Kategoriearchiv: Medienkritik

Leere Phrasen über Klimawandel?!

Die medialen Warnungen über den Klimawandel und die Parallel-Werbung für schnelle Autos in TV-Sendern- – das schafft Unbehagen und ist widersprüchlich bis hin zur leeren Phrase.

Hans Högl

Nun -die Coronaberichte ebben ab, die Klimafrage rückt wieder in den Vordergrund. In einer Fülle von Sendungen – nicht nur im ORF -sondern auch und in deutschen TV-Sendern ist die Klimafrage allgegenwärtig.

Der Klimawandel hat vielfältige Ursachen, aber dass der Verkehr – z.B. auf Basis von Benzin und Diesel- ein wichtiger Faktor unter anderem ist, steht außer Frage. Ich stelle eine Frage und deute mein Unbehagen an: Ja, wir können die Autos nicht einfach abschaffen – auch nicht die Werbung für Autos. Dennoch sehe ich eine Diskrepanz zwischen den wiederholten Warnungen über den Klimawandel und die gleichzeitige auch öffentlich-rechtliche Werbung für Benzin- und Dieselautos.

Ich möchte einen Gedankenimpuls geben, ohne jetzt und sofort ein Verbot für diese Werbung zu fordern. Aber es ist ein Unbehagen, das mich erfasst- bei soviel Worten über Klimawandel. Es gilt auch die Forderung von Unternehmensethik – auch für die Fernsehstationen. Auch wenn es weh tut.

Kleinstaaten bei Olympiade in Tokyo

Weltnachrichten vernachlässigen in der Regel viele Kleinstaaten

Hans Högl

Es ist durchaus sinnvoll, dass sich die Medienberichte primär auf wichtige Staaten beziehen. Wir wären sonst überfordert. Doch die weltweit agierenden Nachrichtenagenturen sind primär anglo-amerikanisch bzw. französisch und fallweise russisch. Dennoch: Es lohnt, einige dieser über 200 Staaten zu nennen, die sich bei der Eröffnungsfeier der Olympiade in Tokyo präsentierten, aber ganz selten in Medien genannt werden. Darunter sind Karibik-Inseln, die als Steuerparadiese gelten.

Hier eine Aufzählung einiger dieser Staaten: Aruba (eine niederländische Karibikinsel), Antigua (Karibikstaat), Virgen Islands (US-amerikanische Jungferninseln /Karibik), Guyana (britisch), Grenada (Karibik-Staat), Cayman Island (Karibik); Staaten in Ozeanien oder Asien: Mauritius (Indischer Ozean), Kiribati (Inselstaat im Pazifik), Mikronesien (Pazifik); dann subsaharische afrikanische Staaten: Guinea Bissau (Westafrika), Liberia, Gambia (in Westafrika – von Senegal umschlossen), Gabon (westlich von Kongo); selten genannte europäische Staaten: North Macedonia und Cyprus (beim Konflikt um Meeresbodenschätze erwähnt)

Dänischer Mohammed-Karikaturist gestorben

Wertekonflikt bei Globalisierung und Pressefreiheit

Hans Högl

Der dänische Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard ist gestorben.
Seine umstrittenen Mohammed-Karikaturen hatten Proteste und gewalttätige Ausschreitungen in zahlreichen Ländern ausgelöst. Wie die Zeitung «Berlingske» am Sonntag online meldete, starb Westergaard nach langer Krankheit im Alter von 86 Jahren, wie seine Familie mitteilte.

Unser Publikum wird ersucht, zu kommentieren, wie es diesen Wertekonflikte beurteilt. Ist „Medien-Freiheit“ grenzenlos oder sind auch mögliche Folgen zu beachten? Es geht also um Gesinnungsethik und Verantwortungsethik.

Welt sehen, wie sie wirklich ist

Panische Zukunftsangst in Gesprächen und Medien

Hans Högl

Beiläufig wird uns in Gesprächen und auch in Qualitätsmedien eine panische Zukunftsangst vermittelt. Darum greife ich -auch mit eigener Überzeugung – eine Literaturempfehlung wortwörtlich auf, die Matthias Horx, der bedeutende Zukunftsforscher und frühere „ZEIT“-Journalist, in seinem Buch „15 1/2 Regeln für die Zukunft. Anleitung zum visionären Leben“ (2019) gibt (S. 337).

Hans Rosling Nachlass – sein Buch: Factfulness- Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, Berlin 2018 – ist eine wichtige Grundlage, um panische Zukunftsangst zu überwinden -und die Welt in ihrem Wandel konstruktiv zu betrachten. “Das Buch bietet neben einer Zusammenfassung von Rosling Welt-Statistiken auch eine Einführung in die future biases, jene Wahrnehmungsverzerrungen, die uns die Zukunft ausschließlich aus der Warte der Angst sehen und positive Entwicklungen ignorieren lassen. Die Tatsache, dass es zu einem Weltbestseller geworden ist, gibt mir Hoffnung.“

Entwicklungs-„Hilfe“, aber wie Welt retten?

Lösungsorietierter Journalismus: Wege und Umwege für Entwicklungs-Mithilfe

Hans Högl: Buchrezension

Andreas Sator : Alles Gut?! Unangenehme Fragen & optimistische Antworten für eine gerechtere Welt, Wien 2019. (206 p.)

Der Autor ist Journalist der Wiener Qualitätszeitung „Der Standard“, ihm ist der globale Süden ein praktisches und kritisch-reflexives Anliegen, er studierte Ökonomie in Wien, ging diversen Jobs nach. Eine Zeitung, die erzählt, dass gestern der Verkehr normal war, Spitäler funktionierten und Flugzeuge gut landeten, eine solche Zeitung verkauft sich nicht gut. Das liegt in der Natur der Sache (S. 85). Doch darin liegt ein Problem.

Medien bestimmen unser Weltbild, aber übersehen Megatrends, wie sie Hans Rosling im exzellenten Buch „Factfulness“ ortet und auf wachsende Mittelschichten in China und Indien verweist und den Rückgang extremer Armut – mit Ausnahme in Sub-Sahara-Afrika.
Sator empfiehlt, längere Reisen in den Süden oder Aufenthalte von Dauer.

Ein Einschub des Rezensenten: Für einen Entwicklungsexperten war die erste Reise nach Westafrika inspirierend. Er wirkte zuvor viele Berufsjahre in einem Institut. Doch selbst vier Studienjahre eines meiner brasilianischen Kollegen bei Brüssel, änderte kaum sein Weltbild: So sagte er mir abschätzend über Österreich, weil er in Zeitungen nie über Konflikte und Streiks in Österreich las, „darüber liest man ja gar nichts“. Manchmal denken Latinos in Extremen, dem Kollegen blieb das Konzept sozialer Marktwirtschaft fremd- ganz Anderes vermerkte eine Sozialexpertin aus Afrika mit Ihrer Aussage über Österreich: „Ihr lebt in einem Paradies“. Auch US-amerikanische Student*innen staunen über unser System der Stipendien. Und in Schweden finanzieren sich Studierende mit langfristigen Krediten. Wirtschaftssysteme sind nicht nur zweipolig.

Mit gutem Willen die Welt zu retten, reicht nicht. Wir sollen den fernen Süden nicht idealisieren: Perplex war ich, als ich bei meinem Einsatz auf den Cap Verden erfuhr, dass einheimische Eliten mit Geld für Entwicklungshilfe Tennisplätze für sich zu bauen suchten – doch die Wiener Behörde beharrte auf die volle Hilfe für die Kleinbauern. Wer mitteilt, dass buddhistische Länder um eine wertvolle Buddhastatue Krieg führten, riskiert Missbilligung. Dies als Einschub versus Superidealisten. Zurück zum Buch von Sator.

Andreas Sator: „Zeitungen und Online-Medien geben uns ein allzu negatives Bild von der Welt.“ Er empfiehlt, Bücher zu lesen oder die „Die Zeit“ und den „Economist“. Was Sator auszeichnet: Er stellt sich konkrete Fragen: Wie die Klimakrise lösen und was hilft wirklich den Armen? Das 1. Buchkapitel lautet: Beim Einkaufen die Welt retten? Wer bei H&M kauft, sichert Jobs in Bangladesh, verschmutzt aber die Umwelt. Wer ein teures Shirt in Vorarlberg kauft, schont die Umwelt, macht aber die positiven Effekte der Globalisierung zunichte (p. 180). Doch ein Kauf mit GOTS Label (Global Organic Textile Standard) verweist auf faire Arbeitsbedingungen und Nachhaltigkeit.

Sator: Auf vieles gibt es keine richtige Antwort, und wir können nicht jede einzelne Handlung auf die Goldwaage legen. Wir sollen uns Mühe geben, doch keiner könne alles richtig machen. So der lebensnahe Zugang.

Belästigungsaffäre im Schweizer Fernsehen

Medien sind über Verfehlungen von eigenen Mitarbeitern meist recht verschwiegen

Hans Högl

Belästigungsaffäre: Das Westschweizer Fernsehen (RTS)mit Sitz in Genf eröffnet Untersuchungen und suspendiert zwei Mitarbeiter – diese wissen aber noch gar nichts davon.

Über 200 Angestellte des Westschweizer Fernsehens haben sich an eine Hotline gewendet. Zahlreiche Persönlichkeitsverletzungen wurden gemeldet. Welche genau, ist unbekannt – der Bericht bleibt geheim.

ORF nicht durch Parteipolitik ruinieren

Im Parlament in Wien sind kürzlich die Concordia-Preise für außerordentliche publizistische Leistungen verliehen worden. Preisträger in der Kategorie „Pressefreiheit“ ist ORF-Redakteur Dieter Bornemann.

Udo Bachmair

Dieter Bornemann, Vorsitzender des ORF-Redakteursrates hat in seiner Dankesrede mit durchaus kritischen Worten aufhorchen lassen. So warnte er vor einer Besetzung wichtiger ORF-Führungspositionen nach „politischer Farbenlehre“ sowie vor fortgesetzter personeller Ausdünnung von Redaktionen.

Wirtschaftlicher Druck lasse Redaktionen ähnlich wie Gletscher schmelzen, während gleichzeitig eine „Flutwelle“ an Propaganda und PR von Ministerien, Parteien und Unternehmen sie mit ihrem Spin überschwemme. „Von unabhängiger, kritischer Berichterstattung haben sich viele im Politikbetrieb offenbar schon verabschiedet“, beklagte Bornemann in seiner Rede.

Medien mutieren „immer mehr zum Werkzeug der Politik“, befindet der Concordia-Preisträger, Bei kritischen Interviews werde man rasch als „Feind“ angesehen, der vom Informationsfluss abgeschnitten werden müsse, bemängelt Bornemann.

Der Redner äußerte sich auch zu seinem eigenen Unternehmen, zum ORF, dessen oberste Führung am 10. August vom ORF-Stiftungsrat gewählt wird. Bei der Neuwahl der ORF-Spitze gehe es nicht um die besten Ideen, sondern darum, wen Kanzler Kurz auf dem Chefsessel haben möchte…

Nähere Infos unter www.orf.at/#/stories/3219110/

Presseclub mahnt Reformen ein

Der Presseclub Concordia, Kooperationspartner der Vereinigung für Medienkultur, fordert in einer jüngst von der Generalversammlung verabschiedeten Resolution „dringend überfällige“ medienpolitische Reformmaßnahmen.

Udo Bachmair

Der renommierte Presseclub hält die Umsetzung eines „zeitgemäßen Informationsfreiheitsgesetzes“ für unabdingbar. Für Journalist*innen sei ein einfacher Zugang zu amtlichen Informationen herzustellen, damit sie ihrer demokratiepolitisch wichtigen Rolle gerecht werden können.

Besonders wichtig ist für die Journalistenvereinigung auch die Forderung, „die intransparente und qualitätsfeindliche Praxis der Regierungsinserate“ zu beenden. Dazu bedürfe es einer grundlegenden Reform der Medienförderung unter Berücksichtigung qualitätsorientierter Kriterien.

Ein wesentliches Anliegen des Presseclubs ist auch der ORF, dessen neue Führungsspitze ja am 10. August gewählt wird. Der Club verlangt „gedeihliche Rahmenbedingungen für politisch unabhängige Berichterstattung im ORF.“

Mit Sorge beobachtet der Presseclub Concordia Angriffe und Einschüchterungsklagen gegen Journalist*innen. Er mahnt Unternehmen und Politik, juristische Mittel nicht zur Einschränkung der Pressefreiheit zu missbrauchen.

USA: Geheime Vietnam (Pentagon)- Studie vor 50 Jahren veröffentlicht

„New York Times“ riskierte Mitte Juni 1971 – also vor 50 Jahren- Auszüge aus der ultrageheimen Mc Namara-Studie (genannt „Pentagon Papers“) preiszugeben, die die damaligen Medienberichte radikal in Frage stellten.

Hans Högl

Damals war Daniel Ellsberg der Whistleblower. Ich verglich in meiner nicht publizierten Dissertation das Medienecho in der linksliberalen „Le Monde“ mit Kommentaren und Nachrichtentexten in der Nato-freundlichen „Frankfurter Allgemeinen“ in Hinblick auf Manipulation. Dazu ein andermal. Daniel Ellsbergs Sohn schrieb mir folgende Botschaft:

Michael Ellsberg: Today marks the 50th anniversary of the New York Times first publishing the Pentagon Papers.
Join Daniel Ellsberg on a live webinar today at 7:30PM EDT with Noam Chomsky, Rep. Elizabeth Holtzman, Barbara Myers, and Gar Alperovitz discussing the legacy of the Papers. Selected media coverage of the Pentagon Papers anniversary is here.

The Ground Truth Project and UMass Amherst have created a wonderful podcast that brings alive the history of Daniel’s action, The Whistleblower. UMass Amherst, which acquired Daniel’s archive, recently held a 3-day virtual conference on the legacy of the Papers, including a dialogue between Daniel and Edward Snowden. Recordings of the conference are here.

At age 90, Daniel’s still at it! He recently made an unauthorized disclosure of a still-classified top-secret study about US nuclear threats against China, which he’s been holding for over 50 years. The New York Times reported the leak here and coverage of the leak made international headlines.

Thank you,–Michael Ellsberg

Wie Medien manipulieren : Ein Buchtipp

Eine kritische Medienanalyse ist im Frankfurter Westend Verlag erschienen. Sie zeigt anhand zahlreicher Beispiele auf, wie herrschende Medien manipulieren.

Udo Bachmair

Die Medienwissenschafterin Sabine Schiffer bietet mit ihrem nun vorliegenden Buch eine unerschöpfliche Informationsquelle über Mechanismen und Manipulationen von Medien. Sie greift dabei vor allem Beispiele verzerrender und falscher Berichterstattung zur internationalen Politik auf.

Ergebnis der umfangreichen Analyse: Herrschende Medien informieren trotz ihrer Beteuerung, sie seien objektiv und unabhängig, oft einseitig und manipulativ. Die herrschende Meinung zu bestimmten Fragen „ist eben die Meinung der Herrschenden“, folgert die Autorin.

Diese herrschende Meinung werde zunehmend von PR-Agenturen und Medienhäusern bestimmt. Damit spricht die Verfasserin des Buches auch das hierzulande anzutreffende Problem an, dass die außenpolitische Berichterstattung vornehmlich von bestimmten größeren westlichen Agenturen gespeist wird. Inhaltlicher Einheitsbrei wird somit gefördert. Eine Entwicklung, die nicht zuletzt auch durch mangelnde journalistische Eigenrecherchemöglichkeiten angesichts stetig ausgedünnter Redaktionen begünstigt wird.

Die Autorin führt unter zahlreichen Beispielen an, wie westliche Medien etwa im Vorfeld der NATO-Angriffe auf den Irak, Libyen oder Serbien psychologische Kriegsvorbereitungen getroffen haben. Schiffer erinnert an jene angeblich kuwaitische Krankenschwester, die weinend von grausamen Morden irakischer Soldaten an Frühgeborenen berichtete. Diese von einer US-regierungsnahen PR-Agentur stammende „Information“ stellte sich später als frei erfunden heraus. Doch immerhin war die Falschmeldung „Legitimation für eine imperiale humanitäre Intervention“.

In westlichen Demokratien sieht Sabine Schiffer die Information „zur Ware verkommen“. Sie plädiert daher umso mehr für einen unabhängigen Journalismus. Der wiederum könne unter anderem durch nachhaltige Finanzierung seriöser Medien erreicht bzw. abgesichert werden. Das wäre auch hierzulande nötig. Denn in der äußerst boulevardlastigen österreichischen Medienlandschaft fehlt es an entsprechender Förderung von Qualitätsmedien. Die Regierung ist offenbar nicht einmal dazu bereit, das legendäre Qualitätsblatt „Wiener Zeitung“ mittels Finanzspritzen zu retten.

Sabine Schiffer: Medienanalyse. Ein kritisches Lehrbuch. Frankfurt am Main (Westend Verlag) 2021