Archiv der Kategorie: MEDIEN – UNIVERSITÄT

Wissenschaft in Medien. Eine Evaluation

Hans Högl

Ein weites Feld ist die Wissenschaftspublizistik. Mir bot sich die Chance zu einem Gespräch mit einem deutschen Naturwissen-schafter. 

Dies ist seine Evaluation der Sparte Wissenschaft in Medien: Als Spitzenprodukt auf diesem Sektor nennt er die Zeitschriften "Spektrum der Wissenschaft" und auch "Bild der Wissenschaft" sei "sehr gut" und zu 95 % sind die Inhalte letzterer zuverlässig. Die Zeitschrift "PM" habe die "beste und anschaulichste Graphik- und Bildredaktion", aber inhaltlich habe sie Schwächen. Die Wissenschaft in "Profil" wird  relativ gut bewertet. 

Als "hervorragend" beurteilt der Experte Wissenschaftsberichte in "ARTE" und in "Phönix", doch jene von "Newton"im ORF sei eher "schwach". Harald Lesch im ZDF sei "hervorragend". Es gilt zu sehen, über welche Vorbildung Redakteure im Bereich Wissenschaft verfügen. Und diese ist nicht immer optimal. 


Wissenschaft und Verschleierung

 

Hans Högl. Kommentar

Wissenschaft emanzipierte sich im Laufe der Jahrhunderte – von Staat und Kirche. Diese Freiheit der Wissenschaft war oft relativ; denn Professoren wurden meist dann ernannt, wenn sie zumindest in etwa in die politische Landschaft passten. Übrigens: Viele großen Werke der Wissenschaft entstanden außerhalb der Universitäten. Im Selbstbild der universitären Wissenschaft dominiert das hehre Ideal der Wahrheit. Und nicht selten streift ein verächtlicher Blick den Journalismus.

Seit geraumer Zeit braucht universitäre Wissenschaft Drittmittel und wird abhängig. Mich erschüttert ein spezieller Fall von Verschleierung in einem Wissenschaftsbuch. Worum geht es? Hier um Tirol. Nicht nur im alpinen Raum gab es Ackerland, Almen und Wald im Besitz der gesamten Gemeinde. Ein Buch führt dies im Titel „Ländliche Gemeingüter“ oder „Rural Commons“ (2016) an. Es geht um die kollektive Ressourcennutzung in der europäischen Agrarwirtschaft.

In Tirol gehörten beträchtliche Teile des ländlichen Raumes der Allgemeinheit in Gemeinden. Im Laufe der Zeit und nicht zuletzt unter dem „ewigen“ Landeshauptmann Eduard Wallnhöfer hat die bestimmende Partei des Landes es vermocht, die Güter aller in der Gemeinde, die Allmende, sich „unter den Nagel zu reißen“ zugunsten der eigenen Klientel, der Agrargemeinschaften – zum Schaden aller. Da wurden Hotels und Seilbahnen gebaut- alles im wohlverstandenen privaten Eigeninteresse. Es ist erschütternd, wie verschleiernd dieses Faktum „wissenschaftlich“ formuliert wird- und zwar weit hinten im Buch und dann noch einmal in die Anmerkung 24 auf Seite 256 verbannt. Und alles wird vage angedeutet – ohne Namen zu nennen.

Der Wissenschaftstext lautet wortwörtlich: „Diesbezüglich gerieten führende Landwirtschaftsfunktionäre und Agrarpolitiker stark unter öffentlichen Druck. Eine journalistische Darstellung des Konfliktes um die Tiroler Agrargemeinschaften lieferte Alexandra Keiler, Schwarzbuch Agrargemeinschaften, Innsbruck 2009. Schwarzbuch Tirol, Innsbruck 2012.“

Doch dies spricht der Klappentext im „Schwarzbuch Tirol“, erschienen im Studienverlag, klar aus und nennt dies einen „Agrar-Krimi“ mit unheimlichen Facetten, die sich als „Enteignungen“ entpuppten, wohl unter dem NS-Regime in Osttirol grundgelegt. Seit die Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes 2008 klarstellte, dass die in den 1950er-Jahren in Nordtirol begonnene Übertragung von über 2.000 qkm öffentlichem Gemeindegut auf bäuerliche Agrargemeinschaften verfassungswidrig passierte, befindet sich das Land Tirol in einem Ausnahmezustand. Doch müssen die betroffenen Gemeinden weiterhin um ihr Grundeigentum kämpfen.

Was damit gesagt sein soll: Journalismus übertreibt nicht selten und pflegt eine klare Sprache, und dies ist wichtig, aber diese wissenschaftliche Verschleierung von Sachverhalten ist für ein Wissenschaftsbuch unwürdig. Dennoch: Es gibt verdienstvolle Wissenschafter, welche Sachverhalte klar beim Namen nennen und sich ins strittige Feld der Publizität begeben. Das hat in Frankreich hohe Akzeptanz.

Warnung vor Übertreibung bei Globalisierung

Kevin O`Rourke,  Prof. Univ.Oxford

Hier fasse ich zentrale die Passagen eines  außergewöhnlichen Interviews  dieses  irischen Prof. für Wirtschaftsgeschichte zusammen (Hans Högl).

Frage: Wie erklären Sie den Unmut der Wähler für die globale wirtschaftliche Integration? Beispiele sind der Brexit-Entscheid  und die Wahl von Trump: „Es wäre sonderbar, wenn wir den Unmut nicht hätten.So stagnieren in den USA die Löhne der Mittelklasse seit bald vier Jahrzehnten, während die wirtschaftliche Ungleichheit wächst.“ Diese Entwicklung  kann durch die Öffnung der Schwellenländer (wie China) erklärt werden  und durch die Bevorzugung der Banken (Bankenkrise).

Warum manifestiert sich die Unzufriedenheit besonders in den USA und Großbritannien? Anwort: In diesen Ländern hat sich das Pendel am stärksten zum Markt und weg vom Staat bewegt. Die sozialen Netze wurden immer löchriger…Es wäre wichtig, das zu sichern, was wir haben. Nicht noch mehr Privatisierung nicht noch weniger Steuern der globalen Konzerne.

„Wenn man fordert, es brauche eine Politik völlig offener Grenzen in Europa, birgt dies die Gefahr, bei faschistischen Regierungen zu enden. ..Wer die Verpflichtungen gegenüber Flüchtlingen und  Asylbewerbern erfüllen will, darf bei der Migrationspolitik nicht utopisch werden. Es gilt politische Sensibilität zu zeigen. Das können aber Ökonomen aber oft nicht besonders gut.“

Ferner kritisiert der Autor folgende  Auffassung: Höhere Gewinne  durch die Globalisierung seien am Schluss für alle besser. Das ist der Irrtum des sogenannten  Kaldor Hicks Kriterium. „Jeder Ökonomiestudent sollte verpflichtet sein, zehn mal vor dem Zubettgehen zu sagen: Kaldor Hicks is not a fix“. Dieses Kriterium trifft am ehesten in skandinavischen Ländern mit hohen progressiven Steuern zu,  wo auch soziale Absicherung gegeben ist (NZZ, 2017-11-22).

 

 

 

 

 

Journalismus auf den Punkt gebracht

 

Hans Högl. Rezension

Wo der Journalismus steht, das bringt Heinz Pürer auf den Punkt. Er lehrte bis 2012 Publizistik in München und verfasste das Buch „Journalismusforschung“ (Konstanz 2015, TB). Zeitgeschichte prägte drei Journalisten-Generationen: die Berichterstatter nach dem Krieg, den Anwaltstypus ab 1970, die Nachrichtenjäger ab 1990 (S. 46). Im Buch geht es um Berufslage, Medieninhalte, Ethik, Online- u. Boulevard-Journalismus. Und um dessen acht Konzepte – so um objektive Vermittlung, Kritik, Marketing-Journalismus und investigativen.

Das Internet eröffnet neue Zugänge: Es gibt den Laien-, Bürger- und Online-Journalismus. Schon um 2003 wurden 7.800 Online-Journalisten gezählt, davon waren 4.400 festangestellt (S. 111). Auch deutsche Klagen über prekäre Arbeitsbedingungen sind jetzt zu hören. Professioneller Journalismus hat sein Monopol verloren. Mitspieler sind: Parteien, Wirtschaft, Einzelne. Für das Publikum ist es leichter, reziprok den Profis zu antworten. Und versus „Informationsmüll“ fehlt flächendeckende Qualitätssicherung.

Ausführlich erörtert Pürer den Boulevard: Seine Themen, seine Sprache, die Graphik und diskursive Strategien (S. 122). Boulevard geriert sich als Schützer der kleinen, machtlosen Leute und produziert Gefühle wie Jubel, Angst, Empörung über Mächtige. Da fühlt sich der kleine Mann selbst im Besitz der Macht. Über Österreichs „Krone“ schrieb Stefan Weber (1995), über die deutsche „Unterhaltungsrepublik“ Margreth Lünenburg (2012). Dem „Journalismus light“ prophezeite 1999 ein Chefredakteur keine dauerhafte Zukunft (S. 126). Wir hoffen noch.

Differenziert erörtert der Autor, wie Nachrichten ausgewählt werden, und er spart das Thema Medien-Ethik nicht aus. In der Praxis dominiert ja das Medien-Recht. Und zur Medien-Ethik zählt auch die Verantwortung der Medien-Institution selbst.

Das Buch ist klar im Aufbau, dicht und doch gut lesbar und breit fundiert – mit Sach- u. Personenindex, Bibliographie, Links von Medienberufen. 177 Seiten, utb-TB.

Risikofaktoren. Cholesterin, Zucker, Rauchen

 Hans Högl.  Medien-Tipp. Gesundheitssendung
Wir gehen fallweise zum Arzt, lassen die Blutbefunde kontrollieren,  erhalten Gesundheitstipps von unserer Umgebung, die es  gut meint. Für Diät und ungesättigte Fette. Oft geht es darum, Risikofakturen zu mindern und die große Frage ist, wodurch diese  entstehen.     
Seit dem Herzanfall von Eisenhower hat sich Amerika intensiv damit beschäftigt. Er  rauchte wie ein Schlot, aber die Medizin- vor allem Harvard – entdeckte Cholesterin. Aber was macht ein Harvard-Professor (!) mit Daten von Italienern, Franzosen, Spaniern, die hohe Cholesterinwerte haben, zum Teil sehr  viel Fleisch essen wie Spanier — und dennoch ein fünf mal niedrigeres Risiko von Herzinfarkt als z.B. Finnländer? Es kam zu einem Krieg der Gelehrten mit ungleichen Waffen und ungleichen Einfluss auf angesehene Zeitungen und darum, welche Studien öfter zitiert wurden. 
Näheres findet sich in einer exzellenten ORF III Doku von Montag, den 5.März um 21:10 Uhr mit dem Titel  Cholesterin. Der große Bluff. Übernommen von ARTE. Der Film kann maximal bis Sonntag auf der TV Theke abgerufen werden. Ich sah die Sendung zwei Mal. Sehr aufmerksam. Es geht auch um den Einfluss der Statine auf das Gehirn und um Alzheimergefährdung. 

Wirtschaft, Werbung und Journalismus

Hans Högl. Eine Buchrezension

Publizistischer Idealismus trennt strikt Redaktion und Werbung eines Mediums – sowohl personell, inhaltlich und räumlich. Demnach dürfen Werbeziele journalistische Inhalte nicht beeinflussen. So wären also Werbekunden nicht zu schonen. Selbst strenge Chefredakteure sehen darin ein zu hehres Ziel… Dies war aber laut eines Insiders um 1980 im Wiener Magazin „profil“ Realität, das dem „Spiegel“ nacheifert. Wenn um 1980 im „profil“ ein Unternehmen inserierte, wurde dazu drei Monate lang nicht berichtet. Dies bekräftigte ein Journalist in einer Veranstaltung der „Medienkultur“ im Presseclub Concordia.

Dieses Thema erweitert Univ. Prof. Heinz Pürer in seinem neuen Buch „Journalismusforschung (utb. München) generell auf Marketing und nennt einen Typ des Journalismus „Redaktionelles Marketing“. „Es ist die konsequente Ausrichtung der redaktionellen Arbeit auf die Bedürfnisse und Interessen der Leserschaft“ und vereinbart redaktionellen Anspruch und Marktnotwendigkeit. Marketing ist im Prinzip zweifellos (!) für alle Mediengattungen wichtig, meint der Rezensent.

Redaktionelles Marketing impliziert laut Pürer eine stark kundenorientierte Sichtweise.“Hier bemühen sich Medienredaktionen, Wünsche, Interessen und Bedürfnisse des Publikums zu ergründen und „die publizistischen Produkte daran zu orientieren (nicht aber bedingungslos anzupassen)“.

Redaktionelles Marketing sucht eine Balance zwischen publizistischer Qualität und Werbung (also den Anzeigenkunden). Es ist ein „Spagat“ zwischen Qualität und Rentabilität und sei weithin Realität. Pürer sieht darin eine Zukunftssicherung für die in der Ertragskraft bedrängten Medien, aber auch die Gefahr des Abgleitens, dass redaktionelle Inhalte dem Kommerziellen untergeordnet werden.

Preis für journalistische Selbstkritik

Würzburger Main-Post (Gastbeitrag)

In München nahm ich kürzlich an einer Tagung des Netzwerkes Medienethik teil -mit dem Titel „Aufwachsen in digitalen Gesellschaften“. Zu diesem Anlass wurde ein Preis an den Chefredakteur der regionalen Zeitung Main-Post verliehen. Der Grund: Selbstkritik dieser Tageszeitung, weil sie beim tragischen Tod mehrere Jugendlicher Hinweise aus Sozialen Medien fälschlich aufgegriffen hatte. Dies ist ein einschlägiges Thema der Medienkultur und findet darum hier Platz.  (Hans Högl).

Die Ansprüche der Leser an seriöse Medien sind zu Recht sehr hoch: Sie möchten schnell, umfassend, korrekt und kompetent über alle wichtigen Themen des Tages informiert werden. Gleichzeitig steigt aber das Tempo der Nachrichten im Zeitalter der Digitalisierung wie die Menge verfügbarer Informationen. Professionelle Redaktionen stellen sich dieser Herausforderung täglich. Doch trotz aller Sorgfalt passieren auch dort immer wieder Fehler. Gerade der offene Umgang mit den eigenen Fehlern mache „die selbstkritische Transparenz eines professionellen journalistischen Mediums deutlich“, findet Professor Matthias Rath, der Vorsitzende des „Vereins zur Förderung der publizistischen Selbstkontrolle“ (FPS)….

Verliehen wurde der Preis für einen am 30. Januar 2017 erschienen Kommentar von Chefredakteur Michael Reinhard mit der Überschrift „Soziale Netzwerke sind keine gute Quelle“. Dieser Text „ist eine kritische Auseinandersetzung des Chefredakteurs mit der eigenen Berichterstattung seines Blattes zum tragischen Tod mehrerer Jugendlicher im unterfränkischen Arnstein“, heißt es in der Begründung der Jury. Die Main-Post hatte zuvor neben Informationen der Polizei auch falsche Hinweise aus Sozialen Medien in ihre Berichterstattung aufgenommen, die die Opfer fälschlicherweise mit Drogen in Verbindung brachten. In seinem Kommentar entschuldige sich Chefredakteur Reinhard nicht nur für die voreilige Übernahme nicht bestätigter Vermutungen, sondern stellte diesen Fehler auch in den größeren Zusammenhang journalistischer Arbeit im digitalen Zeitalter, ohne die redaktionelle Verantwortung abzuwenden, sagte der FPS-Vorsitzende Rath bei der Preisverleihung in München. ….Diese Selbstkritik und der offene Umgang mit eigenen Fehlern weise auch darauf hin, dass Leser, die sich etwa in Sozialen Medien einem professionellem Journalismus entziehen, nicht nur Gefahr laufen, einseitig informiert zu werden, sondern auch Selbstkontrolle und Selbstkritik „als Zeichen eines aufgeklärten und professionellen Journalismus nicht mehr geboten zu bekommen“, so Rath. Er freue sich besonders über die Auszeichnung, „weil sie unsere Grundhaltung belohnt“, sagte Main-Post-Chefredakteur Reinhard: „Wir möchten, wann immer es erforderlich ist, unsere Arbeit transparent machen – aber auch unsere Fehler.“ Diese einzugestehen und sich dafür zu entschuldigen, sei keine Schwäche, sondern eine Notwendigkeit: „Ich bin überzeugt, dass mangelnde Transparenz die Glaubwürdigkeit der Medien untergräbt.“ Trotz massiver populistischer Angriffe auf die Integrität seriöser Medien sei das Vertrauen einer großen Mehrheit der Bevölkerung gerade auch in die Berichterstattung von Regionalzeitungen sehr hoch, so Reinhard: „Wir müssen unseren Teil dazu beitragen, diese Glaubwürdigkeit zu bewahren.“

Quelle: http://www.mainpost.de/ueberregional/bayern/Main-Post-Wuerzburg-Preise-Tragoedien-Social-Media;art16683,9895607
© Main-Post 2018

Desinformation gefährdet Demokratie

Hans Högl – Buchrezension zur Medienforschung

Bedeuten Fake News das Ende der informierten Gesellschaft? Der renommierte Journalistik-Professor und Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl untersucht die digitale Bedrohung der Demokratie und mögliche Lösungen in seinem neuen Buch.

Das Vertrauen in die Medien ist beschädigt. Spätestens seit Pegida-Trupps auf der Straße „Lügenpresse“ skandieren, wird der Glaubwürdigkeitsverlust des Journalismus öffentlich diskutiert. Dabei verbreiten nur wenige Redaktionen absichtlich Falschinformationen.

Stephan Russ-Mohl zeigt auf, warum es sich für bestimmte Akteure lohnt, vor allem über soziale Netzwerke Falschinformationen und Konspirationstheorien zu verbreiten. Immer raffiniertere Propaganda, hochprofessionelle Public-Relations-Experten, aber auch Roboter in sozialen Netzwerken („social bots“), darüber hinaus die Algorithmen und die Echokammern von Google, Facebook etc. tragen ihren Teil dazu bei, dass die Desinformation überhandnimmt. So gibt  es vermehrt Akteure, die aus machtpolitischen Motiven an medialer Desinformation und an einer Destabilisierung unserer Demokratie interessiert sind oder die aus kommerziellen Motiven eine solche Destabilisierung in Kauf nehmen.

Russ-Mohl geht über die Risiken und Nebenwirkungen (un„sozialer“ Medien hinaus und schlägt Lösungen vor. Dessen Hauptfrage lautet, wie sich der wachsende Einfluss der „Feinde der informierten Gesellschaft“ eindämmen lässt, darunter sind Populisten, Autokraten und deren Propagandatrupps. Könnte zum Beispiel eine „Allianz für die Aufklärung“ etwas bewirken, der sich seriöse Journalisten und Wissenschaftler gemeinsam anschließen?

Stephan Russ-Mohl Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde. Warum die Digitalisierung unsere Demokratie gefährdet, Köln, Oktober 2017. 280 Seiten, mit Personenregister.

Über den Autor: Stephan Russ-Mohl ist Prof. für Journalistik (Universität Lugano, Schweiz) und leitet das European Journalism Observatory (www.ejo-online.eu). Von 1985 bis 2001 war er Publizistik-Professor an der FU Berlin. Er studierte Sozial- und Verwaltungswissenschaft an den Universitäten München, Konstanz und Princeton. Der Autor hat zeitweise in den USA (Stanford Univ.) und in Italien gelebt.

 

 

 

Anschein der Macht im Wahlkampf

Hans H ö g l

Im Buch des emeritierten  Univ. Professors, Rektors und Politikers Manfried Welan: „Ein Diener der Zweiten Republik“ finden sich zeitlose Aussagen, die nicht nur für Phasen des Wahlkampfes gelten. Ein Text auf S. 123 (Wien 2012) lautet:

Auf den höheren Ebenen ist Macht  oft nur ein Schein von Macht und lässt sich nicht lokalisieren. Die Politik des Als–ob ist oft die einzige noch mögliche. Das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern ist aktueller denn je, jedoch es fehlen zumeist die Kinder, die sagen, dass er gar nichts anhat.  Aber es kommt ja allzu oft auf den Schein an, durch den sich die Massen blenden und in der Folge auch bewegen lassen. Dann wandelt sich der Anschein von Macht zu tatsächlicher .“ 

Welan war ein halbes Jahrhundert im Dienst der 2. Republik tätig. Seine Erfahrungen mit Bürokratie, Wissenschaft und Politik werden spannend und unterhaltsam dargestellt. Dazu ein Textbeispiel zum Kapitel: Was ist Politik? „Der teilnehmende Beobachter wurde beobachtender Teilnehmer. Ich empfand mich gleichsam wie ein Dschungelbiologe im Urwald“( S. 122). Das Buch des Politikers ist kein Schnellschuss, sondern der Autor, ein liberaler ÖVP-Mann, arbeitete vier Jahre daran.

Bildungsreform u. Integration. Deutschkenntnisse in Volksschule?

Beitrag von Hans Högl  
Er lehrte Bildungs- und  Medien-Soziologie an der Pädgag. Hochschule u. Universität.

Anonym packte kürzlich eine Volksschullehrerin  in einem Ö1-Interview  über die reelle Schulsituation aus.  In einer von mir untersuchten Studie einer Wiener Volksschule haben 9 von 10 Kindern Deutsch nicht als Muttersprache . Über das Wie des Unterrichtens an dieser Schule besteht eine 30-seitige, lebensnahe  Fallstudie und  Sozialreportage. Hier:  eine aktuell gebliebene, öffentlich kaum wahrgenommene  Kurzfassung. Die Studie wurde dem Wiener Stadtschulrat als Langfassung persönlich in einer Vorsprache übergeben.   

Hinter einem Paravent verstecken sich ein paar Tische und eine Schultafel, einzelne Schulbänke fügen sich in Nischen. Auch Blumenstöcke lassen in den Hintergrund treten, dass hier auf dem Gang Stütz- bzw. BegleitlehrerInnen ihre Kleinstgruppen unterrichten. Alles wirkt gepflegt, wie eine zweite Heimat. Die Schule wurde gebaut, als es in Wien kaum Migranten gab, dann kamen sie zahllos. Und bei der Adaptierung wurden die Pläne leider nicht geändert. Darum der Unterricht auf dem Gang. Ein Junglehrer schmückt und gestaltet mit Kindern die langen Gangwände. Laut Direktorin bereiten die meisten Lehrerinnen in einem Ferienmonat ihre Schultätigkeit vor und erstellen Lernspiele.

Diese für das Bildungsministerium verfasste Fallstudie fußt auf einem Dutzend zeitversetzten Gesprächen… , die auf Tonband aufgenommen wurden. Lehrerinnen empfinden geballte Belastungen und fühlen sich allein gelassen zu werden – so von den Behörden. Aber das Kollegium steht wacker zusammen und versucht, so gut es geht, mit der Situation adäquat umzugehen.

Die Schulleiterin unterrichtete früher im gleichen Stadtteil an einer Ganztagsschule. Für das Mittagessen und die Betreuung war ein Beitrag zu entrichten – dies ist eine finanzielle Hürde für Emigranten. In einer Klasse gab es dort maximal drei, vier Migrantenkinder, Und die Art des Unterrichts war „eine ganz andere“ als hier, wo in einer Klasse auf 25 SchülerInnen ein einziges österreichischen Kind kommt.

„Lehrer anderswo wissen, dass es das gibt, aber wie man arbeiten muss, können sie sich nicht vorstellen.“ In den acht Klassen unterrichten 19 Lehrkräfte (davon 2 männliche) insgesamt 198 SchülerInnen, davon sind 185 nichtdeutscher Muttersprache, also 93 %. Bildungsreform u. Integration. Deutschkenntnisse in Volksschule? weiterlesen