{"id":9809,"date":"2021-06-17T08:28:34","date_gmt":"2021-06-17T07:28:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/?p=9809"},"modified":"2021-06-17T08:42:04","modified_gmt":"2021-06-17T07:42:04","slug":"brisanter-brief-an-den-kanzler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/brisanter-brief-an-den-kanzler\/","title":{"rendered":"Brisanter Brief an den Kanzler"},"content":{"rendered":"<p>Wie Politiker versuchen, Journalisten f\u00fcr sich einzunehmen bzw. gef\u00fcgig zu machen, zeigt ein bemerkenswerter offener Brief an Bundeskanzler Sebastian Kurz.<\/p>\n<p>Udo Bachmair<\/p>\n<p>Der bekannte Ex-Krone-Journalist Thomas Schrems hat seinem Unmut mittels eines offenen Briefs an Sebastian Kurz Luft gemacht. Er demonstriert exemplarisch, wie intensiv der \u201ePR-Kanzler\u201c mit der bisher wohl konsequentesten Selbstinszenierung inklusive gelungener \u201eMessage-Control\u201c versucht, vor allem Journalist*innen von Medien mit besonders gro\u00dfer Reichweite zu beeinflussen und an sich zu binden. Das funktioniert offenbar gut. Denn Kurz kann sich einer gro\u00dfen Unterst\u00fctzung von Massenbl\u00e4ttern wie Krone, Heute oder Oe-24 erfreuen. Zudem kann Kurz immer wieder auf das Wohlwollen vor allem der ZiB 1 des ORF bauen. Unabh\u00e4ngiger Journalismus sieht wohl anders aus.. <\/p>\n<p>Die Verzahnung von Medien und Politik, ein Ph\u00e4nomen, das besonders in \u00d6sterreich angesichts zahlloser \u201eVerhaberungen\u201c wie geschmiert l\u00e4uft, wird von kritischen Beobachtern jedoch als demokratiepolitisch \u00e4u\u00dferst bedenklich bewertet. <\/p>\n<p>Zum Thema nun also im Wortlaut der erw\u00e4hnte offene Brief des fr\u00fcheren Chronik-Chefs der Kronen Zeitung, Thomas Schrems :<br \/>\n<em><br \/>\nSehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Sebastian! <\/p>\n<p>Wei\u00dft du noch, damals &#8230;<br \/>\ndu meine G\u00fcte, lang ist&#8217;s her. <\/p>\n<p>DU, der gerade erst aus dem Geilomobil gekletterte, vermeintlich \u201ekleine\u201c, frisch gebackene Staatssekret\u00e4r f\u00fcr Integration (was ist blo\u00df aus deiner Haltung von damals geworden<br \/>\n\u2013 oder war das auch bereits alles knallhartes Kalk\u00fcl auf deinem steilen Weg an die Macht?) \u2026 \u2026 und ICH, der vermeintlich \u201em\u00e4chtige\u201c Chronik-Chef beim Kleinformat. Unser erstes Mal sozusagen \u2013 an dem kleinen Ecktisch in der \u201eKrone\u201c-Kantine. Und neben dir dein eisern aufstrebender Adlatus, der sich bald schon zum Bullterrier in Sachen Message-Control der t\u00fcrkisen Familie mausern sollte. Wobei ja Familie ein Begriff ist, der \u2013 wie ich meine \u2013<br \/>\nnicht durch eure Umtriebe entehrt werde sollte. Sei\u00b4s drum.<\/p>\n<p>DU also, damals losgeschickt von deiner Chefin &#038; Innenministerin, um dich im Pressehaus anzudienen, um dich in diesem wahrhaftigen Zentrum der Macht, wie es hei\u00dft, vorzustellen (kein Scherz! So war das damals Usus, auch bei Ministern und Konsorten, auch sie mussten allesamt antanzen) \u2026 \u2026<br \/>\ndich vorzustellen also in der H\u00f6hle des Medienzaren und freundliche Nasenl\u00f6cher zu machen. Im Dreierpack quasi. Zuallererst nat\u00fcrlich ganz oben, im 16. Stockwerk, beim alten Herrn, wie wir ihn nannten, Hans Dichand sel. Dann beim Chefredakteur. Und hinterher bei mir. <\/p>\n<p>Ja, ja, ich gebe es unumwunden zu: Ein klein wenig gebauchpinselt gef\u00fchlt hab ich mich schon. Und ein klein wenig ins Fliegen geraten vor lauter \u201eEinfluss\u201c und so weiter war ich damals wohl auch schon. So viel Selbstkritik muss sein. Und dann erst jener Sonntag (ich wei\u00df es noch wie gestern), als DU mich in der Redaktion anriefst und fragtest, ob du den Job des Au\u00dfenministers annehmen sollst? \u2013 Nein, nein, dass hier blo\u00df kein falscher Eindruck entsteht. Bestimmt hast du dir von Dutzenden eine Meinung eingeholt. Weil dir ein breites Spektrum an<br \/>\nMeinung, insbesondere, was dich selbst, deine Au\u00dfenwirkung etc. betrifft, seit jeher wichtig war. Lustig war das aber schon. Damals. Die vielen gemeinsamen Reisen in aller Herren L\u00e4nder. Nicht zu vergessen jene, als DU und dein sp\u00e4terer Bullterrier in nachmittern\u00e4chtlicher Laune mich, den Schreiberling, in einer Rooftop-Bar in New York in den Pool zu den halbnackten M\u00e4dels werfen wolltet \u2013 es dann aber doch bleiben lie\u00dfet. <\/p>\n<p>Du meine G\u00fcte, und was da nicht auch alles off-the-record geunkt wurde auf diesen Reisen. Der \u201eP\u00f6bel\u201c kam, soweit ich mich erinnere, allerdings nicht explizit zur Sprache (na ja, das Thema hat der Thomas jetzt eh ausreichend abgedeckt). Aber sonst allerlei. Doch das ist eine andere Geschichte und geh\u00f6rt nicht hierher.<\/p>\n<p>Und so ging es eben Schlag auf Schlag. Mit dem systematischen Einlullen und Gef\u00e4llig-Machen von Journalisten. Mit dem alten Spiel aus Geben und Nehmen (da eine exklusive Story, dort Publicity f\u00fcr den aufgehenden Politik-Stern). Diese Art von Verhaberung, deren Fr\u00fcchte heute<br \/>\nebenfalls unter der Message-Control durch Euresgleichen firmieren. Irgendwie verlief das Spiel stets auf einer leicht schiefen Ebene \u2013 doch dazu geh\u00f6ren bekanntlich zwei. Einer, der mehr nimmt, und einer, der naiv genug ist, mehr zu geben.<br \/>\nAlso: Schwamm dr\u00fcber, lieber Sebastian. Immerhin bin ich ja selber schuld. In der R\u00fcckbeschau.<\/p>\n<p>ABER:<br \/>\nIch habe abgeschworen. Dem Blatt und auch gleich dem Tagesjournalismus als solchem. Vor Jahren schon und aus vielerlei Gr\u00fcnden. Allen voran nat\u00fcrlich das Nest selbst, in dem ich wohlbestallt sa\u00df und werkte. Die Zentrifuge des Wahnsinns, wie wir die Redaktion nannten. Aber auch: die eigentliche Zentrifuge der Macht. Dort, wo der Bartel den Most her \u2013 und so mancher Bundeskanzler sich seine Watschen abholt. Dort auch, wo dieses Spiel des Gebens und Nehmens bis zur Perversion perfektioniert wird. <\/p>\n<p>Wenn der Eine (nennen wir ihn: DU und deinesgleichen) schaut, was so an manipulativem Dreck reingeht und ob er damit durchkommt \u2013 und der Andere (nennen wir ihn: ICH und meinesgleichen) denkt: \u201eNa, wird schon passen.\u201c Und so kommt es bisweilen, dass ICH und meinesgleichen<br \/>\ndabei den Blick f\u00fcrs Wesentliche verlieren. Weil wir aus einem sich mehr und mehr verselbst\u00e4ndigenden Reflex heraus agieren. Eine Art \u201eAdabei-Reflex\u201c, der die urspr\u00fcnglichen Aufgaben des Journalisten (das kritische Hinterfragen, Berichten etc.) mehr und mehr zur\u00fcckdr\u00e4ngt \u2013 und im Gegenzug dem Promi-Faktor zu seinem \u201eRecht\u201c verhilft. Weil doch Licht und Glanz der \u201egro\u00dfen Namen\u201c ringsum so sehr hereinstrahlen, dass man fast nicht anders kann als<br \/>\n\u2026? Genau. Nichts. Mitstrahlen. Wegsehen. Schweigen. Blo\u00df, weil sie dich pl\u00f6tzlich am Handy anrufen. Blo\u00df, weil sie dir (rein dienstlich nat\u00fcrlich) die tollsten Reisen anbieten, die besten Exklusivgeschichten, dich in die teuersten Restaurants entf\u00fchren und so weiter. Und da kann es dann auch passieren, dass man (wenn auch leicht besch\u00e4mt und mit<br \/>\nreichlich Alkohol kompensiert) wegsieht und schweigt \u2026Kleines Beispiel<br \/>\ngef\u00e4llig? Auch wenn dieses eine nicht DICH pers\u00f6nlich betrifft, sehr wohl aber deine Partie (oder sagt man Partei)? <\/p>\n<p>Wenn also zum Beispiel bei einer Pressereise nach Fernost (Thema: Kampf gegen die Produktpiraterie) die Delegationsleitung auf dem R\u00fcckflug sechs nigelnagelneue Golfpacks dabei hat. F\u00fcr die Freunde daheim. Spottbillig (weil gefaked). Aber man k\u00f6nnte nat\u00fcrlich argumentieren: Gut, dass WIR die gef\u00e4lschten Taschen gekauft haben. So sind sie wenigstens vom Markt und keine Gefahr. Oder? Wurde je eine Zeile dar\u00fcber oder \u00fcber dergleichen geschrieben?\u2013 Nicht dass ich w\u00fcsste. Vielmehr hat es sich auch hier \u2013 einmal mehr \u2013 bezahlt gemacht, dass nur sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlte KollegInnen ausgew\u00e4hlter Medien (auf Regimentskosten, versteht sich) mit an Bord waren.<\/p>\n<p>Ja, und so w\u00e4chst und w\u00e4chst sie, die kontrollierte N\u00e4he. Ganz hin und weg ist unsereiner vor lauter blendender Macht-Mitspielerei. Und \u00fcbersieht, dass die Handschellen dieser N\u00e4he nach \u201eoben\u201c l\u00e4ngst um die Fesseln gelegt sind. Ja, und so h\u00e4ufen sie sich \u2013 die Geschichten, die stets ungeschrieben geblieben sind. DIE Storys schlechthin, die ICH und meinesgleichen dann lieber doch nicht schreibt und sie stattdessen im Herzen tr\u00e4gt, um sie eines sch\u00f6nen Tages den Enkelkindern als eine von unz\u00e4hligen Schnurren aus einem bewegten Leben zum Besten zu geben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wissen DU und deinesgleichen um diese Mechanismen. Ihr seid wahrhaftige Meister dieses Wissens. Und so klicken die Handschellen des Einlullens und wechselseitigen Emporhebens und Beg\u00fcnstigens, dass es eine wahre Freude ist. Klick. Klick. Klick.<\/p>\n<p>Ja, so war das. Ja, so ist das. Und keiner, lieber Sebastian, beherrscht dieses<br \/>\nSpiel gekonnter und gewiefter als DU. Und so war einer meiner vielen Gr\u00fcnde, dem Tagesgesch\u00e4ft bei der Zeitung zu entsagen, letztlich auch dieser uns\u00e4gliche Ekel, der mich damals bereits erfasst hatte angesichts der viel zu tiefen Einblicke, die mir gew\u00e4hrt wurden in euer Reich, in die so genannte \u201ehohe Politik\u201c und ihre geistbefreit-schmutzigen Mechanismen. Jener w\u00fcrgende Ekel auch, der mir angesichts des dich damals schon umschwirrenden Kl\u00fcngels die Luft f\u00fcr ein sauberes Atmen nahm (ja, der Thomas> \u201eJetzt-wieder-reisen-wie-der-P\u00f6bel\u201c  S. war auch schon munter mit von der Partie und einige andere mehr).<br \/>\nUnd, ja, ferne Boten dieses w\u00fcrgenden Ekels steigen mir heute noch die Kehle empor, wenn ich sehe, wie DU und deine Spezis dieses Land untereinander aufteilen, in den Sumpf ziehen und bis zum Erbrechen der L\u00e4cherlichkeit preisgeben. <\/p>\n<p>ABER Ich habe ja abgeschworen, und ich bin der Versuchung, in den Ring zur\u00fcckzukehren, nicht eine Sekunde lang erlegen. Das letzte Mal war erst vor ein paar Monaten, und ich h\u00e4tte abermals in leitender Position arbeiten sollen f\u00fcr ein neues Medium \u2013 ausgerechnet! \u2013, dessen Geldgeber dir und den Deinen eng verbunden sind. Bestimmt w\u00e4re das Sal\u00e4r ganz ordentlich gewesen (doch ich habe nicht einmal danach gefragt). Wie stolz und froh ich doch bin, nicht gez\u00f6gert zu haben. Als h\u00e4tte mir das Schicksal eine allerletzte Pr\u00fcfung der Standhaftigkeit<br \/>\nauferlegt \u2013 und gleich Luzifer pers\u00f6nlich auf mich losgehetzt.<\/p>\n<p>Brrrr! Oh nein, sehr geehrter Herr Bundeskanzler und lieber Sebastian:<br \/>\nBesser ist\u00b4s, kleinere, bedeutend bescheidenere Br\u00f6tchen zu backen.<br \/>\nGanz p\u00f6belhaft. Besser ist\u00b4s, die Bodenhaftung nicht zu verlieren (oder zur\u00fcckzugewinnen). Besser ist\u00b4s, ein freischaffender Buchstaben-Hin-und-Her-Schieber zu sein, der f\u00fcr sein Auskommen viel und hart arbeiten muss, so rechtschaffen wie die allermeisten Menschen in diesem Lande auch. Menschen, die alles M\u00f6gliche haben \u2013 blo\u00df nicht euch verdient. Besser so \u2026 und daf\u00fcr Mensch sein, Mensch bleiben. <\/p>\n<p>Bleibt nur noch diese Frage: Wie viele Nadeln, wie viele L\u00f6gers und Schmids und Bl\u00fcmels und wie sie alle hei\u00dfen m\u00f6gen, braucht es noch, bis es endlich \u201ePUFF!\u201c macht? Bis ein tosender Schwall t\u00fcrkiser hei\u00dfer Luft auch dich vom Parkett fegt \u2013 und mit dir alles, was uns die l\u00e4ngste Zeit so dreist auf der Nase herumtanzt? Wie sagen die Kommentatoren (und Luftballon-Experten) so gerne?<\/p>\n<p>Man darf gespannt sein.<\/p>\n<p>Dein Thomas (Schrems)<\/em><\/p>\n<p>( Brief erstmals ver\u00f6ffentlicht via Facebook )<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie Politiker versuchen, Journalisten f\u00fcr sich einzunehmen bzw. gef\u00fcgig zu machen, zeigt ein bemerkenswerter offener Brief an Bundeskanzler Sebastian Kurz. Udo Bachmair Der bekannte Ex-Krone-Journalist Thomas Schrems hat seinem Unmut mittels eines offenen Briefs an Sebastian Kurz Luft gemacht. 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