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Wir brauchen etwas anderes! Leben für große Projekte

Hans Högl.Rezension

Dave Eggers: Eure Väter, wo sind Sie? Und die Propheten,leben sie ewig? Köln 2015 (USA 2014).Roman

Dieser Roman ist von bestürzender und erschreckender Aktualität. Lässt er eine Entwicklung erahnen, die sich nach Jahren des Friedens und des Wohlstandes anbahnt? Der Roman, es ist keine soziologische Studie, drückt eine latente Unzufriedenheit, ein Verlangen nach Großem aus, das sich quasi von selbst erfüllt.

Die frappante und verrückte Geschichte, ein Entführungsdrama, will ich nicht im Einzelnen erzählen. Thomas ist 34 Jahre jung und ohne Beruf, wohl Einzelkind. Er wurde um 1978 geboren (p. 70). In der Nacht türmen sich ihm Fragen auf. „Die Fragen sind wie Nattern, die sich dir um den Hals schlingen“ (p. 10). Doch er sagt; „Ich brauche kein Medikament oder Therapie. Ich brauche Antworten auf meine Fragen“.

Auch einen Vietnam-Kriegsveteranen im Rollstuhl hat er entführt und richtet an ihn Fragen, weil es ja er auch als Kongressabgeordneter wissen könnte, was Thomas zu wissen sucht. Es sind aussagekräftige Fragen. Thomas hat Sorge, dass der Vietnamveteran ihn „irgendwie für minderwertig“ hält, weil er nicht im Krieg war. Der Veteran widerspricht dem entschieden und glaubhaft.

Thomas sieht in ihm ein Vorbild, der Sinnvolles getan hat. Der Vietnamveteran mit Namen Dickinson (p. 31) sagt zu ihm: „Sie sind ein Freund großer Gesten“. Thomas: „Manchmal, ja“. „Und ich bin sicher, dass ich besser geraten wäre und dass jeder, den ich kenne, besser geraten wäre, wenn wir bei irgendeinem universalen Kampf mitgemacht hätten, bei irgendwas, das größer ist als wir selbst“ (p. 40).

Der Kriegsveteran: „Sie wären gern bei irgendeinem tollen Videospielkonflikt mit einem klaren moralischen Ziel dabei“. Thomas: „Oder bei etwas anderem. Irgendetwas anderem, das alle durch ein gemeinsames Ziel vereint hat und durch eine gemeinschaftliche Opferbereitschaft“.

Thomas nahm beim Boy State teil und wollte an einem Rollenspiel für die Wahl eines Vizegouverneurs kandidieren, durfte aber nicht, vermutlich darum, weil er einen Aufsatz verfasste und mit echten B l u t seine Unterschrift darunter setzte (p. 44 ).

Thomas kommt alles chaotisch vor. Der Veteran: War das denn chaotisch, als man einen ganzen Monatslohn sparen musste, um sich ein Radio zu kaufen? „Als ein Innenklo ein Zeichen dafür war, dass du`s geschafft hattest? Himmelherrgott Junge, das Schlimmste, was eure Vorfahren je für euch junge Arschlöcher getan haben, war, erfolgreich zu sein. Wir haben alles so leicht gemacht, dass ihr Rotz und Wasser heult, wenn euch ein Kieselstein im Weg liegt “ (p. 46).

An einer anderen Stelle klagt Thomas: „Kein Schwein hat für irgendwas einen Plan“. Das ist es, „was uns alle verrückt macht“ (p. 57). Er fordert und fordert und verurteilt das System, die Mitwelt, die Polizei, die Krankenhausverwaltung und kritisiert wohl Manches zurecht und wird aus Rache kriminell.

Thomas stammt aus einfachen Verhältnissen. Seine Mutter war Alleinerzieherin und hatte es nicht leicht und wechselte die Lover. Thomas kritisiert sie. Die Mutter sagt zu ihrem Sohn Thomas: Du hast mir eingeredet, ich hätte mich furchtbar verhalten und da hatte ich Schuldgefühle und habe dich verhätschelt. „Du hättest etwas Disziplin gebrauchen können. Den Umgang mit Leuten, die morgens aufwachen und zur Arbeit gehen, etwas tun“ (p. 115).

Der Vater von Thomas, ein Handwerker (p. 40) ist in der Familie nicht präsent. Der Buchtitel bezieht sich auf den vaterlosen Thomas und auch auf seinen vietnamesischen Freund.Thomas fasst es auf p. 220 noch einmal gegenüber dem Abgeordneten zusammen, was er will: „Haben wir keine großen menschlichen Projekte verdient, die uns Sinn geben?“. „Wenn ihr nichts Großes habt, woran Männer wie wir mitwirken können, werden wir all die kleinen Dinge auseinandernehmen. Wohnviertel für Wohnviertel. Gebäude für Gebäude. Familie für Familie. Begreifen Sie das nicht?“ (p. 220).

Der Autor Dave Eggers ist 1970 in Chicago geboren und lebt in Kalifornien. —´
Der Roman drückt wohl einen Wandel vom protestantischen Arbeitsethos in eine mäßige Form des Hedonismus aus, zu einer Generation, die auf der Sinnsuche ist und verbal nach Größe, ja Heldentum strebt, aber keine Zwischenschritte macht.