{"id":6735,"date":"2019-10-19T17:11:29","date_gmt":"2019-10-19T16:11:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/?p=6735"},"modified":"2019-10-20T20:36:20","modified_gmt":"2019-10-20T19:36:20","slug":"6735-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/6735-2\/","title":{"rendered":"Handke und Serbien: Au\u00dferhalb der Norm von Medien und Politik"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Jugoslawienkriege w\u00e4ren vermeidbar gewesen<\/strong>, h\u00e4tten sich westliche Politik und Medien nicht auf eine Seite der nationalistischen Akteure gestellt. Das meinen manche Zeithistoriker, aber auch Peter Handke, der mit seiner proserbischen Haltung erneut Emp\u00f6rung ausgel\u00f6st hat.<\/p>\n<p>Udo Bachmair<\/p>\n<p>Handkes Grundthese war, vor allem in der deutschen und \u00f6sterreichischen Berichterstattung \u00fcber die Jugoslawienkriege komme die serbische Seite nicht zu Wort. Und wenn, sei <strong>Serbien als Feindbild<\/strong> dargestellt worden. Tats\u00e4chlich l\u00e4sst sich belegen, dass auch renommierte westliche Medien, vor allem in Deutschland und \u00d6sterreich, einseitig Partei gegen Serbien ergriffen haben. <\/p>\n<p>Kriegsverbrechen kroatischer Nationalisten hatten die meisten Medien ausgeblendet. Ich erinnere mich als ORF-Moderator, dass es eine inoffizielle \u201eWeisung\u201c seitens des konservativen Generalintendanten Bacher gegeben hat, in der Berichterstattung auf Seiten des \u201echristlichen Abendlandes\u201c, also <strong>auf Seiten des katholischen Kroatiens<\/strong> zu stehen..  <\/p>\n<p>Aus der damaligen Sicht weniger kritischer Geister, die die weitgehend antiserbische Haltung als einen provokanten konfliktf\u00f6rdernden <strong>Fehler von Politik und Medien<\/strong> gehalten haben, erscheint die Gegenposition Handkes auch heute erkl\u00e4rbar, wenngleich dessen mangelnde Distanzierung von serbischen Kriegsverbrechen zu recht kritisiert wird. <\/p>\n<p>Die Kritiker der \u201eleichtfertigen Aufl\u00f6sung Jugoslawiens\u201c klagen noch heute den damaligen Au\u00dfenminister Mock an, der sich Hand in Hand mit dem deutschen Kanzler Kohl zu einer einseitig prokroatischen Propaganda-Achse zusammengefunden habe. Zudem habe die <strong>\u201ezu fr\u00fch anerkannte\u201c Losl\u00f6sung Sloweniens und Kroatiens aus dem jugoslawischen Staatsverband<\/strong> den Konflikt erst recht eskalieren lassen. <\/p>\n<p>Interessant im Zusammenhang mit dieser Causa ist ein in der <strong>Rhein-Neckar-Zeitung<\/strong> ver\u00f6ffentlichtes Interview, das der Journalist Volker Oesterreich mit dem deutschen Theatermacher und <strong>Ex-Burgtheaterdirektor Claus Peymann<\/strong> gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Dazu der folgende Gespr\u00e4chsausschnitt :<\/p>\n<p><em>Herr Peymann, seit der legend\u00e4ren Urauff\u00fchrung der &#8222;Publikumsbeschimpfung&#8220; im Jahr 1966 haben Sie viele St\u00fccke von Peter Handke inszeniert. Nun polarisiert er wieder wegen seiner Haltung zu Serbien w\u00e4hrend des Balkankriegs und wegen seiner 2006 gehaltenen Grabrede f\u00fcr den serbischen Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic. Ist die Emp\u00f6rung gerechtfertigt?<\/em><\/p>\n<p>Ganz gewiss nicht. Es muss ja m\u00f6glich sein, dass ein Schriftsteller seine Meinung vertritt und den <strong>Untergang von Jugoslawien<\/strong> bedauert &#8211; auch wenn er das anhand bestimmter Personen festmacht. Ich war indirekt beteiligt, weil ich 1999 Handkes St\u00fcck zum Jugoslawien-Konflikt am Burgtheater uraufgef\u00fchrt habe: &#8222;Die Fahrt im Einbaum oder Das St\u00fcck zum Film vom Krieg&#8220;. Als eine Art Reisemarschall bin ich mit ihm in eine kleine Enklave in den Kosovo gereist, Handke hat dort das Preisgeld des Heinrich-Heine-Preises in eine Dorfschule investiert. Diesen Humanismus kann man ihm nicht ankreiden. Bei unserer Reise habe ich viel begriffen von seiner Haltung und seiner Religiosit\u00e4t, auch von seiner Liebe zu Serbien und zur serbischen Kultur.<\/p>\n<p><em>Und der Streit jetzt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Dieser Konflikt ist total aufgeblasen<\/strong>. Letztlich spielt dabei Handkes ungew\u00f6hnlicher Charakter eine entscheidende Rolle. Er ist kein Opportunist, er richtet sich nicht nach der Mehrheit, sondern spricht seine eigene Meinung aus, wie das Schriftsteller machen sollen. Denken Sie an den Streit um Martin Walser oder um G\u00fcnter Grass &#8211; das sind ungew\u00f6hnliche Pers\u00f6nlichkeiten, die sich nicht an die Norm halten.<\/p>\n<p><em>Bekommt Handke also den Nobelpreis zu Recht?<\/em><\/p>\n<p>Es war die <strong>sch\u00f6nste Nachricht des Jahres<\/strong> f\u00fcr mich, dass er den Nobelpreis bekommt. Ich bewundere ihn sehr. Das ist ein gro\u00dfer, alter Mann, und ich hatte das Gl\u00fcck, einen Teil meines k\u00fcnstlerischen Weges mit ihm gehen zu k\u00f6nnen. Ich erw\u00e4ge, ob ich nach Stockholm mitfahre, um dabei zu sein, wenn Handke den Thron der Weltliteratur besteigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Jugoslawienkriege w\u00e4ren vermeidbar gewesen, h\u00e4tten sich westliche Politik und Medien nicht auf eine Seite der nationalistischen Akteure gestellt. 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