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Wiederkehr von Karl Marx !?

Wie präsentiert sich inhaltliche Qualität? Ein Beispiel von ARTE. Zum Fall der Berliner Mauer und des Ostblocks.

Hans Högl

ARTE brachte die Doku „Karl Marx und seine Erben“ und berichtete von der Errichtung einer hohen Statue von Karl Marx in seinem Geburtsort Trier. Chinesen finanzierten und gestalteten sie, die Stadt Trier dessen Sockel. Ihre Bewohner hatten Vorbehalte. Marx scheint 200 Jahre nach seiner Geburt zur Zeit der Globalisierung „höchst akutell“. Er ahnte nicht die radikale Umsetzung seiner Forderungen.

Nun zu Schluss-Statements. Sahra Wagenknecht ( Die Linke) sagt: „Wir müssen eine Situation überwinden, wo die oberen 0,1 % den Kern der ökonomischen Ressourcen beherrschen und dadurch allen anderen ihre Interessen aufzwingen können und auch die Politik kaufen können, die ihnen passt, die ihren Interessen dient.“ Sahra Wagenknecht hat einen iranischen Vater und eine deutsche Mutter. Mit ihren Positionen erfuhr sie viel Widerspruch. So trat sie für die DDR, den Stalinismus, für Kuba und Venezuela ein und befürwortete die Verstaatlichung von der US-Ölfirma Exxon. Unerwartet war ihre Position in der Migrationskrise zu total offenen Grenzen. Dadurch käme es im Inland zu einem völligen Lohndumping. „Es gibt Grenzen der Aufnahmekapazität. Das ist eine Banalität.“

Ein anderes Statement: Peter Schneider war Mitorganisattor in der 68er Bewegung gegen den Springer Verlag. In „Lenz“ schildert er die Enttäuschung nach der Studentenrevolte. Ihm wurde lange Zeit verwehrt, zu unterrichten. Darum wurde er Autor. Peter Schneider sagte: „Seit 100 Jahren läuft dieses gesellschaftliche Experiment in vielen Variationen auf der ganzen Welt. Und es hat sich nirgendwo bewährt! Es ist nirgendwo so gewesen, dass es zur Lösung der Menschen von sozialer und materieller Not geführt hat. Geschweige denn zur Freiheit. Was Marx alles wollte. Und dann stehen wir vor dem Resultat: Zusammengebrochen ist der Kommunismus, und nicht der Kapitalismus. Ich bin weit davon entfernt, mich darüber zu freuen; denn nach wie vor hat Marx recht. Es ist das ein höchst ungerechtes und defizitäres System. Wir können vor allem im Zeitalter des Finanzkapitalismus uns unmöglich damit abfinden.“ Zuvor bedauerte er, dass sich in den Werken von Karl Marx nirgendwo der Satz findet: Du sollst nicht töten. Es fehle bei Marx jede Form von Ethik!

Ein weiterer Autor bemerkte: Marx meinte am Ende seines Lebens: Würde Demokratie funktionieren, so entstünde auf friedlichem Wege etwas wie soziale Marktwirtschaft mit genossenschaftlicher Ausrichtung . Wir brauchen eine gesellschaftliche Kontrolle der großen Wirtschaftseinheiten Banken, Versicherungen, Großindustrie, und wir brauchen von unten ein Mehr an genossenschaftlicher gemeinschaftlicher Produktion. Beides kommt bei Marx vor. Soweit: ARTE – einen WDR-Beitrag aufgreifend.

Müll in den Süden. Wirtschaft ohne Moral?

Hans Högl

In den letzten Wochen häufen sich Beiträge über Karl Marx und seine Kapitalismuskritik. In diesen Kontext fügt sich das 2016 erschienene, wissenschaftliche Buch: „Die Sozialge-schichte des Kapitalismus im 19. und 20. Jahrhundert“, ein Sammelband von Friedrich Leger und Philipp Kufferath, Bonn 2016. Wir greifen darin den Beitrag von Simone M. Müller auf, nämlich über den Export von Giftmüll – von Industriestaaten in die Länder des Südens (S. 357-375 ).

Die Entsorgung giftiger Abfallstoffe wurde bis in die 1970er Jahre lokal und national organisiert. Das Wort „Giftmüll“ war ungebräuchlich. Mit der ökologischen Wende in den 1970er Jahren änderte sich dies. 1967 wurde in Schweden ein Umweltamt gegründet, gefolgt 1970 von Großbritannien und den USA und drei Jahre später von 21 Industrieländern. Die US-Umweltbehörde EPA genehmigte 1987/88 den Export von 3,7 Mio. Tonnen Giftmüll in über 13 Länder in Westafrika, Zentral- und Südamerika sowie in den pazifischen Raum. 

Der Chefökonom der Weltbank, Lawrence H. Summers, vormals Harvard-Prof., befürwortete 1991 in einem Memorandum, dass es ökonomisch wäre, den Giftmüll der Industrieländer in die am wenigsten entwickelten Länder („LDC“s, the least developed countries) zu bringen oder im Süden verstärkt schmutzige Industrien anzusiedeln. Nun: L. Summers  verwendet dafür eine eine ökonomische Formulierung. Dessen Argumente -hier stark gekürzt- waren etwa folgende: Durch Abnahme des Mülls könnten Länder des Südens ihre Schulden reduzieren und oft seien diese Länder auch dünn besiedelt (!) und weniger umbelastet als die Großstädte NY oder Mexico City. Das ursprünglich interne „Memo“ gelangte zur Redaktion der Londoner Zeitschrift „Economist“ und erregte riesiges Aufsehen, so beim Umweltkongress in Rio.

Im Kern ging es um die Frage, ob es zu verantworten oder ethisch gleichgültig sei , dass Industriemüll exportiert wird. Ist es legitim, von sozialen Kosten zu sprechen, oder darf Wirtschaft handeln, ohne auf moralische Kategorien zurückzugreifen?