{"id":2079,"date":"2015-07-06T11:10:28","date_gmt":"2015-07-06T09:10:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/?p=2079"},"modified":"2015-07-08T00:06:39","modified_gmt":"2015-07-07T22:06:39","slug":"griechenland-als-opfer-von-politik-und-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/griechenland-als-opfer-von-politik-und-medien\/","title":{"rendered":"Griechenland als Opfer von Politik und Medien ?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anti-Griechenland-Mainstream\u00a0provoziert Gegen\u00f6ffentlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Udo Bachmair<\/p>\n<p>Nun ist eingetreten, was die meisten Journalisten und Politiker offenbar \u00fcberrascht hat: <strong>Ein klares Nein der Griechen<\/strong> zu weiteren von der EU verordneten Sparvorgaben. \u00dcberrascht hat das Ergebnis hingegen jene nicht, die die Lage der von den Sparma\u00dfnahmen schmerzlich betroffenen Bev\u00f6lkerung richtig eingesch\u00e4tzt haben. Die K\u00fcrzungen haben die schw\u00e4chsten Bev\u00f6lkerungsgruppen schon bisher am st\u00e4rksten zu sp\u00fcren bekommen. Und mit weiteren empfindlichen Einschnitten sollten sie noch weiter <strong>in die Armut getrieben<\/strong> werden. 4 von 10 Kindern leben in Armut, die Jugendarbeitslosigkeit ist auf ann\u00e4hernd 50 Prozent gestiegen.<\/p>\n<p>\u201eGriechenland soll sich endlich bewegen und den Reformen zustimmen\u201c, t\u00f6nt es unterdessen unerm\u00fcdlich aus Br\u00fcssel. Aber <strong>wo und wohin soll sich ein ausgeblutetes Land \u00fcberhaupt noch bewegen k\u00f6nnen ?<\/strong><\/p>\n<p>Ungeachtet solcher \u00dcberlegungen wird <strong>Griechenland-Bashing<\/strong> in vielen deutschen und \u00f6sterreichischen Medien ungehindert fortgesetzt. Und wie im Falle des Ukraine-Konflikts dominiert auch in der Causa Griechenland undifferenzierter Mainstream unter der Devise \u201e<strong>Die Griechen sind schuld an der Misere<\/strong>\u201c. Boulevard und Qualit\u00e4tsmedien werden einander auch in dieser komplexen Frage in ihren Kommentaren immer \u00e4hnlicher\u2026<\/p>\n<p>Aus diesem Grund im Folgenden einige Stimmen der <strong>Gegen\u00f6ffentlichkeit zur Griechenlandfrage :<\/strong><\/p>\n<p><strong>Stephan Schulmeister<\/strong> auf Facebook :<\/p>\n<p><strong><em>Habe mir gerade das von Sozial- und Christdemokraten der Eurogruppe als &#8222;gro\u00dfz\u00fcgig&#8220; bezeichnete letzte Angebot an Griechenland angesehen, daraus nur die beiden konkretesten Punkte: 1) Im Juli muss die MWSt so stark erh\u00f6ht werden, dass zus\u00e4tzlich 1% vom BIP pro Jahr rausspringen &#8211; hauptbelastet: die Schwachen. 2) Das Pensionssystem ist so zu adaptieren (z. B. durch Erh\u00f6hung der Krankenversicherungsbeitr\u00e4ge um 50%), dass wieder 1% vom BIP pro Jahr rausspringen &#8211; hauptbelastet sind die Schwachen (die meisten Pensionen liegen schon jetzt unter der Armutsgrenze). Ihr f\u00fchrenden Sozial- und Christdemokraten seid nicht mehr bef\u00e4higt, die Lage der Betroffenen Eurer Ma\u00dfnahmen wahrzunehmen. Es ist Eure Unf\u00e4higkeit zu anteilnehmendem Denken, die denen den Weg bereitet, die Anteilnahme spielen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Sogar in der konservativen Springer-Zeitung <strong>DIE WELT<\/strong> kann man so etwas lesen:<\/p>\n<p><strong><em>Gleich drei von Amerikas <a href=\"http:\/\/m.welt.de\/wirtschaft\/article142043554\/Top-Oekonomen-fordern-Ende-des-Spardiktats-fuer-Athen.html\"><span style=\"text-decoration: underline;\">prominentesten Wirtschaftswissenschaftlern<\/span><\/a> haben die Griechenland-Politik der EU und speziell von Deutschland scharf kritisiert. Jeffrey Sachs, Paul Krugman und Barry Eichengreen zeigten sich entsetzt \u00fcber die &#8222;inkompetente Politik&#8220; in Br\u00fcssel und Berlin. Alle drei ver\u00f6ffentlichten am Wochenende Artikel, in denen sie der Troika aus EU-Kommission, Europ\u00e4ischer Zentralbank (EZB) und dem Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) die Hauptschuld an der Krise in Griechenland gaben.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/m.welt.de\/wirtschaft\/article143285340\/US-Oekonomen-empoeren-sich-ueber-Europas-Inkompetenz.html\"><span style=\"text-decoration: underline;\">http:\/\/m.welt.de\/wirtschaft\/article143285340\/US-Oekonomen-empoeren-sich-ueber-Europas-Inkompetenz.html<\/span><\/a><\/p>\n<p>Und auf <strong>Spiegel-Online<\/strong> stellt Jakob Augstein fest:<\/p>\n<p><em><strong>&#8222;Es kann keinen Zweifel geben: Tsipras soll aus dem Amt gedr\u00e4ngt werden. Er ist der einzige, der sich dem Dogma der Austerit\u00e4t entgegenstellt. Er k\u00e4mpft gegen eine Politik, in deren Folge die Ungleichheit in vielen L\u00e4ndern zugenommen hat. Seine Regierung hat sich vorgenommen, die z\u00fcgellose Macht des Geldes einzuhegen. Kein Wunder, dass der Mann ein Balken im Auge des neoliberal beherrschten Kontinents ist.&#8220;<\/strong><\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/augstein-zu-griechenland-nein-zum-referendum-kolumne-a-1041705.html\"><span style=\"text-decoration: underline;\">http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/augstein-zu-griechenland-nein-zum-referendum-kolumne-a-1041705.html<\/span><\/a><\/p>\n<p>Die deutsche Zeitung \u201eDer Freitag\u201c schlagzeilt :<\/p>\n<p><strong>Im Dschungelcamp der deutschen Medien<\/strong><\/p>\n<p><em>Eine Kolumne von <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/impressum\/autor-1529.html\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Georg Diez<\/span><\/a><\/em><\/p>\n<p><strong>Kein Unterschied, ob &#8222;Bild&#8220;, &#8222;Zeit&#8220; oder ARD: In den deutschen Medien schwingen sich Journalisten reihenweise zu p\u00f6belnden Parteig\u00e4ngern auf, statt Fakten und Analysen zur Griechenlandkrise zu bringen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Es ist wir gegen die. Es ist Vernunft gegen Wahnsinn. Es ist eine &#8222;griechische Trag\u00f6die&#8220;. Es geht um &#8222;unser Geld&#8220; (Anja Kohl), es geht um &#8222;unsere Leute&#8220; (<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/sigmar_gabriel\/\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Sigmar Gabriel<\/span><\/a>). Es ist Showdown, und die Waffen werden gez\u00fcckt: Das &#8222;Handelsblatt&#8220; zeigt <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/alexis_tsipras\/\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Alexis Tsipras<\/span><\/a>, der sich die Knarre an den Kopf h\u00e4lt, und findet, dass das noch Journalismus ist.<\/em><\/p>\n<p><em>Viele fallen gerade aus der Rolle, viele zeigen ihr wahres Gesicht. Das ist so ziemlich das einzig Gute an dieser mal wieder desastr\u00f6sen Woche im Dschungelcamp der deutschen Medien.<\/em><\/p>\n<p><em>Anja Kohl zum Beispiel. Eine Frau, die seit Jahren nichts anderes tut, als dem Dax das H\u00e4ndchen zu halten, wenn es ihm mal nicht gut geht, und den Finanzkapitalismus anzufeuern, der im Kern die Ursache der Griechenlandkrise \u00fcberhaupt ist.<\/em> <!--more--><\/p>\n<p>Oder Marc Brost, der die ganze Titelseite der &#8222;Zeit&#8220; daf\u00fcr nutzen durfte, den &#8222;lieben Griechen&#8220; papam\u00e4\u00dfig zu erkl\u00e4ren, sie m\u00fcssten sich &#8222;gegen die Politik wenden, die Sie erst vor f\u00fcnf Monaten gew\u00e4hlt haben&#8220;; und zwar auf Deutsch und auf Griechisch, damit auch ja alle verstehen, dass das nicht etwa die Einzelmeinung eines Redakteurs ist, sondern ein Befehl der Schreibtisch-Merkantilisten von der &#8222;Zeit&#8220;.<\/p>\n<p>Lustigerweise hatten sie dazu noch ein verrostetes Kreuzfahrtschiff als Illustration, die MS Hellas, die gerade dabei ist, \u00fcber einen Wasserfall in die Tiefe zu st\u00fcrzen. Die Zeile dazu war &#8222;Aufzeichnungen aus einer Woche des Wahnsinns&#8220; &#8211; und man muss nicht Foucault gelesen haben, um zu wissen, dass hinter jeder Definition von Wahnsinn konkrete Interessen stecken, dass sich in einer pathologisierten Wirklichkeit direkte Macht spiegelt.<\/p>\n<p>War es denn etwa Wahnsinn, immer mehr Euros in ein Loch zu sch\u00fctten ohne Boden, wovor <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/gianis_varoufakis\/\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Gianis Varoufakis<\/span><\/a> warnte und was er, wie alle, die f\u00fcr einen Schuldenschnitt waren, verhindern wollte &#8211; was aber nicht im Interesse der Banken war, die von den Zinsen dieser Schulden ja pr\u00e4chtig leben?<\/p>\n<p>Oder war es Wahnsinn, dass man f\u00fcnf Jahre mit verschiedenen griechischen Regierungen verhandelt und &#8222;Hilfsprogramme auflegt&#8220; &#8211; und kaum kommt eine Regierung an die Macht, die deshalb gew\u00e4hlt wurde, weil die &#8222;Hilfsprogramme&#8220; eben nicht funktioniert haben, wird diese Regierung daf\u00fcr verantwortlich gemacht, dass sie in ein paar Monaten nicht geschafft hat, was die Nussknacker von der EU in f\u00fcnf Jahren Verhandlungen nicht hinbekommen haben &#8211; die Entmachtung der korrupten Eliten zum Beispiel oder ein funktionierendes Katasterwesen?<\/p>\n<p><strong>Gro\u00dfes H\u00e4nderingen, tiefe Betr\u00fcbnis, echte Sorgen<\/strong><\/p>\n<p>Die Zeit schrumpft eben zusammen, wenn man solche Worte wie Wahnsinn verwendet. Die Kausalit\u00e4t verschwindet. Es ist genau das gleiche wie mit dem Gerede von der &#8222;griechischen Trag\u00f6die&#8220;: Huhu, gro\u00dfes H\u00e4nderingen, tiefe Betr\u00fcbnis, echte Sorgen.<\/p>\n<p>Und eine Trag\u00f6die &#8211; das wissen die Altphilologen in der Regierung, da kann man echt nichts machen &#8211; ist das Werk der G\u00f6tter, die wie immer launisch sind. Der Mensch wird da zum Spielball, sei es der Rentner, der langsam verhungert: Ursachen, das ist im Wort von der Trag\u00f6die angelegt, Ursachen sind nicht zu erkennen bei dem Riesenverhau.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/griechenland-krise\/das-bild-referendum-41599084.bild.html\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Dass die &#8222;Bild&#8220; den Schmei\u00dft-sie-raus-Populismus<\/span><\/a> noch ein wenig pimpt und zum eigenen Referendum aufruft: eklig, geschenkt; dass aber zum Beispiel Mister Fassungslos, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/frank_walter_steinmeier\/\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Frank-Walter Steinmeier<\/span><\/a>, in all den Jahren nicht offensiv davon gesprochen hat, das zwischen 77 (<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/eurokrise-hat-die-eu-griechenland-gerettet-oder-banken-a-1018964.html\"><span style=\"text-decoration: underline;\">SPIEGEL ONLINE<\/span><\/a>) und 90 Prozent (&#8222;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/the_guardian\/\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Guardian<\/span><\/a>&#8222;) der &#8222;Hilfsgelder&#8220; direkt an die Banken gingen und nicht an die griechische Bev\u00f6lkerung?!<\/p>\n<p>Aber die SPD ist ja jetzt auch eine Kohleverschmutzungs- und Das-wird-man-doch-noch-sagen-d\u00fcrfen-Sicherheitspartei und verr\u00e4t &#8211; wie die anderen sozialdemokratischen Parteien Europas auch &#8211; ein Land, das nicht von Tsipras, sondern von langfristigen Interessen und grunds\u00e4tzlichen Fehlern \u00fcber den Abgrund getrieben wird: Fehler, die, und das ist die Schuld der agierenden Politiker in der EU, in den Jahren seit 2008 h\u00e4tten behoben werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re also, wenn James Galbraith Recht h\u00e4tte, der Merkel, Hollande etc. &#8222;flach&#8220; findet, eingesperrt in ihrer eigenen Realit\u00e4t und &#8222;moralisch und intellektuell zu unterversorgt, um ein kontinentales Problem zu l\u00f6sen&#8220;?<\/p>\n<p>Sie w\u00fcrden sich freuen, wenn sie bald wieder einen der ihren am Tisch sitzen h\u00e4tten, einen, der nicht politisch denkt, wie Tsipras, sondern finanzpolitisch wie sie, einen wie <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/andonis_samaras\/\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Samaras<\/span><\/a> zum Beispiel, der macht, was sie wollen &#8211; und Ruhe ist.<\/p>\n<p>Es kann aber nat\u00fcrlich auch sein, dass bald mal die Neonazis von der Goldenen Morgenr\u00f6te an die Macht kommen. Das ist dann aber echt die Schuld der Griechen, und zwar der Griechen allein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anti-Griechenland-Mainstream\u00a0provoziert Gegen\u00f6ffentlichkeit Udo Bachmair Nun ist eingetreten, was die meisten Journalisten und Politiker offenbar \u00fcberrascht hat: Ein klares Nein der Griechen zu weiteren von der EU verordneten Sparvorgaben. \u00dcberrascht hat das Ergebnis hingegen jene nicht, die die Lage der von den Sparma\u00dfnahmen schmerzlich betroffenen Bev\u00f6lkerung richtig eingesch\u00e4tzt haben. 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