{"id":7139,"date":"2020-01-04T18:44:54","date_gmt":"2020-01-04T17:44:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/?p=7139"},"modified":"2020-01-04T19:11:48","modified_gmt":"2020-01-04T18:11:48","slug":"visionen-fuer-den-orf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/visionen-fuer-den-orf\/","title":{"rendered":"Visionen f\u00fcr den ORF"},"content":{"rendered":"<p>Medienpolitik hat in den t\u00fcrkis-gr\u00fcnen Regierungsverhandlungen offenbar keine dominante Rolle gespielt. Dabei w\u00e4re diese Thematik nicht zuletzt auch demokratiepolitisch von gro\u00dfem Belang, vor allem bezogen auf die <strong>Zukunft des ORF<\/strong>. <\/p>\n<p>Udo Bachmair<\/p>\n<p>Eine intensive medienpolitische Debatte w\u00e4re h\u00f6chst \u00fcberf\u00e4llig. Das thematische Spektrum w\u00fcrde dabei von unvertretbar hohen F\u00f6rderungen f\u00fcr den Boulevard bis hin zur Finanzierung und Zukunft des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks reichen. So ist seit l\u00e4ngerem bereits ein <strong>neues ORF-Gesetz<\/strong> geplant.  <\/p>\n<p>Bei einem Fortbestand der schwarz-blauen Koalition w\u00e4re das \u00dcberleben des ORF bedroht gewesen, konstatieren medienpolitische Experten. Demnach gab es die Absicht, Geb\u00fchreneinnahmen zu streichen und einen Teil des finanziellen Ausfalls aus dem Bundesbudget zu berappen.<\/p>\n<p>Die Folge davon w\u00e4re eine noch gr\u00f6\u00dfere <strong>Abh\u00e4ngigkeit des ORF<\/strong> von den jeweils Regierenden gewesen. Zudem h\u00e4tte die Gefahr weiterer Attacken aus dem Kreis der FP\u00d6-Regierungspolitiker auf unabh\u00e4ngige ORF-JournalistInnen bestanden.<\/p>\n<p>Folgt man weiteren \u00c4u\u00dferungen aus dem rechten politischen Lager, so w\u00e4re bei einer Neuauflage der abgew\u00e4hlten Koalition eine <strong>Orbanisierung<\/strong> der \u00f6sterreichischen Medienlandschaft  nicht  auszuschlie\u00dfen gewesen, argumentieren kritische Beobachter.  <\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund kommt dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks besondere Bedeutung und Verantwortung zu. Dies steht jedoch nicht im Widerspruch zur Notwendigkeit von Reformen und Visionen f\u00fcr einen erneuerten ORF. <\/p>\n<p><strong>Golli Marboe<\/strong> hat dazu in der <strong>Wiener Zeitung<\/strong> einen bemerkenswerten <strong>Gastkommentar<\/strong> verfasst, den ich Ihnen nicht vorenthalten will. <\/p>\n<p><strong>\u201eNeue Ziele und Visionen f\u00fcr einen \u00f6ffentlich-rechtlichen ORF\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Golli Marboe<\/p>\n<p><em>Nun steht also bald eine t\u00fcrkis-gr\u00fcne Koalition. Diese sollte sich neben anderen wichtigen Themen auch um ein neues ORF-Gesetz k\u00fcmmern, das tats\u00e4chlich bitter n\u00f6tig ist. Es sollte aber nicht unabh\u00e4ngig von folgenden vier anderen Themenkreisen besprochen oder gar beschlossen werden:<\/p>\n<p>>> die Vergabe von Inseraten aus Mitteln der \u00f6ffentlichen Hand (zirka 200 Millionen Euro pro Jahr, bisher vornehmlich an Boulevardmedien);<br \/>\n>> die Vergabekriterien der Privatrundfunkf\u00f6rderung der RTR (20 Millionen Euro pro Jahr, bisher vornehmlich an Oe24, Servus TV und krone.tv);<br \/>\n>> eine \u00dcberarbeitung der Pressef\u00f6rderung (derzeit nicht einmal 10 Millionen Euro);<br \/>\n>> eine &#8222;Google-Steuer&#8220; f\u00fcr Konzerne aus dem Silicon Valley, die in Europa unheimliche Gewinne an Geld und Daten einfahren, aber praktisch keine Steuern zahlen.<\/p>\n<p><strong>Medienf\u00f6rderung nur f\u00fcr Mitglieder des Presserats<\/strong><\/p>\n<p>Was hat das alles mit dem ORF zu tun? Der ORF &#8211; und insbesondere der Radiosender \u00d61 &#8211; gilt als das mit Abstand glaubw\u00fcrdigste Medium des Landes. Und um diese Glaubw\u00fcrdigkeit als Quelle f\u00fcr kompetente Information auch in Zukunft zu gew\u00e4hrleisten, m\u00fcssen die Rahmenbedingen des ORF in einem neuen Gesetz weiterentwickelt werden. Das gilt vor allem f\u00fcr eine Verbreitung der ORF-Programme im Online-Bereich, denn hier gilt ja nach wie vor die tats\u00e4chlich nicht mehr zeitgem\u00e4\u00dfe Regelung, dass ORF-Inhalte maximal sieben Tage nach Ausstrahlung zur Verf\u00fcgung stehen d\u00fcrfen, was ganz konkret bei zeitgeschichtlichen Ereignissen besonders schade ist: Zum Beispiel, wenn man an jenen Samstag im Mai denkt, an dem ganz \u00d6sterreich auf das Statement von Altbundeskanzler Sebastian Kurz wartete, da waren Millionen Seher beim ORF &#8211; als der vierten S\u00e4ule unserer liberalen Demokratie &#8211; versammelt.<\/p>\n<p>Die Berichterstattung im ORF war umfassend, analytisch, sympathisch und von einer Ausgewogenheit, die man in privaten elektronischen Medien nicht finden k\u00f6nnte: So wurde etwa im EU-Wahlkampf bei Puls 4 die Zweierdiskussion von Claudia Gamon (Neos) mit Johannes Voggenhuber (Europa Jetzt) wegen m\u00f6glicher schwacher Quoten aus dem Programm genommen (FP\u00d6-Kandidat Harald Vilimsky hingegen bekam seine B\u00fchne). Und sowohl bei &#8222;Fellner Live&#8220; auf OE24 als auch im &#8222;Talk im Hangar&#8220; bei Servus TV geh\u00f6rt ein gewisser Martin Sellner (Chef der Identit\u00e4ren) offenbar zu den Stammg\u00e4sten der beiden vom RTR-Privatmedienf\u00f6rdertopf profitierenden Sender. Eine staatliche Unterst\u00fctzung sollte in Zukunft grunds\u00e4tzlich nur an jene Medien vergeben werden, die Mitglied im Presserat sind und sich dementsprechend an journalistische Grundregeln halten.<\/p>\n<p><strong>Neue Ziele und Visionen f\u00fcr den \u00f6ffentlich-rechtlichen ORF<\/strong><\/p>\n<p>Medienpolitik war in den t\u00fcrkis-gr\u00fcnen Koalitionsgespr\u00e4chen (bisher) leider kein Thema. Insbesondere manche \u00d6VP-Politiker sollten sich beispielsweise die Frage stellen, ob Markus Breitenecker, der Chef von ProSiebenSat.1Puls4, damit durchkommt, das mit Geb\u00fchren finanzierte ORF-Archiv f\u00fcr seine Plattformen zug\u00e4nglich zu machen. Sein Appell f\u00fcr eine europ\u00e4ische Allianz gegen Google und Co. scheint wenig glaubw\u00fcrdig, wenn man bedenkt, dass sein Medienkonzern selbst ein b\u00f6rsennotiertes Unternehmen mit auf Gewinn ausgerichteter Zielsetzung ist. \u00d6ffentlich-rechtliche Sender, allen voran die BBC (aber eben auch der ORF), orientieren sich hingegen an demokratischen und nicht an marktorientierten Richtlinien.<\/p>\n<p>Der ORF k\u00f6nnte durch ein neues Gesetz wieder Ziele und Visionen entwickeln. Vor allem, wenn die Landesstudios \u00fcberregionale Aufgaben erhalten, um eben nicht nur \u00fcber deren Landeshauptleute berichten zu m\u00fcssen. Warum wird nicht zum Beispiel ORF1 von Graz aus gestaltet, in einen Doku- und Reportagesender verwandelt und in verschiedenen mitteleurop\u00e4ischen Sprachen (Deutsch, Ungarisch, Serbisch, Kroatisch, Albanisch, Tschechisch, Slowakisch) ausgestrahlt? Ganz nach dem Vorbild von Arte, das seinerzeit von Pr\u00e4sident Fran\u00e7ois Mitterand und Kanzler Helmut Kohl mit dem Ziel initiiert wurde, das Alltagsverst\u00e4ndnis zwischen Frankreich und Deutschland zu verbessern. Ein TV-Anbieter unter Federf\u00fchrung des ORF, das w\u00e4re eine Vision f\u00fcr den gemeinsamen Lebensraum Mitteleuropa.<\/p>\n<p>Warum wird nicht ORF Sport+ nach Innsbruck \u00fcbersiedelt und dort dann an einem Sportjournalismus gearbeitet, der nicht nur die Sieger verherrlicht (und damit den Populismus f\u00f6rdert), sondern das System Sport in all seinen Facetten durchaus auch in Frage stellt? Warum entsteht nicht in Linz in Kooperation mit der Ars Electonica ein Cluster f\u00fcr Kinder- und Jugendprogramme? Daf\u00fcr sollte vom Gesetzgeber vorgesehen werden, dass der ORF f\u00fcr Sportrechte maximal so viele Mittel aufwenden darf wie f\u00fcr Kinder-Content. Denn der ORF gibt seit Jahren f\u00fcr Formel 1, DTM und \u00c4hnliches das 20-Fache dessen aus, was f\u00fcr das gesamte Kinder- und Jugendprogramm zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p>Warum mutet ORF III wie ein Sender f\u00fcr Heimatverbundene an? Der teilweise in Salzburg angesiedelte Kultur- und Informationssender orientiert sich offenbar am Charakter von Servus TV und leider nicht am journalistischen Selbstverst\u00e4ndnis der beiden gro\u00dfartigen Radioprogramme \u00d61 und FM4. Wo findet sich eine Plattform f\u00fcr heimische K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler (auch solche, die noch keine breite \u00d6ffentlichkeit erreichen) oder f\u00fcr Formate, die in und mit dem Netz entwickelt sind, wie auf arte.tv oder auf funk.net, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF?<\/p>\n<p><strong>Werbesendungen, die &#8222;Magazine&#8220; genannt werden<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Formate, die der ORF tats\u00e4chlich als &#8222;Magazin&#8220; bezeichnet, die man in anderen \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern der Erde aber ganz bestimmt als Werbesendungen der Autoindustrie bezeichnen w\u00fcrde: &#8222;mobilitas&#8220; und &#8222;Autofokus&#8220; huldigen in ihren Sendungen Sportwagen oder dem Dieselmotor. Da werden Autofahrer interviewt, die sich \u00fcber die Staus im Pendlerverkehr beschweren, aber dabei jeweils allein im Autos sitzen . . . Der ORF muss unbedingt werbefrei werden, um auf derlei Produkte konsequent verzichten zu k\u00f6nnen. Au\u00dferdem w\u00fcrden damit dann auch die Mittel aus der Werbewirtschaft f\u00fcr die Privatmedien aus dem Print-, TV-, Radio- und Online-Markt frei werden.<\/p>\n<p>In Deutschland wurde vor wenigen Jahren h\u00f6chst erfolgreich eine Haushaltsabgabe eingef\u00fchrt. Damit zahlt jede und jeder Einzelne weniger als fr\u00fcher, die Sender haben dennoch die gleichen Mittel f\u00fcr das \u00f6ffentlich-rechtliche Programm zur Verf\u00fcgung. Dar\u00fcber hinaus gibt es auch eine Einigung zwischen den Verlegern Deutschlands und den \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern zur Nutzung des Netzes. ARD und ZDF widmen sich den Bewegtbild- und Audioangeboten, die Verlage gehen in deren Online-Angeboten von ihren Printprodukten aus. Damit wurde die zeitliche Beschr\u00e4nkung der Bereitstellung der TV- und Radioprogramme im Netz f\u00fcr die Sender gekippt.<\/p>\n<p>In diesem Sinne sollte sich der ORF ebenfalls auf seine origin\u00e4ren Aufgaben &#8211; Bewegtbild und Audio im Netz &#8211; konzentrieren. Ein modernes Medienhaus braucht eine Abteilung aus Daten- und investigativen Journalistinnen und Journalisten. Die Kollegen von dossier.at machen vor, was der ORF selbstverst\u00e4ndlich tun sollte: beispielsweise beobachten, was die \u00f6ffentliche Hand an Inseraten im Boulevard schaltet, statt in Pressef\u00f6rderung der Qualit\u00e4tszeitungen zu investieren (knapp 10 Millionen Euro Pressef\u00f6rderung f\u00fcr Qualit\u00e4tszeitungen stehen um die 200 Millionen f\u00fcr Inserate in &#8222;Heute&#8220;, &#8222;Krone&#8220; und &#8222;\u00d6sterreich&#8220; gegen\u00fcber).<\/p>\n<p><strong>Barrierefreiheit als Selbstverst\u00e4ndlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>In sp\u00e4testens f\u00fcnf Jahren sollten s\u00e4mtliche ORF-Programme mit Untertiteln und Audiodeskription zur Verf\u00fcgung stehen. Es bleibt ein R\u00e4tsel, warum ein Konzern mit rund einer Milliarde Euro Jahresumsatz nicht in der Lage ist, das meistgesehene Format des ORF-Fernsehens, n\u00e4mlich &#8222;Bundesland heute&#8220;, barrierefrei auszustrahlen.<\/p>\n<p>Wie kann man all das finanzieren? Indem man das ORF-Budget umschichtet. Wenn man ORF E &#8211; einen Tochterbetrieb, der bisher prim\u00e4r Werbekunden akquiriert und Marketingaktivit\u00e4ten betreut &#8211; umbaut und daraus eine Unit bildet, die sich um Partner f\u00fcr Programminhalte k\u00fcmmert. Statt f\u00fcr die von der Werbewirtschaft geforderten Einwegprodukte, wie Sport und US-Serien, sollten die vorhandenen Mittel in Co-Produktionen mit anderen Sendern und vor allem mit europ\u00e4ischen Produzenten investiert werden.<br \/>\nDamit entst\u00fcnde nicht nur Wertsch\u00f6pfung, sondern auch eine gewisse Nachhaltigkeit f\u00fcr das wichtigste Lebensmittel unserer Zeit: Medien und Daten. Denn weder die Beitr\u00e4ge in Sozialen Medien noch die Postings unter Zeitungsartikeln wie diesem k\u00f6nnen die journalistische Qualit\u00e4t von Sendungen wie &#8222;ZiB 2&#8220;, &#8222;Morgenjournal&#8220;, &#8222;Kreuz und Quer&#8220; oder Satireformaten wie den &#8222;Staatsk\u00fcnstlern&#8220; ersetzen. Oder eben auch einer Live-Berichterstattung vom Ballhausplatz wie am 18. Mai 2019.<\/p>\n<p><strong>Zum Autor des Beitrags:<\/strong><br \/>\nGolli Marboe war lange Jahre TV-Produzent, ist heute Vortragender zu Medienfragen, moderiert und gestaltet redaktionell das Medienmagazin &#8222;Content&#8220;. Er ist au\u00dferdem Obmann des Vereins zur F\u00f6rderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien sowie Mitglied des ORF-Publikumsrates (nominiert vom Neos Lab).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Medienpolitik hat in den t\u00fcrkis-gr\u00fcnen Regierungsverhandlungen offenbar keine dominante Rolle gespielt. Dabei w\u00e4re diese Thematik nicht zuletzt auch demokratiepolitisch von gro\u00dfem Belang, vor allem bezogen auf die Zukunft des ORF. Udo Bachmair Eine intensive medienpolitische Debatte w\u00e4re h\u00f6chst \u00fcberf\u00e4llig. 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