{"id":7014,"date":"2019-12-12T18:24:34","date_gmt":"2019-12-12T17:24:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/?p=7014"},"modified":"2019-12-12T18:35:35","modified_gmt":"2019-12-12T17:35:35","slug":"handke-und-serbien-debatte-prolongiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/handke-und-serbien-debatte-prolongiert\/","title":{"rendered":"Handke und Serbien : Debatte prolongiert"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen zutreffender Medienkritik und umstrittenen Balkan-Ansichten: Warum Peter Handke auch nach der Verleihung des Literaturnobelpreises weiter die \u00d6ffentlichkeit bewegt.<\/p>\n<p>Gastbeitrag von Kurt Gritsch*<\/p>\n<p>Udo Bachmair, der Pr\u00e4sident der Vereinigung f\u00fcr Medienkultur, ruft in seinem Kommentar \u201eHandke und Serbien: Au\u00dferhalb der Norm\u201c in Erinnerung, dass sich der Streit um Peter Handke und Jugoslawien nicht nur an den politischen Positionen des Autors entz\u00fcndet, sondern auch an seiner Medienkritik. Im Reisebericht \u201eGerechtigkeit f\u00fcr Serbien\u201c, im Januar 1996 erstmals erschienen, erhebt Handke in Prolog und Epilog n\u00e4mlich schwere Vorw\u00fcrfe gegen die Jugoslawien-Berichterstattung westlicher Medien. <\/p>\n<p>Journalisten der FAZ bezeichnete er als \u201eTendenzkart\u00e4tschen\u201c und die Zeitung als das \u201ezentrale europ\u00e4ische Serbenfressblatt\u201c.  Anderen Printmedien wie dem Spiegel, der Zeit, Le Monde, Liberation, Le Nouvel Observateur und der New York Times warf er vor, sie h\u00e4tten \u00fcber Jahre \u201eimmer in dieselbe Wort- und Bildkerbe\u201c gedroschen und seien deshalb \u201eauf ihre Weise genauso arge Kriegshunde [\u2026] wie jene im Kampfgebiet\u201c.  Dem Typus des aus der Ferne urteilenden Leitartiklers, dem \u201eFernfuchtler\u201c, stellte er den entdeckenden Kriegsberichterstatter als \u201eFeldforscher\u201c gegen\u00fcber:<\/p>\n<p>\u201eNichts gegen so manchen \u2013 mehr als aufdeckerischen \u2013 entdeckerischen Journalisten, vor Ort (oder besser noch: in den Ort und die Menschen des Ortes verwickelt), hoch diese und andere Feldforscher! Aber doch einiges gegen die Rotten der Fernfuchtler, welche ihren Schreiberberuf mit dem eines Richters oder gar mit der Rolle eines Demagogen verwechseln und, \u00fcber die Jahre immer in dieselbe Wort- und Bildkerbe dreschend, von ihrem Auslandshochsitz aus auf ihre Weise genauso arge Kriegshunde sind wie jene im Kampfgebiet.\u201c <\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser medienkritische Aspekt, den Handke auch in sp\u00e4teren \u00c4u\u00dferungen wiederholte,  vom Journalismus entweder ignoriert oder zur\u00fcckgewiesen wurde, zeichnet die wissenschaftliche Literatur ein differenzierteres Bild. So belegte Gabriele Vollmer in ihrer Dissertation 1994, dass in den deutschen Zeitungen Frankfurter Allgemeine, S\u00fcddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau und taz tats\u00e4chlich \u201edurch eine Einseitigkeit der Berichterstattung zugunsten der Slowenen und Kroaten\u201c  ein serbisches Feindbild aufgebaut worden war, indem Serben in den untersuchten Printmedien mit den meisten Stereotypen belegt worden waren.  Doch universit\u00e4re Forschungsergebnisse von Doktoranden und Professoren wurden und werden in der Handke-Jugoslawien-Debatte in den Leitmedien kaum wahrgenommen. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend Handke in Bezug auf seine Kritik an der Jugoslawien-Berichterstattung im Wesentlichen zuzustimmen ist, sieht es mit einigen seiner politischen Anschauungen anders aus. So verst\u00f6rte der Autor schon in \u201eGerechtigkeit f\u00fcr Serbien\u201c mit fragw\u00fcrdigen Positionen, die in ihrem Gehalt dem serbischen Nationalismus nahestehen:<\/p>\n<p>\u201eWie sollte, war gleich mein Gedanke gewesen, das nur wieder gut ausgehen, wieder so eine eigenm\u00e4chtige Staatserhebung durch ein einzelnes Volk \u2013 wenn die serbokroatisch sprechenden, serbischst\u00e4mmigen Muselmanen Bosniens denn nun ein Volk sein sollten \u2013 auf einem Gebiet, wo noch zwei andere V\u00f6lker ihr Recht, und das gleiche Recht!, hatten\u201c. <\/p>\n<p>Die Muslime Bosniens als islamisierte Serben f\u00fcr sich zu beanspruchen, war und ist Bestandteil der gro\u00dfserbischen Ideologie. Eine \u00e4hnliche Position existiert auch unter gro\u00dfkroatischen Propagandisten, die in den Muslimen \u201erassisch besonders reine Kroaten\u201c  zu erkennen glauben.<\/p>\n<p>Peter Handke hat seine viel kritisierte einseitige literarische Ann\u00e4herung an den Jugoslawien-Krieg damit begr\u00fcndet, er habe eben nicht wie zahlreiche andere Intellektuelle nach Bosnien, sondern ins isolierte Serbien fahren wollen. Dass er das in der deutschen Berichterstattung tats\u00e4chlich benachteiligte Serbien allerdings unkritisch mit dessen nationalistischer Staatsf\u00fchrung gleichgesetzt hatte, wurde ihm wiederholt von zahlreichen serbischen Intellektuellen vorgeworfen.  Daneben bleibt ein zentraler Stein des Ansto\u00dfes bis heute seine Wahrnehmung des Genozids in Srebrenica. In \u201eGerechtigkeit f\u00fcr Serbien\u201c hei\u00dft es dazu:<\/p>\n<p>\u201e\u2018Du willst doch nicht auch noch das Massaker von Srebrenica in Frage stellen?\u2018 sagte dazu S. nach meiner R\u00fcckkehr. \u201aNein\u2018, sagte ich. \u201aAber ich m\u00f6chte dazu fragen, wie ein solches Massaker denn zu erkl\u00e4ren ist, begangen, so hei\u00dft es, unter den Augen der Welt\u00f6ffentlichkeit, und dazu nach \u00fcber drei Jahren Krieg, wo, sagt man, inzwischen s\u00e4mtliche Parteien, selbst die Hunde des Krieges, t\u00f6tensm\u00fcde geworden waren, und noch dazu, wie es hei\u00dft, als ein organisiertes, systematisches, lang vorgeplantes Hinrichten.\u2018 Warum solch ein Tausendfachschlachten? Was war der Beweggrund? Wozu? Und warum statt einer Ursachen-Ausforschung (\u201aPsychopathen\u2018 gen\u00fcgt nicht) wieder nichts als der nackte, geile, marktbestimmte Fakten- und Scheinfakten-Verkauf?\u201c <\/p>\n<p>Diese Art des Fragens wurde bereits unmittelbar nach Erscheinen der \u201eWinterlichen Reise\u201c als revisionistisch kritisiert.  Da auch Rechtsradikale dadurch vorgehen, dass sie Interpretationen infrage stellen und Erkenntnisse relativieren, fand sich Peter Handke sehr schnell in der Ecke der Fakten leugnenden Revisionisten. 1999 warf ihm Hans Rauscher im Standard vor, das Niveau von Holocaust-Verharmlosern erreicht zu haben.  Bis heute liegt diese Wahrnehmung den Vorw\u00fcrfen, Handke sei ein Genozid-Leugner, zugrunde.<\/p>\n<p>In den Folgejahren von \u201eGerechtigkeit f\u00fcr Serbien\u201c verfestigten sich die Positionen \u2013 hier zahlreiche Leitmedien, dort der immer zorniger agierende und in seinen Interviews h\u00e4ufig polemisch auftretende Dichter.  Inzwischen gewinnt man den Eindruck, dass es nur noch ein F\u00fcr oder Wider Handke zu geben scheint. Dabei b\u00f6te die Nobelpreis-Verleihung Anlass, sich mit dem \u00fcber 100 Werke umfassenden Oeuvre des Schriftstellers mit Bedacht auseinanderzusetzen. <\/p>\n<p>Doch die Literatur ist l\u00e4ngst von Politik und bisweilen von Populismus abgel\u00f6st worden. Das hat auch mit einer Berichterstattung zu tun, die anstelle der Lekt\u00fcre von Handkes Prim\u00e4rtexten nur noch ungepr\u00fcft Stellungnahmen anderer Medien \u00fcbernimmt. Mitverantwortlich ist aber auch Peter Handke. Denn einige seiner \u00c4u\u00dferungen und Positionen sind und bleiben vor dem Hintergrund der Fakten fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>*Kurt Gritsch ist promovierter Zeithistoriker. Er ist Autor des Buches \u201ePeter Handke und Gerechtigkeit f\u00fcr Serbien. Eine Rezeptionsgeschichte\u201c (Studienverlag 2009).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen zutreffender Medienkritik und umstrittenen Balkan-Ansichten: Warum Peter Handke auch nach der Verleihung des Literaturnobelpreises weiter die \u00d6ffentlichkeit bewegt. 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