Schlagwort-Archiv: Doris Helmberger

Kirche und Politik

Kirchen sind Institutionen, die nicht außerhalb des im weiteren Sinn politischen Spektrums stehen bzw. stehen sollten. Wenn dies so ist, gelten auch für sie aktuell besondere Herausforderungen und Aufgaben. Einige der Fragen, die bei einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion am 8. April in Wien erörtert werden sollen.

Udo Bachmair

„Wie politisch darf, kann oder muss Kirche sein?“ ist die zentrale Frage der Veranstaltung am kommenden Mittwoch ab 19 Uhr im Club 4, Stephansplatz 4, 1010 Wien.

Rund um diese Fragestellung ranken sich weitere interessante Aspekte. Etwa der Versuch, den christlichen Glauben als politisch einzuordnen. Des Weiteren darüber zu diskutieren, ob und inwieweit ChristInnen sich zu (partei-)politischen Fragen äußern sollen. Nicht zuletzt; Sollen sich Kirchen einmischen, wenn Menschenwürde, Gerechtigkeit und Frieden auf dem Spiel stehen?

Eine Antwort vorweg: Ja.
Gerade für christliche Kirchen ist es als (gesellschafts-)politische Aufgabe unverzichtbar, etwa für Humanität in der Flüchtlingspolitik zu sorgen, Solidarität zu üben mit Armen und in Not Geratenen sowie militärische Aggressionen und Völkerrechtsbrüche angesichts der aktuellen Angriffskriege klar zu verurteilen.

Diese „klare Kante“ wird von vielen Christinnen und Christen vermisst, aber auch von jenen außerhalb der Kirchen, die sich Unterstützung erhoffen in ihrem Engagement für Frieden und gegen Krieg. Vor allem auch die Medien wären gefordert, dazu beizutragen. Ohne Schwarz-Weißmalerei, ohne „Wir sind die Guten (der Westen) und alle anderen sind die Bösen“..

Als weiteres Thema der Veranstaltung werden wohl auch gewisse Unterschiede zwischen der Katholischen und der Evangelischen Kirche zur Sprache kommen, wie weit sie sich jeweils politisch „hinauslehnen“.

Über all das und mehr werden folgende Podiumsgäste diskutieren:

Doris Helmberger-Fleckl (Chefredakteurin der FURCHE)
Thomas Hennefeld (evangelisch-reformierter Pfarrer und früherer Landessuperintendent)
Rudolf Mitlöhner (Leitender Redaktauer im KURIER und Ex- FURCHE-Chefredakteur)
Johannes Modeß (Pfarrer der evangelisch-lutherischen Stadtkirche Wien)
Rotraud Perner (Psychotherapeutin, evangelische Theologin und vieles mehr) sowie
Helmut Schüller (streitbarer römisch-katholischer Priester).

Moderiert wird die Diskussion von Udo Bachmair (Vereinigung für Medienkultur, u.a. Ex-Moderator des ORF-TV-Religionsmagazins Kreuz&Quer). Der Eintritt ist frei.

Veranstalter ist die Vereinigung für Medienkultur gemeinsam mit dem Verband Katholischer Publizistinnen und Publizisten und den evangelischen Stadtkirchen.

Demokratie und Charakter

Einen Kommentar von Heide Schmidt im Standard** nimmt unsere Gastautorin zum Anlass für weitergehende Überlegungen zum Thema „Demokratie als Charakterfrage“.

Ilse Kleinschuster*

Heide Schmied, die ehemals Jörg Haider und seiner FPÖ den Rücken gekehrt und das Liberale Forum gegründet hat, war auch eine Anhängerin des Projekts Weltethos und hat sich für das Konzept eines Bedingungslosen Grundeinkommens interessiert. Es scheint mir daher gut nachvollziehbar, dass sie ob der Aussage der FPÖ „MIT EUCH GEGEN DAS SYSTEM“ schockiert ist, denn: ist nicht ‚unser System‘ Demokratie?

Ich bin keine Juristin, aber soviel weiß ich auch, dass es für unsere demokratische Halt(er)ung eine Grundlage gibt, die „Österreichische Bundesverfassung“, die „denjenigen die Hände bindet, die sich an sie halten, denjenigen aber fast alles ermöglich, die es nicht ehrliche mit ihr meinen“ – ein Satz von Vaclav Havel, den Heide Schmidt gerne zitiert. Sie kommt zu dem Schluss, dass Demokratie nicht nur eine Frage das Systems ist, sondern auch eine Frage der Haltung und damit auch des Charakters der handelnden Personen.

Nun entwickelt sich doch Haltung/Charakter im Laufe unseres Lebens und ich meine, es hängt doch sehr von den Umständen ab, unter denen diese Entwicklung stattfindet. Bereits als Kind habe ich mich – immer, wenn es um Ungerechtigkeit ging – sehr aufgeregt. Spät erst im Laufe meines Lebens habe ich begriffen, wie sehr es auch einer vernünftigen Gesetzgebung zu verdanken ist, soll es in der Gesellschaft halbwegs gerecht und friedlich zugehen.

In der heutigen Zeit eines multiplen Wandels ist es nicht mehr verwunderlich, dass sich auch die Politik wandelt. Wie sehr es an Politiker*innen fehlt, die sich in den Dienst der Rechtsordnung stellen, hat uns die Hochachtung für die verstorbene Kanzlerin Brigitte Bierlein gezeigt, die in schweren Zeiten der Bitte nachkam, „die taumelnde Republik aus Verantwortungsgefühl zu führen“ (Doris Helmberger, Chefredakteurin der FURCHE).

War die Mittelschicht bislang demokratietragend, fiel sie langsam der Globalisierung und der Schwerpunktverschiebung von Real- zur Finanzwirtschaft zum Opfer, was wohl die Frustrierten und Zurückgelassenen (rechte/linke) Populisten wählen lässt. Der Mangel an einer qualitätsvollen und zukunftsorientierten Spitzenpolitik wird immer offenkundiger. Der weltweite Populismus ist also Symptom, nicht aber Ursache der ‚Demokratie-Krise‘.

Und noch eines: Hat ein zugespitzter Stil in der Berichterstattung den Vertrauensverslust in die Politik nicht auch gefördert? Ich frage mich: Könnte mich darin vor allem die Berichterstattung zu den EU-Wahlen bestätigt haben? – Mehr Aufmerksamkeit als nötig wurde meiner Meinung nach dem Stimmenzuwachs für rechts-extreme Parteien gezollt. Ein Relevanzverlust der Medien schlägt sich nieder und vernebelt die ohnedies schon sehr verunsicherte Mittelschicht.

In Redaktionen, in denen gespart wird, fehlt es an Wissenschaftsjournalisten, die eine Gatekeeper-Funktion übernehmen könnten. Nicht Zuspitzung, sondern lösungsorientierte Kritik wäre jetzt wichtig, ausgeübt durch gebildete, verantwortliche Persönlichkeiten, deren Umfeld Selbstreflexion zulässt und fördert. -So schreibt Otto Friedrich in der FURCHE über die „Medien und ihre Selbstverzwergung“ zu den Vorwahl-Turbulenzen um Lena Schilling: „Ich ordne die Causa auch als Lehrbeispiel fürs Schlagwort overnewsed but underinformed ein“ und er stellt fest, dass sich für ihn keinerlei Relevanz in Bezug auf die Zukunft Österreichs oder Europas erkennen lasse.

Mehr noch aber als die Relevanz in Bezug auf die Zukunft Österreich und Europas fehlt mir heute jene in Bezug auf die Zukunft der ‚Menschheit‘. Was für eine vernachlässigte, globale Verantwortungsherausforderung für uns alle, die wir sowohl biologisch als auch in unseren Identitäten, Lebensrealitäten und Überzeugungen derart unterschiedlich sind! Wie sollen wir von einer Menschheit schreiben, für die wir Verantwortung tragen (wollen), wenn wir die aus der Natur des Menschen begründbaren, allgemeinen Menschenrechte täglich missachten?

Eine ERDE für Alle – EARTH FOR ALL – der neue Bericht an den CLUB OF ROME, 50 Jahre nach „Die Grenzen des Wachstums“ – könnte eine Antwort geben! Es bietet eine konkrete, bahnbrechende Vision, wie das Wohlergehen aller – in jedem Land – auf unserem begrenzten Planeten sichergestellt werden kann. Das wäre eine wichtige Lektüre auf dem Weg zu einer Gesellschaft, die das Motto Eine Erde für Alle! lebt.

** Gastautorin Ilse Kleinschuster ist eine wichtige Stimme der Zivilgesellschaft. In ihrem Beitrag bezieht sie sich unter anderem auf einen STANDARD-Kommentar von Heide Schmidt:

* www.pressreader.com/austria/der-standard/20240615/282505778761255