{"id":14612,"date":"2025-12-01T10:47:23","date_gmt":"2025-12-01T09:47:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/?p=14612"},"modified":"2025-12-01T10:51:28","modified_gmt":"2025-12-01T09:51:28","slug":"und-nach-gaza","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/und-nach-gaza\/","title":{"rendered":"Und nach Gaza ?"},"content":{"rendered":"<p>Sigmund Freud hat den Zusammenhang von &#8222;\u00dcber-Ich&#8220; und Tabu erkannt. Demnach besteht bzgl. der Haltung zu Israel bei vielen a priori eine &#8222;Stimmung&#8220;,  eine Voreinstellung. So wagt in Medien und Politik \u00d6sterreichs und Deutschlands niemand, den Aggressor Israel als Aggressor zu bezeichnen. Der Satz &#8222;Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch\u201c stammt von Theodor W. Adorno, 1949. \u201eUnd nach Gaza?&#8220; fragt der Gastautor der folgenden Zeilen: <\/p>\n<p>Michael Pand *<\/p>\n<p>Ein namhafter deutscher Humanist (kein Humorist) schrieb mir im August:<br \/>\n&#8222;Lieber Michael Pand, der globalen Schrecknisse sind zu viele, als dass man alle mit gleicher Empathie und Emp\u00f6rung erfassen kann. Wir sind, ob wir wollen oder nicht, gnadenlos selektiv, jeder, von seinem Ort. Von diesem selektiven Hintergrund her gefragt: was zum Teufel habe ich mit den Pal\u00e4stinensern zu schaffen, einem Volk, dass sich eine M\u00f6rderbande zur F\u00fchrung gew\u00e4hlt hat und das auch noch &#8222;Befreiungsbewegung&#8220; nennt, ein Volk, das seit 1948 keine sich immer wieder bietende Gelegenheit ergriffen hat, um einen eigenen Staat, wie auch immer, zu schaffen, stattdessen auf Vernichtung Israels setzte und immer noch setzt. Ein Volk, das nichts zustande gebracht hat als sich zu vermehren und den \u00fcberz\u00e4hligen jungen M\u00e4nner (Gunnar Heinsohn) Mord und Terror als Besch\u00e4ftigung anbot. Nein, mit diesem Volk habe ich nichts zu schaffen. Viel mehr zu schaffen habe ich allerdings auf dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte mit Israel und den Juden, was nicht erkl\u00e4rt werden muss.  Gottlob, dass sie die Atomwaffe haben, das ist bei Lage der Dinge letztlich wohl doch ihre eigentliche Lebensversicherung. Dass man den j\u00fcdischen Religionsfaschisten im Westjordanland das Handwerk legen m\u00fcsste, ist auch klar, aber wer soll es machen? Letztlich m\u00fcssen es israelische Kr\u00e4fte sein, die das besorgen. Druck w\u00e4re aber hilfreich. Freundliche Gr\u00fc\u00dfe aus Badenweiler im Markgr\u00e4fler Land, R\u00fcdiger Safranski.&#8220;<\/p>\n<p>Prof. Dr. Safranski, 80 Jahre alt, ist ein sehr bekannter Essayist, auch Nietzsche-, H\u00f6lderlinforscher und erhielt insgesamt 21 Auszeichnungen, darunter den Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpr\u00e4sidenten f\u00fcr sein Lebenswerk. Hingegen der Verfasser dieser Zeilen, 70 Jahre, Schauspieler und Dokumentarfilmer, erhielt noch nie einen Preis oder Auszeichnung wenn man von einer Urkunde \u201eLebensretter\u201c f\u00fcr 50 Mal Blutspenden, inkl. Anstecknadel, erhalten vom Roten Kreuz Wien, absieht. \u201eBlutspenden\u201c w\u00e4re das Stichwort welches mich zur Replik an Herrn Safranski und weiter bis nach Gaza \u00fcberleitet. <\/p>\n<p>Bei den Wiener Vorlesungen von Prof. Sloterdijk, -Safranski ist auch ein guter Freund des dt. Philosophen-, wurden wir Studierenden jahrelang zu \u201eOhren-Zeugen mit Verz\u00fcckungsspitzen\u201c. Als das \u201eElefantenweibchen\u201c namens Sloterdijk  (Elefantenweibchen bringen immer nur Gro\u00dfes hervor) einer sehr heterogenen Zuh\u00f6rergemeinde am Schillerplatz die gro\u00dfen Kulturelefanten Freud und Lacan, das \u201e\u00dcber-Ich\u201c, \u201eTotem und Tabu\u201c de-konstruktivistisch, elegant-ironisch, als Vortragender vermittelte, konnten wir  Sternstunden einer nicht-banalen, sinnvollen Rede als Ereignis in der Lebensmitte sp\u00fcren.  Es sollte daher, Maturaniveau vorausgesetzt, nicht verwundern, dass diese \u201eNachkriegsgeneration\u201c, zu der Prof. Safranski (geb. 1945) geh\u00f6rt,  in Deutschland genauso wie in \u00d6sterreich, den Staat Israel zu ihrem pers\u00f6nlichen \u201e\u00dcber-ich\u201c festlegte, &#8211; aus rein kulturell und selbstbestimmten, humanistischen Gr\u00fcnden. Ist diese individualistisch-psychische Operation im  Gehirn und mit Bewusstsein einmal vollzogen, emergiert alle weitere Semantik, das Urteilsverm\u00f6gen, Pr\u00e4ferenzen, Protentionen (Erwartung des Kommenden) wie von selbst. Sigmund Freud, Begr\u00fcnder der Psychoanalyse aber auch einflussreicher Kulturtheoretiker machte die M\u00fctter (!) sogar f\u00fcr den Autismus und die Neurosen ihrer Kinder verantwortlich. Safranski, 100 Jahre sp\u00e4ter, sieht sich historisch- kausal in \u201e Leihm\u00fctterlicher Verantwortung\u201c zu jenem auf Schreibtischen, in UN-Konferenzen gezeugten, autistischen Staatskind namens Israel,&#8211; mitten im Lande Pal\u00e4stina. Wo aber sonst kann sich gro\u00dfe, uneingeschr\u00e4nkte, ewige Mutterliebe zu einem scheinbar ewigen Problemkind besser bew\u00e4hren als beim Mutterschutz zum UN-Vorwurf Genozid?  Doch war es Sloterdijk dem bei einer Hegel-Vorlesung der knappste Kommentar zur Geschichtsphilosophie gelang :  \u201eGeschichte ist ein Luder!\u201c<\/p>\n<p>Einer der Vorz\u00fcge das gesetzliche Pensionsalter zu erleben besteht in dem Umstand, auf die eigenen Bilder der Lebensgeschichte retrospektiv schauen zu k\u00f6nnen wie auf abgelegte Kleidungsst\u00fccke, die zur Kleidersammlung geschickt werden. In den 70iger Jahren, als wir Overland nach Indien reisten, war der Schah von Persien unser erkl\u00e4rtes Feindbild:  eine Marionette des amerik. Imperialismus. Junge, eifrige B\u00fcrschchen, die zeitgem\u00e4\u00df gegen den Vietnamkrieg, gegen den Schah und eo ipso als revolution\u00e4r \u201eLinks\u201c auftraten, engagierten sich  bei den Maoisten ( z.B. Raimund L\u00f6w, ebenso Bandmitglieder der \u201eSchmetterlinge\u201c reisten bis nach China). Der junge R\u00fcdiger Safranski, jetzt emeritiert, geh\u00f6rte damals zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern der deutschen. maoistisch orientierten kommunistischen Partei. Ich selbst, damals keine 20 Jahre alt, h\u00f6re mich noch heute \u201eAmis raus aus Vietnam, Laos und Kambodscha\u201c auf der Mariahilferstra\u00dfe skandieren. Doch wenn man nochmals 20 Jahre sp\u00e4ter im Foltergef\u00e4ngnis der Khmer Rouge in Phnom Penh steht, jetzt ein Museum, und die Fotos der 15.000 mit Elektroschocks zu Tode Gefolterten, die mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera starren, mit eigenen Augen sieht, h\u00f6rt man eine Zweitstimme aus dem Inneren, die seit jeher als \u201eGewissen\u201c bekannt ist. Sie spricht (Sanskrit) :  &#8222;Tat tvam asi\u201c  Das bist du! (In mentaler Funktion w\u00e4re die aus dem Hinduismus stammende Formel unserem \u201eNiemals Vergessen! zumindest \u00e4hnlich).  <\/p>\n<p>Bilder,- f\u00fcr sich selbst leer und neutral wie alle Dinge-, k\u00f6nnen als Zeichen inkarnieren, zumindest im weiten Land der Seele. Ihre spezifische Bedeutung wird erst in einer weiteren Bewusstseinsoperation sp\u00e4ter hinzu gef\u00fcgt. Niemand konnte um 1975 wissen, was nach der gew\u00fcnschten Niederlage der US-Armee, nach dem Abzug der Streitkr\u00e4fte im neutralen  Kambodscha passieren wird. Ebenso konnten  die persischen Studenten, die in westlichen Unis studierten, nicht einmal ein Michel Foucault, absolut niemand ahnte oder wollte sich vorstellen in den 70iger Jahren was auf den Sturz des Schah im damals kulturell amerikanisierten Iran folgt. Der schiitische \u201eGottesstaat\u201c,  das Heilige von Gott versprochene Land, vielleicht eine Familien\u00e4hnlichkeit ?    \u201eGeschichte ist ein Luder\u201c, s.o. <\/p>\n<p>Israel wei\u00df genau warum es besser f\u00fcr sein Kriegsziel- die Vertreibung m\u00f6glichst vieler Pal\u00e4stinenser- ist, m\u00f6glichst keine internationalen Journalisten (Bildermacher) in Gaza arbeiten zu lassen. Auch der Vietnamkrieg, man wei\u00df es postscriptum, wurde nicht von den weltweit protestierenden Studenten gestoppt, vielmehr durch die in Amerika erm\u00fcdend,  jahrelang ausgestrahlten Kriegs- TV-Bilder in Nachrichtensendungen. Der vietnamesische M\u00f6nch Tich Quang Duc, der sich bereits 1963 in Saigon  mit Benzin \u00fcbergoss und sich selbst verbrannte, bewirkte damals gar nichts. Auch Jan Palach, der dasselbe in Prag 1968 wiederholte, konnte die russischen Panzer, die Niederschlagung des \u201ePrager Fr\u00fchling\u201c nicht aufhalten. Beide \u201eM\u00e4rtyrer\u201c lie\u00dfen jedoch keine Zweifel \u00fcber den Aggressor zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte der Krieg Russlands in der Ukraine mit dem \u201eNahostkonflikt\u201c in einem medialen common sense gemeinsam haben? Eine \u201enur- historische, territoriale Sichtweise (Ukraine geh\u00f6rte historisch fast immer zu Russland, Pal\u00e4stina ist das Land der Pal\u00e4stinenser) greift in einer Zeit wo die Welt aufgrund medialer Total- Vernetzung bereits zur Weltb\u00fchne geworden ist,  viel zu kurz.   <\/p>\n<p>\u201eDenn die einen sind im Dunkeln. Und die andern sind im Licht. Und man siehet die im Lichte Die im Dunkeln sieht man nicht (Bert Brecht).  Weil das Wesentliche also f\u00fcr das Auge unsichtbar, ebenso die Welt im Ganzen unbeobachtbar bleibt (Luhmann) folgt im transzendentalen Sinne :  Lang lebe Arafat !<\/p>\n<p><em>* Gastautor Michael Pand ist Autor, Schauspieler und Dokufilmer. Er lebt in Hainburg in Nieder\u00f6sterreich.<\/em><\/p>\n<p>\u2015 <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sigmund Freud hat den Zusammenhang von &#8222;\u00dcber-Ich&#8220; und Tabu erkannt. Demnach besteht bzgl. der Haltung zu Israel bei vielen a priori eine &#8222;Stimmung&#8220;, eine Voreinstellung. So wagt in Medien und Politik \u00d6sterreichs und Deutschlands niemand, den Aggressor Israel als Aggressor zu bezeichnen. 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