Schlagwort-Archive: Lois Hechenblaikner

WORLD PRESS PHOTO 21 und Fotos über Ischgl (Tirol)

Foto- Medientipps: Ausstellung World Press Photo 21 und Fotos aus Partytempeln der Skihochburg Ischgl

Hans H ö g l

Lois Hechenblaikner zeigt Fotos (und signiert Fotobücher) in der Galerie Westlicht am DIENSTAG, 19. OKTOBER, 19 UHR.

2020: Ganz Europa blickte nach Tirol, weil sich aus den Partytempeln der Skihochburgen das Virus rasant über den Kontinent verbreitete, da hatte Hechenblaikner das passende Fotobuch schon in der Schublade. Die schlicht „Ischgl“ genannte Publikation im Steidl-Verlag schlug ein wie eine Bombe.

Für die einen ist er ein Nestbeschmutzer, für die anderen gerade deshalb der „Thomas Bernhard der Fotografie“: Lois Hechenblaikner hält mit seinen Fotografien seit nunmehr 30 Jahren dem alpinen Massentourismus den Spiegel vor. Mit dem scharfen Blick eines Kulturanthropologen führt er uns durch den Amüsierbetrieb der Pisten und Skihütten, zeigt die ebenso enthemmte wie technisch hochgerüstete Après-Ski-Kultur und den Raubbau an der Bergwelt durch Speicherseen und Liftanlagen.

Lois Hechenblaikner ist Tiroler.Er kam als Autodidakt zur Fotografie. Seit den 1990er-Jahren beschäftigt er sich fotografisch mit der alpinen Tourismuswirtschaft und veröffentlicht dazu Fotoarbeiten und stellt sie international aus. Kostproben seiner Bonmots zum Thema Après-Ski: „Wie konnte es geschehen, dass aus ehemals ärmlichen Bergbauern hochprofitable Alkoholhändler geworden sind?“.-„Der deutsche Gast ist zumeist ein sehr kontrollierter Mensch, dem nimmt man das Geld nicht so einfach ab. Man muss ihn zuerst zwischen 0,7 und 1,2 Promille einstellen. Erst dann kann man ihn monetär abmelken“.

WORLD PRESS PHOTO 21

Bis 24.10. präsentiert die Galerie WestLicht in Wien Westbahnstraße die besten Pressefotografien des Jahres. Täglich 11–19 Uhr, donnerstags 11–21 Uh 15 Euro / 10 Euro ermäßigt.

Turbo-Tourismus in Ischgl als Bildband

Der Corona-Virus griff von Ischgl bis nach Island über. Da durchbrachen Massenmedien ihre Abstinenz, kritisch über Ischgl zu berichten. Nun liegt der Fotoband „Ischgl“ vor. Davon bringt „Medienkultur“ eine fundiertere Rezension als sonst in Medien üblich.

Hans Högl: Rezension

Der „Standard“-Redakteur Stefan Gmünder geht im April 2020 mit dem Fotografen Hechenblaikner durch Ischgl und erlebt gespenstische Stille. Die Gesichter der Menschen sind verschlossen, es irrlichtert das Team eines TV-Senders herum und sucht nach Sensationen. Hechenblaikner wird um ein Interview gefragt, er lehnt ab.

„Journalisten, die für einen Tag anreisen, um auf der Jagd nach einer schnellen Geschichte nur das suchen, was sie bestätigt sehen wollen, sind ihm ein Gräuel. Dass es unter den Einheimischen schon lange Widerstand gegen Partyexzesse gibt, wird in solchen Storys ebenso wenig erwähnt, wie dass Ischgl versucht, mit erstklassigen Hotels und Gourmetlokalen entgegen zu steuern.“

Seit 26 Jahre dokumentiert Hechenblaikner, Tiroler aus dem Alpbachtal, was sich in Ischgl abspielt, dem hochalpinen Ballermann des Skitourismus. Seine Bilder zeigen die Entwicklung eines armen Bergbauerndorfes zu einem Brennpunkt von Turbotourismus. Zu Fotoausstellungen wird der Tiroler Hechenblaikner im Ausland, nicht in Tirol eingeladen.

Für den breitformatigen Fotoband traf Hechenblaikner eine Auswahl unter 9.000 Bildern. Sie zeigen eine unbeschreibliche Drastik von Suff und entgrenzt-blöden Späßen ohne Scham und Wahrung jeglicher öffentlicher Sitte und entspannten Hormonhaushalt. Den architektonischen Wirrwarr im „Lifestyle“-Ort Ischgl spart der Bildband aus. Auch andere Bildbände wie „Winterwonderland“ (2012), „Hinter den Bergen“(2015) erschienen im Göttinger Steidl Verlag.

Ein Vater berichtete uns, dass seine Tochter von einer großen deutschen Versicherungsgesellschaft mit einem Urlaub in Ischgl belohnt wurde. Sie verließ diesen Pfuhl schwer erkrankt und Corona-infiziert. Mit der Ischgl-Welt hatte die Versicherung 40 Mitarbeiter honoriert, einer davon ist gestorben.

Am Ende des Fotobandes sind 15 Pressetexte der Tiroler Landespolizei über Streitereien und Körperverletzungen in Ischgl abgedruckt. So stellte sich ein Gast zu später Stunde auf die Theke, der Kellner überreichte ihm einen brennenden Golfschläger zum Köpfen einer Champagnerflasche, wobei es zu einem Umfall kam.

Nicht nur Ischgl erweckt Nachdenken. Am 26. November 2008 wird von dicker Luft zwischen Salzburger Touristikern und der Kripo berichtet. Denn es wurden partyverlängernde Substanzen wie Kokain oder Ecstasy konsumiert. Die Daten belegen, dass die Wintersaison in Skigebieten auch drogenanfällig ist. Beim Après Ski wurden verbotene Substanzen, Cannabis bis Kokain unter die Partygäste gebracht- von wem auch immer. Vgl. die letzte Seite des Ischgl-Bildband und den „Standard“-Bericht vom 27. Nov. 2008.