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Kontra geben! Diskussionskultur? Lob des Mittelalters?!

Hans H ö gl

Die im 12. Jahrhundert aufkommenden Universitäten erforderten, wie der Soziologe
Walter Rüegg schreibt, „die Anerkennung der wissenschaftlicher Leistungen Andersdenkender, Andersgläubiger, gesellschaftlich Tiefstehender und die Bereitschaft, die eigenen Irrtümer durch überzeugende Erkenntnisse welcher Herkunft auch immer korrigieren zu lassen“. Das führte geradezu zu einer Explosion an äußerst geistreichen und höchst kontroversiellen Diskussionen an den neuen Universitäten (wie z.B. in Paris).

Entgegen der allzu lange herrschenden Meinung betont selbst der Atheist Georges Minois ausdrücklich: Im Mittelalter vertraten Intellektuelle extreme Positionen mit argumentativer Brillanz und diese wurden mit ebenso argumentativer Brillanz widerlegt. Die Disputationskultur war vorbildlich. Allerdings gab es dabei auch „Fouls“, was der Autor Manfred Lütz im Buch, dem Bestseller „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“, erschienen im Herder Verlag, im Einzelnen darstellt.

Besonders beeindruckt haben mich folgende Aussagen :

„Bevor man eine Position kritisieren durfte, musste man sie erst auf eine so überzeugende Weise selbst darstellen, dass der andere sich in dieser Darstellung auch wiederfand. Und dann erst kam der intellektuelle Gegenangriff.“(p. 94).

Diese Praxis gibt es heute kaum. Man ist schon dagegen, bevor man zugehört hat. Dies ist üblich in politischen Diskussionen, ja ist geradezu ein Habitus, aber auch im Alltag und nicht zuletzt auch in der Medienbranche.

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Wie ich Paris kürzlich erlebte

Hans H ö g l

„Wer fährt denn jetzt nach Paris!“ – eine Warnung an mich – wo sich Grauslichstes ereignete. Ich aber hoffte auf leere Museen und wollte vor den sechs Tagen in Paris endlich die Kathedrale von Chartres kennen lernen. In Paris angekommen, fuhr ich per Metro zur Gare Montparnasse und dann per Bahn in das anmutige, winkelige Städtchen Chartres. Mit einstündiger Bahnfahrt durchquere ich fruchtbares Land,   eine Kornkammer um Paris. Über das wunderbare Blau in den Glasfenstern der ehrwürdigen, frühgotischen Kathedrale werde ich mich nicht länger ausbreiten, wohl aber vom nächtlich-grandiosen Zauber des Farbenspiels an der Stirnseite des Domes. Dies Wunder an Bauwerk   mit zwei unterschiedlichen Türmen an der Vorderseite planten die Revolutionäre von 1789 zu zerstören. Sie diskutieren jahrelang über das Wie, bis sich die Revolution erschöpfte. Ein Glück für die Nachfahren. Prägte nicht die revolutionäre Madame Roland, bevor sie am Schafott starb, das berühmte Wort: „Freiheit welche Verbrechen werden in deinem Namen begangen.“

Kurzmeldungen mit dem einseitigen Blick auf blutige Brennpunkte verbreiten in uns ein diffuses Gefühl allgegenwärtiger Gefahr. Die telefonische Frage meiner Frau: „Bist Du auf die Demos in Paris gestoßen?!“ Nichts davon. In dieser riesigen Metropole ereignet sich Vieles beiläufig. Die Polizei ist zwar da und dort präsent. Taschen werden selbst beim Eingang vor kleinen Museen kontrolliert. Nicht einmal die Uni-Nanterre kann ich betreten. Wie es der Exekutive gelang, die Massen vor den Fußballstadien zu kontrollieren, ist erstaunlich. Kein Lobeswort davon in Medien.

Das Leben in Paris nimmt seinen gewöhnlichen Verlauf, angeregtes Plaudern vor Bistros, keine Spur von Angst. Und am frühen Morgen nähern sich Autokolonnen den Arbeitsplätzen. Und der Beobachter entdeckt das angestrengte, gehetzte Alltagsgesicht. Paris ist vielgesichtig, Frauen zelebrieren ihre Individualität in der Bekleidung. Paris ist Ort der Skandale wie damals 1896, wo erstmals in der „Roten Mühle“ (Moulin Rouge) eine gänzlich unbekleidete Dame auf der Bühne erschien. Und kürzlich zeigte ausgerechnet das Weltblatt „Le Monde“ bildhaft die längste Manneszier. Ein Futter für Medien und deren Nutzer.

Ich suche den Ort der Demos am riesigen Place de la République auf. Bisher sammelte sich der Massenprotest zu Füßen der hoch aufragenden Statue der Revolutionsbraut- Marianne. Es waren in den Nächten Zig-tausende. Ein Herr in Sakko und Krawatte, ein Prof erklärte mir   in einer temperamentvollen Tirade den Anlass für die Demo: Er sieht sie im Arbeitsgesetz. Sie hebt die branchenweit geltenden Arbeitsregeln auf und ersetzt sie mit betrieblichen Einzelvereinbarungen. „Das macht die Leute arm“.

Die großen Massen sind nicht mehr präsent. Schmierereien am Sockel der Statue, papiernere Blumensträuße erinnern an die Opfer von Charlie Hebdo. Den Protestlern fehlt es an Organisation. Diffuse Unzufriedenheit trieb sie vor Wochen auf die Plätze, vor allem junge Leute. Davon blieb ein Vielerlei an Grüppchen übrig, die lose zerstreut miteinander reden. Drei Männer mit nordafrikanischem Gehabe suchen mit Lautsprechern die Aufmerksamkeit. Vergeblich. Niemand beachtet sie. Es ist wie bei unseren NGOs: Jede folgt nur Eigeninteressen. Es ist eine Art Gruppen -„Tanz um das goldene Selbst“ (Kurt Remele).

Ich war in Paris in erster Linie ein Reisender. Paris bietet Neuland: Einer Kollegin danke ich für den Tipp: das Musée des Arts-Premiers- Quai Branly. Hier in der Nähe des Eiffelturms findet der ethnologisch Interessierte faszinierende Einblicke in die Alltags- und mystische Welt der Menschen auf den pazifischen Inseln, er begegnet indigener Kunst aus Australien und Neuguinea und anderen Regionen. Die Zahl der Besucher ist bescheiden. Das Museum verdiente mehr Aufmerksamkeit – ebenso wie La Musée de l` Homme. Dies zeigt anschaulich die menschliche Evolution bis hin zur „Mondialisation“.