Schlagwort-Archiv: Ö1-Mittagsjournal

Israel/Gaza und ORF-Schlagseite

Die Bezeichnungen „Kriegsverbrechen“ oder gar „Völkermord“ sind in Medien Österreichs und Deutschland weitgehend tabu, wenn es um die Aggression Israels gegen Gaza geht. Gerade auch in den öffentlich-rechtlichen Medien wie dem ORF, der zur Ausgewogenheit auch in der außenpolitischen Berichterstattung verpflichtet wäre, dominiert das pro-israelische Narrativ. Als Ausnahme sticht die differenzierende journalistische Arbeit des Nahost-Korrespondenten Karim El-Gawhary hervor. Diesem verdienten und mehrfach preisgekrönten ORF-Redakteur soll nun u.a. wegen des Vorwurfs israelkritischer Beiträge der Vertrag nicht mehr verlängert werden. Das sehen medienkritische Beobachter:innen als jüngsten Beleg für die mediale Schlagseite in der Nahostberichterstattung.

Von Martin Adel und Franz Fluch *

Im März 2018 ging eine Nachricht an zahlreiche Freunde und Bekannte, die den Verfasser (M.A.) in seiner jahrzehntelangen Tätigkeit für den ORF begleitet hatten. Darin heißt es:

„[…] Heute (31.03.2018) höre ich das Ö1-Mittagsjournal. Ich bin immer noch entsetzt. […]. Ich muss bedauernd sagen: Ich geniere mich für diese Art der ‚ausgewogenen‘ Berichterstattung und kann für dieses Medium, für das ich in über 30 Jahren als ständiger freier Mitarbeiter tausende von Beiträgen gestaltet hatte, nicht mehr arbeiten!“

Laut einem UNO-Bericht waren unter den am 30. März 2018 getöteten 17 palästinensischen Demonstranten 8 Schülerinnen und Schüler im Alter von 13 bis 19 Jahren – getötet von israelischen Sicherheitskräften durch gezielte Schüsse mit scharfer Munition und aus sicherer Distanz: an nur einem Tag von dem rund sechs Monate anhaltenden Protestmarsch in Gaza, dem Great March of Return. Zeitlich davor lagen die massiven Militäroperationen und v.a. Luftschläge der IDF gegen Gaza im Jahr 2008 Operation Gegossenes Blei, 2012 Operation Wolkensäule und 2014 Operation Protective Edge, insgesamt vier große „militärische Interventionen“ innerhalb von nur 10 Jahren. Viele Berichte bestätigten die immer prekärer werdende Situation der Zivilgesellschaft: 2,2 Millionen Menschen zusammengepfercht auf einer Gesamtfläche, die kleiner als Wien ist.

Am 7. Oktober 2023, erfolgte der brutale Gegenschlag der Hamas, bei dem israelischen Angaben zufolge „695 israelische Zivilisten, einschließlich 36 Minderjähriger, 373 Mitglieder der israelischen Sicherheitskräfte und 71 Ausländer ermordet“ und 251 Geißeln entführt wurden. Doch das Töten israelischer Zivilisten wird in der westlichen Berichterstattung anders bewertet als das Töten palästinensischer Zivilisten. „Getötete israelische Zivilisten werden individuell gezeigt, und ihr Tod wird von Politikern und in den Mainstream-Medien stets als das Resultat der ,barbarischen, grausamen Massaker der Hamas´ dargestellt. Es scheint, dass diese Formulierungen in Artikeln über den Gaza-Krieg obligatorisch geworden sind. Im Gegensatz dazu wird über den Tod von Palästinensern pauschal und in Passiv-Formulierungen berichtet, wobei die hinter den Tötungen stehende israelische Seite nicht genannt wird.“

Das trifft in eklatanter Weise auch auf die Berichterstattung im ORF zu, dem öffentlich-rechtlichen Leitmedium Österreichs – insbesondere für die letzten Monate, in denen es offenbar leichter gefallen ist, angesichts anderer Schlagzeilen, die „Vorkommnisse“ in den Palästinenser-Gebieten unter den Tisch zu kehren.

Kein Bericht über die Mahnwachen israelischer Friedensaktivist:innen, die sich in Tel Aviv (sozusagen vor der Nase ‚unserer‘ ORF-Korrespondenten) Fotos von jenen Kinder vor die Brust hielten, die im Gazastreifen bei Bombardements oder von Scharfschützen der IDF mit gezielten Kopfschüssen getötet wurden. Kein Wort über die mehrfache Stürmung der renommierten Birzeit University (nördlich von Ramallah im besetzten Westjordanland), der wichtigsten palästinensischen Universität, durch israelische Streitkräfte – mit scharfer Munition und Tränengas; zuletzt am 6. Januar 2026 (nach Angaben des palästinensischen Regierungskommunikationszentrums wurden mindestens 8000 Studierende und Lehrende eingeschlossen, und eine unbekannte Zahl von scharfer Munition verletzt). Und auch kein Wort über die Armeebagger, die rund um den Jahreswechsel 2025/26 Dutzende von palästinensischen Wohnhäusern in Ost-Jerusalem oder etwa im Flüchtlingslager Nur Schams dem Erdboden gleich gemacht haben (Tausende sind im Winter auf einen Schlag obdachlos; in der knappen Räumungszeit ist ihnen bis auf ein paar Kleidungsstücke so gut wie nichts geblieben ).

Es ist ja nicht so, dass zu diesen (und vielen weiteren) relevanten Ereignissen keine vertrauenswürdigen Informationsquellen vorlägen, es ist vielmehr das Verschweigen dieser Nachrichten, das verstimmt und als Dauerzustand irritiert! Denn man muss den Eindruck gewinnen, dass dieses Verschweigen systematisch ist und Methode hat.

Seit wenigen Monaten verbreitet sich die Nachricht, der Vertrag des langjährigen ORF-Korrespondenten für den gesamten arabischen Raum, Karim El-Gawhary, solle nicht mehr verlängert und sein Büro in Kairo geschlossen werden. Es kursieren Zeitungsmeldungen, wonach die Israel-Korrespondenten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich dessen bisherige Aufgaben mit übernehmen sollen. Diese haben in ihren Beiträgen zumeist nur das pro-israelische Narrativ übernommen (etwa unhinterfragt und unkommentiert äußerst fragwürdige israelische Armeesprecher zu Wort kommen lassen). Sie haben damit immer wieder willfährig das tatsächliche Geschehen in Gaza, in den militärisch besetzten Gebieten im Westjordanland und Ostjerusalem verzerrt und einseitig dargestellt, mitunter sogar gänzlich unterdrückt und so das tatsächliche Leid der palästinensischen Bevölkerung verharmlost. (Dass sie diese Berichte in den Hauptnachrichten von Österreichs größtem Medienkonzern mit einem Jahresbudget von 1,1 Milliarden Euro unwidersprochen verbreiten können, ist ein Skandal.)

Erst kürzlich (am 18. November 2025) wurde einer dieser Korrespondenten, Nikolaus Wildner, für seine Berichterstattung mit dem Arik-Brauer-Publizistikpreis ausgezeichnet, gestiftet von der Medienbeobachtungsstelle Naher Osten, kurz mena-watch, die von dem in Wien und Tel Aviv lebenden österreichischen Stahlmagnaten Erwin Javor finanziert wird. Den Leiter des ORF-Nahostbüros in Kairo, Karim El-Gawhary, unterstellt sie hingegen, er habe in seiner Gaza-Berichterstattung stets „Originaltöne eines Ahmeds, eines Mohammeds oder einer Ghada parat, die herzzerreißende Geschichten zu erzählen haben, bei denen letztendlich immer Israel zum Bösewicht stilisiert wird.“ Dem hält der vierfache Journalist des Jahres und Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich auf dem sozialen Netzwerk X entgegen, er „widerspiegle die arabische Welt wie sie ist und nicht wie man meint, dass sie zu sein habe oder wie sie sich politische Interessengruppen zurechtbiegen wollen.“

Wildners Vorgänger als Israel-Korrespondent des ORF, Tim Cupal, wurde 2024 mit dem Haupt-Preis „Journalistinnen und Journalisten des Jahres“ von Österreichs journalist:in ausgezeichnet (für seine Berichterstattung 2023). Cupal wird in dem ihm gewidmeten Artikel (im genannten Branchenmagazin) mit den Worten zitiert: „Das ist eine große Ehre, nicht nur für mich, sondern auch für meinen Kollegen Nikolaus Wildner.“ (28.05.2024) „Und bei diesem bedankte er sich bei der Preisverleihung nun auch dafür, dass Wildner die Stellung halte, während er in einer kritischen Zeit nach Wien gekommen war, um die Ehrung entgegenzunehmen.“ Und der Laudator Hanno Settele habe Cupal gedankt für seine „umsichtige, disziplinierte Arbeit, die zeige, wie wertvoll es ist, dass der ORF Korrespondenten hat.“

Grundsätzlich wäre dagegen nichts einzuwenden; im Gegenteil, wenn man nicht ernsthafte Bedenken gegen die Berichte über die Lage der palästinensischen Zivilbevölkerung haben müsste. Die Abberufung Karim El-Gawharys – die Tageszeitung Der Standard berichtete darüber am 19.12.2025 („Kopf des Tages“) – ist nur ein Zeichen. Sechs Wochen davor war es in Jerusalem zu einem bemerkenswerten Treffen zwischen Israels Staatspräsident Yitzhak Herzog und dem Direktor des israelischen Rundfunks KAN, Golan Yochpaz. mit dem ORF-Generaldirektor Roland Weißmann gekommen.

Inzwischen fordert eine Petition „die Verlängerung des Vertrags von Karim El-Gawhary und die Beibehaltung des ORF-Korrespondentenbüros in Kairo als unabhängigen Standort für die Nahost-Berichterstattung“ , die bis Mitte Januar 2026 mehr als 20.700 Österreicher:innen unterzeichnet haben. El-Gawharys Vertrag mit dem ORF endet im Juni 2026. Und nur einen Monat später „ist auch noch die ORF-Wahl, die Generaldirektor Roland Weißmann zu schlagen hat. Ohne politische Rückendeckung ist er auf verlorenem Posten.“

Benötigt der Generaldirektor des ORF die Rückendeckung des offiziellen Israel? Geht es um die erfolgreiche Selbstzensur des ORF hinsichtlich der Nachrichten aus dem Gazakrieg? Um das Totschweigen eines mehrfach deklarierten Vernichtungskriegs in Gaza? Um die ‚Geheimhaltung‘ von Sätzen wie jenen des stellvertretenden Knesset-Vorsitzenden Nissim Vaturi am Abend des Hamas-Massakers in einem Post auf X? Da steht: „[…] jetzt haben wir alle ein gemeinsames Ziel: den Gazastreifen von der Erde auszuradieren. Wer nicht dazu imstande ist, wird ausgetauscht.“

Selbst aus Deutschland, dessen Regierungen sich seit vielen Jahren den unbedingten Schutz israelischer Interessen als „Staatsräson“ verordnet haben, hört man dagegen kritische Töne: Am 20. Dezember 2025 berichtete der Deutschlandfunk etwa, dass seit der zweimonatigen „Waffenruhe“ zwischen der Hamas und Israel – allein bis Ende November – mindesten 130 Kinder getötet wurden. „Laut Amnesty International begehen israelische Behörden weiterhin einen Völkermord, indem sie Lebensbedingungen schaffen, die auf die physische Zerstörung abzielen. Israel weist diese Vorwürfe zurück und verweist auf erfolgte Hilfslieferungen. Ein Urteil des IGH steht derzeit noch aus. Unabhängige Experten und Genozid Forscher sprechen ebenfalls von einem Völkermord, unter ihnen der berühmte israelische Historiker Bartov.“ Letzte Berichte von der weiterhin apokalyptischen Situation der ‚Bewohner’ von Gaza kamen von Karim El-Gawhary.

Omer Bartov ist Experte; er war Infanterist im Jom-Kippur-Krieg und später Kompaniechef, ehe er zu Mitte der 1970er Jahre, nach vier Jahren, den Militärdienst quittierte; er forschte über Jahre zu den Kriegsverbrechen der Wehrmacht in Osteuropa und über die Hintergründe des Holocaust und ist derzeit Professor für Holocaust- und Völkermordstudien an der renommierten Brown University auf Rhode Island. Noch Ende 2023 hegte er Zweifel daran, dass Israel in Gaza einen Völkermord begehe; nur dem Tatbestand ethnischer Säuberungen, einem Kriegsverbrechen, könne er zustimmen. Spätestens im Mai 2024 revidierte er gegenüber der britischen Zeitung The Guardian seine Zweifel. Im Deutschlandfunk-Interview vom 20.12.2025 – also nach Inkrafttreten des Waffenstillstandsabkommens in Gaza (das im ORF immer wieder und fälschlicherweise als zweistufiger „Friedensprozess“ bezeichnet wird) – sagte er: „Das Töten und die Bombardierungen gehen nach der Waffenruhe weiter. Es gibt täglichen Beschuss durch die israelische Armee. Was wir wissen, ist dass die israelische Armee mehr als die Hälfte des Gazastreifens kontrolliert. Die Menschen leben dort nach wie vor unter absolut entsetzlichen Bedingungen.“

Kritische jüdische Stimmen kommen im ORF kaum zu Wort. Das wiederum ist zum Stein des Anstoßes für die unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023 gegründete jüdisch-palästinensische Friedensinitiative Standing Together Vienna geworden, bei der österreichischen Medienaufsichtsbehörde Beschwerde gegen den ORF einzureichen:

„Als kritische Juden und Jüdinnen, als PalästinenserInnen und Menschen jedweder Herkunft und religiöser Überzeugung, die in Österreich leben und mit ihrer Haushaltsabgabe die Unabhängigkeit des ORF garantieren sollen, fordern wir den ORF auf, im Hinblick auf die Berichterstattung zum Nahen Osten ebendieses Mandat zur unabhängigen, umfassenden und objektiven Berichterstattung sowie seine gesellschaftliche Rolle als ,public watchdog´ der Politik zu erfüllen.“

Dass diese Beschwerde, erhoben im Kontext der möglichen Schließung des ORF-Korrespondenten-Büros in Kairo und dem offenbar beschlossenen Ende von Karim El-Gawharys Berichterstattung für den ORF, sowie der in den ORF-Nachrichten gefeierten Preisvergabe des Arik-Brauer-Publizistikpreises von mena-watch an Nikolaus Wildner, dass also diese Beschwerde kaum ein Echo in der Öffentlichkeit gefunden hat, verwundert eigentlich nicht.

Hört man das Ö1-Mittagsjournal – der längsten und solidesten Nachrichtensendung des ORF – vom 30.12.2025 (Live-Gespräch mit dem ORF-Korrespondenten in Israel, Nikolaus Wildner), muss die Hörerschaft hingegen verstehen, es seien die Hamas, ja insgesamt die Palästinenser und auch gleich die arabischen Staaten rundum, die die westliche Demokratie im Nahen Osten als Fremdkörper ablehnen würden. Die Schuldfrage bezüglich des Konflikts im Nahen Osten scheint klar, und Informationen, die angetan sind, diese Klarheit zu beseitigen, sind nicht erwünscht.

Was in den Leit- und Massenmedien nicht vorkommt, erfährt auch in der Wahrnehmung der Allgemeinheit keine Aufmerksamkeit. Medienpolitik ist daher essentiell und determiniert die Meinungsbildung. Und so wird die Berichterstattung, zumal die der Leitmedien, zum Politikum.

Vor über 10 Jahren, im Juni 2015, veröffentlichte mena-watch (auf der eigenen Web-Seite) das 20-seitige MENA-Dossier „David oder Goliath?“ Zur Kritik an einer Ö1-Sendereihe. Stein des Anstoßes war die fünfteilige Reihe Betrifft Geschichte „Zur Geschichte des Nahostkonflikts zwischen Israel und den Palästinensern, erzählt von dem ehemaligen israelischen Soldaten Samuel Welber und der israelischen Menschenrechtsaktivistin Roni Hammermann“, worauf sowohl der Ö1-Chef als auch der Hauptabteilungsleiter der Ö1-Wissenschaft von mena-watch zum Rapport zitiert wurden, um zu den im MENA-Dossier erhobenen Vorwürfen Stellung zu nehmen. Und die beiden kamen der Aufforderung tatsächlich nach! Welche Macht und welchen Einfluss räumt man damit einer Lobby ein? David gegen Goliath? Wer ist David und wer Goliath?

mena-watch – wie auch andere pro-zionistische Initiativen zugunsten der derzeitigen israelischen Regierungspolitik – hält sich offenbar lieber im Hintergrund und zählt auf einflussreiche Verbündete oder Mitglieder. Vor Kurzem, am 23. Dezember 2025, berichtete die österreichische Tageszeitung DIE PRESSE in ihrer online-Ausgabe: „Die Initiative ,Solidarität Israel`, der auch der ehemalige Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka angehört, hat die Abberufung der ehemaligen ORF-Journalistin Renata Schmidtkunz gefordert.“ Sie sollte eine parlamentarische Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag moderieren. Begründet wurde die geforderte „Abberufung“ von Schmidtkunz mit ihrer angeblich einseitigen Nahost-Berichterstattung; (einer absurden Forderung, wenn man weiß, dass Schmidtkunz zahlreiche freundschaftliche Beziehungen zu Israelis pflegt, das Land vielfach bereist hat, und während eines Sabbaticals begonnen hatte Hebräisch zu lernen). Der Forderung wurde schließlich nicht entsprochen, weil die „etablierte und vielfach ausgezeichnete Journalistin“ bereits mehrere Veranstaltungen im Hohen Haus moderiert hatte (zuletzt bei einer Feier zum 20. Jahrestag der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem/Israel, zu der sie ausgerechnet von Wolfgang Sobotka, dem damaligen Nationalratspräsidenten, eingeladen worden war).

Hinter der Forderung nach Ausladung von Schmidtkunz als Moderatorin stand Solidarität Israel (ein Verein in Gründung), die ihre „Stimme gegen Antisemitismus und Antizionismus in all ihren Formen“ erhebe und der auch der ehemalige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, als Proponent angehört. In deren Begründung des Ansinnens an das Parlament heißt es, dass die „Palästina-Aktivistin“ in sozialen Medien „wiederholt Narrative“ verwendet habe, die „als hochproblematisch und eskalationsanfällig aufgefallen“ seien.

Dafür also sind ‚Beobachtungsstellen‘ da, um jenseits staatlicher Kontrollinstanzen Personen ins Visier zu nehmen, die ihre freie Meinung äußern, deren Inhalt ihnen nicht passt. (Hinlängliche Beispiele aus der Geschichte zeigen, wohin solche „Zensur“ und „Listen“ in der Regel führen. Nur ein „kleines Beispiel“ aus der jüngeren Vergangenheit ist der Rücktritt des international anerkannten Judaisten und Direktors des Jüdischen Museums Berlin im Juni 2019 nach scharfer Kritik durch den Zentralrat der deutschen Juden.)

Am 1. Oktober 2024, präsentierte Francesca Albanese auf Grundlage ihres Berichts „Anatomie eines Völkermordes“ in der 79. Sitzung der UN-Generalversammlung ihren „Report der Sonderberichterstatterin zur Lage der Menschenrechte in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten“. Titel: „Koloniale Auslöschung durch Völkermord“. Der Bericht löste ein ähnliches politisches Erdbeben aus wie die Haftbefehle wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, gegen Israels Verteidigungsminister Yoav Galant (und gegen den Hamas-Anführer Mohammed Deif), ausgestellt von Karim Khan. Der an Khan gerichtete briefliche Einschüchterungsversuch, unterzeichnet von den US-Kongressabgeordneten Tom Cotton, Mitch McDonald, Ted Cruz, Marco Rubio, verfehlte allerdings bisher deren Ziel, nämlich die Abweisung der Klage gegen Netanjahu und Galant. Aber in dem Brief wird Karim Khan unverhohlen gedroht: „WER ISRAEL ANGREIFT, DEN GREIFEN WIR AN. Wenn Sie die im Bericht genannten Maßnahmen umsetzen, stellen wir die Unterstützung für den Internationalen Strafgerichtshof ein, sanktionieren ihre Mitarbeiter und Partner und verhängen ein Einreiseverbot für sie und ihre Familien. Sie wurden gewarnt.“

Drohungen kommen auch aus Israel: Im Mai 2024 berichtete die renommierte britische Tageszeitung The Guardian (auf Basis gemeinsamer Recherchen mit dem israelisch-palästinensischen News-Portal +972 Magazine und der hebräisch-sprachigen Nachrichtenseite Local Call): „Israels Auslandsgeheimdienst Mossad, der Inlandsgeheimdienst Shin Bet und der Militärgeheimdienst würden seit 2015 auf Anordnung der Regierung den IStGH mit nachrichtendienstlichen Mitteln ausspähen […] Betroffen von den Geheimdienstoperationen sei unter anderem die Kommunikation von zahlreichen IStGH-Offiziellen, einschließlich des derzeitigen Chefanklägers Karim Khan. Die Ausspähung des IStGH reiche bis in die jüngsten Monate und Wochen.“

Auch die unhaltbaren und deskreditierenden Angriffe gegen Francesca Albanese haben seit der Veröffentlichung ihres Reports drastische Ausmaße angenommen: Am 30. Oktober 2024 gab sie in New York eine Pressekonferenz zu ihrem vorgelegten Bericht. Anwesend war auch Mike Wagenheim, Korrespondent vom Israelischen Fernsehen i24 News; trickreich versuchte er, Francesca Albanese Antisemitismus zu unterstellen, indem er sie fragte: „Vor ein paar Tagen wurde ein geplantes Briefing mit Kongressabgeordneten abgesagt. Ich weiß nicht, ob die jüdische Lobby dahintersteckt oder?“ Albanese darauf: „Das ist aber Antisemitismus!?“ Wagenheim bestätigte: „Ist es!“ Albanese wiederum schlagfertig und lächelnd: „Haben Sie gesagt, nicht ich!“

Noch am selben Abend wurde Francesca Albanese in New York auf einem riesigen Billboard eines Hochhauses am New Yorker Times Square als Antisemitin diffamiert. Dort, in New York, „einer Metropole mit 1,3 Millionen jüdischen Bürgern“, wählte ein Jahr später „jede und jeder Dritte der jüdischen Bevölkerung“ den Moslem Zohran Mamdani zum Bürgermeister. Bereits am ersten Tag seiner Amtsführung annullierte er die Übernahme der umstrittenen IHRA-Antisemitismus-Definition, die sein Vorgänger im Amt, Eric Adams, verkündet hatte.

Am 28. Dezember 2025 berichtet die spanische Tageszeitung El Pais in ihrer englischen online-Ausgabe, dass die im Februar von der US-Regierung gegen Richter und Staatsanwälte des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) verhängten Sanktionen – wegen der Ausstellung von Haftbefehlen gegen Benjamin Netanjahu und seinen Verteidigungsminister Yoav Gallant – nun auch gegen Francesca Albanese erlassen worden seien. „Ihr Visum wurde widerrufen, und ihr wird die Einreise in die Vereinigten Staaten verweigert – so kann sie beispielsweise nicht zur UNO reisen, um einen ihrer beiden Jahresberichte vorzulegen.“ Betroffen davon seien alle ihre Vermögenswerte, alles eingefroren, darunter „ihr Bankkonto und ihre Wohnung in den Vereinigten Staaten […] Die US-Sanktionen haben weitreichende Folgen für Albanese […] Sie kann weltweit kein Bankkonto eröffnen und keine Kreditkarte besitzen, da sie auf der Liste des Office of Foreign Assets Control (OFAC) des US-Finanzministeriums steht, das gegen Geldwäsche und Terrorismus vorgeht. Dieses Ministerium verbietet allen Finanzinstituten, Personen auf dieser Liste als Kunden zu akzeptieren. Jede Bank, die dies dennoch tut, darf nicht mit Dollar handeln, muss mit Strafen in Millionenhöhe rechnen und wird aus den internationalen Zahlungssystemen ausgeschlossen.“

Am 4. Juni 2025 verkündete The News of Israel in einem Headliner: „Erschreckende Umfrage: 82% der israelischen Juden befürworten die Vertreibung der Bewohner Gazas“.

Was im Gazastreifen aber tatsächlich geschehe, gehe über eine Vertreibung hinaus, konstatiert Omer Bartov: „Denn die Menschen können nicht gehen. Es gibt keinen Fluchtweg. Premierminister Netanjahu sagte im Mai wörtlich: ,Sie werden nicht in ihre Häuser zurückkehren können. Wir haben ihre Häuser zerstört. Unsere einzige Herausforderung ist, Länder zu finden, die Sie aufnehmen´.“

Nun hat Israel Ende Dezember die ostafrikanische Region Somaliland als unabhängigen und souveränen Staat anerkannt. Laut dem israelischen Sender Channel 12 sei Abdirahman Mohamed Abdullahi, Regierungschef der abtrünnigen Region am Horn von Afrika und des früheren britischen Protektorats, bereits im Oktober 2025 zu einem Geheimtreffen mit Benjamin Netanjahu, Mossad-Chef David Barnea und Verteidigungsminister Israel Katz nach Israel geflogen „als Israel nach Ländern suchte, die bereit waren, Palästinenser aufzunehmen, die es während des Krieges aus dem Gazastreifen umsiedeln wollte“ , berichtete die Times of Israel am 26. Dezember 2025. Und, wenn die Times of Israel davon berichtet, dann tut es – wie in diesem Fall – auch der ORF.

Und, um seine selektive Berichterstattung zu den Konflikten im Nahen Osten noch besser erfüllen zu können, muss Karim El-Gawhary weg? Der Protest dagegen droht unterzugehen.

Seit Oktober 2023 hat die jüdisch-arabische Friedensinitiative Standing Together Vienna 110 Mahnwachen für alle israelischen und palästinensischen Opfer auf dem Wiener Platz der Menschenrechte abgehalten. Frauen in Schwarz Wien tun es seit 25 Jahren. Nicht zuletzt, weil ihnen öffentliche Versammlungsräume zusehends verweigert wurden – wegen der Befürchtungen, es könnten antisemitische Äußerungen fallen. Gegründet wurde der Verein von der jüdischen Menschenrechts- und Friedensaktivistin Paula Audrey Abrams-Hourani, der ehemaligen Pianistin aus Cleveland/Ohio, die gerechten Frieden mit ihrem palästinensischen Mann Fayssal Hourani vorlebte. Sie starb Anfang Juni 2018. Frauen in Schwarz Wien halten immer noch ihre Mahnwachen ab: Stumm, im Zentrum Wiens, Ecke Kohlmarkt und Graben; ihr Motto: Wir vergessen Gaza nicht!

Ö1-Mittagsjournal, 30.12.2025, https://oe1.orf.at/player/20251230/817345/1767092521000
https://www.mena-watch.com/mena-dossier-david-oder-goliath-zur-kritik-an-einer-oe1-sendereihe/
https://www.diepresse.com/20430526/trotz-protest-gegen-palaestina-aktivistin-parlament-haelt-an-fest
Ebd.
https://www.ohchr.org/sites/default/files/documents/hrbodies/hrcouncil/sessions-regular/session55/advance-versions/a-hrc-55-73-auv.pdf
https://www.un.org/unispal/document/genocide-as-colonial-erasure-report-francesca-albanese-01oct24/

https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/abhoeren-drohen-spioniert-israel-den-strafgerichtshof-aus,UEB9lLo
https://webtv.un.org/en/asset/k1l/k1lr8ngem8
https://webtv.un.org/en/asset/k1l/k1lr8ngem8
Serge Halimi: „Streit um Israel“, Le Monde diplomatique, Dezember 2025
https://english.elpais.com/international/2025-12-28/the-complicated-life-of-francesca-albanese-a-rising-figure-in-italy-but-barred-from-every-bank-by-trumps-sanctions.html
https://de.newsofisrael.com/israel/2025-06-04/schockierende-umfrage-82-der-judischen-israelis-befurworten-die-vertreibung-aus-gaza/
https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/gaza-krieg-genozid-forscher-omer-bartov-im-interview-93867077.html
https://www.timesofisrael.com/israel-becomes-first-country-to-recognize-breakaway-somaliland-as-independent-state/
* * * * *

* Martin Adel war Universitäts-Lektor (an den Universitäten Madrid/Complutense, Klagenfurt, Wien und Innsbruck), Buch-Autor sowie Autor von zahlreichen Buchbeiträgen und Zeitungs-Artikeln und (von 1984-2015) ständiger freier Mitarbeiter beim ORF/Ö1 Wissenschaft.

* Franz Fluch ist Journalist und Buch-Autor. Er berichtete von 1983 bis 2002 als ständiger freier Mitarbeiter für den ORF-Kultur- und Informationssender Ö1 aus Lateinamerika und dem lusophonen Afrika, ist Gründungsmitglied und war langjähriger Vorsitzender der Gesellschaft für bedrohte Völker Österreich.

Offener Brief an die Ö1-Information

Der ORF wäre verpflichtet, auch in der außenpolitischen Berichterstattung auf Ausgewogenheit und Differenzierung Bedacht zu nehmen. Wenn es ums Thema Ukrainekrieg geht, gelingen diese Vorgaben nur selten. Eines der Beispiele dafür ist ein Beitrag mit besonderer Schlagseite von Markus Müller jüngst im Ö1-Mittagsjournal, Gegenstand des folgenden offenen Briefes an die Ö1-Information:

An die Redaktion des Radiosenders Ö1

von Sylvia Stuckenberg *

ORF-Redakteur Markus Müller-Schinwald beschuldigt den Neutralitätsforscher Pascal Lottaz im Mittagsjournal von Ö1 vom 19.4.2024 Kreml-Propaganda zu betreiben. Als Grund werden dessen Äußerungen zu den Friedensverhandlungen im März 2022 in Istanbul herangezogen. Lottaz sagt, dass die Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland vom Westen torpediert worden seien.
Und das sei der Beweis, dass er im Dienste Moskaus stünde, so der Journalist.

Schauen wir uns das einmal genauer an. Als Vermittler bei den Friedensverhandlungen in Istanbul traten Erdogan (türkischer Staatspräsident), Bennett (damaliger israelischer Premierminister) und Gerhard Schröder (ehemaliger deutscher Bundeskanzler) auf. Alle drei waren sich am Ende der Verhandlungen einig, dass die russischen und die ukrainischen Unterhändler einer umfassenden Friedenslösung sehr Nahe gekommen waren.

Die Ukraine würde einem Neutralitätsstatus zustimmen und auf eine Aufnahme in die Nato verzichten und im Gegenzug dafür Sicherheitsgarantien von einem wesentlichen Teil der westlichen Staaten ( sogenannte Garantiestaaten) erhalten. Und Russland erklärte sich bereit die Integrität der Ukraine mit Ausnahme der Krim zu gewährleisten. Ein Waffenstillstand sei damals, so Bennett, in greifbarer Nähe gewesen, beide Seiten waren zu erheblichen Zugeständnissen bereit, Großbritannien und die USA hätten den Prozess beendet und auf eine Fortsetzung des Krieges gesetzt.
Bennett weiter: …die Ukrainer haben den Frieden nicht vereinbart, weil sie es nicht durften. Die mussten bei allem, was sie berieten, erst bei den Amerikanern nachfragen. Auch Mevlüt Cavusoglu , damaliger türkischer Außenminister, äußerte sich in ähnlicher Weise. In einem Interview mit der CNN Türk am 20.4.2022 sagte er:“ Einige Nato Staaten wollten, dass der Ukraine Krieg weitergeht, um Russland zu schwächen.“

Im Rahmen der Verhandlungen wurde von der ukrainischen Delegation am 29. März 2022 ein Positionspapier vorgelegt, das zum Istanbuler Kommunique wurde. Die ukrainischen Vorschläge wurden von der russischen Seite in einem Vertragsentwurf umgesetzt. Michael von der Schulenburg, der ehemalige UN Assistant Secretary-General (ASG) in UN Friedensmissionen schreibt, dass “die Nato bereits am 24.März 2022 auf einem Sondergipfel beschlossen hätte, diese Friedensverhandlungen (zwischen der Ukraine und Russland) nicht zu unterstützen“. Nach von der Schulenburg hatte es sich bei den russisch-ukrainischen Friedensverhandlungen um eine historisch einmalige Besonderheit gehandelt, die nur dadurch möglich war, weil sich Russen und Ukrainer gut kennen und die „gleiche Sprache sprechen“

Die Washington Post berichtet am 5.4., dass in der Nato die Fortsetzung des Krieges gegenüber einem Waffenstillstand und einer Verhandlungslösung bevorzugt wird:“ Für einige in der Nato ist es besser, wenn die Ukraine weiterkämpfen und sterben als einen Frieden zu erreichen, der zu früh kommt oder zu einem zu hohen Preis für Kiew und das übrige Europa“ Selenskyj solle“ so lange weiterkämpfen, bis Russland vollständig besiegt ist“.

Am 9.4. traf Boris Johnson unerwartet in Kiew ein und wies laut dem britischen Guardian vom 28.4. den ukrainischen Präsidenten Selenskyj an „keine Zugeständnisse an Putin zu machen“ Er brachte die Botschaft mit nach Kiew, dass selbst, wenn Selenskyj bereit wäre gegen Sicherheitsgarantien eine Verhandlungslösung mit Russland zu finden, es der Westen nicht ist!

Auch die NZZ meldet am 12.4., dass die britische Regierung unter Johnson auf einen militärischen Sieg der Ukraine setzt. Der Guardian Kolumnist Simon Jenkins warnte, dass „Liz Trust riskiert, den Krieg in der Ukraine für ihre eigenen Ambitionen anzufachen“

Die US Zeitschrift Responsible Statecraft zitiert die Zeitschrift „Foreign Affairs“: diese schreibt am 2.9.22:“ Laut mehreren ehemaligen hochrangigen US-Beamten, mit denen wir gesprochen haben, schienen sich russische und ukrainische Unterhändler im März 2022 auf die Umrisse einer vorläufigen Zwischenlösung geeinigt zu haben……..aber der Westen ist nicht zu einem Ende des Krieges bereit.“

Eine tragfähige Lösung von beiden Seiten, Ukraine und Russland, ein ausverhandelter Vertragsentwurf war finalisiert und im letzten Augenblick von den USA und Großbritannien torpediert worden. Alle anwesenden Diplomaten berichten über diesen Verlauf.

Wie kommt nun Herr Müller-Schinwald dazu, diese Darstellung als russische Propaganda zu bezeichnen? Hat er nur nicht sorgfältig recherchiert oder steht eine Absicht dahinter?

Sehr erstaunlich ist die Tatsache, dass Herr Müller-Schinwald als einzige Referenz für seine Behauptung ein Mitglied einer Nato-Denkfabrik zitiert. Herr Kalensky vom Zentrum für hybride Bedrohung diskreditiert Herrn Pascal Lottaz. Diese Zentren werden auch als Exzellenzzentren bezeichnet. Sie wurden 2003 von der Nato als zivile Einrichten für Schulungen u.a. gegründet. Bis heute gibt es 26 solcher Zentren, die auch eine Einbindung von nicht Nato-Staaten vorsehen. Es ist die einzige Nato/EU Institution. Das Konstrukt ist sehr undurchsichtig, wäre es aber Wert, genau beleuchtet zu werden.

Ich denke seriöser Journalismus sieht anders aus. In kürzester Zeit hätte Herr Müller-Schinwald unendlich viele Quellen aus der ganzen Welt zusammentragen können und damit die Aussage von Pascal Lottaz bestätigen können. Aber es muss wohl die Frage gestellt werden, warum gerade jetzt ein seriöser Neutralitätsforscher als russischer Spion „enttarnt“ wird, oder bestenfalls wie Herr Müller Schinwald meint als „nützlicher Idiot“ einzustufen sei.

Als öffentlich rechtlicher Rundfunk sind Sie verpflichtet mit Sorgfalt und ausgewogen zu berichten. Im übrigen gebietet dies auch die journalistische Ethik.

Erlauben Sie mir noch eine persönliche Anmerkung. Wenn ich als Ärztin mit einer Problemstellung überfordert bin, wird der Patient an einen Fachkollegen zugewiesen. Da fange ich nicht an herumzupfuschen. Das gilt auch für den Journalismus. Auch dort werden mit solch unprofessionellen Berichten Existenzen aufs Spiel gesetzt.

* Dr. Sylvia Stuckenberg ist Journalistin und Medizinerin und lebt in Lochau in Vorarlberg. Zitate in ihrem offenen Brief stammen aus der Berliner Zeitung, vornehmlich aus der Analyse „Wie die Chance für eine Friedensregelung vertan wurde“ (erschienen 19.11.2023).

ORF-Objektivitätsgebot verletzt ?

Das Ö1-Mittagsjournal und das Ö1-Journal Panorama haben kürzlich über den Stand der Neutralitätsdebatte berichtet. Doch es sind ausschließlich neutralitätsskeptische ExpertInnen zu Wort gekommen.

Udo Bachmair

Die Ö1-Information gehört angesichts eines teils jämmerlichen Zustands der österreichischen Medienlandschaft zu den letzten Highlights. Ausgewogen in der innenpolitischen Berichterstattung, nicht sehr ausgewogen bei außenpolitischen Themen. Und dennoch: insgesamt muss eine eher positive Bilanz gezogen werden.

Vor diesem Hintergrund fallen dann Sendungen umso mehr auf und ins Gewicht, in denen mit dem Objektivitätsgebot, zu dem der ORF gesetzlich verpflichtet ist bzw. wäre, nicht besonders seriös umgegangen wird. Jüngstes Beispiel dafür Tendenzen von Beiträgen und Interviews im ORF-Radio zum Reizthema Neutralität Pro & Contra.

Eine heikle Thematik jedenfalls, weswegen die Positionen beider Seiten zur Meinungsbildung wichtig wären. Doch im jüngsten Ö1-Journal Panorama sind ausnahmslos neutralitätskritische Stimmen vorgekommen. Damit wurde der Eindruck erweckt oder die Botschaft vermittelt, die Neutralität sei längst überholt und Österreich reif für einen NATO-Beitritt.

Siehe bzw. höre dazu die erwähnte Sendung via

https://oe1.orf.at/player/20230622/723015

Als „Anreißer“ für das abendliche Journal Panorama fungierte davor im Ö-1-Mittagsjournal ein langes unkritisch geführtes Interview mit der deutschen NATO-Expertin Bapst über die Sinnlosigkeit der österreichischen Neutralität in Zeiten wie diesen:

https://oe1.orf.at/player/20230622/722998/1687428686000

Ein solches Interview ohne Gegenstimme so prominent einzusetzen, lässt den Verdacht aufkommen, dass sich nun auch die renommierte Ö1-Information zugunsten einer kleinen Interessensgruppe von Offizieren und NATO-PropagandistInnen einspannen lässt, die die Abkehr von Österreichs Neutralität vorantreiben wollen.