Überlegungen zu Jana Puglierins Buch „Wer verteidigt Europa? – Die neuen Kriegsgefahren und was wir tun müssen, um uns zu schützen“, veröffentlicht im ROWOHLT-Verlag.
Ilse Kleinschuster *
Viele Menschen in Europa glauben an eine Bedrohung aus dem Osten und fragen sich heute, ob aktuell sich die Europäer gegen einen Angriffskrieg verteidigen können werden, wenn sich die USA mittelfristig aus Europa zurückzieht, wie es unter Donald Trump den Anschein hat. Andere wiederum sehen – oder wollen – keine Bedrohungen sehen, denen Europa ausgesetzt ist: konventionell, hybrid, atomar. Menschen, die von einem Bedrohungsszenario ausgehen und gerne informiert sein wollen was jetzt dringend geschehen muss, damit Europa verteidigungsfähiger wird, werden versuchen, sich so verlässlich wie möglich zu informieren.
Auch mir erscheint es wichtig, gut informiert zu sein, um die Lage vernünftig beurteilen zu können. Auf einem meiner Besuche in der ÖGB-Buchhandlung habe ich einen Buchtitel entdeckt, der mir relevant erschien: „Wer verteidigt Europa? – Die neuen Kriegsgefahren und was wir tun müssen, um uns zu schützen“. Die Autorin, Jana Puglierin, geboren 1978 in Siegen, ist Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations, seit 2023 ist sie Mitglied des Beirats der Bundesregierung für zivile Krisenprävention und Friedensförderung.
Die Autorin räumt der Einschätzung einer neuen Bedrohungslage für Europa viel Raum ein: wie real die Gefahr ist, dass sich der Krieg auf EU- oder NATO-Gebiet ausweitet, welche Rolle China spielt, das wirtschaftlich eng mit Europa verflochten ist. Sie fragt sich aber auch, warum Versuche, die Sicherheit und die Verteidigung Europas eigenständiger zu organisieren, trotz jahrzehntelanger Debatten und Initiativen bislang so wenig Wirkung entfaltet haben – und was sich ändern muss, damit das in Zukunft gelingt.
Dass der Krieg zurück in Europa ist, scheint für Puglierin keine Frage mehr zu sein. Aber was mich letztlich doch versöhnlich stimmt, ist der Passus, wo sie schreibt, dass ‚Verteidigung nicht nur Militär heißt‘ und dass neben ihrer Rolle als „Möglichmacherin“ in Hinblick auf militärische Fähigkeiten die EU auch in anderen Bereichen einen wichtigen Beitrag zur Verteidigung Europas leisten kann und muss. Dazu gehöre die gesamtstaatliche Resilienz, die militärische Mobilität, Forschung und Entwicklung sowie Sicherheitsfragen außerhalb des rein Militärischen – zum Bespiel Cybersicherheit. Außerdem, so schreibt sie, sollte die EU dafür sorgen, dass Verteidigung als Querschnittsthema in die europäische Gesetzgebung einfließt, etwa bei der Rohstoffsicherung oder dem Schutz kritischer Infrastruktur.
Schon klar, da geht es nicht um einen Umsetzungsplan zum „ewigen Frieden“ – wie ‚wir‘ es uns im neutralen Österreich wünschen – ja, und wie es sich Christian Felber so schön vorstellt, wenn er schreibt: Die aktuelle Eskalation zeigt einmal mehr auf beeindruckende Weise, dass Aufrüstung *nicht* zum Frieden führt, sondern zum Gefühl von Stärke, zur Demonstration von Stärke und zu völkerrechtswidrigen Angriffskriegen. https://christian-felber.at/wp-content/uploads/2026/03/FFE_2026_02_ewiger-Frieden.pdf?fbclid=IwY2xjawQTWdleHRuA2FlbQIxMABicmlkETE0QmlkaHUzdHltb2NQVDBrc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHlGQTjN0M37VQRiS0RI2ByAYz3pSX5ZXIJ-8PB6GCrMJZ6QaxLUj1v63emWo_aem_W3dWnwRmgtV_1iRRJbLZBg
Klar ist, der Verteidigungsplan der EU wird sehr stark von Interessen aus Wirtschaft und Industrie beeinflusst! Mehr als das wird aber von der Autorin kritisiert, dass die EU oft zu langsam ist und deren Prozesse voller bürokratischer und ideologischer Hürden sind.
Vorrangig fordert Jana Puglierin für eine bessere Verteidigungsfähigkeit die Entwicklung eines Geflechts von NATO-Strukturen, EU-Initiativen, nationalen Strategien und flexibleren Koalitionen. Dabei ginge es ihr weniger darum, das Flickwerk durch ein neues, zentrales System zu ersetzen als es strategisch zu verknüpfen: durch bessere Abstimmung, klar definierte Rollen, gemeinsame Zielbilder – und den politischen Willen, vorhandene Instrumente besser zu nutzen. Es sollte daraus eine neue Form von Handlungsfähigkeit entstehen, die nicht zentralisiert, aber koordiniert ist; nicht einheitlich, aber geeint im Ziel.
Ich bekenne, dass ich mich nach der Lektüre nur vorübergehend etwas erleichtert fühle, mir noch lange kein Stein vom Herzen fällt. Haben mich doch Friedens- und Neutralitätsaufrufe wie z.B. NEIN ZUR EUROPÄISCHEN RÜSTUNGSGEMEINSCHAFT! und JA ZUR NEUTRALITÄT! JA ZUR WELT! nachdenklich gestimmt und als Skeptikerin mich daran erinnert, dass nicht nur die in der EU‘, sondern auch ‚wir in Österreich‘ noch weit entfernt sind von Zielen, die einer Friedensunion Europa würdig wären.
Es fehlt an gesellschaftlichem Rückhalt und einem neuen Grundkonsens, so die Autorin. Ja, es fehlt an Kooperation und es ist jetzt wichtig den Überblick zu behalten, wenn Verteidigung neu gedacht werden soll – für Frieden zu sorgen und vor allem bei uns in Österreich die Neutralität hochzuhalten -, denn nur in friedlichen Zeiten kann gute Aufbauarbeit geleistet werden.
* Gastautorin Ilse Kleinschuster ist engagiertes Mitglied der Zivilgesellschaft
„Die Autorin räumt der Einschätzung einer neuen Bedrohungslage für Europa viel Raum ein: wie real die Gefahr ist, dass sich der Krieg auf EU- oder NATO-Gebiet ausweitet…“
– Bei allem nötigen Respekt: Hier wird von Puglierin das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt angesichts der Osterweiterungen der NATO. Nur zur Erinnerung noch das Statement Bakers, die NATO würde „nicht einen Inch“ nach Osten erweitert.