{"id":14584,"date":"2025-11-16T18:48:35","date_gmt":"2025-11-16T17:48:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/?p=14584"},"modified":"2025-11-16T19:03:31","modified_gmt":"2025-11-16T18:03:31","slug":"plaedoyer-fuer-neue-klimapolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/plaedoyer-fuer-neue-klimapolitik\/","title":{"rendered":"F\u00fcr eine radikale Klimapolitik"},"content":{"rendered":"<p>Klimaschutz ist kein Kostenfaktor \u2013 er ist eine Investition in Stabilit\u00e4t und Wohlstand. Eine Erkenntnis, die in Politik und Medien oft ungeh\u00f6rt verhallt..<\/p>\n<p>Ilse Kleinschuster *<\/p>\n<p>Medial berichtete politische Hiobsbotschaften wie \u201edas neue Klimaziel sei in der Schwebe\u201c und das Argument vieler Regierungen, zu ambitionierte Klimaschutzma\u00dfnahmen w\u00fcrden Europas Wettbewerbsf\u00e4higkeit und Wirtschaft schw\u00e4chen, best\u00e4tigen die Einsicht vieler Zeitgenossen, dass Propaganda weniger darauf aus sei, systematisch bestimmte Meinungen einzutrichtern, sondern vielmehr darauf, die Bef\u00e4higung zu blockieren, \u00fcberhaupt in rationaler Weise \u00dcberzeugungen ausbilden zu k\u00f6nnen. Sie tragen wohl auch Mitschuld am Dogma des Wirtschaftswachstums. In den ver\u00f6ffentlichten Ergebnissen einer Studie, die die \u00d6konomin Sigrid Stagl, Professorin f\u00fcr \u00f6kologische \u00d6konomie an der Wirtschaftsuniversit\u00e4t Wien, im Auftrag der Gr\u00fcnen erstellt hat, hei\u00dft es: \u201eKlimapolitische Unt\u00e4tigkeit ist ein wachsendes \u00f6konomisches, fiskalisches und gesundheitliches Risiko f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union.\u201c <\/p>\n<p>Die wirtschaftlichen Kosten des Nichtstuns w\u00fcrden die Ausgaben f\u00fcr eine starke Klimapolitik um ein Vielfaches \u00fcbersteigen. Was mit Nichtstun gemeint ist? &#8222;Business as usual&#8220;, das Fortsetzen bestehender politischer Ma\u00dfnahmen, erkl\u00e4rt die \u00d6konomin. Dar\u00fcber hinaus sagt Stagl: &#8222;Klimaschutz ist kein Kostenfaktor \u2013 er ist eine Investition in Stabilit\u00e4t und Wohlstand.&#8220; https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000293867\/was-kostet-europa-das-nichtstun-in-der-klimakrise<\/p>\n<p>Wenn nun Klimaschutz in wissenschaftlichen Kreisen als eine Investition in Stabilit\u00e4t und Wohlstand erkl\u00e4rt wird, dann sollten wir uns wirklich \u201ef\u00fcr die Rettung der Welt erw\u00e4rmen\u201c. <\/p>\n<p>Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb und ihr Fachkollege Herbert Formayer haben dar\u00fcber ein Buch geschrieben mit dem Titel \u201e+ 2 Grad \u2013 Warum wir uns f\u00fcr die Rettung der Welt erw\u00e4rmen sollten\u201c. Beide sind als Scientists for Future oft bei \u00f6ffentlichen Diskussionen zu h\u00f6ren. Kromp-Kolb vertritt in zahlreichen Veranstaltungen ihre Auffassung von den Aufgaben der Politik angesichts der bedrohlichen Aussichten, wenn keine entsprechenden klimapolitischen Ma\u00dfnahmen gesetzt werden. Doch ihr Zugang ist nicht, Angst vor unvorstellbarem Leid zu sch\u00fcren, sondern sie versucht immer das Bild von einer besseren, gl\u00fccklicheren Zukunft zu st\u00e4rken, und Mut zu machen, sich f\u00fcr eine gute L\u00f6sung einzusetzen, Menschen anzuregen selbst t\u00e4tig zu werden im Sinne einer \u201eenkeltauglichen\u201c Zukunft. <\/p>\n<p>Auf Youtube k\u00f6nnen diese Vortr\u00e4ge nachgesehen werden. Berichte dar\u00fcber gibt es auf den Webseiten von einschl\u00e4gigen NGOs. Social Media haben diesbez\u00fcglich eine gute Funktion. F\u00fcr Journalisten w\u00e4re der Bericht von solchen Veranstaltungen frei, aber vermutlich unterliegen sie hier den \u00f6konomischen Gesetzlichkeiten. Welchen Themen ihre Aufmerksamkeit gewidmet wird, h\u00e4ngt wohl sehr vom \u00f6ffentlichen Diskurs ab. Ein verunsicherter Journalismus ist unter neoliberalen Druck geraten. In Bezug auf die z\u00f6gerliche Klimapolitik-Berichterstattung ist es wohl den sich h\u00e4ufenden Katastrophen zu verdanken, dass die mediale Aufmerksamkeit diesbez\u00fcglich zunimmt.<\/p>\n<p>Diese mediale Aufmerksamkeit ist angesichts der Klimakonferenz von Bel\u00e9m begr\u00fc\u00dfenswert. Die USA haben daran zwar nicht teilgenommen, aber China und die EU sind dabei \u2013 und es w\u00e4re wahrscheinlich das absolute Ende jeglicher zukunftsf\u00e4higen Klimapolitik, wenn auch diese Bl\u00f6cke schw\u00e4chelten. In einem Artikel meint der Klimajournalist Benedikt Narodoslawsky, der seit August dem  Wirtschaftsressort des STANDARD angeh\u00f6rt, es k\u00f6nnte das kleine \u00d6sterreich in dieser anstehenden europ\u00e4ischen Entscheidung eine wesentliche Rolle spielen: \u201eAls EU-Mitgliedstaat hat die Republik mehr Gewicht als andere L\u00e4nder dieser Gr\u00f6\u00dfe. Wer, wenn nicht \u00d6sterreich, sollte nun die Stimme erheben, um der EU-Kommission den R\u00fccken zu st\u00e4rken\u201c.<br \/>\nAuch der ORF mit seinem H\u00f6rfunksender \u00d61 soll hier erw\u00e4hnt werden. Er unterrichtet H\u00f6rerinnen sachlich zur aktuellen Situation, wie \u201eWeltweiter CO2 -Aussto\u00df steigt weiter\u201c &#8211; https:\/\/oe1.orf.at\/player\/20251113\/813453\/1763018046300 <\/p>\n<p>Der CO2-Aussto\u00df ist aber f\u00fcr viele Menschen ein Indikator, unter dem sie sich nicht viel vorstellen k\u00f6nnen.  Es ist der Klimawandel grunds\u00e4tzlich das Symptom eines tiefersitzenden \u00dcbels und dar\u00fcber wird wenig berichtet: Die \u00dcbernutzung der nat\u00fcrlichen Ressourcen der Erde ist bedingt nicht nur durch eine rasant wachsende Weltbev\u00f6lkerung, sondern vor allem durch ein inzwischen global ausuferndes Wirtschafts-, Geld- und Fiskalsystem \u2013 dies ist nicht nur Ursache f\u00fcr den Klimawandel, sondern auch f\u00fcr den Biodiversit\u00e4tsverlust, die Versauerung der Ozeane. Dar\u00fcber hinaus durch ma\u00dflose Ausbeutung der nat\u00fcrlichen Ressourcen, wodurch viele Menschen kein \u201egutes Leben\u201c f\u00fchren k\u00f6nnen \u2013 im Gegenteil: die Schere zwischen Arm und Reich geht  immer weiter auf.<\/p>\n<p>&#8222;Klimafinanzierung als reine Kosten oder als Wohlt\u00e4tigkeit zu sehen, ist falsch und selbstzerst\u00f6rerisch. Das hat den Fortschritt gebremst, den wir brauchen&#8220;, mahnt UN-Klimachef Simon Stiell. Schlie\u00dflich w\u00fcrden alle L\u00e4nder von der Klimafinanzierung profitieren. &#8222;Es ist eine lebenswichtige Investition in widerstandsf\u00e4hige globale Lieferketten, sie st\u00fctzt inflationsarmes Wachstum, Ern\u00e4hrungssicherheit und eine st\u00e4rkere, produktivere Weltwirtschaft, die den Frieden und Wohlstand st\u00e4rkt.. \u201eTeurer als Klimaschutz ist f\u00fcr die Welt nur eines: kein Klimaschutz\u201c. Die diesbez\u00fcgliche Stellungnahme finde ich in Benedikt Narodoslawskys Beitrag besonders hilfreich:  https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000295616\/das-heikle-thema-auf-der-weltklimakonferenz-wer-bezahlt-die-klimakosten<\/p>\n<p>Heute ist die alte Strategie, die gewaltigen psychischen und gesellschaftlichen \u2013 und damit auch \u00f6kologischen &#8211; Folgekosten einer kapitalistischen Gesellschaftsform sp\u00e4teren Generationen aufzub\u00fcrden, an ihre nat\u00fcrlichen Grenzen gekommen. Leider ist dar\u00fcber selten in den Medien zu h\u00f6ren und zu lesen. Dar\u00fcber, dass es mutige Menschen gibt, die erkannt haben, dass eine gerechte und nachhaltige Zukunft systemische Ver\u00e4nderungen erfordert. Dazu geh\u00f6rt nicht nur die Formel f\u00fcr ein anderes Wirtschaftswachstum (Buen Vivir, Gemeinwohl\u00f6konomie, wellbeing economy u.a.), sondern auch ein Programm f\u00fcr die Schuldenentlastung \u00e4rmerer L\u00e4nder, Reformen des globalen Finanzsystems und faire Handelsabkommen, die Entwicklung und Klimaschutz miteinander verbinden. <\/p>\n<p>Solange die ethisch-moralische Notwendigkeit nicht international anerkannt wird, solange nicht erkannt wird (werden will!), dass die Polykrise eng verbunden ist mit sich ausweitendem Hunger, steigenden Lebenserhaltungskosten, stagnierenden L\u00f6hnen und zunehmender Armut, was wiederum Populismus sch\u00fcrt und die Demokratie als politisches System untergr\u00e4bt -, solange wird\u2019s wohl nix! https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000293980\/untaetigkeit-in-der-klimakrise-kostet-jaehrlich-mehr-als-drei-millionen-menschen-das-leben<\/p>\n<p>Klimakatastrophen h\u00e4ufen sich weltweit und sie treffen die schw\u00e4chsten Bev\u00f6lkerungsgruppen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig stark, aber ebenso h\u00e4ufen sich Konflikte und versch\u00e4rfen Kriege den Klimawandel, und zerfasern das soziale Gef\u00fcge. Dar\u00fcber hinaus haben unzureichende politische Reaktionen die Fortschritte bei den UN-Zielen f\u00fcr Nachhaltige Entwicklung (SDGs) und dem Pariser Klima-Abkommen ins Stocken gebracht. Sie haben die dringende Notwendigkeit, aber auch die Schwierigkeit einer radikalen Umgestaltung unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems drastisch verdeutlicht.<\/p>\n<p><em>* Gastautorin Ilse Kleinschuster ist ein besonders engagiertes Mitglied der Zivilgesellschaft. Sie lebt in Wien.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klimaschutz ist kein Kostenfaktor \u2013 er ist eine Investition in Stabilit\u00e4t und Wohlstand. Eine Erkenntnis, die in Politik und Medien oft ungeh\u00f6rt verhallt.. 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