Kritik an „Informationszynismus“

In den Radiogeschichten Spezial auf Ö1 hat jüngst Burgschauspieler Falk Rockstroh aus Peter Sloterdijks Essayband „Kritik der Zynischen Vernunft“ gelesen.

Gastbeitrag von Ilse Kleinschuster

Peter Sloterdijk ist wohl einer der bekanntesten und belesensten Denker unserer Zeit. Seine philosophischen Zeitdiagnosen und politischen Interventionen sind risikofreudig, streitbar und mindestens so erhellend wie überraschend. Gerade jetzt in Zeiten der Pandemie bietet er verunsicherten Gemütern in zahlreichen Interviews über die Pandemie und deren sozialen, politischen und existentiellen Konsequenzen einen geistigen Anker.

Für Sloterdijk ist die Corona-Krise nicht bloß eine wirtschafts- oder sozialpolitische Zäsur. Sie markiert vielmehr den „Beginn eines Zeitalters, dessen basale ethische Evidenz Ko-Immunismus lautet, das Einschwören der Individuen auf wechselseitigen Schutz“. Dies erfordere eine neue Definition von Zusammensein, eine „veränderte Grammatik unseres Verhaltens“ und eine globale immunitäre Vernunft.

Titel der erwähnten ORF-Sendung war „Zynismus – das modernisierte unglückliche Bewusstsein“ Es wurden Ausschnitte aus dem Kapitel über den „Informationszynismus“ gelesen. Sloterdijk nennt die Massenmedien eine Schule der Beliebigkeit. Zynismus, das aufgeklärte falsche Bewusstsein unserer Zeit, fühle sich an keine Kritik mehr gebunden. So herrsche eine zweifache Enthemmung in den Massenmedien, – einerseits gegenüber den Dingen, die sie darstellen: Katastrophen der Anderen, Sensationalismus, und andererseits enthemmte mediale Dekonzentration, eine endlose Skala von Gleichwertigkeit/ -gültigkeit. Wer das noch aushält, muss wohl geistig sehr gut trainiert sein.

Dieser entfesselte Informationstrieb hätte zunächst sehr wohl Entlastungseffekt gegenüber der Überforderung durch den Rationalismus geboten. Aber es sollte nicht lange dauern bis die Massenmedien die Totalsynthese geschafft hatten, was sie zu „mehr als Philosophie“ machte, so Sloterdijk. Sie hätten mit dem „und“ alles umfasst, dieses „und“ sei die Moral der Journalisten. Zusammenhänge zwischen den Berichten herzustellen, sei verpönt. In dieser Gleichgültigkeit sieht Sloterdijk den Spross einer zynischen Entwicklung – das „und“ tendiere zu einem „ist gleich“ überzugehen. Fazit: Wir leben in einer Welt, in der die Menschen in geistiger Desintegration leben – und in der immer mehr Menschen unglücklich werden.

https://oe1.orf.at/player/20211203/662320/1638525904000?fbclid=IwAR2QqO-8rMwKu7GFZPYIyXVKq1YbqqHXzifcyJkE4ZykB044udWGK_FkZwE

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