{"id":2890,"date":"2016-08-07T08:56:27","date_gmt":"2016-08-07T06:56:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/?p=2890"},"modified":"2016-08-16T01:39:41","modified_gmt":"2016-08-15T23:39:41","slug":"essay-zur-nuklearruestung-hiroshima-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/essay-zur-nuklearruestung-hiroshima-tag\/","title":{"rendered":"Essay zur Nuklearr\u00fcstung. Hiroshima-Tag"},"content":{"rendered":"<h4>Gabriele\u00a0<strong>Prohaska<\/strong><strong>-Marchried,<\/strong><\/h4>\n<h5>Friedensaktivistin, Drehbuchautorin. Ihr Roman: &#8222;Das sch\u00f6ne Lied der Marie Anne Mozart&#8220;<\/h5>\n<p>Tagaus, tagein kein Medium ohne das Fl\u00fcchtlingsthema: als Fl\u00fcchtling von Seite 1 mitunter fremdl\u00e4ndisch suspekt, nicht selten als furchterregendes Phantom durchs Netz geisternd. Der wirklich gro\u00dfe Schrecken hingegen bleibt zumeist ausgeblendet: das versch\u00e4rfte Risiko eines unbeabsichtigten oder beabsichtigten Atomschlags, zu dessen Herbeif\u00fchrung Atom-U-Boote, strategische Bomber und Raketensprengk\u00f6pfe \u201emodernisiert\u201c werden. (So erhalten etwa Interkontinentalraketen nunmehr statt bisher je einen Atomsprengkopf atomare Mehrfachsprengk\u00f6rper mit unterschiedlichen Zielkoordinaten.)<\/p>\n<p><strong>Die USA, Russland und China<\/strong> rittern um <strong>milit\u00e4rische Dominanz<\/strong> zu Wasser, Luft und Erde und im Weltraum. Welche Atommacht denkt da noch an die Umsetzung von Artikel VI des Atomwaffensperrvertrages mit der Verp\ufb02ichtung zur raschen und vollst\u00e4ndigen Abr\u00fcstung von Nuklearwaffen? (Bemerkung am Rande: Ist es in Anbetracht der Militarisierung des Weltraums nicht an der Zeit, auch \u201eWei\u00dft Du, wie viel Sternlein stehen\u2026?\u201c zu modernisieren?) <!--more--><\/p>\n<p>In der \u201eWashington Post\u201c warnten im Oktober 2015 William Perry, Bill Clintons fr\u00fcherer Verteidigungsminister, und Andrew Weber, bis 2014 Obamas Minister f\u00fcr nukleare, chemische und biologische Verteidigungsprogramme, vor der Herstellung von Luft-Boden-Langstreckenmarsch\ufb02ugk\u00f6rpern, die nuklear best\u00fcckt vom Flugzeug abgeschossen werden k\u00f6nnen. Als <em>uniquely destabilizing type of nuclear weapon<\/em> bezeichneten sie diese neue Art nuklearer Waffen. Unter anderem deshalb, weil ein Gegner nicht wissen kann, ob diese <strong>Marsch\ufb02ugk\u00f6rpe<\/strong>r konventionelle oder nukleare Sprengk\u00f6pfe transportieren, und so durch unbeabsichtigte Eskalation ein Atomkrieg ausgel\u00f6st werden kann. Diese Gefahr war f\u00fcr den fr\u00fcheren britischen Verteidigungsminister Philip Hammond der Grund, eine U-Boot-Bewaffnung mit Marsch\ufb02ugk\u00f6rpern anstelle der jetzigen ballistischen Raketen (auch nicht beruhigend) abzulehnen. (Noch weniger beruhigend: der j\u00fcngste Beschluss des britischen Parlaments, die nukleare U-Boot\ufb02otte zu erneuern, jede Trident-Rakete mit atomaren Mehrfachsprengk\u00f6pfen auszustatten. \u201e<strong>Modernisierung\u201c als Synonym f\u00fcr noch mehr Vernichtungskapazit\u00e4t?<\/strong> Ist die derzeitige britische submarine T\u00f6tungskapazit\u00e4t von \u00fcber 40 Millionen Menschen nicht genug, quasi unmodern?) In den USA ist die Debatte \u00fcber die neuen Marsch\ufb02ugk\u00f6rper wegen der hohen Kosten noch im Gange. Bef\u00fcrworter argumentieren, sie w\u00e4ren f\u00fcr einen begrenzten (???) Atomschlag geeignet. Die USA, Russland und Frankreich sind derzeit die einzigen Staaten, die zugeben, dass sie <strong>nuklear bewaffnete Marsch\ufb02ugk\u00f6rper<\/strong> haben. Von China und Pakistan wird angenommen, dass sie an der Entwicklung solcher Waffen arbeiten. Angriffs- und keine Verteidigungswaffen! Eine Bedrohung, die von den meisten Medien ausgeblendet wird. Unterliegen wir der Truthahnillusion, glauben, weil wir in der Vergangenheit davongekommen sind, bleibt das auch in Zukunft so? Und in dieser Situation wird \u201eSicherheit\u201c in Form von Stacheldrahtz\u00e4unen gegen unbewaffnete Menschen ins Bild ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Weiters ist es kaum ein Thema, dass durch technischen \u201eFortschritt\u201c die <strong>Vorwarnzeiten<\/strong> immer geringer werden und die Spanne zwischen Alarm und Gegenschlag noch k\u00fcrzer und daher noch mehr an Computerprogramme delegiert wird, mit ihrer Fehler- und Hackeranf\u00e4lligkeit. L\u00e4ngst vergessen ist die Warnung von Alan Turing, dem Pionier der Computerwissenschaft, nichts dem Computer zu \u00fcberlassen, wenn Zuverl\u00e4ssigkeit hundertprozentig erforderlich ist. Fehlalarme haben bereits in der Vergangenheit, als die<br \/>\nVorwarnzeiten l\u00e4nger waren, beinahe zu einer nuklearen Apokalypse gef\u00fchrt.\u00a0 Der Semidokumentar\ufb01lm <strong>The Man who Saved the World<\/strong> f\u00fchrt einen dieser F\u00e4lle vor. Kam bei uns nicht in die Kinos, in Wien zeigte ihn nur das UNO-Filmservice. Auch technische Pannen in den Silos von Atomraketen bleiben zumeist jenseits der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung. \u00dcber die Explosion einer Titan-II-Rakete in ihrem Silo recherchierte Eric Schlosser f\u00fcr seinen Sachbuch-Thriller<em> Command and Control: Nuclear Weapons, the Damascus Accident, and the Illusion of Safety<\/em>. Unter Aufopferung des eigenen Lebens konnten Techniker die Detonation des atomaren Sprengkopfes verhindern, die mehrere US-Bundesstaaten zerst\u00f6rt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Da stimmt es nicht heiter, dass allein beim sch\u00f6nen norditalienischen St\u00e4dtchen Aviano an die 100 NATO-Atomraketen stationiert sind, weitere in Deutschland, Belgien, den Niederlanden und in der T\u00fcrkei. Gro\u00dfbritannien und Frankreich protzen mit nationalen Arsenalen. Die Entscheidung \u00fcber unser Leben &#8211; delegiert an programmierte T\u00f6tungsmaschinen. Schon ihre Stationierung gef\u00e4hrdet Tausende in ihrer Nachbarschaft, weil sie Angriffsziele darstellen. Und es gibt keine Stopptaste, wenn sie einmal los\ufb02iegen. Mehr Medienaufmerksamkeit erh\u00e4lt da schon das Feind-Szenario der NATO-Osterweiterung mit dem vorgeschobenen Raketenabwehrschild und dem angedrohten russischen Gegenschlag gegen den als Bedrohung angesehenen \u201eSchild\u201c. Auch \u00fcber NATO-Luftwaffenman\u00f6ver im Herbst 2015 und unmittelbar darauf stattgefundene russische Man\u00f6ver an der NATO-Grenze, vermutlich ebenfalls mit\u00a0 Atombombentr\u00e4gern, wurde berichtet, mit wechselseitiger Schuldzuweisung.<\/p>\n<p><strong>Wo bleibt das Primat der Diplomatie?<\/strong> Vertrauensbildende Ma\u00dfnahmen? Wann endlich werden R\u00fcster, Milit\u00e4rstrategen und militante Politiker einsehen, dass ein Atomkrieg nicht gewinnbar, nicht \u201e\ufb02exibel\u201c, nicht kalkulierbar begrenzt f\u00fchrbar ist, wie aktuelle Milit\u00e4rdoktrinen immer noch behaupten. Und wann werden sie begreifen, dass die Auswirkungen keine Grenzen kennen, dass es in einem Atomkrieg nur Verlierer gibt und uns\u00e4gliches Leid. Und dass schlie\u00dflich auch sie und ihre Kinder Opfer sind, anders als in Bob Dylans <em>Song Masters of War<\/em> von 1962: <em>When the death count gets higher \/ You hide in your mansion<\/em>\u2026 Das forsch leichtfertige Spiel mit der Option Nuklearschlag, auch f\u00fcr Europa von <strong>Donald Trump<\/strong> nicht ausgeschlossen (<em>some day maybe<\/em>), zeigt nicht zuletzt das ungeheure Wissensde\ufb01zit von Leuten, die sich f\u00fcr die Stelle am Dr\u00fccker bewerben. Makaber Trumps Verteidigung der nuklearen Option in einem Fernsehauftritt: Why do we make them? Im Kontext sinngem\u00e4\u00df: <strong>Wozu sonst haben wir denn die Atomwaffen<\/strong>?<\/p>\n<p>Politische Vernunft und \u00dcberlebenswille hinken auch andernorts dem Zerst\u00f6rungspotential dieser Waffen weit hinterher. Der fr\u00fcherere pakistanische Oberbefehlshaber Mirza Aslam Beg im O-Ton: <em>We can make a \ufb01rst strike, and a second strike, or even a third<\/em>\u2026 und unter Gleichsetzung des nat\u00fcrlichen Todes mit einem gewaltsamen: <em>You can die crossing the street, or you could die in a nuclear war. You\u2019ve got to die some day anyway<\/em>. Allein f\u00fcr die USA sch\u00e4tzte 2015 das Center for Strategy and Budgetary Assessments die Kosten f\u00fcr Erhaltung und Modernisierung des nuklearen Arsenals in den n\u00e4chsten 30 Jahren auf eine Billion Dollar. Weltweit bliebe mit einem umgesetzten Nein zu Atomwaffen reichlich Geld f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung von Krisen. Und \u00fcberdies w\u00fcrde es der Umwelt guttun, gilt doch der milit\u00e4risch-industrielle Komplex samt Folgeaktivit\u00e4ten als der gr\u00f6\u00dfte Umweltverschmutzer. Aber das blieb bei den bisherigen Klimakonferenzen ausgeklammert, ein Tabu. Doch geht es nach etlichen Medien und entsprechender Politik, m\u00fcssen wir uns vor Fl\u00fcchtlingen sch\u00fctzen. Dabei k\u00f6nnen wir selbst zu Fl\u00fcchtlingen werden, so wir eine Nuklearexplosion oder gar einen atomaren Schlagabtausch \u00fcberleben. Die Prognosen bei letzterem sind f\u00fcr die n\u00f6rdliche Hemisph\u00e4re so d\u00fcster wie der atomare Winter. Aber wer w\u00fcrde uns Verseuchte, Strahlenkranke aufnehmen, wer seine Grenzen \u00f6ffnen? W\u00fcrde \u00fcber die gro\u00dfe Bedrohung berichtet, der Stoff ginge den Medien nicht aus. Dann k\u00e4me wom\u00f6glich der bislang ausgebliebene gro\u00dfe Protest gegen die ungeheure Bedrohung, dann k\u00e4men wir wom\u00f6glich unserer Sicherheit oder einem Frieden ein St\u00fcck n\u00e4her. Denn wer will schon atomare Geisel, gar Opfer sein?\u00a0 Im Freundeskreis sagte letzthin einer, die Menschen wollen nichts von diesem Thema wissen, es tr\u00fcbt die Lebensfreude. Es verst\u00f6rt weniger, wenn man verdr\u00e4ngen kann, dass die USA und Russland st\u00e4ndig 1.800 Atomsprengk\u00f6pfe (jeder mit einem Vielfachen der Zerst\u00f6rungsmasse der Hiroshimabombe) auf ballistischen Raketen <em>on high alert<\/em> halten.<\/p>\n<p>Auch Eric Schlosser erz\u00e4hlte von seiner gedr\u00fcckten Stimmung w\u00e4hrend der Arbeit an seinem Buch \u201e<em>Command and Control<\/em>\u201c. Anderseits f\u00e4llt bei den Campaignern von ICAN (eine der engagierten Organisationen, Abk\u00fcrzung f\u00fcr <em>International Campaign to Abolish Nuclear Weapons<\/em>) die Munterkeit der meist jugendlichen Aktivisten auf (was den Schluss nahelegt, dass Gruppenaktivit\u00e4ten gegen die Vernichtung stimmungsaufhellend wirken k\u00f6nnen).<strong> ICAN ging aus einem Rot-Kreuz-Seminar hervor, in dem klar wurde, dass den Opfern eines Nuklearkriegs nicht geholfen werden kann<\/strong>. Mittlerweile ist ICAN eine weltweit agierende, professionell aufgezogene Kampagne zur Abschaffung von Nuklearwaffen, die in kurzer Zeit erreicht hat, dass bereits 127 Regierungen ein Verbot von Atomwaffen verlangen. Doch davon wollen die Atomstaaten nichts wissen. Nun arbeitet ICAN darauf hin, dass ein UNO-Arbeitskreis eine neue Abr\u00fcstungsinitiative der UNO-Vollversammlung fordert.<\/p>\n<p>Hoffen lassen auch andere Initiativen wie die Klage der Marshallinseln, langj\u00e4hrige Opfer von US-Atombombenversuchen, beim Internationalen Gerichtshof gegen die neun Atomm\u00e4chte, weil die ihrer Verp\ufb02ichtung zur Abr\u00fcstung nicht nachkommen. Unterst\u00fctzt werden die Marshallinseln dabei von IALANA, den Juristen und Juristinnen gegen atomare, biologische und chemische Waffen. Fundierte Informationsarbeit leistet auch IPPNW (kurz: \u00c4rzte zur Verh\u00fctung des Atomkriegs). Klartext liest man in deren <em>Peace &amp; Health Blog<\/em>, wo Atomwaffen als <em>the most acute existential threat bezeichnet werden &#8211; the more we know about nuclear weapons the worse it looks (Co-<\/em>Pr\u00e4sident Tilman Ruff vor oben erw\u00e4hntem UNO-Arbeitskreis).<\/p>\n<p>Wird die Nulll\u00f6sung f\u00fcr Atomwaffen &#8211; und auch die radikale Abkehr von der sogenannten friedlichen Atomkraft mit ihrem Material f\u00fcr schmutzige Bomben &#8211; zur \u00dcberlebensstrategie auf unserem Planeten? Wie andere Abr\u00fcstungsinitiativen, von der Nuclear Age Peace Foundation bis zu den B\u00fcrgermeistern f\u00fcr den Frieden bis zu den IPPNW \u00c4rzten, setzt ICAN auf Aufkl\u00e4rung und rechtliche Schritte. Es bleibt die bange Frage: Was k\u00f6nnen Unterschriften, Vertragswerke bewirken gegen den Waffenexzess? Wenn viele, viele mehr ihre Stimme erheben, der Vernunft und der Menschlichkeit Geh\u00f6r verschaffen gegen apokalyptische Massaker? <span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Ein erster Schritt ist technisch leicht durchf\u00fchrbar: die Herausnahme der Atomwaffen aus der Alarmbereitschaft. Auf dass uns die Erde ein bewohnbarer Ort bleibt\u2026 auch denen, die jetzt schon \ufb02iehen m\u00fcssen.<\/strong><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gabriele\u00a0Prohaska-Marchried, Friedensaktivistin, Drehbuchautorin. Ihr Roman: &#8222;Das sch\u00f6ne Lied der Marie Anne Mozart&#8220; Tagaus, tagein kein Medium ohne das Fl\u00fcchtlingsthema: als Fl\u00fcchtling von Seite 1 mitunter fremdl\u00e4ndisch suspekt, nicht selten als furchterregendes Phantom durchs Netz geisternd. 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