Archiv der Kategorie: JÜNGSTE BEITRÄGE

Wenn sich Politiker ihre Zeitungen halten…

Politiker tendieren dazu, ihre Botschaften über den Boulevard ans Wahlvolk zu bringen. Einerseits verständlich, zumal Massenblätter hohe Reichweiten aufweisen. Andererseits jedoch demokratiepolitisch bedenklich, wenn seriöse differenzierende Medien dabei das Nachsehen haben. Problematisch besonders bei Regierungspolitikern, wenn sie sich ausschließlich Medien „halten“, die ihnen gewogen sind.

Udo Bachmair

Besonders professionell erweist sich Kanzler Sebastian Kurz, der immer wieder als „begnadeter Selbstinszenierer“ bezeichnet wird. Der österreichische Regierungschef hat sich gezielt zwei Massenzeitungen für seine Botschaften ausgesucht: Die Kronenzeitung sowie die ebenfalls Kurz-nahe Gazette „Österreich“. Der ORF und andere Qualitätsmedien müssen dann regelmäßig auf die vorgegebenen Themen „aufspringen“.

Kurioserweise hat die Problematik nun eine andere Boulevardzeitung aufgegriffen, nämlich „Heute“. Dieses Blatt sieht sich von Kurz zu kurz genommen. Chefredakteur Christian Nusser hat dazu für die Rubrik „Kopfnüsse“ folgende (leicht gekürzte) Analyse veröffentlicht, die ein Schlaglicht wirft auf das Verhältnis von Politik und (Boulevard-)Medien:

Der Kanzler wollte bis Ende August eigentlich schweigen. Gestern unterbrach der Kanzler das selbstauferlegte Schweigegelübde und lud Medien zu sich, um sich vor ihnen zu erleichtern. Er appellierte, „vorsichtig“ zu sein, warnte vor einem zweiten Lockdown, sagte, das Virus käme nunmehr „mit dem Auto nach Österreich“. Das ist ein sehr plakatives Bild, nicht ganz stimmig, denn das Virus nutzt natürlich auch andere Verkehrsmittel, Flugzeuge zum Beispiel, Ischgl besitzt darin Expertise. Der Kanzler bat für seine Verkündigung nicht alle Medien zu sich, nur ein paar Auserwählte wurden für würdig erachtet. Die Auserwählten versammelten sich im Kreiskyzimmer des Kanzleramtes vor dem blutleeren Nitsch, stellten sich mit ihren Kameras und Fotoapparaten auf oder hockten sich hin und warteten.

Der Kanzler trat aus der Tür des Hinterzimmers in den dunkel-holzgetäfelten Raum, sagte „Grüß Gott“ und noch einmal „Grüß Gott“, falls der Herrgott für einen Moment abgelenkt oder müde war, am Tag davor war schließlich Mariä Aufnahme in den Himmel und das war sicher viel Arbeit für ihn. Kurz nickte mit dem Kopf, damit die Cutter später wissen, wann sie den Vortrag schneiden müssen. Der Termin kam überraschend, für einige kam er gar nicht. „Heute“ gehörte nicht zu den Auserwählten, wurde also nicht darüber informiert, dass der Kanzler spricht, wir erfuhren erst fünf Minuten vor dem Stattfinden von dem Stattfinden, es war eine Kränkung.

In letzter Zeit passiert uns das häufiger, wir werden gern vergessen, ich weiß jetzt ein bisschen wie es dem „Falter“ geht. Ich ringe mit mir, ob es nicht auch eine Form der Auserwähltheit ist, nicht an den Thron gebeten zu werden, vielleicht muss ich das eine zeitlang beobachten und dann beurteilen, ob ich das mag oder nicht. Eine erste Analyse ergibt allerdings, dass ich es ganz und gar nicht leiden kann, wenn nach Gutdünken entschieden wird, wer zu Presseterminen zugelassen wird, in anderen Ländern spricht man da von Zensur, bei uns gern von Schlamperei. Vielleicht wird bei uns einmal aus lauter Schlamperei die Zensur eingeführt. „Hoppla“, werden sie dann sagen.

Die Informationspolitik der Regierung scheint grundsätzlich etwas in Richtung Originalität zu metamorphosen. Als wir gestern Vormittag im Bildungsministerium anriefen, wie es denn um die Herbstpläne für die Schule stünde, bekamen wir eine verblüffende Antwort. Heinz Faßmann werde sich Montag in einer Pressekonferenz dazu erklären. Allerdings werde er schon Sonntagabend in die ZiB2 gehen, um zu erklären, was er am Montag erklären will. Weil am Montag nämlich „Sommergespräche“ stattfinden, sind alle Stühle der ZiB2 besetzt, folglich keiner für den Minister frei. Deshalb verlegte Faßmann seinen Auftritt einen Tag nach vorne. Nur falls jemand glaubt, Verlautbarungen dieser Art und Güte würden sich nach dem Informationsbedürfnis der Bevölkerung richten.

Das Anerbieten, doch den Medien eventuell vorab zu verraten, was der Minister in der ZiB2 und dann am Tag darauf dem journalistischen Fußvolk sagen will, wurde abschlägig beschieden. Man müsse sich bis zur Aufzeichnung des ZiB2-Interviews gedulden. Wir werden uns in der Redaktion in Hinkunft also mehr Fernseher anschaffen und die Ministersekretäre können uns dann zurufen, welche Sendungen wir uns anschauen sollen, damit wir in die Zeitungen schreiben können, was die Ministerriege den Bewegtbildkollegen verraten hat. Das ist noch nicht ganz Weißrussland und auch nicht Ungarn, aber die Richtung stimmt. Gab es den Satz schon oder ist der jetzt von mir?

Lob für Libanon-Sendung „Punkt Eins“ in Ö1

Heute gab es ein exzellentes Beispiel dafür, was qualitativer Journalismus leisten kann. Und zwar in der Sendung „Punkt. Eins“ im Programm Ö 1

Hans H ö g l

Der Titel des Beitrages: Im Libanon gibt es keine Normalität“. Gast: Monika Halkort, Sozialwissenschaftlerin an der Libanesisch-Amerikanischen Universität in Beirut. Moderation: Johann Kneihs

Alleine die Wahl der Expertin verdient Anerkennung. Sie lebt seit vielen Jahren in Beirut und schildert den Alltag der Menschen. Es gab schon vor einiger Zeit große Proteste. Ja- selbstverständlich ist es gut, wenn geholfen wird, meint die Expertin. Aber im Libanon muss sich Fundamentales ändern. Und so schnell geht das mit Neuwahlen auch nicht. Die Probleme sind viel grundlegender, als wir vermuten. Und gut gemeinte Handlungstipps von Außen gehen fehl. Hier kann auf inhaltlich Einzelnes nicht Bezug genommen werden. Wir erfuhren eine Situationsschilderung, die in üblichen Nachrichten fehlt. Das lässt sich nicht in fünf Minuten ausdrücken. Die Sendung dauerte fast eine Stunde. Der grundsätzliche Fehler der raschen Deutungen besteht darin, dass ein orientalisch funktionierender Staat mit westlichen Begriffen interpretiert wird.

Vor einigen Wochen erlebte ich eine Überraschung: Es war knapp vor 13 Uhr. Ich war in einem Café in Bad Aussee. Da sagt eine Frau zur Nachbarin: „Ich muss heim. Die Sendung Punkt Eins ist jeden Tag so interessant!“. Diese Bewertung ist oft zutreffend.

Eine Rückblende auf einen früheren Beitrag auf unserem Blog. Ich verglich Journalismus mit dem Nachtwächterdienst anno dazumal. Nachtwächter warnten, wenn es einen Brand gab oder akute Gefahren. In diesem Sinne ist Journalismus heute oft zu spät dran, wenn längst Krisen und Eiterbeulen ausbrechen – so im Libanon, ausgelöst durch eine gigantische Explosion. Und dann kommt es zu einer medialen Sturzflut von Berichten wie über den Libanon. Und so viele Medienleute hätten schon längst um die Probleme des Landes gewusst..

Frankreich: Grüne Bürgermeister in Großstädten

Frankreichbild-eine Korrektur.

Hans Högl

Dass acht französische Großstädte nun grüne Bürgermeister haben, ist doch überraschend. 2014 war nur in Grenoble ein Grüner Bürgermeister. Nun: 2020 stellen die Grünen in Frankreich in acht Großstädten mit über 100.000 Einwohnern bereits den Bürgermeister. Dies sind folgende Städte: Marseille, Lyon, Tours, Bordeaux, Straßburg, Grenoble, Besancone, Annecy. In Paris ist eine Sozialistin Bürgermeisterin.(Darüber gab es heute in der Frankfurter Allgemeinen eine Reportage).

Globale Themen als Kurz-Infos. Medientipp

Wie finden Interessierte verlässliche Kurz-Infos über globale Themen – und nicht nur dann, wenn ein Konflikt ausbricht (vgl. Libanon)

Hans Högl

Der deutsch-französische Kultursender ARTE bringt die je 10-minütige exzellente Kurzsendung „OFFENE GRENZEN„. Einige Themen als Beispiele:

Chinas Machtinteressen im Westpazifik/ Japan-Rückkehr ins Zentrum?/ Geopolitik im Cyberspace/ Künstliche Intelligenz als neues Machtinstrument?/ Singapur- Modellstaat?/ Kann Großbritannien auf den Commonwealth setzten?/ Ernährung: Globalisierung auf unseren Tellern/ Wer beherrscht den Weltraum?/ Migration in Afrika/Epidemien im Laufe der Geschichte…..

Wer diese Sendungen programmiert, verfügt über gute Übersichten.

Bankverbrecher läuft frei herum

Beachtlicher Leserbrief im Massenblatt die „Krone“

Hans Högl

Wenn eine Zeitung in Österreich von Intellektuellen verachtet wird, dann ist es das Massenblatt „Die Krone“. Sie erreichte früher über 40 % des österr. Publikums, heute sind es um die 30 %. Wie auch immer dieses Blatt generell zu evaluieren ist, so ist die Frage eines Leserbriefschreibers legitim. Er kritisiert, dass derjenige, der den Bankenskandal im Burgenland im Wesentlichen verursacht hat, freien Fußes ist, wo doch viele Menschen und Gemeinden Geld verloren haben oder sich darum sorgen mussten.

Text des Leserbriefes mit dem Titel „Gleichheit“.

„Es fragt verblüfft das Publikum, warum läuft jener frei herum, der alle Welt brutal belogen, die vielen Sparer frech betrogen. Ein Hendeldieb (Hühnerdieb), den man gefasst er landet kurzerhand im Knast (Gefängnis). Wobei wir bei der Frage wären, kann diesen Vorgang wer erklären? Ach so, ein Typ ist prominent! Ein Hoch der Gleichheit, die man kennt. Willibald Zach, Krems.“

Medien als Nachtwächter. Libanon als Exempel

Hans Högl

Nachtwächter hatten die Aufgabe, auf direkt gefährliche Situationen hinzuweisen und die Menschen in der Stadt zu schützen.

Können wir die Aufgabe der Nachtwächter nicht im gewissen Sinn mit unseren Massenmedien vergleichen?
Nun überstürzen sie sich und wissen soviel über die Misswirtschaft und Korruption im Libanon. So Vieles schreiben und zeigen sie, was sich längst an internen Problemen angebahnt hatte. Jetzt sind sie präsent, da es die furchtbare Explosion gab. Nun bringen sie die Proteste und malen uns aus, was da alles schon in der Regierung schiefgelaufen ist. Warum immer erst dann, wenn es brennt und wenn etwas explodiert? Es geht auch um uns Zuschauer und Medienkonsumenten. Wenn es kracht, dann interessiert es uns.

I-Phone als Evangelium

Hans Högl

Beobachtung an einem Badetag am Ödensee zwischen Bad Aussee und Bad Mitterndorf in der Obersteiermark. Der Ödensee ist ein Geheimtipp – von Wald umgeben, und in der Regel ist das Wasser etwas kühler als zum Beispiel im Grundlsee.

Ich flaniere einen Gehweg den See entlang und sehe vier Leute unten am Wasser sitzen. Drei von vier nützen gerade ihr Mobilphone und suchen darin. Was denn wohl? Die Wettervoraussage, SMS, E-Mails, Kurzinfos und eine Frau gefällt sich immer wieder im Selfie. Für diese Allpräsenz von Handys fällt mir ein Vergleich aus längst vergangenen Zeiten ein, als man Bibelstellen aufschlug, um eine Botschaft zu empfangen. Die eben erlebte Situation lässt sich beliebig vervielfachen. Vor Jahrhunderten war es das Evangelium, das man andächtig las. Lang ist’s her.

Einfluss kleinerer Staaten in der EU

Ein Leser in der Krone schrieb: Die kleineren Staaten in der EU hätten nichts zu sagen. Es gibt Personen, die in ihren bisherigen Vorstellungen verhaftet bleiben.

Hans Högl greift dazu anderslautende Kommentare zur EU-Vereinbarung auf:

Dieses Spitzentreffen in der EU zeigt, dass die Zeiten der deutsch-französischen Führungsrolle vorbei sind. Merkel und Macron haben ihren Vorstoß von 500 Milliarden Direkthilfe nicht mit anderen Regierungen abgesprochen. Das fiel ihnen nun auf die Füße. In der Gemeinschaft ist ein anderes Machtzentrum aus den Niederlanden, Dänemark, Schweden, Finnland und Österreich entstanden, schreiben die Nürnberger Nachrichten und ähnlich formulierte es die Kleine Zeitung (Graz). 21.07.2020. Die Neue Zürcher sieht es so:letztlich habe sich doch Macron zu einem Gutteil durchgesetzt, der seit Jahren sich bemüht, dass die Lasten auf die gesamte EU verteilt werden.

Erlebnis der Vielfalt des Donauraumes

Existieren in Medien Staaten an der Donau – wie Bulgarien- nur dann, wenn es politischen Protest gibt? Die „Donau“-Ausstellung in der Schallaburg zeigt Wirtschaftliches, Kulturelles und Ökologisches, das wenig bekannt ist.

Hans Högl

Seit einer Woche existiert in den Medien sogar Bulgarien. Nun – da es Proteste gibt -über eine längst gegebene Unzufriedenheit. Bis vor Kurzen gab es kein Interesse an Berichten über Bulgarien und Rumänien. Das ist eigene Erfahrung.

Die Ausstellung „Donau. Menschen, Schätze & Kulturen“ in der Schallaburg bei Melk lenkt den Blick auf diesen großen Strom und auf zehn Anrainer-Länder mit sieben Sprachen. Wer weiß, dass auch die Ukraine und Moldawien Anteil an der Donau haben? Die Reise führt vom Donaudelta beginnend in zehn Ausstellungsetappen bis in die Wachau. Das wissenschaftliche Konzept stammt vom Byzantinisten Dominik Heher.

Über das Eiserne Tor hatte schon der römische Kaiser Trajan eine imposante Brücke bauen lassen. Heute ist dieses Nadelöhr entschärft durch ein E-Werk, und so können Fische vom Schwarzen Meer nicht mehr donauaufwärts schwimmen. Die bulgarischen Stadt Ruse bzw. Russe wird ausführlich dargestellt. Aus Ruse stammt Elias Canetti. Ein Bulgare war auch der „Verhüllungs“-Künstler Christo.

Am serbischen Donauufer wurden jungsteinzeitliche Funde von der Vinca-Kultur geortet. Vor mehr als 7.000 Jahren lebten hier Menschen, und die antike Kultur aus dem Orient gelangte donauaufwärts nach Westeuropa. Vertieft werden die geopolitischen Konflikte zwischen den Habsburgern und den Osmanen vom 16.-18. Jahrhundert.- Die Wasserstraße der Donau ist auch Quelle für Freizeit und Lebensraum für Tiere und Pflanzen.

Ich besuchte die Ausstellung vergangenen Donnerstag. Ein Bekannter warnte mich vor einem Massenandrang. Dem war nicht so. Die Ausstellung ist gut besucht, aber ich war mit nicht mehr als 3-5 Personen gleichzeitig in einem Raum.

Gibt es das- „Der Spiegel“ mit Positivnachrichten?

Hans Högl. Buchrezension

Auf allen Kanälen erreichen uns Bilder und Nachrichten aus einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint. Diverse Medien umstellen die Öffentlichkeit fast lückenlos mit schlechten Nachrichten. Kein Wunder, dass die Menschen Angst vor der Zukunft haben.

Aber diese Perspektive offenbart nur einen Teil der Wirklichkeit. Sie beschränkt sich darauf, was schief geht. Und das sehr kritische Magazin „Der Spiegel“ fragt: Wie war das vor zehn, vor 50 Jahren?

Und so handelt das SPIEGEL-BUCH „Früher war alles schlechter“ von langfristigen Fortschritten der Menschen und stellt dies in kurzen Texten und illustrativen Graphiken dar.

Die im Buch erörterten Themen, in denen sich die Welt verbesserte, sind z.B.: Meerwasserentsalzung, Sauberes Wasser weltweit und sanitäre Anlagen, Müttersterblichkeit, Wohlstand in China, Schusswaffenkriminalität, Zugang zu Elektrizität, Jugend und Alkohol. Insgesamt werden in einem Band 63 Themen erörtert. Es lohnt sich, das Buch zu lesen.