{"id":11089,"date":"2022-06-22T19:53:20","date_gmt":"2022-06-22T18:53:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/?p=11089"},"modified":"2022-06-23T09:55:06","modified_gmt":"2022-06-23T08:55:06","slug":"skandale-immer-und-ueberall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.medienkultur.at\/neu\/skandale-immer-und-ueberall\/","title":{"rendered":"Skandale immer und \u00fcberall"},"content":{"rendered":"<p>Der digitale Pranger laut Publizistikprofessor Bernhard P\u00f6rksen  <\/p>\n<p>Hans H\u00f6gl:  Kontrollverlust.Buch:&#8220;Die grosse Gereiztheit&#8220; (Teilrezension Kap. 5) <\/p>\n<p>Das weltweite Netz bietet enorme Chancen f\u00fcr die politische Teilhabe breiter Kreise. Und so kommen Sachverhalte ans Tageslicht, die fr\u00fcher nie beachtet oder tabuisiert wurden. Den traditionellen Redaktionen steht nicht mehr ein homogenes Publikum gegen\u00fcber, das sich fallweise in Leserbriefen meldet. Das Netz erlaubt, dass jeder mit Wort und Bild aktiv werden kann.  Das einst zur Passivit\u00e4t verdammte Publikum hat an Einfluss gewonnen (S. 159). <\/p>\n<p>Und P\u00f6rksen r\u00e4umt ein:&#8220;Es gibt durchaus relevante Enth\u00fcllungen von Ungerechtigkeit, Gewalt und \u00dcbergriffen, die allein deshalb  bekannt werden, weil jemand im richtigen Moment mit seinem Smartphone ein Video dreht und den Film sp\u00e4ter online stellt&#8220;(.S. 178).<\/p>\n<p>Meldungen im Netz k\u00f6nnen ungeahnte Folgen f\u00fcr Betroffene haben, die in Twitter anscheinend harmlos klingende Infos ins Netz stellen. So schrieb Justine Sacco, eine PR-Managerin aus New York, die nach Afrika flog, auf Twitter: &#8222;Hoffentlich bekomme ich kein Aids.Ich mache nur Spa\u00df. Ich bin wei\u00df.&#8220; Ein Journalist entdeckt den Tweet,er hat 15.000 Follower.Tausend Emp\u00f6rte schalten sich ein. Als sie in S\u00fcdafrika am Flughafen landet, warten schon Fotografen auf sie. Ihren S\u00fcdafrikaurlaub bricht sie ab, Hotelangestellte w\u00fcrden mit Streik drohen, wenn sie erscheint (S.160f.). Ihr Dienstgeber in New York feuert sie.  <\/p>\n<p>Die Folgen von solchen Ereignissen sind Publikumsurteile, ohne dass wie in Gerichten eine Verteidigung m\u00f6glich ist. Fr\u00fcher entschieden ma\u00dfgebliche Redakteure, ob ein Fall z.B. von Korruption und dergleichen aufgegriffen wurde.  <\/p>\n<p>Diese neue digitale Situation nennt der Autor die f\u00fcnfte Gewalt. Sie betrifft nicht nur Prominente, sondern auch unbekannte, harmlose Menschen (S.159). Erst im Nachhinein, auf Basis einer gr\u00fcndlichen Analyse von Einzelf\u00e4llen, l\u00e4sst sich das Ausma\u00df von unbedachten Twitter- und Facebook-Meldungen erahnen. Und es tut nichts zur Sache, wenn das Buch vor ein paar Jahren, n\u00e4mlich 2018 erschien. Und wer Falschmeldungen korrigiert, provoziert dadurch besonderes Interesse. Es gibt kaum eine effektive Rechtfertigung. <\/p>\n<p>&#8222;Zum anderen arbeiten auch klassische Medien mit Pseudo-Aufregern, Prangermethoden und frei erfundenen Geschichten, die Klickzahlrekorde, Auflage und Quote versprechen.&#8220; Im Furor der Skandalisierung geht auch im Journalismus die Orientierung an einem Ethos der Aufkl\u00e4rung verloren (S.178).<\/p>\n<p>Im September 2015 verbreitete das britische Boulevardblatt &#8222;Daily Mail&#8220; die Geschichte, der damalige Premierminister habe w\u00e4hrend der Initiationszeremonie des M\u00e4nnerclubs Piers Gaveston Society &#8222;eine obsz\u00f6ne Handlung mit dem Kopf eines Schweines vollzogen&#8220; und &#8222;einen intimen K\u00f6rperteil in das Tier eingef\u00fchrt&#8220; (S.179). Ein paar Tage nach der Ver\u00f6ffentlichung stellte die verantwortliche Daily-Mail-Reporterin Isabel Oakeshott klar: &#8222;Sie wisse auch nicht, ob diese \u0010Geschichte stimme, aber sie sei nun mal im Umlauf. Die Leute m\u00fcssen selbst entscheiden, ob sie der Sache Glauben schenken oder nicht, so meinte sie, nach Belegen gefragt.&#8220; (S.179).  <\/p>\n<p>NB. -Und jetzt behaupte noch wer, das Publizistikstudium sei unn\u00f6tig. Leider schleifen sich in der Praxis des journalistischen Berufes auch bedenkliche Verhaltensweisen ein, die selten so extrem sind. Und der Wiener Essayist Franz Schuh betonte k\u00fcrzlich in der &#8222;Wiener Zeitung&#8220;  (22.6.22):&#8220;Es hat mir nichts auf der Welt ein solches wunderbares Leben erm\u00f6glicht, wie der Computer. Das sei ein unfassbarer Fortschritt f\u00fcr einen Schreiber.&#8220; <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der digitale Pranger laut Publizistikprofessor Bernhard P\u00f6rksen Hans H\u00f6gl: Kontrollverlust.Buch:&#8220;Die grosse Gereiztheit&#8220; (Teilrezension Kap. 5) Das weltweite Netz bietet enorme Chancen f\u00fcr die politische Teilhabe breiter Kreise. 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