{"id":3154,"date":"2016-10-30T20:01:33","date_gmt":"2016-10-30T18:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/?p=3154"},"modified":"2016-10-30T20:04:18","modified_gmt":"2016-10-30T18:04:18","slug":"gutmenschen-blind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/gutmenschen-blind\/","title":{"rendered":"Gutmenschen blind ?"},"content":{"rendered":"<p>Gastbeitrag von Erwin Bader<\/p>\n<p>Vesna Knezevic, geboren in Pristina, Korrespondentin des serbischen Fernsehens, schrieb einen bemerkenswerten Beitrag in der &#8222;Presse&#8220;: \u201eEuropa an einem Punkt des radikalen Wandels.\u201c<\/p>\n<p>Als Serbin vertritt sie eine andere Position als bei uns \u00fcblich. Sie versteht es, ihre Gedanken sehr gebildet auszudr\u00fccken und kritisiert zugleich die Bildung der heute die Gesellschaft bestimmenden \u201eGutmenschen\u201c. Diese haben, wie sie mit Giambattista Vico formuliert, die \u201eBindung\u201c zur Imagination des Ganzen getrennt. Mit re-ligare, also zur\u00fcck-binden, erkl\u00e4rt aber Laktanz die Religion. Hat etwa dieser beachtliche Beitrag etwas mit Religion zu tun? Oder nur mit einer s\u00e4kularisierten Form derselben? Ist der Begriff des Gutmenschen mehr als ein hilfloser Kampfausdruck der Zu-kurz-Gekommenen? Und: Kommt es wirklich im Zuge der Einwanderung unaufhaltsam zur Islamisierung Europas?<\/p>\n<p>Manche ihrer Einsch\u00e4tzungen zur Entwicklung Europas verstehe oder teile ich, doch nicht den Pessimismus. In ihrem Beitrag versteht sie den Begriff \u201eGutmensch\u201c positiv: \u201eEhrlich und konsequent um das Gute bem\u00fcht, wenngleich ihm etwas fehlt.&#8220; Zun\u00e4chst war ich stutzig, doch dann erinnerte ich mich an eine Analogie zur Geschichte vom Pharis\u00e4er und Z\u00f6llner (Lukas 18). Der Pharis\u00e4er schmeichelte sich selbst, meinte aber zu beten: \u201eIch danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie andere Leute, die R\u00e4uber, Ungerechten, Ehebrecher, oder auch wie dieser Z\u00f6llner.&#8220; Der heutige \u201ePharis\u00e4er\u201c wird \u2013 s\u00e4kularisiert \u2013 zum \u201eGutmenschen\u201c, ihm fehlt die Selbstkritik. Der Ausdruck \u201eSchlechtmensch\u201c, den die Autorin erfand, entspricht vielleicht dem \u201eZ\u00f6llner\u201c der Bibel. Er l\u00e4sst sich nicht verbilden und \u201estandardisieren\u201c, doch gerade dadurch ist er sich vor Gott seiner \u201eS\u00fcnde\u201c bewusst, was Papst Franziskus bei allen Christen f\u00f6rdern m\u00f6chte, gerade um nicht der heute grassierenden Korruption zu verfallen.<\/p>\n<p>Freilich darf man nicht vergessen: Religion ist auch missbrauchbar! Am schlimmsten ist dies beim (angeblich?) religi\u00f6sen Terrorismus, der den Gottesnamen zum Schlachtruf macht und Gott damit als ein schreckliches Ungeheuer karikiert. Doch die s\u00e4kularisierten Werte sind ebenfalls missbrauchbar.<\/p>\n<p>Die Autorin beschreibt die moderne Fluchtbewegung als \u201ever sacrum\u201c junger M\u00e4nner, um neues Land zu erobern. Sie meint, dass der \u201eGutmensch\u201c dies nicht durchschaut. Das Ende Europas komme durch die Islamisierung, infolge der Blindheit der Gutmenschen. \u201eDie Gutmenschen sind bereit, an der Scham der Geschichte zugrunde zu gehen\u201c &#8211; und sie seien der Meinung: \u201e&#8230;es ist sowieso zu sp\u00e4t.\u201c Stimmt es? <!--more--><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst spricht daf\u00fcr, dass ein hochstehender Religionsvertreter der Muslime einmal erkl\u00e4rte, dass ein gl\u00e4ubiger Muslim nur dann ein Recht habe, in einem Land der Ungl\u00e4ubigen zu leben, wenn er sich als Vorhut der Islamisierung versteht. \u00d6sterreich und Westeuropa w\u00fcrden auch ohne Gewalt durch Immigration und Nachwuchs islamisiert werden. Freilich denken die heutigen Vertreter der islamischen Glaubensgemeinschaft anders, aber was in den Moscheen gepredigt wird, ist unbekannt. Warum kommt es zur Verharmlosung des Terrorismus und sogar zum freiwilligen Kriegseinsatz von in \u00d6sterreich lebenden M\u00e4nnern und Frauen f\u00fcr den IS? Vielleicht, weil es den Fundamentalisten heute zu langsam geht. M\u00f6glicherweise geht deren Schuss aber auch nach hinten los.<\/p>\n<p>Nun, warum bin ich trotzdem kein Pessimist?<\/p>\n<p>Erstens verl\u00e4uft die Geschichte oft ganz anders als erwartet. Wer sah schon vor f\u00fcnfzig Jahren die heutige mediale Revolution voraus? Wer dachte damals an einen Klimawandel? Oder wer dachte vor der Fl\u00fcchtlingswelle, dass so etwas m\u00f6glich sei? Ebenso kann es auch auch andere, positive, aber freilich auch negative \u00dcberraschungen geben, als wir heute vermuten.<\/p>\n<p>Zweitens w\u00e4re es falsch, den Immigranten die Schuld f\u00fcr das Versagen Europas in die Schuhe zu schieben: Europa scheint seit langem religionsm\u00fcde zu sein, statt dessen aber in einen Konsumtaumel zu fallen, der dann eine Anziehungskraft auf Menschen jener Kontinente aus\u00fcbt, wo der Klimawandel als Folge des grenzenlosen Wirtschaftswachstums zur Verarmung und zu Konflikten f\u00fchrt, so dass schon deshalb viele zu uns fl\u00fcchten; au\u00dferhalb Europas ist die Meinung noch aufrecht, dass ein Land ohne Religion ein Vakuum sei, und manche meinen vielleicht, dass sie das Vakuum f\u00fcllen sollten. Au\u00dferdem tr\u00e4gt auch die europ\u00e4ische Waffenindustrie mit zu jener Not bei, vor der junge M\u00e4nner fliehen und in andere L\u00e4nder aufbrechen, um deren &#8211; br\u00fcchiges &#8211; Gl\u00fcck zu teilen.<\/p>\n<p>Das Wegschauen ist immer der falsche Weg, denn es hilft nicht und die Situation k\u00f6nnte eskalieren. Zweifellos kann es auch in Europa zu gewaltsamen Konflikten zwischen Islamisten und rechten Gruppen kommen, die man freilich nicht herbeireden soll.<\/p>\n<p>Aber gerade wenn wir einsehen, dass vieles der heutigen Entwicklung auch an uns liegt, g\u00e4be es Hoffnung. Wir sollten daher vor allem aufh\u00f6ren, unser Denken nur an den Augenblick zu binden; wenn wir neu lernen, es an das \u201eGanze\u201c zu binden, also wenn wir uns wieder mehr &#8211; oder \u00fcberhaupt neu &#8211; an dem Gott der Liebe zu allen Menschen orientieren, dann k\u00f6nnte der Hass auf allen Seiten verhindert oder abgebaut werden und Europa kann wieder neu geboren werden!<\/p>\n<p>Univ. Prof. Erwin Bader, Philosoph, Religionsp\u00e4dagoge, Politologe, Autor. Lebt in Wien.<\/p>\n<p>Der von Erwin Bader analysierte und empfohlene Beitrag von Vesna Knezevic aus der Tageszeitung \u201eDie Presse\u201c ist in vollem Wortlaut abrufbar unter:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/diepresse.com\/home\/meinung\/gastkommentar\/5106971\/Europa-an-einem-Punkt-des-radikalen-Wandels\"><u>http:\/\/diepresse.com\/home\/meinung\/gastkommentar\/5106971\/Europa-an-einem-Punkt-des-radikalen-Wandels<\/u><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag von Erwin Bader Vesna Knezevic, geboren in Pristina, Korrespondentin des serbischen Fernsehens, schrieb einen bemerkenswerten Beitrag in der &#8222;Presse&#8220;: \u201eEuropa an einem Punkt des radikalen Wandels.\u201c Als Serbin vertritt sie eine andere Position als bei uns \u00fcblich. 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