{"id":3722,"date":"2017-04-28T12:55:56","date_gmt":"2017-04-28T10:55:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/?p=3722"},"modified":"2017-04-28T12:58:01","modified_gmt":"2017-04-28T10:58:01","slug":"freiheit-ohne-verantwortung-verantwortung-ohne-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/freiheit-ohne-verantwortung-verantwortung-ohne-freiheit\/","title":{"rendered":"Freiheit ohne Verantwortung ? Verantwortung ohne Freiheit ?"},"content":{"rendered":"<p>Udo Bachmair<\/p>\n<p>\u201eFreiheit und Verantwortung\u201c \u2013 das ist die Losung des Reformationsjubil\u00e4ums 2017. 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers. Ein Motto, dem sich Evangelische hierzulande besonders verpflichtet f\u00fchlen. Dabei wird Verantwortung nicht als Gegensatz zur Freiheit gesehen. Im Gegenteil: Nur ein freier Mensch kann Verantwortung f\u00fcr sein Handeln \u00fcbernehmen. Und umgekehrt w\u00e4re Freiheit, ohne mit Verantwortung gepaart zu sein, ethisch kaum vertretbar.<\/p>\n<p>Freiheit und Verantwortung erscheinen auch unabdingbar f\u00fcr guten Journalismus. Dieser wird neben handwerklicher und inhaltlicher Qualit\u00e4t zus\u00e4tzlich dann optimiert, wenn er auch medienethischen Kriterien gen\u00fcgt. Werden Medien und Journalistinnen und Journalisten ihrer gro\u00dfen Verantwortung gen\u00fcgend bewusst ? Eine der Fragen, die sich auch Marco Uschmann stellt, Chefredakteur der evangelischen Zeitschrift SAAT. Hier sein Beitrag:<\/p>\n<h4><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Freiheit und Verantwortung \u2013 die 4. Macht im Staat<\/strong><\/span><\/h4>\n<p><strong>Marco Uschmann<\/strong><\/p>\n<p>Es geschah im Leitmedium \u00d6sterreichs \u2013 dem ORF. In der ZIB 2, eine der meistgesehenen Nachrichtensendungen im Land, wird der scheidende Landeshauptmann Erwin Pr\u00f6ll am 27. M\u00e4rz von Armin Wolf gefragt, ob er einen absolutistischen Arbeitsstil gepflegt hat. Pr\u00f6ll antwortet: \u201eMittlerweile sind wir Gott sei Dank in der Republik so weit, dass man nicht mehr alles und jedes glaubt, was in den Schreibstuben und Redaktionsstuben in Wien alles ausgekocht wird.\u201c Mit anderen Worten: Journalisten in Wien denken sich Geschichten aus. Pr\u00f6ll bezog sich auf die Berichte der Zeitung \u201eFalter\u201c \u00fcber F\u00f6rderungen f\u00fcr eine Privatstiftung. Inzwischen klagen einander \u00d6VP und Falter \u00fcber die Produktion und vermeintliche Verbreitung von \u201eFake News\u201c &#8211; also Falschmeldungen.<\/p>\n<p>Es gibt weit dramatischere Beispiele daf\u00fcr, wie sich die 4. Macht im Staat, also die Presse, ihrer Verantwortung bewusst geworden ist und sich nicht einsch\u00fcchtern lie\u00df: Herausragender Fall ist wohl die Watergate-Aff\u00e4re. Sie ist geradezu ein Fanal und steht f\u00fcr den Triumph der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pressefreiheit\">Pressefreiheit<\/a>, weil Journalisten Amtsmissbr\u00e4uche Pr\u00e4sident Richard Nixons gegen seine politischen Gegner enth\u00fcllten. <!--more-->Ber\u00fchmt wurde in diesem Zusammenhang vor allem die 1973 mit dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pulitzer-Preis\">Pulitzer-Preis<\/a> ausgezeichnete Berichterstattung der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/The_Washington_Post\"><em>Washington Post<\/em><\/a> und ihrer beiden Reporter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bob_Woodward\">Bob Woodward<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carl_Bernstein\">Carl Bernstein<\/a>. Schlie\u00dflich trat Nixon zur\u00fcck, der einzige amerikanische Pr\u00e4sident \u2013 bisher.<\/p>\n<p>Erinnern sie sich noch an die Lucona-Aff\u00e4re? Der Frachter <em>Lucona<\/em> wurde 1976 von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Udo_Proksch\">Udo Proksch<\/a>, dem damaligen Prokuristen des Wiener Kaffeehauses <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Demel\">Demel<\/a>, gechartert. Das Schiff wurde in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chioggia\">Chioggia<\/a> in Oberitalien angeblich mit einer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Uran\">Aufbereitungsanlage<\/a> f\u00fcr Uranerz beladen. Die Ladung wurde f\u00fcr 212 Mio. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%96sterreichischer_Schilling\">Schilling<\/a> (etwa 15 Mio. Euro) versichert. Adressat der Lieferung war ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Strohmann\">Strohmann<\/a> Prokschs. Das Schiff wurde am 23. Januar 1977 in der Gegend der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Malediven\">Malediven<\/a> im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Indischer_Ozean\">Indischen Ozean<\/a> versenkt. Dabei wurde der Tod der zw\u00f6lfk\u00f6pfigen Besatzung in Kauf genommen, sechs Menschen kamen tats\u00e4chlich ums Leben. Aufgedeckt haben die Aff\u00e4re zwei Journalisten: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gerald_Freihofner\">Gerald Freihofner<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Pretterebner\">Hans Pretterebner<\/a>.<\/p>\n<p>Die 4. Macht im Staat \u2013 alles klar, m\u00f6chte man meinen. Selbstverst\u00e4ndlich folgen jetzt einige Geschichten, die das ganze Gegenteil beweisen. Vorher seien aber die ersten drei Gewalten im Staat genannt: Judikative (Gerichtsgebende), Exekutive (Ausf\u00fchrende) und Legislative (Gesetzgebende). H\u00f6rt sich schl\u00fcssig an, ist es aber nicht. Denn im Gegensatz zur Presse sind diese laut Verfassung definiert und gew\u00e4hlte bzw, bestellte Organe. Die 4. Gewalt ist das nicht. Die Presse, das sind Unternehmen.<\/p>\n<p>Journalisten haben im Vietnamkrieg unzensierte Bilder direkt in die Wohnzimmer der Amerikaner und der ganzen Welt geliefert. Und das waren schreckliche Bilder. Sie haben auf diese Weise dazu beigetragen, dass sich die Meinung in den USA zum Vietnam Krieg dramatisch ver\u00e4nderte. Demonstrationen waren die Folge, die \u00f6ffentliche Meinung schlug um, junge M\u00e4nner verbrannten ihre Einberufungsbescheide \u2013 die Regierung hat den Kampf um die Meinungshoheit im Land verloren. Weil die Bev\u00f6lkerung umfassend informiert war. So weit, so gut. Dann aber kam der S\u00fcndenfall der so genannten 4. Gewalt: Im n\u00e4chsten gr\u00f6\u00dferen Konflikt der USA war dementsprechend damit Schluss: Im Irak-Krieg berichteten nur noch sogenannte Embedded Journalists, die in US-Einheiten eingebettet waren und nur noch Bilder bekamen, die der Regierung genehm waren. Die gesamte Kommunikation nach au\u00dfen wurde einer PR-Agentur \u00fcbertragen. So gab es diese Bilder mit den gr\u00fcnen Streifen der Raketen am Nachthimmel, die schaurig-sch\u00f6n ihr Ziel fanden. Wie in einem Video-Spiel. Au\u00dferdem wurde der gesamt Krieg \u00fcberhaupt erst von der PR erm\u00f6glicht, weil n\u00e4mlich die \u00f6ffentliche Meinung manipuliert wurde.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Sprung: Auf der Flucht vor Bildjournalisten rasten Lady Di &#8211; immer noch die meistfotografierte Frau der Welt &#8211; und ihr Lebensgef\u00e4hrte Dodi Al Fayed in den Tod. Das Fahrzeug zerschellte mit weit \u00fcberh\u00f6hter Geschwindigkeit am 31. August 1997 in Paris in einem Tunnel, \u2013 dicht gefolgt von Journalisten auf Motorr\u00e4dern, die auf der Jagd waren nach Fotos von Lady Di und dem neuen Mann an ihrer Seite.<\/p>\n<p>Nach jener Silvesternacht in K\u00f6ln 2015 auf 2016 musste sich das ZDF massive Kritik gefallen lassen, weil es am Tag danach zwar im \u201eheute journal\u201c um 21.45 Uhr, nicht aber in der heute-Sendung um 19 Uhr \u00fcber die Attacken gegen Frauen berichtete. Ein Fehler, den die Journalisten wenig sp\u00e4ter offen einr\u00e4umten. Elmar Theve\u00dfen, stellvertretender ZDF-Chefredakteur, schrieb auf Facebook: \u201eEs war ein Vers\u00e4umnis, dass die 19-Uhr-heute-Sendung die Vorf\u00e4lle nicht wenigstens gemeldet hat. Die heute-Redaktion entschied sich jedoch, den geplanten Beitrag zu verschieben, um Zeit f\u00fcr erg\u00e4nzende Interviews zu gewinnen. Dies war jedoch eine klare Fehleinsch\u00e4tzung.\u201c<\/p>\n<p>Hier sind wir bei einem wichtigen Punkt, denn jetzt spricht der Qualit\u00e4tsjournalismus. Diesen Begriff f\u00fchrt der Medienethiker Alexander Filipovi\u0107 ein. Qualit\u00e4tsjournalismus ist ein gewichtiger Teil der 4. Macht im Staat. Und die unterliegt ganz klar und eindeutig Kriterien. Als erstes ist da zu nennen: Wir bel\u00fcgen nicht unser Publikum \u2013 das 8. Gebot. Dann: Wir legen unsere Quellen offen und sagen, woher unsere Informationen kommen. Dann: Wir betreiben keine Meinungsmanipulation, sondern tragen im Gegenteil zur Meinungsbildung bei \u2013 so bringt es Filipovi\u0107 auf den Punkt. Es sei Aufgabe und Verantwortung des Journalismus, \u00d6ffentlichkeit herzustellen und Information zu verbreiten. Er nennt es: \u201eWas im Dunklen liegt ans Licht zu bringen.\u201c Demzufolge kann die Gesellschaft nicht darauf verzichten, dass es gut ausgebildete Journalisten gibt. Denn sie sitzen in den Redaktionsr\u00e4umen und verschaffen den Menschen Zugang zur Welt. Das ist \u00e4u\u00dferst wichtig f\u00fcr die Demokratie. Denn in der Demokratie ist ja das Volk der Souver\u00e4n \u2013trifft also die Entscheidungen. Das geht aber nur, wenn das Volk umfassend, fair und ausgewogen informiert ist. So hat der Journalismus eine lebensnotwendige Funktion f\u00fcr die Demokratie. Daher gibt es ganz eindeutige ethische Kriterien f\u00fcr die Presse, die in einer Selbstverpflichtung, etwa im \u00d6sterreichischen Pressekodex definiert sind. Dort hei\u00dft es in der Pr\u00e4ambel im ersten Satz: \u201eJournalismus bedingt Freiheit und Verantwortung. Zeitungsherausgeber\/innen, Verleger\/innen, Ho\u0308rfunk- und Fernsehverantwortliche sowie Journalisten und Journalistinnen tragen in besonderer Weise Verantwortung f\u00fcr die in einer Demokratie lebensnotwendige Freiheit der Massenmedien. Die Freiheit in Berichterstattung und Kommentar, in Wort und Bild ist integrierender Bestandteil der Pressefreiheit. Das Sammeln und Verbreiten von Nachrichten und Kommentaren darf nicht behindert werden. Und weiter: Gewissenhaftigkeit und Korrektheit in Recherche und Wiedergabe von Nachrichten und Kommentaren sind oberste Verpflichtung von Journalisten.\u201c<\/p>\n<p>Nur dann ist n\u00e4mlich gew\u00e4hrleistet, dass Menschen Informationen bekommen, um sich ihre Meinung zu bilden. Dies setzt also eine handwerkliche und eine ethische Kompetenz der Medienschaffenden voraus. Hier zieht Filipovi\u0107 den Philosophen Immanuel Kant zu Rate. Kant schreibt in seinem Aufsatz <em>Was ist Aufkl\u00e4rung?<\/em><\/p>\n<p><em>Aufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit . (Unm\u00fcndigkeit ist das Unverm\u00f6gen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unm\u00fcndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlie\u00dfung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sapere_aude\"><em>Sapere aude<\/em><\/a><em>! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufkl\u00e4rung). <\/em><\/p>\n<p>Es handelt sich dabei \u2013 und das ist wichtig &#8211; um eine eigenst\u00e4ndige Bewegung heraus aus der Unm\u00fcndigkeit und hinein in Freiheit und damit Selbstbestimmung. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen Publizit\u00e4t und Aufkl\u00e4rung \u2013 also Freiheit. Die freie Gesellschaft braucht \u00d6ffentlichkeit, um zu Informationen zu kommen. Hier liegt die Aufgabe des Journalismus.<\/p>\n<p>Und wieder Kant, n\u00e4mlich sein Kategorischer Imperativ: \u201eHandle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.\u201c Das ist f\u00fcr den Philosophen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Immanuel_Kant\">Immanuel Kant<\/a> das grundlegende Prinzip der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ethik\">Ethik<\/a>. Beides gilt f\u00fcr den Journalismus. Hier liegt der Anspruch, den die Medienrezipienten, als wir LeserInnen, H\u00f6rerInnen und KonsumentInnen an den Qualit\u00e4tsjournalismus stellen sollten, stellen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>So weit, so gut. Heute aber kann jeder publizieren, und zwar weltweit. Und sehr sehr viele Menschen tun dies auch. Das bedeutet, dass Medienethik nicht mehr nur Thema professioneller Medienschaffenden ist. Medienethik ist jetzt nicht mehr Professionsethik. So betrifft etwa der Umgang mit Pers\u00f6nlichkeitsrechten jeden, der publiziert. Jeder hat den Schutz der Privatsph\u00e4re zu achten. Das gilt f\u00fcr jeden, der ein Smartphone hat und Bilder ins Netz stellt. Die Plattformen, in denen Social Media funktionert, sind nun aber kommerzielle Unternehmen. Sie wollen Geld verdienen und erreichen dies durch das Abgreifen und Verkaufen von Daten beispielsweise. Nur weil ein Facebook-account gratis ist, kostet er ja nicht nichts. Er kostet mich meine Daten. So werden Nachrichtenproduzenten im Internet \u2013 also User &#8211; selbst zu Produkten von Social-Media-Unternehmen. Denn ein Facebook-Account ist ja ein Produkt von Facebook. Und w\u00e4hrend sich Journalisten an der Medienethik orientieren, trifft dies f\u00fcr die vielen privaten Produzenten von Nachrichten und Bildern im Internet nicht zu. Diese Freiheit geht aber auch hier einher mit Verantwortung f\u00fcr die Inhalte, die publiziert werden. Und so gilt auch hier der Kategorische Imperativ Kants: \u201eHandle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.\u201c Denn hier greift das der Satz von der 4. Macht im Staat mit seinen Qualit\u00e4tskriterien einfach nicht mehr.<\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen von Social Media aber hat nun massiven Einfluss auf den oben skizzierten Qualit\u00e4tsjournalismus. So gibt es laut Medienethiker Filipovi\u0107 kein Monopol mehr auf gute Recherche, auf Wahrheit, auf Qualit\u00e4t der \u00f6ffentlichen Kommunikation. Er nennt es die \u201eVergesellschaftung der Kommunikationsmittel\u201c \u2013 aber ist diese Kommunikation noch handhabbar von der Gesellschaft? Ist diese Kommunikation noch kontrollierbar von der Gesellschaft? Soll sie denn \u00fcberhaupt kontrollierbar sein? Denn was ist dann mit der Freiheit? Vielleicht gelingt eine Art Kontrolle \u00fcber Finanzierung von Qualit\u00e4tsjournalismus. Wenn ich zu jeder Zeit die ganze Welt in der Tasche habe, dann brauche ich keine \u00fcberregionale Tageszeitung mehr zu kaufen. Auch kommt der Qualit\u00e4tsjournalismus gegen die Geschwindigkeit von Blogs \u2013 also privaten Internettageb\u00fcchern \u2013 nicht an. Dieser Kampf ist hoffnungslos.<\/p>\n<p>Was ist Qualit\u00e4tsjournalismus? Etwas, das sich massiv ver\u00e4ndert derzeit. Und das muss er auch: Gefragt sind viel mehr Hintergrundberichte, Analysen und gute Recherchen. Also all das, was Qualit\u00e4tsjournalismus ausmacht und was sonst keiner kann. Das aber kostet Geld, viel Geld. Und wie sollte es anders sein, das Geld wird immer knapper: Zun\u00e4chst einmal gehen die Printausgaben massiv zur\u00fcck BILD -10.1 % in einem Jahr, Spiegel ebenfalls \u2013 10 %. In \u00d6sterrreich Krone \u2013 2,4 % in einem Jahr. So m\u00fcssen teuer neue Produkte entwickelt werden wie etwa Digitalabos oder Internetauftritte. Kein Medium kann darauf heutzutage verzichten. Im Internet aber sind wir es gewohnt, Inhalte gratis zu bekommen. Erst in den vergangenen ein\/zwei Jahren geschieht es langsam, dass Inhalte im Netz etwas kosten. Ein Gl\u00fcck. Denn mit sinkender Auflage und sinkender Reichweite brechen nat\u00fcrlich auch die Einnahmen der Medienh\u00e4user weg. Und das sind ja diejenigen, die den Qualit\u00e4tsjournalismus gew\u00e4hrleisten. Wir m\u00fcssen uns klar sein, dass die Medienh\u00e4user ja auch kommerzielle Unternehmen sind, die Geld verdienen wollen und m\u00fcssen. Denn sonst verschwinden sie. Schon immer haben Zeitungen und fl\u00fcchtige Medien, also Fernsehen, Radio und auch Internet, einen Gro\u00dfteil ihrer Einnahmen aus Werbeertr\u00e4gen lukriert. Das kann zu Schwierigkeiten f\u00fchren. Hier k\u00f6nnen Abh\u00e4ngigkeiten entstehen, aufseiten der Publikationen, indem sie ihre Berichterstattung den Kundenw\u00fcnschen anpassen. Aufseiten der Inseratenkunden sehe ich Abh\u00e4ngigkeiten, indem Inserate geschaltet werden, um die Berichterstattung positiv zu beeinflussen. Was hilft? Medienf\u00f6rderungen? Zwangsabgaben wie die GIS-geb\u00fchr? Presse- und Publistikf\u00f6rderung gibt es ja l\u00e4ngst. Aber das ist bestenfalls eine Teill\u00f6sung. Der Staat, also wir, sichert \u00fcber F\u00f6rderungen Qualit\u00e4tsjournalismus und Pressevielfalt. Aber begeben sich die Verlagsh\u00e4user dann nicht in Abh\u00e4ngigkeiten gegen\u00fcber der Politik? Und was ist von einer Sendeanstalt zu halten, dessen Aufsichtsrat \u2013 also dem Stiftungsrat \u2013 politischen Parteien mit sogenannten Freundeskreisen zugeordnet ist?<\/p>\n<p>Medien agieren in der Gesellschaft und f\u00fcr die Gesellschaft. Sie sind Teil der Gesellschaft. Betrachte ich nun die gesellschaftliche Gro\u00dfwetterlage, so l\u00e4sst sich ein Dreischritt feststellen. So jedenfalls diagnostiziert es J\u00f6rg Sadrozinski, Leiter der renommierten Deutschen Journalistenschule: \u201eZur Finanzkrise kommt eine Wirtschaftskrise und die f\u00fchrt zu einer Glaubw\u00fcrdigkeitskrise.\u201c Ohne zu weit in die Politik abzuschweifen: Es hat ja seinen Grund, warum Populismus &#8211; egal welcher Coloeur &#8211; zunehmend Raum gewinnt im gesellschaftlichen Diskurs. Auch die Politik und das sogenannte Establishment leiden unter einer Glaubw\u00fcrdigkeitskrise. Der Begriff \u201eL\u00fcgenpresse\u201c h\u00e4ngt damit sicherlich zusammen. Bei einer Untersuchung von \u201eBreitbartnews\u201c hat sich herausgestellt, dass diese Internetplattform in den USA nicht nur sogenannte \u201eFake News\u201c produziert und damit Themen setzt, sondern auch noch seri\u00f6se Medien dazu veranlasst, diese Themen ebenfalls zu bringen. Das funktioniert so: \u201eWas die anderen haben, das m\u00fcssen wir auch haben\u201c oder \u201eWas die anderen bringen, das wird schon stimmen\u201c. Ein Ph\u00e4nomen, unter dem besonders der Boulevard-Journalismus leidet \u2013 der ja die Geschichten bringt, die die Menschen interessieren. Sonst h\u00e4tte das Kleinformat nicht diese enorme Auflage und Reichweite. Und so verselbstst\u00e4ndigen sich Themen und Meldungen, die aus dem Nichts gekommen sind und deren Wahrheitsgehalt nicht \u00fcberpr\u00fcft wurde.<\/p>\n<p>Innerhalb des Journalismus ist der Boulevard ja noch einmal eine Spezialit\u00e4t. Hier finden sich mit Abstand die h\u00f6chsten Auflagen und gr\u00f6\u00dften Reichweiten. So hat die Kronenzeitung eine verbreitete Auflage von 790.000 (Mo \u2013 Fr), heute (aus demselben Haus kommend) 621.000 (Mo \u2013 Fr), \u00d6sterreich 555.000 (Mo \u2013 Fr) und die Krone am Sonntag kommt auf 1.240.000 verbreitete Auflage. \u201eEs ist die Kunst, das Wichtige und Interessante auf den Punkt zu bringen\u201c sagt der Boulevard von sich selbst. Das beste Beispiel und eine der besten \u00dcberschriften \u00fcberhaupt stammen von der gr\u00f6\u00dften Boulevardzeitung Deutschlands \u2013 der Bildzeitung. Sie titelte, als Benedikt zu Papst gew\u00e4hlt wurde: \u201eWir sind Papst\u201c. Das hat sprachsch\u00f6pfend gewirkt. Hier findet sich die die gro\u00dfe Kunst des Boulevards. Aber hier zeigen sich auch die dunklen Schattenseiten des Journalismus. Nirgendwo sonst werden Menschen so r\u00fccksichtslos vorgef\u00fchrt, der \u00d6ffentlichkeit und der L\u00e4cherlichkeit preisgegeben. Der Boulevard ist eine Macht und er wei\u00df darum, nicht umsonst hei\u00dft es ja: Gegen die Kronenzeitung kann man nicht regieren. Dass das die Politiker auch wissen, haben sie oft genug bewiesen. Erst j\u00fcngst ist die Kronen-Zeitung gegen die Schriftstellerin Stefanie Sargnagel, immerhin Publikumspreistr\u00e4gerin des Bachmann-Preises 2016, zu Felde gezogen. Sargnagel, selbstverst\u00e4ndlich ein K\u00fcnstlername, hat mit zwei anderen Journalistinnen eine Reise unternommen nach Marokko. Von dort schrieben sie satirische Artikel, in denen S\u00e4tze wie \u201eDie Nacht von K\u00f6ln hat zu viel versprochen, die Marokkanischen M\u00e4nner spielen nur eingeraucht Uno\u201c. Auch schrieb Sargnagel davon, eine Babykatze in die Seite getreten zu haben. Die Kronenzeitung nun ist darauf aufmerksam geworden und hat sich vor allem daran gest\u00f6rt, dass die drei mit staatlicher F\u00f6rderung nach Nordafrika gefahren sind (je 750 Euro). Was folgte, war ein Shitstorm, inklusive Morddrohungen gegen die Schriftstellerin. Ich denke, man kann hier durchaus von einer Hetze der Kronenzeitung sprechen. Es bleibt die Frage: Warum erh\u00e4lt ein Medium staatliche <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/r1326502889818\/Medienfoerderung-Pressefoerderung\">Pressef\u00f6rderung<\/a>, das gezielte Kampagnen gegen Einzelpersonen lostritt und damit mitverantwortlich ist f\u00fcr Mord- und Vergewaltigungsdrohungen? F\u00e4llt das noch unter Pressefreiheit? &#8222;Wer die &#8218;Krone&#8216; mit \u00f6ffentlichen Geldern und Inseraten alimentiert, muss sich daf\u00fcr rechtfertigen, Menschenhatz zu f\u00f6rdern&#8220;, <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000054070878-413\/Kronen-Zeitung-Katzen-retten-Frauen-treten\">bringt es STANDARD-Autorin Lisa Mayr in einem Kommentar auf den Punkt.<\/a> Ich meine: Das Verhalten der Kronenzeitung ist keinesfalls kompatibel mit den ethischen Richtlinien des Presserates und der ethischen Selbstverpflichtung \u2013 kleines Detail: Die Krone ist auch nicht Mitglied. Soweit zu dieser \u201eSargnagel-Aff\u00e4re\u201c, die ich hier nur in sehr groben Z\u00fcgen geschildert habe. In der Folge aber erw\u00e4chst ein Dilemma f\u00fcr die Evangelische Kirche: Denn es gibt etliche Kolleginnen und Kollegen, die in der Kronenzeitung schreiben, auch gibt es ein Naheverh\u00e4ltnis von K\u00e4rntner Pfarrern zur K\u00e4rntner Krone, die sich in der Sargnagel-Aff\u00e4re besonders hervorgetan hat. Was tun? Nicht mehr schreiben in der Krone? Das bedeutet, einen sehr weitreichenden Kanal zu den Menschen im Land zu verlieren. Keine gute Entscheidung. Versuchen, auf die Krone Einfluss zu nehmen? Ich denke nicht, dass das gelingt. Weitermachen wie bisher? Ein klassisches Dilemma.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Qualit\u00e4tsjournalismus und seiner harten W\u00e4hrung, dem Vertrauen. Nicht umsonst hat sich das ZDF so beeilt, sich zu entschuldigen nach den Vers\u00e4umnissen nach der Nacht von K\u00f6ln. Hier stand f\u00fcr das ZDF nichts anderes als das Vertrauen seiner Nutzer auf dem Spiel. Das gilt f\u00fcr alle Medien: Ist das Vertrauen weg, sind die Leser weg. Und so sind wir bei uns NutzerInnen angelangt: Auch hier ist Medienkompetenz gefordert, deren Kernfrage lautet: Was f\u00fcr einen Journalismus wollen wir haben? Achten wir darauf, woher wir unsre Informationen beziehen? Sind wir bereit zu bezahlen f\u00fcr Qualit\u00e4tsjournalismus? Der Journalistenlehrer Sadrozinski fragt in diesem Zusammenhang, was fehlt, wenn es den Qualit\u00e4tsjournalismus nicht mehr gibt: Wenn niemand mehr von den Fl\u00fcchtlingsschicksalen berichtet, ertrinken dann keine Menschen mehr im Mittelmeer? Wenn niemand mehr schreibt \u00fcber den Krieg in Syrien, herrscht dann Frieden? Wenn es keine Artikel mehr gibt \u00fcber Unterdr\u00fcckung in der T\u00fcrkei, haben wir dann Demokratie dort? Dar\u00fcber zu berichten kostet Geld und Mut \u2013 und manchmal auch das Leben von Journalisten (Demir Y\u00fccel von der Welt sitzt seit Monaten in t\u00fcrkischer Gefangenschaft). Geschulte Journalisten brauchen Zeit und Geld \u2013 unser Vertrauen &#8211; um Geschichten zu recherchieren und aufzubereiten.<\/p>\n<p>Und so haben nicht nur die Medien Freiheit und Verantwortung in der Aus\u00fcbung ihres Berufes. Heute haben auch die Nutzer der Medien gro\u00dfe Vielfalt und Freiheit, die Medien zu w\u00e4hlen. Und dazu geh\u00f6rt eindeutig die Verantwortung, sich breit zu informieren. Hinaus zu gehen aus den eigenen Echor\u00e4umen und bewusst ein Medium aus einer anderen Ecke zu konsumieren. Das ist durchaus ein Schritt hinaus aus der Unm\u00fcndigkeit hin zur M\u00fcndigkeit (Kant). So genie\u00dfen wir gro\u00dfe Freiheit und tragen gro\u00dfe Verantwortung \u2013 f\u00fcr die Gesellschaft und damit f\u00fcr uns selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Udo Bachmair \u201eFreiheit und Verantwortung\u201c \u2013 das ist die Losung des Reformationsjubil\u00e4ums 2017. 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers. 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