Gutmenschen blind ?

Gastbeitrag von Erwin Bader

Vesna Knezevic, geboren in Pristina, Korrespondentin des serbischen Fernsehens, schrieb einen bemerkenswerten Beitrag in der „Presse“: „Europa an einem Punkt des radikalen Wandels.“

Als Serbin vertritt sie eine andere Position als bei uns üblich. Sie versteht es, ihre Gedanken sehr gebildet auszudrücken und kritisiert zugleich die Bildung der heute die Gesellschaft bestimmenden „Gutmenschen“. Diese haben, wie sie mit Giambattista Vico formuliert, die „Bindung“ zur Imagination des Ganzen getrennt. Mit re-ligare, also zurück-binden, erklärt aber Laktanz die Religion. Hat etwa dieser beachtliche Beitrag etwas mit Religion zu tun? Oder nur mit einer säkularisierten Form derselben? Ist der Begriff des Gutmenschen mehr als ein hilfloser Kampfausdruck der Zu-kurz-Gekommenen? Und: Kommt es wirklich im Zuge der Einwanderung unaufhaltsam zur Islamisierung Europas?

Manche ihrer Einschätzungen zur Entwicklung Europas verstehe oder teile ich, doch nicht den Pessimismus. In ihrem Beitrag versteht sie den Begriff „Gutmensch“ positiv: „Ehrlich und konsequent um das Gute bemüht, wenngleich ihm etwas fehlt.“ Zunächst war ich stutzig, doch dann erinnerte ich mich an eine Analogie zur Geschichte vom Pharisäer und Zöllner (Lukas 18). Der Pharisäer schmeichelte sich selbst, meinte aber zu beten: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie andere Leute, die Räuber, Ungerechten, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.“ Der heutige „Pharisäer“ wird – säkularisiert – zum „Gutmenschen“, ihm fehlt die Selbstkritik. Der Ausdruck „Schlechtmensch“, den die Autorin erfand, entspricht vielleicht dem „Zöllner“ der Bibel. Er lässt sich nicht verbilden und „standardisieren“, doch gerade dadurch ist er sich vor Gott seiner „Sünde“ bewusst, was Papst Franziskus bei allen Christen fördern möchte, gerade um nicht der heute grassierenden Korruption zu verfallen.

Freilich darf man nicht vergessen: Religion ist auch missbrauchbar! Am schlimmsten ist dies beim (angeblich?) religiösen Terrorismus, der den Gottesnamen zum Schlachtruf macht und Gott damit als ein schreckliches Ungeheuer karikiert. Doch die säkularisierten Werte sind ebenfalls missbrauchbar.

Die Autorin beschreibt die moderne Fluchtbewegung als „ver sacrum“ junger Männer, um neues Land zu erobern. Sie meint, dass der „Gutmensch“ dies nicht durchschaut. Das Ende Europas komme durch die Islamisierung, infolge der Blindheit der Gutmenschen. „Die Gutmenschen sind bereit, an der Scham der Geschichte zugrunde zu gehen“ – und sie seien der Meinung: „…es ist sowieso zu spät.“ Stimmt es?

Zunächst spricht dafür, dass ein hochstehender Religionsvertreter der Muslime einmal erklärte, dass ein gläubiger Muslim nur dann ein Recht habe, in einem Land der Ungläubigen zu leben, wenn er sich als Vorhut der Islamisierung versteht. Österreich und Westeuropa würden auch ohne Gewalt durch Immigration und Nachwuchs islamisiert werden. Freilich denken die heutigen Vertreter der islamischen Glaubensgemeinschaft anders, aber was in den Moscheen gepredigt wird, ist unbekannt. Warum kommt es zur Verharmlosung des Terrorismus und sogar zum freiwilligen Kriegseinsatz von in Österreich lebenden Männern und Frauen für den IS? Vielleicht, weil es den Fundamentalisten heute zu langsam geht. Möglicherweise geht deren Schuss aber auch nach hinten los.

Nun, warum bin ich trotzdem kein Pessimist?

Erstens verläuft die Geschichte oft ganz anders als erwartet. Wer sah schon vor fünfzig Jahren die heutige mediale Revolution voraus? Wer dachte damals an einen Klimawandel? Oder wer dachte vor der Flüchtlingswelle, dass so etwas möglich sei? Ebenso kann es auch auch andere, positive, aber freilich auch negative Überraschungen geben, als wir heute vermuten.

Zweitens wäre es falsch, den Immigranten die Schuld für das Versagen Europas in die Schuhe zu schieben: Europa scheint seit langem religionsmüde zu sein, statt dessen aber in einen Konsumtaumel zu fallen, der dann eine Anziehungskraft auf Menschen jener Kontinente ausübt, wo der Klimawandel als Folge des grenzenlosen Wirtschaftswachstums zur Verarmung und zu Konflikten führt, so dass schon deshalb viele zu uns flüchten; außerhalb Europas ist die Meinung noch aufrecht, dass ein Land ohne Religion ein Vakuum sei, und manche meinen vielleicht, dass sie das Vakuum füllen sollten. Außerdem trägt auch die europäische Waffenindustrie mit zu jener Not bei, vor der junge Männer fliehen und in andere Länder aufbrechen, um deren – brüchiges – Glück zu teilen.

Das Wegschauen ist immer der falsche Weg, denn es hilft nicht und die Situation könnte eskalieren. Zweifellos kann es auch in Europa zu gewaltsamen Konflikten zwischen Islamisten und rechten Gruppen kommen, die man freilich nicht herbeireden soll.

Aber gerade wenn wir einsehen, dass vieles der heutigen Entwicklung auch an uns liegt, gäbe es Hoffnung. Wir sollten daher vor allem aufhören, unser Denken nur an den Augenblick zu binden; wenn wir neu lernen, es an das „Ganze“ zu binden, also wenn wir uns wieder mehr – oder überhaupt neu – an dem Gott der Liebe zu allen Menschen orientieren, dann könnte der Hass auf allen Seiten verhindert oder abgebaut werden und Europa kann wieder neu geboren werden!

Univ. Prof. Erwin Bader, Philosoph, Religionspädagoge, Politologe, Autor. Lebt in Wien.

Der von Erwin Bader analysierte und empfohlene Beitrag von Vesna Knezevic aus der Tageszeitung „Die Presse“ ist in vollem Wortlaut abrufbar unter:

http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/5106971/Europa-an-einem-Punkt-des-radikalen-Wandels

 

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