Sigmund Freud hat den Zusammenhang von „Über-Ich“ und Tabu erkannt. Demnach besteht bzgl. der Haltung zu Israel bei vielen a priori eine „Stimmung“, eine Voreinstellung. So wagt in Medien und Politik Österreichs und Deutschlands niemand, den Aggressor Israel als Aggressor zu bezeichnen. Der Satz „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ stammt von Theodor W. Adorno, 1949. „Und nach Gaza?“ fragt der Gastautor der folgenden Zeilen:
Michael Pand *
Ein namhafter deutscher Humanist (kein Humorist) schrieb mir im August:
„Lieber Michael Pand, der globalen Schrecknisse sind zu viele, als dass man alle mit gleicher Empathie und Empörung erfassen kann. Wir sind, ob wir wollen oder nicht, gnadenlos selektiv, jeder, von seinem Ort. Von diesem selektiven Hintergrund her gefragt: was zum Teufel habe ich mit den Palästinensern zu schaffen, einem Volk, dass sich eine Mörderbande zur Führung gewählt hat und das auch noch „Befreiungsbewegung“ nennt, ein Volk, das seit 1948 keine sich immer wieder bietende Gelegenheit ergriffen hat, um einen eigenen Staat, wie auch immer, zu schaffen, stattdessen auf Vernichtung Israels setzte und immer noch setzt. Ein Volk, das nichts zustande gebracht hat als sich zu vermehren und den überzähligen jungen Männer (Gunnar Heinsohn) Mord und Terror als Beschäftigung anbot. Nein, mit diesem Volk habe ich nichts zu schaffen. Viel mehr zu schaffen habe ich allerdings auf dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte mit Israel und den Juden, was nicht erklärt werden muss. Gottlob, dass sie die Atomwaffe haben, das ist bei Lage der Dinge letztlich wohl doch ihre eigentliche Lebensversicherung. Dass man den jüdischen Religionsfaschisten im Westjordanland das Handwerk legen müsste, ist auch klar, aber wer soll es machen? Letztlich müssen es israelische Kräfte sein, die das besorgen. Druck wäre aber hilfreich. Freundliche Grüße aus Badenweiler im Markgräfler Land, Rüdiger Safranski.“
Prof. Dr. Safranski, 80 Jahre alt, ist ein sehr bekannter Essayist, auch Nietzsche-, Hölderlinforscher und erhielt insgesamt 21 Auszeichnungen, darunter den Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten für sein Lebenswerk. Hingegen der Verfasser dieser Zeilen, 70 Jahre, Schauspieler und Dokumentarfilmer, erhielt noch nie einen Preis oder Auszeichnung wenn man von einer Urkunde „Lebensretter“ für 50 Mal Blutspenden, inkl. Anstecknadel, erhalten vom Roten Kreuz Wien, absieht. „Blutspenden“ wäre das Stichwort welches mich zur Replik an Herrn Safranski und weiter bis nach Gaza überleitet.
Bei den Wiener Vorlesungen von Prof. Sloterdijk, -Safranski ist auch ein guter Freund des dt. Philosophen-, wurden wir Studierenden jahrelang zu „Ohren-Zeugen mit Verzückungsspitzen“. Als das „Elefantenweibchen“ namens Sloterdijk (Elefantenweibchen bringen immer nur Großes hervor) einer sehr heterogenen Zuhörergemeinde am Schillerplatz die großen Kulturelefanten Freud und Lacan, das „Über-Ich“, „Totem und Tabu“ de-konstruktivistisch, elegant-ironisch, als Vortragender vermittelte, konnten wir Sternstunden einer nicht-banalen, sinnvollen Rede als Ereignis in der Lebensmitte spüren. Es sollte daher, Maturaniveau vorausgesetzt, nicht verwundern, dass diese „Nachkriegsgeneration“, zu der Prof. Safranski (geb. 1945) gehört, in Deutschland genauso wie in Österreich, den Staat Israel zu ihrem persönlichen „Über-ich“ festlegte, – aus rein kulturell und selbstbestimmten, humanistischen Gründen. Ist diese individualistisch-psychische Operation im Gehirn und mit Bewusstsein einmal vollzogen, emergiert alle weitere Semantik, das Urteilsvermögen, Präferenzen, Protentionen (Erwartung des Kommenden) wie von selbst. Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse aber auch einflussreicher Kulturtheoretiker machte die Mütter (!) sogar für den Autismus und die Neurosen ihrer Kinder verantwortlich. Safranski, 100 Jahre später, sieht sich historisch- kausal in „ Leihmütterlicher Verantwortung“ zu jenem auf Schreibtischen, in UN-Konferenzen gezeugten, autistischen Staatskind namens Israel,– mitten im Lande Palästina. Wo aber sonst kann sich große, uneingeschränkte, ewige Mutterliebe zu einem scheinbar ewigen Problemkind besser bewähren als beim Mutterschutz zum UN-Vorwurf Genozid? Doch war es Sloterdijk dem bei einer Hegel-Vorlesung der knappste Kommentar zur Geschichtsphilosophie gelang : „Geschichte ist ein Luder!“
Einer der Vorzüge das gesetzliche Pensionsalter zu erleben besteht in dem Umstand, auf die eigenen Bilder der Lebensgeschichte retrospektiv schauen zu können wie auf abgelegte Kleidungsstücke, die zur Kleidersammlung geschickt werden. In den 70iger Jahren, als wir Overland nach Indien reisten, war der Schah von Persien unser erklärtes Feindbild: eine Marionette des amerik. Imperialismus. Junge, eifrige Bürschchen, die zeitgemäß gegen den Vietnamkrieg, gegen den Schah und eo ipso als revolutionär „Links“ auftraten, engagierten sich bei den Maoisten ( z.B. Raimund Löw, ebenso Bandmitglieder der „Schmetterlinge“ reisten bis nach China). Der junge Rüdiger Safranski, jetzt emeritiert, gehörte damals zu den Gründungsmitgliedern der deutschen. maoistisch orientierten kommunistischen Partei. Ich selbst, damals keine 20 Jahre alt, höre mich noch heute „Amis raus aus Vietnam, Laos und Kambodscha“ auf der Mariahilferstraße skandieren. Doch wenn man nochmals 20 Jahre später im Foltergefängnis der Khmer Rouge in Phnom Penh steht, jetzt ein Museum, und die Fotos der 15.000 mit Elektroschocks zu Tode Gefolterten, die mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera starren, mit eigenen Augen sieht, hört man eine Zweitstimme aus dem Inneren, die seit jeher als „Gewissen“ bekannt ist. Sie spricht (Sanskrit) : „Tat tvam asi“ Das bist du! (In mentaler Funktion wäre die aus dem Hinduismus stammende Formel unserem „Niemals Vergessen! zumindest ähnlich).
Bilder,- für sich selbst leer und neutral wie alle Dinge-, können als Zeichen inkarnieren, zumindest im weiten Land der Seele. Ihre spezifische Bedeutung wird erst in einer weiteren Bewusstseinsoperation später hinzu gefügt. Niemand konnte um 1975 wissen, was nach der gewünschten Niederlage der US-Armee, nach dem Abzug der Streitkräfte im neutralen Kambodscha passieren wird. Ebenso konnten die persischen Studenten, die in westlichen Unis studierten, nicht einmal ein Michel Foucault, absolut niemand ahnte oder wollte sich vorstellen in den 70iger Jahren was auf den Sturz des Schah im damals kulturell amerikanisierten Iran folgt. Der schiitische „Gottesstaat“, das Heilige von Gott versprochene Land, vielleicht eine Familienähnlichkeit ? „Geschichte ist ein Luder“, s.o.
Israel weiß genau warum es besser für sein Kriegsziel- die Vertreibung möglichst vieler Palästinenser- ist, möglichst keine internationalen Journalisten (Bildermacher) in Gaza arbeiten zu lassen. Auch der Vietnamkrieg, man weiß es postscriptum, wurde nicht von den weltweit protestierenden Studenten gestoppt, vielmehr durch die in Amerika ermüdend, jahrelang ausgestrahlten Kriegs- TV-Bilder in Nachrichtensendungen. Der vietnamesische Mönch Tich Quang Duc, der sich bereits 1963 in Saigon mit Benzin übergoss und sich selbst verbrannte, bewirkte damals gar nichts. Auch Jan Palach, der dasselbe in Prag 1968 wiederholte, konnte die russischen Panzer, die Niederschlagung des „Prager Frühling“ nicht aufhalten. Beide „Märtyrer“ ließen jedoch keine Zweifel über den Aggressor zurück.
Was könnte der Krieg Russlands in der Ukraine mit dem „Nahostkonflikt“ in einem medialen common sense gemeinsam haben? Eine „nur- historische, territoriale Sichtweise (Ukraine gehörte historisch fast immer zu Russland, Palästina ist das Land der Palästinenser) greift in einer Zeit wo die Welt aufgrund medialer Total- Vernetzung bereits zur Weltbühne geworden ist, viel zu kurz.
„Denn die einen sind im Dunkeln. Und die andern sind im Licht. Und man siehet die im Lichte Die im Dunkeln sieht man nicht (Bert Brecht). Weil das Wesentliche also für das Auge unsichtbar, ebenso die Welt im Ganzen unbeobachtbar bleibt (Luhmann) folgt im transzendentalen Sinne : Lang lebe Arafat !
* Gastautor Michael Pand ist Autor, Schauspieler und Dokufilmer. Er lebt in Hainburg in Niederösterreich.
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Lieber Michael Pand, Ja, ich glaube auch, dass „nur-historische, territoriale Sichtweisen in einer Zeit wo die Welt aufgrund medialer Total- Vernetzung bereits zur Weltbühne geworden ist, viel zu kurz greift“. Wenn ich mich recht erinnere, hat Sloterdijk einmal das so auf den Punkt gebracht: Es gibt immer mehr „bunte Hunde“, die kreuz und quer über die Welt laufen. Wie das in der Zukunft ausgehen wird, wer kann’s wissen. Auch hat er im Sinne Oswald Spenglers profunder Ironie gerne darauf hingewiesen, dass es immer die ausgeglühten Kulturen seien, in denen Erscheinungen wie caesarischer Zentralismus, Militarismus, Soldatenkaisertum und hohle Vergöttlichung zufälliger Machthaber zur Vorherrschaft gelangt sind. Tja, und ich hab‘ immer öfter das Gefühl als wäre ich irre, um mit Roger Waters zu sprechen „there’s someone in my head but it’s not me“ (Pink Floyd!)
Als ich den Artikel von Michael Pand las, erfasste mich ein gewisses Unbehagen.
Nicht wegen seines Eintretens für die Palästinenser (das im Übrigen erst am Schluss des Artikels mit einem sehr vereinfachenden Slogan formuliert wird). Sondern weil er von Hundertsten ins Tausendste geht und Dinge vermischt, die nicht ganz zueinander passen. Vietnamkrieg, Rote Khmer, Schah und das iranische Mullahregime, Dazu auch noch Bedauern, sich gegen den Vietnamkrieg engagiert zu haben – das hat mit dem Gazakrieg wenig zu tun. Im Übrigen wären die Roten Khmer wohl kaum an die Macht gekommen, wenn man nicht Sihanouk gestürzt und dort ein US-amerikanisches Marionettenregime unter Lon Nol installiert hätte.
Aber zurück zu Israel und dem Gazakrieg. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Gründung Israels und der daraus resultierende Konflikt zwischen Juden und Palästinensern eine Folge des Holocaust sind. Und des ihm vorausgehenden Deutschnationalismus und rassistischem Antisemitismus, auf den Herzl mit seiner Idee des Judenstaates reagierte. An dem, was im Gazakrieg passiert und überhaupt an der Situation der Palästinenser sind unsere Vorfahren mit schuld. Ohne Holocaust kein Nahostkonflikt. Es steht uns in Österreich und in Deutschland daher nicht zu, den Zeigefinger zu erheben. Sehr wohl aber müssen wir uns für eine Lösung des Konflikts und gegen Kriegsverbrechen einsetzen. Immer aber in dem Bewusstsein, dass wir nicht neutrale Beobachter oder gar Richter sein können. Insbesondere dann, wenn in Sachen Vergangenheitsbewältigung noch immer einiges zu tun bleibt.
Nur aus diesem Blickwinkel heraus lassen sich moralische Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit vermeiden. Und ist ein glaubwürdiger, auch für die Israelis und vielleicht auch für Leute wie Netanjahu akzeptabler Einsatz für eine Zweitstaatenlösung und die Beendigung von Terror und Kriegsgräueln möglich. Sonst hört uns nämlich niemand zu.
Was Freud betrifft: Für viel wesentlicher als seine Theorien zu Mutternbeziehung und Sexualität halte ich sein Streben nach Selbsterkenntnis. Und seine Ansichten zur nie ganz bewältigbaren Aggression. Die sind nämlich zeitlos.
Abgesehen davon, dass ich Wolfgang Kopplers generelles Unbehagen über den Gastbeitrag von Michael Pand teile, halte ich Ihre „Vergangenheitsbewältigung“ bezüglich Maoismus für etwas eigenartig, zumal sie mit Gaza überhaupt nichts zu tun hat. Aber nicht einmal die Fakten stimmen: Sie behaupten fälschlicherweise, dass der langjährige ORF-Redakteur Raimund Löw sich bei den Maoisten engagiert habe. In Wirklichkeit war Raimund Löw ein führendes Mitglied der GRM (Gruppe Revolutionärer Marxisten), also der damaligen Universitätsorganisation der Trotzkisten (IV. Internationale), die in scharfem ideologischen Gegensatz zu den Maoisten (KB, MLS etc.) standen!