{"id":5238,"date":"2019-01-23T13:20:25","date_gmt":"2019-01-23T12:20:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/?p=5238"},"modified":"2019-01-25T10:49:36","modified_gmt":"2019-01-25T09:49:36","slug":"journalistische-selbstkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/journalistische-selbstkritik\/","title":{"rendered":"Journalistische Selbstkritik?"},"content":{"rendered":"<p><span data-mce-type=\"bookmark\" style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" class=\"mce_SELRES_start\"><span data-mce-type=\"bookmark\" style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span>\ufeff<\/span>Neue Z\u00fcrcher. Gastbeitrag. Online 23.1.2019<span data-mce-type=\"bookmark\" style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><\/p>\n<p>Hat sich beim fr\u00fcheren, zu Unrecht an den grossen Pranger der \u00d6ffentlichkeit gestellten Bundespr\u00e4sidenten <strong>Christian Wulff <\/strong>irgendeine Zeitung, ein Sender oder verantwortlicher Redaktor pers\u00f6nlich entschuldigt? Im Gegenteil, sein Buch \u00abGanz oben, ganz unten\u00bb, in dem Wulff die <strong>erbarmungslose Demontage seiner Person <\/strong>schildert, wurde von vielen Rezensenten gleich wieder mit H\u00e4me bedacht. Und wie sieht es jetzt im Fall des <strong>\u00abSpiegel\u00bb-Hochstaplers Claas Relotius <\/strong>mit der journalistischen Selbstkritik aus? Die Frage besch\u00e4ftigt auch die Autorin Susanne Gaschke. F\u00fcr sie bietet der j\u00fcngste Medienskandal eine Gelegenheit, \u00fcber die <strong>Entfremdung zwischen den Medienmachern und dem Publikum <\/strong>nachzudenken. Vermutlich werden die konkurrierenden Medien dazu zur\u00fcckfinden m\u00fcssen, einander gegenseitig auch in Qualit\u00e4ts- und Sorgfaltsfragen st\u00e4rker auf die Finger zu schauen, so schwer das in der gem\u00fctlichen kollegialen Beziehung fallen mag. Denn eine andere zuverl\u00e4ssige Instanz f\u00fcr Medienkritik als die Medien selbst habe unsere demokratische \u00d6ffentlichkeit nun einmal nicht, <a href=\"http:\/\/click.email.nzz.ch\/?qs=91a2d34d5c1296ecc3bbc4e0636bb51a0739901c4ecbd34bdeb6d33ba0cb0029bfebaa66595fc954b49f8f56bbc7f10402e50cedcc4b8df1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-saferedirecturl=\"https:\/\/www.google.com\/url?q=http:\/\/click.email.nzz.ch\/?qs%3D91a2d34d5c1296ecc3bbc4e0636bb51a0739901c4ecbd34bdeb6d33ba0cb0029bfebaa66595fc954b49f8f56bbc7f10402e50cedcc4b8df1&amp;source=gmail&amp;ust=1548331967228000&amp;usg=AFQjCNFuSeXX6pPwODQoVmJQB5TysxW8ug\">so Gaschkes Fazit in ihrem Feuilleton-Beitrag<\/a>.<\/p>\n<p>Wir f\u00fcgen noch Texte aus diesem Kommentar an und heben Textteile hervor:<\/p>\n<h2 class=\"subtitle regwalled\"><span class=\"subtitle__main\">Misstrauen und politische Ahnungslosigkeit<\/span><\/h2>\n<p class=\"text regwalled\">Parallel zum Misstrauen gedeiht die Gleichg\u00fcltigkeit: Seit mehr als zehn Jahren beobachtet das Institut f\u00fcr Demoskopie Allensbach, wie das Interesse der 14- bis 29-j\u00e4hrigen Deutschen an Politik, Wirtschaft, Geschichte, aber auch an Literatur oder klassischer Musik kontinuierlich schwindet. In den USA sieht es \u00e4hnlich aus.<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Der Politikwissenschafter Torben L\u00fctjen beschreibt, was passieren kann, wenn Misstrauen und politische Ahnungslosigkeit sich verbinden: Er spricht von einer Art \u00ab<strong>entgleister Aufkl\u00e4rung\u00bb<\/strong>. Nach seiner Lesart <em>hat sich das antiautorit\u00e4re, \u00abkritische\u00bb Denken in den westlichen Gesellschaften so sehr durchgesetzt (und vulgarisiert), dass inzwischen auch jene, die politisch \u00abrechts\u00bb zu verorten sind und bei denen man autorit\u00e4re Einstellungen vermuten w\u00fcrde, davon ergriffen wurden.<\/em> Von fr\u00fcheren Autorit\u00e4ten wollen sich diese neuen Antiautorit\u00e4ren nichts mehr sagen lassen; sie laufen nicht der Herde hinterher, sie recherchieren \u00abdie\u00bb Wahrheit selbst im Netz, sie durchschauen die T\u00e4uschungsabsicht des Systems. So kontraintuitiv das vielleicht klinge, schreibt L\u00fctjen, es handele sich dabei durchaus um eine \u00abindividuelle Selbsterm\u00e4chtigung\u00bb. Nur dass die derart selbst Erm\u00e4chtigten, weil sie den offiziellen Quellen aufgrund h\u00f6herer Einsicht ja nicht glauben k\u00f6nnen, besonders zu Verschw\u00f6rungstheorien neigen.<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Der amerikanische Autor Dave Eggers hat in seinem <strong>verst\u00f6renden Roman \u00abEure V\u00e4ter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?\u00bb (2014<\/strong>) einen Antihelden dieses verqueren Bewusstseins erstehen lassen. Argumentativ ist dem gef\u00e4hrlich verwirrten, aber ungeheuer \u00fcberzeugten jungen Mann in der Erz\u00e4hlung nicht beizukommen \u2013 am Ende wird er von Spezialkr\u00e4ften der Armee erschossen. Das w\u00e4re keine verlockende Perspektive f\u00fcr die Entwicklung des Diskursklimas.<\/p>\n<h2 class=\"subtitle regwalled\"><span class=\"subtitle__main\">Journalistisches Verhalten braucht Kritik<\/span><\/h2>\n<p class=\"text regwalled\">&#8230;.. \u00a0Ab heute glauben wir euch Journalisten kein Wort mehr! Der Prozess der Entfremdung w\u00e4re, erstens, ohne das Internet undenkbar: Erst das Internet bietet die alternativen Quellen, erst das Internet bringt Zehntausende von Gleichgesinnten zusammen, best\u00e4tigt st\u00f6rungsfrei vorgefasste Meinungen, erlaubt anonyme Beleidigungen Andersdenkender.<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Zweitens haben die Medien erheblichen Anteil am Kontaktverlust zum Publikum. Dar\u00fcber ist meist wenig zu lesen: <strong>F\u00fcr Journalisten scheint ihr eigenes Tun oft im toten Winkel zu liegen<\/strong>. Es ist schon erstaunlich, dass e<strong>ine Branche,<\/strong> <strong>die Kritik f\u00fcr ihre wesentliche Aufgabe h\u00e4lt, sich selbst mit dem Kritisiertwerden oft so schwertut<\/strong>. Sicher, gelegentlich gibt es Aufwallungen von Selbstbezichtigung und Reue. Etwa im Falle des, wie wir inzwischen wissen, zu Unrecht an den ganz grossen \u00d6ffentlichkeitspranger gestellten Bundespr\u00e4sidenten Christian Wulff. Oder wie eben jetzt im Fall des \u00abSpiegel\u00bb-Hochstaplers. Doch sehr nachhaltig sind diese Anf\u00e4lle von Selbstkritik bisher nicht gewesen&#8230;..<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">\u00a0Beim \u00abSpiegel\u00bb ist das Selbstbewusstsein immer besonders ausgepr\u00e4gt. Aber es steht zu f\u00fcrchten, dass viele Vertreter des Berufsstands diesen <strong>Immunit\u00e4tsanspruch<\/strong> teilen. Die unausgesprochene Grundannahme der Journalisten lautet zu oft: Wir sind die Guten, wir haben keine eigenen Interessen, wir stehen f\u00fcr die Kritik an den M\u00e4chtigen, wir k\u00f6nnen die Wahrheit erkennen. Es ist schon klar, dass Journalisten nach alldem streben m\u00fcssen \u2013 aber jede Lebenserfahrung spricht dagegen, dass das immer gelingt. In Sachen Relotius war nun wirklich nichts mehr zu retten, weshalb <strong>der \u00abSpiegel\u00bb dann eben die tollste selbstkritische Titelgeschichte, die beste Fehleraufarbeitung aller Zeiten, den schonungslosesten Umgang mit einem Ex-Mitarbeiter pr\u00e4sentierte \u2013 und alles war <em>wundervoll<\/em> geschrieben.<\/strong><\/p>\n<h2 class=\"subtitle regwalled\"><span class=\"subtitle__main\">Zerrbild korrekter Berichterstattung<\/span><\/h2>\n<p class=\"text regwalled\">Das Bittere an der Relotius-Geschichte ist, dass sie gerade von Ressentiment gepr\u00e4gte Mitb\u00fcrger weder wundert noch entsetzt. Und es ist doppelt bitter, dass die \u00abReportagen\u00bb von Claas Relotius diesem (Zerr-)Bild von politisch korrekter Berichterstattung vollkommen entsprachen: Randvoll sind sie mit dumpf-reaktion\u00e4ren Trump-W\u00e4hlern, herzzerrreissenden syrischen Fl\u00fcchtlingskindern und zu Unrecht in Guant\u00e1namo Eingekerkerten. W\u00e4ren sie der Redaktion auch unter umgekehrten politischen Vorzeichen durchgerutscht?<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Nun setzen sich nat\u00fcrlich auch die Chefredaktoren nicht an den Konferenztisch und beschliessen dort eine m\u00f6glichst einheitliche und bevormundende Linie der Berichterstattung. Aber der Journalismus ist ein Milieu, eine Sph\u00e4re, ein gesellschaftliches Subsystem, das seine Angeh\u00f6rigen pr\u00e4gt \u2013 durch kulturelle Vorbilder und Tradition, durch \u00f6konomische Zw\u00e4nge und manchmal auch durch Moden und Ideologien. Seit dem Ende des Kalten Krieges ist es zum Beispiel zunehmend unmodern geworden, dass Journalisten ganz klar einer Partei oder einer politischen \u00dcberzeugung zuzuordnen sind: \u00abNeutral\u00bb sollte ihre Berichterstattung sein. <em><strong>Wobei allerdings in Vergessenheit geriet, dass jeder Mensch, auch jeder Reporter, erkenntnisleitende Interessen hat \u2013 nicht nur SPD oder CDU, sondern auch m\u00e4nnlich, weiblich oder allerlei anderes; homo oder hetero, Fleisch oder Veganer; religi\u00f6s oder nicht; Hunde- oder Katzenfreund.<\/strong><\/em><\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Unz\u00e4hlige Faktoren beeinflussen die Konstruktion eines Textes. Aus dem prinzipiell aussichtslosen Bem\u00fchen um Neutralit\u00e4t wurde bald eine bestimmte Form von Schiedsrichter-Besserwisserei, die sich nicht nur \u00fcber die immer so hoffnungslos ungen\u00fcgenden Politiker, Wirtschaftlenker oder Sportler erhob, sondern implizit auch \u00fcber die Leser und Zuschauer. Man sagte ihnen, was sie zu denken h\u00e4tten, ohne die eigene Parteilichkeit offenzulegen.<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Die Quotenangst f\u00fchrte zu <strong>Themenkonformit\u00e4t:<\/strong> Warum haben <em>wir\u00a0<\/em>diese Geschichte nicht? Die Beschleunigung durch das Netz f\u00fchrt oft zu einem Sieg von Schnelligkeit \u00fcber Gr\u00fcndlichkeit. Die Krawallaffinit\u00e4t vieler Online-Leser f\u00fchrte dazu, dass die Redaktionen anfingen, nicht mehr nach Relevanz, sondern nach Klickzahlen zu gieren. Geradezu komplement\u00e4r zum hektischen Quoten- und Onlinegesch\u00e4ft entwickelte sich die besonders sch\u00f6n geschriebene Reportage, die fast an Literatur grenzt, und, siehe Relotius, offenbar dazu verf\u00fchrt, die <strong>sperrigen Aspekte der Wirklichkeit so lange zurechtzuphantasieren, bis sie in das \u00e4sthetische Konzept des Autors passen.<\/strong><\/p>\n<h2 class=\"subtitle regwalled\"><span class=\"subtitle__main\">Gibt es Abhilfe?<\/span><\/h2>\n<p class=\"text regwalled\">Ein ganzes Universum von Preisen (in Deutschland ist von 250 bis 500 die Rede) ist nur daf\u00fcr da, dass Journalisten gegenseitig ihre wundervoll geschriebenen Texte pr\u00e4mieren. Man bewirbt sich f\u00fcr diese Preise \u00fcbrigens selbst, oftmals von den Redaktionen ermutigt. Dem breiten Publikum d\u00fcrfte der ganze Zirkus weitgehend unbekannt sein. Aber vielleicht sp\u00fcrt es, dass viele Artikel eigentlich f\u00fcr die Kollegen in den Jurys geschrieben sind. Schaut man sich im unerbittlichen Internet noch einmal die dreist\u00fcndige Verleihung zum Deutschen <strong>Reporterpreis 2018 an (beste Reportage: Claas Relotius),<\/strong> kann man das Mass an Branchen-<strong>Selbstbeweihr\u00e4ucherung<\/strong> nur schwer aushalten.<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Gibt es Abhilfe? Ganz leicht sicher nicht. Vermutlich werden die konkurrierenden Medien dazu zur\u00fcckfinden m\u00fcssen, einander gegenseitig auch in Qualit\u00e4ts- und Sorgfaltsfragen st\u00e4rker auf die Finger zu sehen, so schwer das im gem\u00fctlichen kollegialen Verh\u00e4ltnis fallen mag.<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Aber eine andere zuverl\u00e4ssige Instanz f\u00fcr Medienkritik als die Medien selbst hat unsere demokratische \u00d6ffentlichkeit nun einmal nicht. Journalisten m\u00fcssen mehr Bescheidenheit und manchmal auch mehr Wohlwollen gegen\u00fcber ihren Berichtsgegenst\u00e4nden \u2013 und Lesern \u2013 entwickeln. Und sie brauchen eine Entschuldigungskultur, die nicht versch\u00e4mt oder trotzig Fehler h\u00f6chstens auf Seite 18 zugibt. Ob das alles hilft, um die \u00d6ffentlichkeit zu reparieren und Vertrauen zur\u00fcckzugewinnen? Vielleicht nicht. Es aber nicht einmal versucht zu haben, hilft auf keinen Fall.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\ufeff\ufeffNeue Z\u00fcrcher. Gastbeitrag. Online 23.1.2019\ufeff Hat sich beim fr\u00fcheren, zu Unrecht an den grossen Pranger der \u00d6ffentlichkeit gestellten Bundespr\u00e4sidenten Christian Wulff irgendeine Zeitung, ein Sender oder verantwortlicher Redaktor pers\u00f6nlich entschuldigt? 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