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Corona: Die Politik unter Druck der Medien?

Deutschland hat besonders drastische Anti-Corona-Maßnahmen gesetzt. Als Vorbild für Österreich. Eine heftige Debatte darüber ist entstanden, inwieweit die Medien einander in der Forderung immer härterer Maßnahmen überbieten.

Udo Bachmair

Von den Journalen über „Wien heute“ bis hin zur „ZiB2“. Es hat den Anschein, als würden ORF-Sendungen wie diese den Druck auf die Politik massiv verstärken. So werden als Gäste vorwiegend Virologen und Epidemologen ausgewählt, die sich in dieser Causa als Hardliner erweisen und einem harten Lockdown das Wort reden. Alternative Stimmen, die für Gelassenheit plädieren und Angst und Panik als schlechte Ratgeber anprangern, kommen kaum vor.

Während sich in Österreich in der Causa Corona weitgehende Apathie und Schicksalsergebenheit breitgemacht hat, ist in Deutschland bereits eine rege Diskussion darüber im Gange, wie sehr sich gerade in dieser Frage die Macht der Mainstream-Medien auf politische Entscheidungen auswirkt. Ausgelöst hat dort die Debatte eine umstrittene Analyse des Medienwissenschafters Stephan Russ- Mohl in der renommierten Süddeutschen Zeitung.

Russ Mohl zeigt sich besorgt um den „Overkill, mit dem Leitmedien, insbesondere das öffentlich-rechtliche Fernsehen, aber auch Zeitungen wie SZ oder FAZ, über die Pandemie berichten.“ Der Kommunikationsexperte weiter: „Nicht die Regierenden haben die Medien vor sich hergetrieben, wie das Verschwörungstheoretiker so gerne behaupten. Vielmehr haben die Medien mit ihrem grotesken Übersoll an Berichterstattung Handlungsdruck in Richtung Lockdown erzeugt, dem sich die Regierungen in Demokratien kaum entziehen konnten.“

Am Ende seines Textes empfiehlt der Medienwissenschafter „weniger Angstmache in den Medien„, die mittelfristig den News-Totalverweigerern Auftrieb geben werde.

Spiegel-Journalist Marius Mestermann kritisiert, Russ-Mohl differenziere nicht, ob es bei der großen Zahl an Berichten um das Infektionsgeschehen und andere direkt mit dem Virus verbundene Neuigkeiten gehe, oder z.B. all die sozialen Konsequenzen.
Der WDR-Journalist Stefan Fries schreibt auf Twitter: „Stephan Russ-Mohl behauptet, ‚die Medien‘ hätten den Menschen in der Corona-Pandemie Angst gemacht, liefert aber keinen richtigen Beleg dafür. Wenn es nur die Menge an Berichterstattung sein soll, wie er behauptet, ist das etwas dünn.“
Lob kommt hingegen vom Bayerischen Journalistenverband. Er bezeichnet den Beitrag von Russ-Mohl als interessant und sachlich. Im Folgenden der entsprechende Link :

https://www.sueddeutsche.de/medien/russ-mohl-gastbeitrag-corona-panikorchester-1.5075025

Handke und Serbien : Debatte prolongiert

Zwischen zutreffender Medienkritik und umstrittenen Balkan-Ansichten: Warum Peter Handke auch nach der Verleihung des Literaturnobelpreises weiter die Öffentlichkeit bewegt.

Gastbeitrag von Kurt Gritsch*

Udo Bachmair, der Präsident der Vereinigung für Medienkultur, ruft in seinem Kommentar „Handke und Serbien: Außerhalb der Norm“ in Erinnerung, dass sich der Streit um Peter Handke und Jugoslawien nicht nur an den politischen Positionen des Autors entzündet, sondern auch an seiner Medienkritik. Im Reisebericht „Gerechtigkeit für Serbien“, im Januar 1996 erstmals erschienen, erhebt Handke in Prolog und Epilog nämlich schwere Vorwürfe gegen die Jugoslawien-Berichterstattung westlicher Medien.

Journalisten der FAZ bezeichnete er als „Tendenzkartätschen“ und die Zeitung als das „zentrale europäische Serbenfressblatt“. Anderen Printmedien wie dem Spiegel, der Zeit, Le Monde, Liberation, Le Nouvel Observateur und der New York Times warf er vor, sie hätten über Jahre „immer in dieselbe Wort- und Bildkerbe“ gedroschen und seien deshalb „auf ihre Weise genauso arge Kriegshunde […] wie jene im Kampfgebiet“. Dem Typus des aus der Ferne urteilenden Leitartiklers, dem „Fernfuchtler“, stellte er den entdeckenden Kriegsberichterstatter als „Feldforscher“ gegenüber:

„Nichts gegen so manchen – mehr als aufdeckerischen – entdeckerischen Journalisten, vor Ort (oder besser noch: in den Ort und die Menschen des Ortes verwickelt), hoch diese und andere Feldforscher! Aber doch einiges gegen die Rotten der Fernfuchtler, welche ihren Schreiberberuf mit dem eines Richters oder gar mit der Rolle eines Demagogen verwechseln und, über die Jahre immer in dieselbe Wort- und Bildkerbe dreschend, von ihrem Auslandshochsitz aus auf ihre Weise genauso arge Kriegshunde sind wie jene im Kampfgebiet.“

Während dieser medienkritische Aspekt, den Handke auch in späteren Äußerungen wiederholte, vom Journalismus entweder ignoriert oder zurückgewiesen wurde, zeichnet die wissenschaftliche Literatur ein differenzierteres Bild. So belegte Gabriele Vollmer in ihrer Dissertation 1994, dass in den deutschen Zeitungen Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau und taz tatsächlich „durch eine Einseitigkeit der Berichterstattung zugunsten der Slowenen und Kroaten“ ein serbisches Feindbild aufgebaut worden war, indem Serben in den untersuchten Printmedien mit den meisten Stereotypen belegt worden waren. Doch universitäre Forschungsergebnisse von Doktoranden und Professoren wurden und werden in der Handke-Jugoslawien-Debatte in den Leitmedien kaum wahrgenommen.

Während Handke in Bezug auf seine Kritik an der Jugoslawien-Berichterstattung im Wesentlichen zuzustimmen ist, sieht es mit einigen seiner politischen Anschauungen anders aus. So verstörte der Autor schon in „Gerechtigkeit für Serbien“ mit fragwürdigen Positionen, die in ihrem Gehalt dem serbischen Nationalismus nahestehen:

„Wie sollte, war gleich mein Gedanke gewesen, das nur wieder gut ausgehen, wieder so eine eigenmächtige Staatserhebung durch ein einzelnes Volk – wenn die serbokroatisch sprechenden, serbischstämmigen Muselmanen Bosniens denn nun ein Volk sein sollten – auf einem Gebiet, wo noch zwei andere Völker ihr Recht, und das gleiche Recht!, hatten“.

Die Muslime Bosniens als islamisierte Serben für sich zu beanspruchen, war und ist Bestandteil der großserbischen Ideologie. Eine ähnliche Position existiert auch unter großkroatischen Propagandisten, die in den Muslimen „rassisch besonders reine Kroaten“ zu erkennen glauben.

Peter Handke hat seine viel kritisierte einseitige literarische Annäherung an den Jugoslawien-Krieg damit begründet, er habe eben nicht wie zahlreiche andere Intellektuelle nach Bosnien, sondern ins isolierte Serbien fahren wollen. Dass er das in der deutschen Berichterstattung tatsächlich benachteiligte Serbien allerdings unkritisch mit dessen nationalistischer Staatsführung gleichgesetzt hatte, wurde ihm wiederholt von zahlreichen serbischen Intellektuellen vorgeworfen. Daneben bleibt ein zentraler Stein des Anstoßes bis heute seine Wahrnehmung des Genozids in Srebrenica. In „Gerechtigkeit für Serbien“ heißt es dazu:

„‘Du willst doch nicht auch noch das Massaker von Srebrenica in Frage stellen?‘ sagte dazu S. nach meiner Rückkehr. ‚Nein‘, sagte ich. ‚Aber ich möchte dazu fragen, wie ein solches Massaker denn zu erklären ist, begangen, so heißt es, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, und dazu nach über drei Jahren Krieg, wo, sagt man, inzwischen sämtliche Parteien, selbst die Hunde des Krieges, tötensmüde geworden waren, und noch dazu, wie es heißt, als ein organisiertes, systematisches, lang vorgeplantes Hinrichten.‘ Warum solch ein Tausendfachschlachten? Was war der Beweggrund? Wozu? Und warum statt einer Ursachen-Ausforschung (‚Psychopathen‘ genügt nicht) wieder nichts als der nackte, geile, marktbestimmte Fakten- und Scheinfakten-Verkauf?“

Diese Art des Fragens wurde bereits unmittelbar nach Erscheinen der „Winterlichen Reise“ als revisionistisch kritisiert. Da auch Rechtsradikale dadurch vorgehen, dass sie Interpretationen infrage stellen und Erkenntnisse relativieren, fand sich Peter Handke sehr schnell in der Ecke der Fakten leugnenden Revisionisten. 1999 warf ihm Hans Rauscher im Standard vor, das Niveau von Holocaust-Verharmlosern erreicht zu haben. Bis heute liegt diese Wahrnehmung den Vorwürfen, Handke sei ein Genozid-Leugner, zugrunde.

In den Folgejahren von „Gerechtigkeit für Serbien“ verfestigten sich die Positionen – hier zahlreiche Leitmedien, dort der immer zorniger agierende und in seinen Interviews häufig polemisch auftretende Dichter. Inzwischen gewinnt man den Eindruck, dass es nur noch ein Für oder Wider Handke zu geben scheint. Dabei böte die Nobelpreis-Verleihung Anlass, sich mit dem über 100 Werke umfassenden Oeuvre des Schriftstellers mit Bedacht auseinanderzusetzen.

Doch die Literatur ist längst von Politik und bisweilen von Populismus abgelöst worden. Das hat auch mit einer Berichterstattung zu tun, die anstelle der Lektüre von Handkes Primärtexten nur noch ungeprüft Stellungnahmen anderer Medien übernimmt. Mitverantwortlich ist aber auch Peter Handke. Denn einige seiner Äußerungen und Positionen sind und bleiben vor dem Hintergrund der Fakten fragwürdig.

*Kurt Gritsch ist promovierter Zeithistoriker. Er ist Autor des Buches „Peter Handke und Gerechtigkeit für Serbien. Eine Rezeptionsgeschichte“ (Studienverlag 2009).