögern, das weltweit stärkste Militär einsetzen-doch nur als letztes Mittel. In der Regel soll Diplomatie Konflikte lösen.

Zu Russland: Der Kreml fürchtet- so Biden- eine starke NATO. Biden will zu Russlands tapferer Zivilgesellschaft stehen und gegen Putins räuberisches, autoritären Systems „against President Vladimir Putin`s kleptocratic authoritarian system“ (p. 73) vorgehen. Seltsam ist es ja schon, wie sich Putin selbst und seine Familie vor Weihnachten, progressiv denkend lebenslang durch ein Immunitätsgesetz vor Strafverfolgung schützte. (Das gewährte Putin auch Jelzin). Und nun – ein paar Wochen danach das „Palastvideo“,aufgezeigt von Nawalny!

Biden will für US-Bürger einen Mindestlohn von 15 Dollar/h, die Folter ächten („I will reaffirm the ban on torture and restore greater transparency in U.S. military operations“ p. 66). Da wird das weitere Schicksal von Assange spannend! Er will Klarheit über das globale Finanzsystem und gegen Steuerparadiese vorgehen („go after illicit tax havens“). Das lässt aufhorchen, denn die Demokraten sind recht eng mit der Wallstreet verknüpft. Und die Heimat von Joe Biden, der Bundesstaat Delaware, ist bekannt für seine Briefkastenfirmen, und gilt als Steueroase der USA. Was wird hier Joe Biden unternehmen?
Sogar das Spendensystem für US-Wahlen missbilligt er und will es ändern. Da ist viel zu tun.

Arik Brauer-Lebensportrait in Ö 1

Unvoreingenommenes Lebensporträt

Hans H ö g l

Eine ungewöhnlich differenziertes Lebensporträt des kürzlich verstorbenen Malers und Sängers Arik Brauer bot die ORF-Ö1-Sendung „Im Gespräch“ von Renata Schmidtkunz, gestern Abend am 28. Jänner. Erich (Arik) Brauer ist in Wien – Ottakring, eines damals echt proletarischen Bezirkes, aufgewachsen.

Der spätere renommierte Maler und Sänger Arik Brauer, Sohn eines jüdischen Schusters, wuchs in einer Zimmer-Küche Wohnung auf und trieb sich mit Gassenbuben herum. Austromarxistisch geprägt, erlebte er zwischen dem 10.und 17.Lebensjahr den Faschismus.

Bemerkenswert sind sein Lebensweg von Wien nach Paris und Israel und sein Weltbild, wie er als links Positionierter zwischen künstlerischen und politischen Auffassungen und Ideologien und Menschen (Kriegsteilnehmern) differenziert, was er über abstrakte und figurative Kunst meint, wie er das Entstehen des Phantastischen Realismus sieht, sein Urteil über die Situation des Staates Israel und zu den Arabern. Hier sprengt Arik Brauer manche Ideenbarrieren und Punzierungen. Die Sendung kann eine Woche lang nachgehört werden.

ARD: Serie über die DDR

Hans Högl
Hinweis von einem Politologen

Lebensnahe Filmserie – im Kern über zwei sehr unterschiedliche Familien in der DDR ab 1980. Es lohnt, diese zu sehen, sie ist über die ARD-Mediathek verfügbar und kann am PC angesehen werden.

https://www.ardmediathek.de/ard/sendung/weissensee/staffel-1/Y3JpZDovL21kci5kZS9zZW5kZXJlaWhlbi9lNDU3OTIwNS01MmRmLTQyYzEtODIwZC1iZWJlOGQ4YjVhODE/1/

Brennpunkt USA : Geringe Lebenserwartung, Löhne, viel Alkohol

Medien lieben es, zu personalisieren -und das Publikum schätzt es. Dies ist ein Typos des Geschäftsmodells freier Medien: Einzelne sind im Fokus. Auch per Dauer-Negativschlagzeilen wurde Trump ein Super-Exempel und Star.Aber wie geht es den Vielen? Viele US-Bürger trösten sich in tristen Lebenslagen mit Alkohol. Und es gibt Selbstmorde – zu viele.

Hans H ö g l

Ein Beitrag in der berühmten US-Zeitschrift Foreign Affairs im März 2020 trägt den Titel „The Epidemic of Despair“ (Die Seuche der Hoffnungslosigkeit). Ich staunte, dass eine gehobene US-Zeitschrift derart selbstkritisch über die Verwerfungen im eigenen Landes so explizit schreibt und dies einem exquisiten Publikum darlegt. Hier im Detail:

Ein Foto zeigt eine Bar in Wisconsin, wo Alkohol Sorgen mildern soll. Mit dem Titel „Klagelied der Arbeiter“ meinen die Wissenschafter einen langen Prozess, doch vor allem seit der Finanzkrise 2008, seit dem sich die Lebenslage der weißen Arbeiter in den USA mehr und mehr verdüsterte: Durch geringe Löhne und Mangel an guten Jobs („a dearth of good jobs“). Dies gilt auch für Länder wie Australien, Kanada, Deutschland, Italien und Spanien. Den USA am nächsten kommt Großbritannien. Hingegen lindert das Sozialsystem in Kontinentaleuropa die härtesten Folgen im Arbeitsmarkt.

Die Lebenserwartung in den USA ist niedriger als in anderen westlichen Ländern. Die Selbstmordrate war hier in den letzten Jahren so hoch wie in Osteuropa und in der früheren Sowjetunion. Was die Leute in den USA sehr belastet, sind die enormen Kosten bei Krankheit. Und die Gesundheitsbehörde FDA bevorzugte die Pharmaindustrie: Zwischen 1999 und 2018 starben mehr als 200.000 US-Amerikaner an einer Überdosis von schmerzstillenden Mitteln (OxyContin), einer legalen Droge, von Haus- und Zahnärzten verschrieben. In Europa wird sie nur Spitälern verabreicht. Als die Ärzte in den USA begannen, dies zu stoppen, gelangten ähnliche Drogen illegal von Mexico und China in die USA.

Diese verlässlich wissenschaftlich erhobenen Negativerfahrungen mit der Lohnminderung, der Finanzkrise, dem teuren Gesundheitssystems und den Alltagssorgen breitester Kreise- also Aspekte der sozio-ökonomischen Lage – deuten an, wie das erschreckende Phänomen Donald Trump möglich wurde – auch durch die jahrelange Aufmerksamkeit, welche Medien diesem höchst fragwürdigen, exzentrischen Mann boten. Ein Grund zu fürchten, was alles in Demokratien möglich ist.

Einseitiges Gedicht als Neujahrsgruß

Ein in kaum einem anderen Medium erschienenes Gedicht von Michael Köhlmeier sei Ihnen nicht vorenthalten. Auch er schafft es nicht, in Sachen Menschlichkeit aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen und ganz nüchtern objektiv zu bleiben.

Udo Bachmair

Der anerkannte und feinfühlige Autor und Literat bezieht sich dabei auf die strikte Weigerung des jungen türkisen Kanzlers, Chef einer ehemals christlich-sozialen Partei, zumindest ein paar der ärmsten der armen Flüchtlingskinder im reichen Österreich aufzunehmen. Köhlmeier betitelt sein Gedicht, das wohl als parteiisch und einseitig angeprangert werden wird, lapidar als

Neujahrsgruß 2021

Es sitzt ein Mann im Kanzleramt,
der hat ein Herz aus Stein.
Er möchte gern ein Großer sei
und ist erbärmlich klein.
Minister flüstern ihm ins Ohr,
dass er der Größte sei,
wenn er kein bisschen Mitleid zeigt,
denn Mitleid sei Geschrei.
Es leben auf der Insel weit
viel hundert Kinder klein,
die möchten gern ein warmes Bett
und ohne Ratten sein.
Sag nur ein Wort, du großer Mann
im fernen Kanzleramt:
Ein „Ja“ heißt: Ihr dürft glücklich sein,
ein „Nein“: Ihr seid verdammt.
Es sitzt ein Mann im Kanzleramt,
der hat ein Herz aus Stein.
Er möchte gern der Größte sein
und darum sagt er: „Nein!“

https://www.ots.at/amp/pr/OTS_20210101_OTS0002/

Ein wahrlich einseitiges Gedicht. Es nimmt Partei für Menschlichkeit. Diese Einseitigkeit ist auch journalistisch legitim (siehe den vorangegangenen Beitrag „Reflexionen zur Einseitigkeit“)

Einsamkeits-Ministerium in Großbritannien

Einsamkeit als politische Kategorie hat Seltenheitswert. Dieses Thema ist eine eine Quasi-Medienlücke. Daher greife ich es an dieser Stelle auf.

Hans Högl

Vielen erschien es als Scherz, als Großbritannien als erstes Land der Welt schon 2018 ein Ministerium für Einsamkeit ins Leben rief und nicht erst seit der allgegenwärtigen Corona-Krise. Die britische Regierung versucht, Menschen aus der Isolation und der Anonymität zu holen. Neun Millionen Briten gelten als einsam.

Diesen Hinweis griff ich aus dem sehr lesenswerten Taschenbuch „Denkanstöße 2021″(Piperverlag) S. 34 auf. Ein Thema, das eine umfangreiche Darstellung erfordert. Hier kann es nur kurz angerissen werden – vor allem erhebt sich die Frage, wie es sich damit in Gesellschaften mit starker Individualisierung verhält oder in noch stärker traditionellen Gesellschaften. Zehn bis fünfzehn Millionen Deutsche leiden zeitweise unter Einsamkeit, noch stärker ausgeprägt ist es bei älteren Menschen.

Gier nach der Schlagzeile

Ein prägnantes Medienschmankerl

Hans Högl

Im Rahmen eines Beitrages des Spiegels über den US-„Rat für Auswärtige Beziehungen“(CFR) wurde der berühmte Präsidentenberater Z. Brzczinski befragt, und er sagte 1975 (!) ein paar Sätze von bleibender Bedeutung:

„Es ist doch so“, sagte mir der aus Polen stammende Zbigniew Brzczinski, Columbia-Professor und Ostblock-Experte des Council,

„die Politiker denken nur an die nächsten Wahlen,
die Zeitungen nur an die Schlagzeile des nächsten Tages, und auch der Businessmensch hat für gewöhnlich nur die Dividenden des nächsten Quartals im Sinn.“ (Der Spiegel 8. Dez. 1975).