Ohrfeigen von Eltern in der Schweiz

Hans Högl

Aus der Schweiz, dem Land des großen Pädagogen J. Heinrich Pestalozzi (gest. 1827), erfahre ich eine Information mit Seltenheitswert. Darum ist dies ein Fund für die „Medienkultur“, und ich weise diese Information unserer Rubrik „Medienschmankerl“zu.

„Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet. Dieser Meinung scheinen viele Eltern auch heute noch zu sein. Laut einer gemeinsamen Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften und der Haute Ecole de Travail Social Fribourg erleben rund zwei Drittel aller Jugendlichen in der Schweiz elterliche Gewalt in der Erziehung. Jeder Fünfte muss sogar schwere Übergriffe wie Fausthiebe oder Schläge mit Gegenständen hinnehmen. Trotzdem landen nur die wenigsten Fälle vor Gericht – wohl auch deshalb, weil körperliche Züchtigung in der Schweiz, im Gegensatz etwa zu Deutschland, noch immer zulässig ist, wenn sie ein «gewisses Mass» nicht überschreitet. Mein Kollege Alois Feusi ist dem Phänomen der elterlichen Gewalt nachgegangen – und hat einen der seltenen Gerichtsprozesse dazu besucht.“

Im Jahr 2017 rückten Angehörige ….Stadtpolizei Zürich und .. Winterthur rund 180-mal wegen familiärer Gewalt gegen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren aus; 2018 waren es etwa 200 Fälle. …Fest steht allerdings, dass die Zahl der nicht ans Licht gekommenen Fälle sehr viel höher liegt. ….Die Forscher befragten 8317 durchschnittlich zwischen 17 und 18 Jahre alte Jugendliche aus zehn Kantonen; 1200 von ihnen leben im Kanton Zürich. Die Befragten besuchten Berufsschulen, Schulen der Übergangsausbildung, Fachmittelschulen und Gymnasien. 41,2 Prozent der Befragten mussten in ihrer Kindheit und Jugend Züchtigungen wie Ohrfeigen, Schubsen und Stossen oder hartes Anpacken hinnehmen. 21,9 Prozent mussten auch schwere Gewalt wie Fausthiebe oder Schläge mit Gegenständen über sich ergehen lassen.–Die Autoren des Forschungsberichts zur elterlichen Gewaltanwendung betonen, dass ihre Stichprobe keine schweizweite Repräsentativität beanspruche. Die Quelle: NZZ-online 20.Mai 2019. Der Text wurde etwas gekürzt.

EU-Wahlkampfbrief der FPÖ als Realsatire der besonderen Art

Die „Soziale Heimatpartei“ und ihre vorgeblichen Patrioten hätten tatsächlich österreichische Interessen in großem Umfang verkauft ? Das könnte das Skandal-Video von Ibiza nahelegen. Umso skuriller ein EU-Wahlkampfslogan der FPÖ: Nur sie würde einen Ausverkauf österreichischer Interessen stoppen..

Udo Bachmair

>>Sie hätten einen großen Teil der Interessen ans Ausland verkauft, von der Umleitung der Bauaufträge bis hin zur Wasserversorgung. Das wäre Korruption pur.
>>Sie hätten-am Rechnungshof vorbei-Millionenspenden für die eigene Partei abgezweigt und damit noch mehr Geld in Inserate und Wahlpropaganda fließen lassen.
>>Sie hätten die „Kronen Zeitung“ -ohnehin viele Jahre auf Strache-Kurs-an eine vermeintliche Oligarchennichte verscherbelt und sie mit „zack zack zack“ noch gefügiger gemacht.

All das und mehr ließe sich aus jenem Video schließen, in dem FPÖ-Chef Strache und sein Adlatus Gudenus offenherzig über die Umgestaltung der Republik sprechen und damit den Eindruck von Machtrausch und Geldgier erwecken.

Da kommt einem auch der Ausspruch des „FPÖ-Wolfs im Schafspelz“, Norbert Hofer, in den Sinn:
„Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist“

Als Realsatire der besonderen Art erweist sich nun ein FPÖ-Wahlkampf-Brief, der heute in den meisten Postkästen gelandet ist. Unter den strahlenden Konterfeis von Strache und EU-Spitzenkandidat Vilimsky heißt es da unter anderem:

„Nur wenn Sie am 26. Mai wirklich zur Europawahl gehen und Ihre Stimme der FPÖ geben, kann der AUSVERKAUF ÖSTEREICHISCHER INTERESSEN GESTOPPT werden.“……

Wirbel in Österreich. Die Medienpolitik von Straches FPÖ

Hans Högl

Österreich erlebt seit Jahrzehnten politische Schreihälse, die alle Institutionen fundamental kritisieren, so Medien, und sie geben vor, für die kleinen, anständigen Leute dazu sein, für Religion, Familie, Heimat, Bräuche und für Schweizer Demokratie.

Ein Hauptanliegen der „Medienkultur“ ist Medien-Politik. Das Ibiza-Enthüllungsvideo musste zum Rücktritt von FPÖ-Chef H.C.Strache und zu Neuwahlen führen. Wir greifen aus dem Video Straches Worte zu Medien auf.

Er sagt: „Wir wollen eine Medienlandschaft ähnlich wie der Orbán aufbauen“. Orbans Partei kontrolliert quasi weitgehend Ungarns Medien. Das Magazin „Falter“ schrieb vom Investor Pecina, der viele Regionalzeitungen in Ungarn aufkaufte, um diese an Premierminister Viktor Orbán weiterzugeben und an die Parteilinie anzupassen.

Strache protzte gegenüber dem weiblichen Lockvogel, der angeblichen Nichte des russischen Gasoligarchen Igor Karamasow, mit Kontakten zur Medien-FUNKE Gruppe, die einen Hälfteanteil der „Krone“ los zu werden sucht. Und die „Nichte“ könne diesen halben Anteil der „Krone“ erwerben und soll dann die FPÖ drei Wochen vor der Wahl massiv unterstützen. Und ihr winken dann Großaufträge bei Autobahnen, noch dazu mit Überpreisen (zu Lasten der Steuerzahler).

In der Tat: Der Groß-Investor René Benkö preschte kürzlich vor, um den halben Anteil der „Krone“ zu erwerben. Und diesen Herrn Benkö nennt Strache einen FPÖ-Freund, der aber auch die ÖVP unterstütze. Verdeckte FPÖ-Parteifinanciers wären auch Heidi Horten, die Kaufhauserbin, der Waffenhersteller Gaston Glock und der Glücksspielkonzern Novomatic. Aber die Genannten bestreiten dies. Auffallend sind seit Jahren die riesigen FPÖ-Wahlplakate.

Ferner erwägt Strache, Teile des ORF zu privatisieren -zugunsten von Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz und seinem Servus TV. Wolfgang Fellner sagt explizit am 18. Mai in oe24 TV : dass ein Sender des ORF Fernsehens an Servus TV übergeben werden sollte. Und der Eigner von Servus TV, der Red-Bull-Milliardär, gilt als FPö-Freund.

Somit ist die stete FPÖ-Kritik am ORF ein taktisches Vorspiel zu einer mittelfristigen Medienpolitik. Es geht nicht um mehr Demokratie, sondern um eine Quasi-Medien-Diktatur. Im Sinne des Machterhalts. Sogar die Privatisierung des Wassers stellt Strache der „Nichte“ in Aussicht. Und solche Politiker gerieren sich als Freund der kleinen Leute.

Großes Lob für den ORF

In diesen Tagen erweist sich einmal mehr der demokratiepolitisch unschätzbar hohe Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Udo Bachmair

„Wir wollen eine Medienlandschaft wie Orban“. Diese unverblümten Worte Heinz Christian Straches beim konspirativen Treffen von Ibiza hat alle Befürchtungen bestätigt, dass die Regierungspartei FPÖ die Presse- und Medienfreiheit, im Besonderen die Unabhängigkeit des ORF, fahrlässig aufs Spiel setze. Doch jeder Machtrausch geht einmal zu Ende. Was für die FPÖ und deren langjährigen Obmann bleibt, ist Katzenjammer. Für alle Besorgten besteht nun aber einmal Erleichterung: Der Spuk erscheint ihnen vorerst vorbei.

Ob dieses Mal die bewährte FPÖ-Methode der Täter-Opfer-Umkehr greift, erscheint nach den Video-Enthüllungen über das wahre Gesicht von Strache und dessen rechter Gefolgschaft nun höchst fraglich. Sogar die über Jahre hinweg FPÖ-nahe Kronenzeitung hat sich von der FPÖ deutlich distanziert. Insider sind und waren überrascht von Krone-Schlagzeilen wie „Das Ende der FPÖ!“ oder „ Das war’s“. Auch so manch anderen (früheren) FPÖ-nahen Personen, die der „Heimatpartei“ auf den Leim gegangen sind, hat die Causa vermutlich die Augen geöffnet.

Vor diesem Hintergrund kann und muss der ORF nicht hoch genug gelobt werden. Er hat trotz des Regierungsdrucks der vergangenen Monate und der Bedrohung kritischer ORF-Journalisten seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllt. So hat er etwa mit der mehrstündigen Marathonsendung zu den Entwicklungen rund um den Ibiza-Video-Skandal einmal mehr den Beweis für seriöse Berichterstattung und Analysen erbracht.

Es gilt nun umso mehr, den demokratiepolitischen Wert des Öffentlich-rechtlichen zu erkennen und nicht zuletzt weiter auf der Hut zu sein. Denn die gescheiterte türkis-blaue Regierung werkt ja noch weiter bis zur Neuwahl im September..

Eine Hoffnung für den ORF besteht jedenfalls nun darin, dass die geplante ORF-„Reform“ mit weiterer personeller Einfärbung sowie Reduktion der finanziellen Unterstützung des „Rotfunks“ nicht vor dem Herbst durchs Parlament gepeitscht wird.

Politik und Medien: Populismus zerstört faktenbasierte Debatte

Der Einfluss Regierender auf Medien, populistische Kommunikationsstrategien sowie der Umgang mit Fakten waren zentrale Themen des internationalen Journalistentreffens in Perugia

Udo Bachmair

Der Druck seitens der Regierung auf Medien hat sich vor allem in osteuropäischen Ländern verstärkt. Vor allem in Ungarn. Dort hat Staatschef Orban bereits alle bisher unabhängigen Medien unter seine Kontrolle gebracht. Beim Journalistenkongress von Perugia war auch Österreich Gegenstand wachsender Besorgnis.

Attacken auf unabhängige kritische Journalisten sowie der Plan der FPÖ, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr durch Gebühren, sondern aus dem Staatsbudget zu finanzieren und den ORF damit an die politischen Kandare zu nehmen, sehen Medienexperten als Vorboten einer „Orbanisierung“ auch in Österreich.

Vor diesem Hintergrund wird unter Journalisten u.a. die Frage diskutiert, ob man etwa zu TV-Debatten rechtsextreme Politiker und Aktivisten einladen sollte, wie es Servus-TV gerne tut.
US-Medienwissenschafter Jay Rosen äußerte dazu starke Bedenken. In einem Standard-Interview am Rande des Treffens von Perugia bezeichnete er es als sehr problematisch, dass Rechtspopulisten aus der von diesen verfolgten Strategie der „Zerstörung einer faktenbasierten Debatte“ immer wieder politischen Profit schlagen.

Eine weitere Thematik ist das von Experten festgestellte Phänomen, dass sich ein wesentlicher Teil des Publikums nicht sonderlich dafür zu interessieren scheine, was falsch und was richtig ist. Jay Rosen erläutert:
„Ich schätze, ein Drittel der Bevölkerung will nichts davon wissen, dass seine Überzeugungen nicht real begründet sind. Fakten perlen da einfach ab. Diese Menschen sind immun gegen Journalismus“.

Was bedeutet diese bittere Erkenntnis denn nun für Wahlen, für die Gesellschaft? Die Antwort des renommierten Medienwissenschafters Ray Rosen gegenüber Harald Fidler vom Standard :
„Das bedeutet, dass unsere Politik mehr und mehr auf Illusionen, Fantasie, Ideologie und Zaubertricks basiert“.

Technologischer Rassismus bei Chicagos Polizei

Hans Högl. 3.Teil der Rezension des Buches „Homo Deus“

Y. Harari zeigt, wie weitreichend die Anwendung von Big Data und Künstliche Intelligenz (KI) ist. Vgl. den 2.Teil meiner Rezension. Harari sieht eine Transformation des Menschen als möglich, eine evolutionäre Weiterentwicklung.

Big Data und Künstliche Intelligenz (=KI) revolutionieren die Medizin. Das Ziel: Mit Hilfe von Bioinformatik Krankheiten schon vor dem Ausbruch zu behandeln. – In London konnte mit Hilfe von Data-Analyse eine Grippe-Epidemie bereits eine Woche v o r der Gesundheitsbehörde geortet werden. — Google und Apple investieren in E-Health-start ups. Sie suchen Anzeichen eines Herzinfarkts schneller zu erfassen als Fachärzte. Doch lässt sich die Empathie des Arztes ersetzen?

Zu Google gehört auch das Videoportal You Tube. Je mehr Klicks den Werbebanner treffen, desto mehr sprudeln die Gewinne. Google verzeichnete 2017 als Werbeeinnahmen 12,6 Milliarden Dollar. Folgende Großkonzerne sind unter den Werbern: Porsche, Nestle, Mobilfunk Drei, Minolta. Google gehört zu Spitze der KI. Davon will das US-Militär profitieren. Im Militärprojekt Maven soll gezieltes Töten durch Drohnen optimiert werden. Daran beteiligen sich Amazon, IBM und Microsoft.

Facebook: Algorithmen sind Programme, Rechenoperationen, mit denen Menschen katalogisiert, schubladisiert werden. FB kennt durch Likes und Missfallen die Personenprofile. Das ist Basis der Beeinflussung. FB gabe der Firma Cambridge Analytics Aufträge bei der Wahl zu Trump und beim Brexit.

Chicagos Polizei fusioniert alle Daten zur Kriminalität und erfaßt mit Präzision gewisse Stadtteile als besonders kriminell und listet sogar im Vorhinein 500 potentiell Kriminelle auf. Jeder bekommt eine Ziffernnote mit der Wahrscheinlichkeit, kriminell, in einen Schusswechsel verwickelt zu werden. Und dies in den nächsten drei Monaten. Dies macht auch Unschuldige verdächtig, und das verdient den Namen technologischer Rassismus. Der Mensch wird durch die Maschine, durch Algorithmen verdächtigt. Die Hamburger Polizei holte sich schon Ezzes in Chicago.

Bis 2020 sollen die Chinesen als gut und schlecht qualifiziert werden, jeder erlangt ein Profil mit Punkten, auch wenn er Straßen bei Rot überquert. Die Juristin Yvonne Hofstetter betont, dass Profiling über Algorithmen dazu führt, die Freiheit des Menschen in Frage zu stellen und letztlich die Demokratie. Sie ist für ein Verbot des Profilings.

Zu AMAZON: Jeff Bezos gründete es: 1994. Ihm gehört auch die Washington Post. Er investiert in die Raumfahrt, träumt von Flügen in den All. Die Amazon Services verkaufen Cloud Dienste an den US-Geheimdienst CIA. – Dies sind Andeutungen dazu, was uns erwartet. Das Folgenreichste zeigte ich im 2. Teil der Rezension.

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Ö1 gehört gehört und gesehen

Ein filmisches Portrait von Ö1 gibt einen guten Einblick in die gegenwärtigen Herausforderungen des renommierten Kultur- und Informationssenders.

Udo Bachmair

Wir können stolz sein auf Ö 1. Ein Programm, das mit Vielfalt seiner Programmteile, mit Seriosität, mit kreativer Gestaltung und guter Information etc.etc. punktet. Ohne dieses ORF-Higlight wäre die Medienlandschaft hierzulande wesentlich ärmer.

Qualität und Substanz von Ö1 müssen angesichts von Einschüchterungsversuchen seitens der Regierung mehr denn je verteidigt werden. Um Ö1 zu erhalten und zu stärken, bedarf es zudem ausreichend finanzieller Unterstützung, die jedoch zunehmend in Frage gestellt wird.

Ein hervorragender Film mit dem Titel „Ö1 gehört, gesehen“, der am 24. Mai im Haydn-Kino in Wien Premiere hat, zeigt beeindruckend den Wert und das Wesen dieses ORF-Flaggschiffes auf.

„Ein klingendes Haus voller aufregender Menschen, Gedanken, Stimmen und Pläne. Ein Muss-Film. Kult.“ So hat Gerhard Ruiss von der IG Autoren und der Initiative „Wir für den ORF“ das Filmportrait treffend beschrieben.

Mit diesem Film sollen auch weitere Diskussionen über die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angestoßen werden. Angesichts regierungspolitischer Drohgebärden gegenüber ORF-Journalisten steht auch journalistische Freiheit auf dem Spiel.

KINOSTART ist am 24. Mai 2019 im Haydn-Kino in der Mariahilferstraße 57 A-1060 Wien. Danach folgt bis Mitte Juni eine Reihe von Diskussionsveranstaltungen zum Film in Wien und anderen Bundesländern. Details im Folgenden:

Homepage: https://www.filmladen.at/gehoert-gesehen

Facebookveranstaltungen: (Diskussionsreihe in Wien und den Bundesländern):
https://www.facebook.com/pg/einRadiofilm/events/?ref=page_internal

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=zcOS7iUWDLg

Übermacht der Digitalisierung u. Folgen

Hans Högl. 2. Teil der Rezension des Buches von Y. Harari: Homo Deus

Um Missverständnisse über den 1. Teil der Rezension zu klären, klammern wir nun die Positiva der Digitalisierung aus, die Harari aufzeigt, und verweisen gleich auf die Folgen der Digitalisierung und über jene, welche als Supergehirne die Künstliche Intelligenz handhaben. Harari befürchtet darum eine Spaltung der Menschheit in eine Superelite, welche die künstliche Intelligenz meistert und in eine Masse unbedarfter Menschen. Dies hat dann zur Folge, dass ganz wenige quasi alles besitzen und alles beherrschen werden. Dem stünde die übrige Menschheit ohnmächtig gegenüber, und selbstverständlich wäre dies das Ende der liberalen Demokratie, wie Harari dies explizit in seinem Buch darlegt. Scheinbar hat er dieses Thema bei seinem Europaaufenhalt vermieden, weil dies einer langen Erklärung bedarf. Das ist kurz die These von Harari. Vielleicht hat er bewusst provoziert. Aber lassen wir das einmal als These stehen. Was ja nicht heißt, dass wir das so akzeptieren, im Gegenteil.

Was kann gegen eine solche Gefahr getan werden? Ein paar Beispiele als Antwort zuerst auf individueller Ebene: – Der junge Jurist Max Schrems hat es bisher mit Erfolg als Einzelner gewagt, den Kampf gegen Face Book aufzunehmen.

– Als sich ein tunesischer Gemüsehändler 2010 aus Protest anzündete, kam es zu Unruhen in Tunesien, und die 34-jährige Tunesierin Lina zögerte nicht lange und schrieb einen Blog darüber, publizierte Bilder darüber. Sie tat etwas, was die tunesische Regierung nicht zugelassen hätte, kämpfte gegen Vorurteile. Vier arabische Bloggerinnen wurden wichtig für den Verlauf des Arabischen Frühlings. (Arte Magazin).

Die Internetsucht ist nicht Ursache, sondern Symptom von Massenvereinzelung; doch immer mehr stellt sich heraus, dass die virtuelle Welt die reale nur bedingt ersetzten kann. „Ein kleiner, aber wachsender Teil von Menschen, die sehr internet- und digital affin waren, steigen aus diesem Zustand wieder aus“, konstatiert der Zukunftsforscher Matthias Horx.

Aktionen von Institutionen und gesellschaftlich: Seit Neuestem löscht Google heikle Inhalte. UND AUF FACEBOOK DARF DIE VENUS VON WILLENDORF NICHT MEHR GEZEIGT WERDEN, SIE IST EIN OPFER DES ZENSUR-ALGORITHMUS GEWORDEN.

Die EU-Kommissarin Margarethe Vestager verhängte über Google wegen Wettbewerbsverzerrung eine gewaltige Strafe von 9,3 Mrd €. Das ist der Gewinn eines Quartals von Google. Das tut nicht extrem weh. Aber immerhin. Wer hat geglaubt, dass es möglich wäre?

Viktor Mayer-Schönberger (Prof.in Oxford) sieht die Entwicklung der Interetplattformen zu Monopolen: 80 % der weltweiten Suchanfragen laufen über Google,3/4 aller mobilen Chats laufen über FB, 55 % der Produktsuchen laufen über Amazon. Google und FB vereinen auf beiden Diensten 60 % der Online Werbung. Schönberger vergleicht dies mit Planwirtschaft. Er fordert, dass die großen Internetplattformen gezwungen werden, ihre Daten kleinen und mittelständischen Mitwerbern zur Verfügung zu stellen.- Es gibt Chancen für die EU zu reagieren. Auch Airbus war ein großer europäischer Entwurf, die Antwort auf Boing.

Zur gesellschaftlichen Ebene: Es gibt eine Sehnsucht nach Gehorsam und eine Angst vor Freiheit. Der Fatalist sagte: Diese Kultur ist am Ende. Es kommt die Katastrophe und der Komet. Wer dies akzeptiert, braucht nichts zu tun, erspart sich jede Mühe, jeden weiteren Gedanken und findet viel Zustimmung.

Doch: Wir können jenen die Macht entziehen, wenn wir ihre Macht nicht schlechthin akzeptieren. Und versus Harari ist zu sagen, dass die Menschen und die Zivilgesellschaft diese Entwicklung nicht hinnehmen sollen. Sie sind soziale Akteure und nicht nur Getriebene.

Abrundend ist zur Willensfreiheit zu sagen: Ich habe selbst entschieden – mit freien Willen, dieses Thema zu wählen. Und Yuval Harari war ebenso frei, sein Buch zu schreiben. Ferner: Jedes PC-Programm hat einen oder mehrere Programmierer, Ingenieure, Techniker. Auch die Algorithmen und die Künstliche Intelligenz sind nicht zufällig entstanden, sondern es sind komplexe Pläne. Hinter jedem Programm, auch wenn es nicht sichtbar ist, steht menschliches Planen. Der Mensch hat die Freiheit, auch fragwürdige Handlungen zu setzen, die uns irritieren wie im Theater Shakespeares mit einer Handlung aus dem 8. Jahrhundert, gemeint ist dieses blutige Schauspiel mit bösartigsten Intrigen und Mord wie in König Lear. Also: Es sind nicht nur Mechanismen, die die Welt regieren, ja sie gibt es, aber es bestehen auch Menschen, die zu handeln vermögen.

Fehlen Lektoren in Printmedien?

Hans Högl

„Die Rechte hat kein Programm für die EU“ – ist Titel eines Beitrages in der „Wiener Zeitung“ am 11.Mai S. 3. – Einem Mitglied der Medienkultur fiel auf, dass der Name des Autors – wie der Text unten zeigt, völlig unterschiedlich geschrieben wird. Leider reduzieren Printmedien ihre Kosten, indem sie Ausgaben für das Lektorat kürzen.

Europawahlen als Wahlmotivation für sich zu nutzen, sagt der Politologe Felix Buzzoff. … Felix Butzlaff: Europawahlen sind wesentlich schwieriger … Felix Butzlaff geboren 1981 im niedersächsischen Celle, lehrt am Institut …

Auch die „Wiener Zeitung“ steht seitens der Regierung unter Erfolgsdruck, denn es wird überlegt, die beiliegenden Amtsblätter, eine Haupteinnahme der „Wiener Zeitung“, zu reduzieren. Manche sehen die Publikation der Amtsblätter in der Tat als nicht mehr als zeitgemäß, andere meinen, die Regierung würde nie die angeblich „älteste“ Tageszeitung der Welt einstellen – noch dazu mit einer Chefredaktion, die nun auch im Prinzip intelligent regierungsnahe ist. Ähnlich wie auch im ORF werden sehr wichtige Positionen – wie i m m e r nach einem Regierungswechsel – parteipolitisch umbesetzt. Zwar ist die Auflage der „Wiener Zeitung“ recht bescheiden, sie genießt aber wegen ihrer Sachlichkeit und internationalen Berichte und der eigenständigen Reportagen hohe Wertschätzung und ihre Qualität hat in den letzten Jahren noch zugenommen, und es gab eine Reihe von Verbesserungen.

„Homo Deus“ und gefährdete Humanität. Isralischer Autor Y. Harari in Wien

Hans Högl- Buchrezension.1.Teil

Kürzlich traf der israelische Autor Yuval Harari bei seiner Europatour in Wien ausgewählte Kreise und wir erfuhren in Medien wiederum Beiläufiges, doch keine Hintergründe wie hier: denn ich studierte sein weltweit verbreitetes Buch „Homo Deus“ auf Englisch und Deutsch mit 576 Seiten! Harari spricht von Datareligion, bietet höchst Interessantes, stellt aber auch Grundlegendes in Frage, so die Willensfreiheit, den Humanismus, die Demokratie. Hier der 1. Teil meiner Lektüre und Rezension.

Harari, Yuval Noah: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, München 2017. Englisch: Homo Deus. A Brief History of Tomorrow, 2016.

Wissenschafter der Neurophysiologie haben begonnen, die Schuldhaftigkeit des Menschen in seinen Handlungen ernsthaft in Frage zu stellen. Hierbei wird verneint, dass der Geist selbständig handelt, und er wird nur als rein körperlich verstanden. Sicherlich: Wir können heute durch Medikamente Erkrankungen des Gehirns von Depression bis Schizophrenie positiv beeinflussen. Gerhard Roth schreibt in seinem Buch „Fühlen, Denken, Handeln“ (Suhrkamp 2002), dass wir nicht tun, was wir wollen, sondern wir tun, was vorgegeben ist“. Demnach ist die Schlussfolgerung: „Willensfreiheit ist eine Illusion“.

Richtig ist, dass gewisse Selbstbilder vom Menschen überzogen, erschüttert sind. Dennoch gilt das Gegenargument: Wird mir die Wichtigkeit einer Entscheidung bewusst, entscheide ich gegebenenfalls anders als erwartet, also ist meine Handlung nicht voraussagbar. Wissenschaftsgläubigkeit führt manchmal zum Determinismus, d.h. alles ist festgelegt. Zugespitzt gesagt: Der Mensch wäre danach eine geistlose Maschine. Wer den Menschen bloß als Computermodell sieht, betrachtet ihn als verfeinerte Maschine.

Ist man überzeugt, dass es eine Welt des Geistigen gibt und dass der Mensch mehr ist als biologische Natur, so ragt er in die Geisteswelt hinein, dann ist auch ein freier Wille denkmöglich. Dennoch: Die Wissenshaft gibt zahlreiche Hinweise, dass unsere Entscheidungen von inneren und äußeren Faktoren beeinflußt werden und legen uns die Antwort „Nein“ zur Willensfreiheit nahe. Unser endgültige Stellungnahme hängt davon ab, welcher Stimme wir größere Bedeutung beimessen.

Zuerst Digitalisierung allgemein:Keine Frage: Die Entwicklung des Internets ist eine geniale Leistung der Ingenieure – auch dass Geräte immer kleiner möglich sind. Es sind fast Wunderwerke – wie z.B. Smartphones. Digitalisierung heißt in der lateinischen Bedeutung des Wortes soviel wie „Verfingerung“. Tatsächlich ist die Menschheit in allen Winkeln der Welt zu einer tastendrückenden und fingerwischenden Spezies geworden. Gleich ob wir Raketen lenken, Gedichte schreiben, Baukräne steuern, Organe untersuchen, den Sternenhimmel scannen, Blutdruck messen, Musik hören oder die nächste Tankstelle aufsuchen. Wir sind Fingerwesen geworden. (NZZ, 2018.06.23)

Es geht um Daten – immer und überall. Darum spricht Yuval Harari von Datenreligion. Sehr viele Menschen nützen das Internet in allen Lebenslagen, können sich nichts merken, wissen nichts, googeln alles. Nur sehr wenige schaffen es, davon auch nur zeitweise loszukommen oder zumindest einen vernünftigen, kontrollierten Umgang mit dem Internet zu finden.
Smombie war das Jugendwort des Jahres 2015, zusammengesetzt aus Smartphone und Zombie. Es meint Menschen, die durch ihren ständigen Blick auf das Smartphone so stark abgelenkt sind, dass sie Ihre Umgebung kaum noch wahrnehmen.