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Rechtstrends in Europa verstehen?

Hans H ö g l. Buchrezension

Die Welt steht im Katastrophenmodus und scheint aus den Fugen oder ist es. Jeder Vierte in der EU stimmte 2019 für Rechtsparteien. Das traf für die Wahl zum Europäischen Parlament zu – ein Trend, der Besorgnis erweckte und an autoritäre Regime in den 30-igern erinnerte. Ähnliches ging vor: in den Niederlanden, Österreich, Großbritannien, der Schweiz und sogar im sehr liberalen Dänemark. War dies primär ein Werk der Populisten, die zur Xenophobie schürten?

Das Buch „Das Gären im Volks Bauch“ von Walter Hollstein bringt unerwartete Deutungen. Es geht darum, wie die „kleinen Leute“ denken, warum sie Unbehagen erfasst. Das wird Widerspruch erwecken oder Rezipienten „vom Sockel“- reißen. Der Autor ist gebürtiger Schweizer, war Professor der Soziologie in Berlin. Er führte hunderte Gespräche in öffentlichen Verkehrsmitteln, Gaststuben, auf Parkbänken, im Café und nahm Tageszeitungen und Tweets zur Kenntnis.

Kennzeichnend für den liberalen Zeitgeist sind: Globalisierung, offene Grenzen, Kosmopolitismus, Multikulturalismus, unfixierte Beziehungen. Gilt es die AfD auszugrenzen, wird erwogen. Für metropolitane Menschen ist die Homoehe das NonPlusUltra. Was dazu die Hausfrau in Cornwall oder der schottische Bauer denkt, ist nicht von Interesse.

Der spezifische Ansatz von Walter Hollstein:Hollstein sieht, dass es in der AfD, der britischen UKIP und der Schweizer Volkspartei (SVP) sicher Rechtsextreme gibt, aber auch Konservative und Bürgerliche (p. 160). Und als ein Taxifahrer zu ihm sagte, es brauche wieder einen Hitler, verließ Hollstein das Taxi. Nun wie deutet Hollstein den Rechtsruck? Sein Horizont ist weiter als die bundesdeutsche Sicht.
Er fragt, ob es nicht sinnvoller sei, zuerst zu versuchen, diese Menschen einmal vorsichtig verstehen zu wollen, sich in ihre Binnensicht zu begeben, anstelle von Außen rasch ein Urteil zu treffen.

Er diagnostiziert ein Unbehagen an der offenen Gesellschaft, Verunsicherung und Ängste um den Arbeitsplatz, den Status und Furcht vor Überfremdung. Viele Menschen wissen nicht mehr ein und aus, worauf Verlass ist, was als Norm gilt. Männer sind durch die Überbetonung der Frau verunsichert. Dieses Kapitel ist besonders aussagekräftig.

Die Komplexität der Gesellschaft überfordert sie. Es sind Menschen, die mit den Entwicklungen der Welt nicht zu Rande kommen. Sie suchen Halt in der Nachbarschaft, in Traditionen.Einem Teil der Deutschen gilt die AfD als Garant des Bisherigen oder Verlorenen. (Ost) Deutsche sehen dies anders als Briten, Niederländer oder Schweizer. Diese Länder hat Hollstein besonders im Blick. Auch die Menge an kriminellen Vorfällen ist verunsichernd: doch es fehlt die fehlt die Korrektur, wie sie Hans Rohling im Buch „Factfulness“ formuliert.

Im Kern ist für den Autor die erstarkte Rechte ein Gegentrend versus globaler Moderne. Das meint Globalisierung, Einwanderung und marktradikale Entfesselung der Ökonomie. Und so sind rechte Gruppen für Menschen „Kompensationsverbände“, die ihnen ein Stück Orientierung, ein Zugehörigkeitsgefühl und eine gewisse Identität vermitteln. Österreich kommt wenig in den Blick. Selbst den Nachbarländern entging, dass Österreich primäres Einfallstor für die Armen aus Osteuropa ist und dass die große Koalition über Jahrzehnte alles bestimmend war und dagegen das dritte Lager (FPÖ) heftig opponierte. Verdienstvoll ist es, dass Walter Hollstein die neutralistische Fachsprache aufbricht und mutig seine persönliche Sicht darlegt.

Walter Hollstein (2020): Das Gären im Volks Bauch. Warum die Rechte immer stärker wird. NZZ Libro.

NB. Hollstein nimmt, wie mir scheint, weniger auf den Einfluss der bekannten Populisten und Anführer der Rechtsgruppierungen Bezug. Ich meinerseits würde deren Rolle so interpretieren: Diese „Populisten“ sind in einem figurativen, übertragenen Sinn „Katalysatoren“, die vorhandene soziale Reaktionen zum Ausdruck bringen, beeinflussen, auch manipulieren und beschleunigen.

Globale Themen als Kurz-Infos. Medientipp

Wie finden Interessierte verlässliche Kurz-Infos über globale Themen – und nicht nur dann, wenn ein Konflikt ausbricht (vgl. Libanon)

Hans Högl

Der deutsch-französische Kultursender ARTE bringt die je 10-minütige exzellente Kurzsendung „OFFENE GRENZEN„. Einige Themen als Beispiele:

Chinas Machtinteressen im Westpazifik/ Japan-Rückkehr ins Zentrum?/ Geopolitik im Cyberspace/ Künstliche Intelligenz als neues Machtinstrument?/ Singapur- Modellstaat?/ Kann Großbritannien auf den Commonwealth setzten?/ Ernährung: Globalisierung auf unseren Tellern/ Wer beherrscht den Weltraum?/ Migration in Afrika/Epidemien im Laufe der Geschichte…..

Wer diese Sendungen programmiert, verfügt über gute Übersichten.

Warnung vor Übertreibung bei Globalisierung

Kevin O`Rourke,  Prof. Univ.Oxford

Hier fasse ich zentrale die Passagen eines  außergewöhnlichen Interviews  dieses  irischen Prof. für Wirtschaftsgeschichte zusammen (Hans Högl).

Frage: Wie erklären Sie den Unmut der Wähler für die globale wirtschaftliche Integration? Beispiele sind der Brexit-Entscheid  und die Wahl von Trump: „Es wäre sonderbar, wenn wir den Unmut nicht hätten.So stagnieren in den USA die Löhne der Mittelklasse seit bald vier Jahrzehnten, während die wirtschaftliche Ungleichheit wächst.“ Diese Entwicklung  kann durch die Öffnung der Schwellenländer (wie China) erklärt werden  und durch die Bevorzugung der Banken (Bankenkrise).

Warum manifestiert sich die Unzufriedenheit besonders in den USA und Großbritannien? Anwort: In diesen Ländern hat sich das Pendel am stärksten zum Markt und weg vom Staat bewegt. Die sozialen Netze wurden immer löchriger…Es wäre wichtig, das zu sichern, was wir haben. Nicht noch mehr Privatisierung nicht noch weniger Steuern der globalen Konzerne.

„Wenn man fordert, es brauche eine Politik völlig offener Grenzen in Europa, birgt dies die Gefahr, bei faschistischen Regierungen zu enden. ..Wer die Verpflichtungen gegenüber Flüchtlingen und  Asylbewerbern erfüllen will, darf bei der Migrationspolitik nicht utopisch werden. Es gilt politische Sensibilität zu zeigen. Das können aber Ökonomen aber oft nicht besonders gut.“

Ferner kritisiert der Autor folgende  Auffassung: Höhere Gewinne  durch die Globalisierung seien am Schluss für alle besser. Das ist der Irrtum des sogenannten  Kaldor Hicks Kriterium. „Jeder Ökonomiestudent sollte verpflichtet sein, zehn mal vor dem Zubettgehen zu sagen: Kaldor Hicks is not a fix“. Dieses Kriterium trifft am ehesten in skandinavischen Ländern mit hohen progressiven Steuern zu,  wo auch soziale Absicherung gegeben ist (NZZ, 2017-11-22).