{"id":6343,"date":"2019-07-31T08:57:11","date_gmt":"2019-07-31T07:57:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/?p=6343"},"modified":"2019-07-31T08:59:29","modified_gmt":"2019-07-31T07:59:29","slug":"atomunfall-und-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/atomunfall-und-angst\/","title":{"rendered":"Atomunfall und Angst"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hans H\u00f6gl <\/p>\n<p>Das weitverbreitete und vielgelesene Gratisblatt &#8222;Heute&#8220; in Wien hat den fragw\u00fcrdigen Anspruch, Fahrg\u00e4sten in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln schon in der Fr\u00fch auf dem Weg in die Arbeit oder Schule zu erm\u00f6glichen, in zwanzig Minuten die wichtigsten Ereignisse zu erfahren. <\/p>\n<p>Dieses Gratisblatt &#8222;Heute&#8220;, verf\u00fcgbar an unz\u00e4hligen Haltestellen im Wiener Verkehrsnetz, brachte am Dienstag, den 30. Juli unter der Rubrik &#8222;Welt heute&#8220; S. 2 folgende Kurzinformation mit insgesamt sechs knappen Zeilen: <\/p>\n<p>TITEL fettgedruckt: Russische Atomfabrik verseuchte Europa. Daran schlie\u00dfen sich knappe <em>4 angsterregende  Zeilen:<\/em> &#8222;Jetzt bewiesen: Im Herbst 2017 entwich eine radioaktive Wolke aus der Fabrik Majak im Ural und zog \u00fcber Europa.&#8220; <\/p>\n<p>Wer nur diese 4 Zeilen und den Titel gelesen und einigerma\u00dfen ernst genommen hat  &#8211;  wird dar\u00fcber kurz sehr erschrocken sein. <\/p>\n<p>Schon am Sonntag &#8211; zwei Tage zuvor &#8211; berichtete (neben anderen Medien) auch die b\u00fcrgerliche,  angesehene &#8222;Presse am Sonntag&#8220; am 28. Juli davon, allerdings <em>auf 3 langen Spalten mit insgesamt 160 Zeilen<\/em> und zwei Graphiken und drei gro\u00dfen Titelzeilen dar\u00fcber.  <\/p>\n<p>Die Schlagzeile des &#8222;Presse&#8220;-Beitrages macht ebenfalls  Angst: Sie lautet in fetten gro\u00dfen Lettern: <\/p>\n<p><strong>Der verleugnete Atomunfall<\/strong>. Der Untertitel lautet: &#8222;<em>Im  Herbst 2017 reiste eine radioaktive Wolke \u00fcber Europa, die offensichtlich aus dem Ural kam. Nun k\u00f6nnen Physiker ihre Entstehung erkl\u00e4ren.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Immerhin in zweiten und dritten Absatz relativiert die &#8222;Presse&#8220; die Dramatik dieses Vorfalles: Zwar wird die radioaktive Wolke best\u00e4tigt &#8211; mit &#8222;176 Millibecquerel pro Quadratmeter Luft&#8220;. (Es m\u00fcsste wohl richtiger hei\u00dfen: pro Kubikmeter Luft). Doch dann erf\u00e4hrt das Lesepublikum Entwarnung:<\/p>\n<p><strong> &#8222;Das ist wirklich nicht viel, nach Tschernobyl wurden in \u00d6sterreich in der Luft&#8220;  &#8230;.&#8220;fast 60 Mal so viel  gemessen&#8220;.<\/strong><em> Und darunter folgt der Untertitel fettgeschrieben: &#8222;Kein Reaktorunfall&#8220;. Und es folgt eine ausf\u00fchrliche Erkl\u00e4rung, dass der radioaktive Ausfall von einer Wiederaufbereitungsanlage stammt. <\/p>\n<p>Wir wollen dieses Ereignis und andere echte Katastrophen nicht verniedlichen. Vor allem wurde hierbei die Welt\u00f6ffentlichkeit  nicht informiert. Doch was folgt aus der  Perspektive der Medienkultur. Je k\u00fcrzer der Beitrag ist, desto angsteinfl\u00f6\u00dfender  wirkt er wahrscheinlich und potentiell auf das Publikum. Auch der Titel des &#8222;Presse&#8220;-Beitrages ist aufs Erste angsteinfl\u00f6\u00dfend. Doch wer weiter liest, erf\u00e4hrt doch eine betr\u00e4chtliche Entwarnung.<\/p>\n<p>Tatsache ist, dass <em>Medien sehr viel mehr Aufmerksamkeit gewinnen, wenn sie Angst produzieren und dann steigen ihre  Profitchancen<\/em>. So neu ist das nicht! Dieses Beispiel soll ein  Beleg daf\u00fcr sein und es erneut ins Bewusstsein rufen. Aus der Kommunikationswissenschaft ist Folgendes bekannt: In breitesten Kreise ist insgesamt ein sehr hohes allgemeines Angstniveau gegeben -ob legitim oder auch weniger berechtigt- sei dahingestellt.<br \/>\n<em>Dieses hohe Anstniveau sucht unbewusst nach Best\u00e4tigung und findet dies in angsterregenden Informationen.<\/em> Dem kommen Medien gern nach. Denn Beruhigung von ihnen ist fast nie zu erwarten. Tatsache ist, dass Medien sehr viel mehr Aufmerksamkeit gewinnen, wenn sie Angst produzieren und dann steigen ihre  Profitchancen. So neu ist das nicht! Dieses Beispiel soll ein  Beleg daf\u00fcr sein und es erneut ins Bewusstsein rufen. <\/p>\n<p>Aus der Kommunikationswissenschaft ist Folgendes bekannt: In breitesten Kreise ist insgesamt ein sehr hohes allgemeines Angstniveau gegeben -ob legitim oder auch weniger berechtigt- sei dahingestellt.<br \/>\nDieses hohe Anstniveau sucht unbewusst nach Best\u00e4tigung und findet dies in angsterregenden Informationen. Dem kommen Medien gern nach. Denn Beruhigung von ihnen ist fast nie zu erwarten. <\/p>\n<p>Es sei auch erg\u00e4nzt, dass Originalbeitr\u00e4ge von Forschern zuerst in Fachorganen erscheinen. Diese werden dann verk\u00fcrzt und nicht selten  zugespitzt von den Forscher selbst oder von Pressestellen  weitergemeldet. Und auf diese -und nicht auf den Originalartikel- greifen Journalisten zu, die von diesen diversesten Sachverhalten keine Kenntnis haben und nicht haben k\u00f6nnen.  Und im besten Fall  interviewen sie dazu den  Wissenschafter, der nicht selten auch geneigt ist, die Ergebnisse zuzuspitzen, um Aufmerksamkeit zu wecken&#8230;.Auch Forschung m\u00f6chte finanziert werden&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans H\u00f6gl Das weitverbreitete und vielgelesene Gratisblatt &#8222;Heute&#8220; in Wien hat den fragw\u00fcrdigen Anspruch, Fahrg\u00e4sten in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln schon in der Fr\u00fch auf dem Weg in die Arbeit oder Schule zu erm\u00f6glichen, in zwanzig Minuten die wichtigsten Ereignisse zu erfahren. 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