Archiv für den Monat: Oktober 2018

Medien: Rechte erobern Meinungshoheit

Udo Bachmair

Die Zeitschrift „Falter“, bekannt als fundiert kritisch und investigativ, hat auch in ihrer jüngsten Ausgabe wieder Interessantes zu bieten. Sie unterscheidet sich damit wohltuend von einem großen Teil der übrigen Medienlandschaft, die in Österreich von einem beispiellos hohen Konzentrationsgrad an Boulevardmedien geprägt ist. Und immer wieder finden sich in dem lesenswerten Blatt auch medienkritische Beiträge und Analysen. Jüngst besonders aufgefallen eine penibel recherchierte Falter-Dokumentation zur immer stärker werdenden Dominanz von Rechtspopulisten, die „die Meinungshoheit in Europa an sich reißen wollen“. Die extreme Rechte tritt nach Falter-Erkenntnissen auch medial immer häufiger länderübergreifend auf.

Die Strategie der Übernahme medialer Berichtersattung durch Rechtspopulisten und Rechtsextreme umreißt Falter-Redakteurin Nina Horacek folgendermaßen:

„Zuerst aus der Opposition eine als ‚alternative Nachrichten‘ getarnte mediale Propagandawelt aufbauen. Einmal an der Regierung, wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter Kontrolle gebracht. Parallel dazu geht es unabhängigen, kritischen Medien an den Kragen“. Das Vorgehen erfolge unter anderem in folgenden Schritten:

  • Errichte dein eigenes Medienimperium inkl. einem hörigen „Staatsfunk“
  • Schüre mit Fake-News Ängste
  • Diffamiere deine Kritiker
  • Nütze Facebook als Verstärker
  • Bring die Pressefreiheit unter Druck
  • Zerstöre deine Kritiker finanziell

Die Autorin bezieht sich in ihrer Analyse zwar vornehmlich auf die Entwicklung in Ungarn, ortet aber auch hierzulande eine Änderung der Medienpolitik seit dem Eintritt der rechtspopulistischen FPÖ in die Regierung.  So verstummen jene Stimmen nicht, die dem ORF die Gebührenlegitimät aberkennen und ihn mit der Finanzierung aus dem Bundesbudget stärker an  die parteipolitischen Kandare nehmen wollen.

Erste Erfolge dieser Drohung zeigen sich bereits: Die ZIB 1 wird zunehmend zu einer Werbesendung für Kurz / Kickl / Co. und in Diskussionssendungen wie „Im Zentrum“ will es der Moderatorin immer seltener gelingen, unentwegt polemisierende und provozierende FPÖ-Politiker einzubremsen. Für sachliche Debatten bleibt kein Raum mehr. Eine auch demokratiepolitisch bedenkliche Entwicklung.

https://www.falter.at/archiv/wp/propagandakrieg-in-europa-die-medien-der-rechten

 

Mit dem Nachbarn reden! Initiative im Schweizer Journalismus

Hans Högl

Ilse Kleinschuster – Mitglied der Vereinigung für Medienkultur – weist auf eine bemerkenswerte Initiative  von Schweizer Journalisten und Journalistinnen  hin,   die sich um den Aufbau zivilgesellschaftlicher Handlungskompetenz bemühen – https://www.republik.ch/2018/08/15/ihre-nachbarin-denkt-anders-als-sie-treffen-sie-sich-zum-gespraech.

Widerstand rettet 50.000 Juden in Bulgarien und kirchliche Proteste in Wien 1938

Hans Högl

Am 7. Oktober 1938 versammelten sich mehre tausend katholische Jugendliche im Wiener Stephansdom zu einer religiösen Feier, die ganz normal als religiöse Veranstaltung auf Plakaten angekündigt war.

An diesem Abend bestieg Kardinal Innitzer überraschend die Kanzel, eben jener, der noch im März den Anschluss an das 3. Reich befürwortet und handschriftlich im Text darunter „Heil Hitler“ geschrieben hatte, und sagte den tausenden Jugendlichen: Steht treu zu Eurer Pfarre, zeigt, dass ihr den Glauben hochhaltet und fügte an: „Ihr habt einen Führer, Christus!“

Dies konnte antinazistisch ausgelegt werden und wurde es auch. Dies gilt, so sagte Kardinal Schönborn in Radio Ö 1 als „größtes, singuläres Widerstandsereignis im 3.Reich“. Nach dem Gottesdienst wurden einzelne Jugendliche festgenommen und einer kam nach Dachau. Am folgenden Tag wollten Nazis Kardinal Innitzer in seinem Palais stürmen und angeblich aus dem Fenster werfen. Er konnte sich aber über eine Tapetentür in Sicherheit bringen. Aber sein Sekretär wurde aus dem Fenster geworfen, fiel aber auf einen Sandhaufen.

Bei meiner Bulgarienreise erfuhr ich von einem erstaunlichen Widerstand gegen das 3. Reich: Bulgarien schloss sich 1941 Hitlerdeutschland an. Dieses wollte 1943 auch gegen die Juden in Bulgarien vorgehen, also 50.000 bulgarische Juden. Es kam zu einem Massenprotest und 43 Abgeordnete unterschrieben einen Brief gegen die Deportation und der Metropolit Kiril drohte, „er werde sich vor den Zug legen, mit dem die Juden aus Plovdiv in die Todeslager gefahren werden sollten“. Und so wurden 50.000 Juden in Alt-Bulgarien gerettet u.a. durch geschicktes Verzögern der Nazibefehle.

Ich meine, es ist im Sinne der Medienkultur, bei solchen Anlässen, auch daran zu erinnern -nicht nur wie  in ORF-Radio am 27.1.2016.

 

Europa-Visionär: Richard Coudenhove-Kalergi und Familie

Hans Högl

Am 24.Oktober bringt 3-sat einen Film über die Familie des Pan-Europa-Gründers Richard Coudenhove-Kalergi. Dies hat  Seltenheitswert. Die Wiener Historikerin Helene Maimann ist  Regisseurin des Films. Warum ich das aufgreife: Im Namen der Medienkultur erinnerten wir vor ein paar Jahren an diesen weithin vergessenen Visionär Europa im Haus des Europäischen Parlaments und freuen uns, dass daran indirekt angeknüpft wird.

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Bayern ist weder Bauernstaat noch „Vorstufe zum Paradies“

Hans Högl: Daten zum Freistaat

Mir, dem Mediensoziologen, ist es ein Anliegen, von anderen Ländern zu berichten, was sich in dieser Weise in Österreichs Medien nicht findet. Und dies aus Anlass der Wahlen in Bayern. Meine Hauptquelle ist die „Süddeutsche“. Die großspurige Aussage zu Bayern als „Vorstufe zum Paradies“  traf Horst Seehofer. 

In München sitzen Weltkonzerne wie Siemens, BMW und Google. Weniger bekannt ist, dass  BMW – Motoren im österreichischen Steyr gebaut und in München die BMW-Autos zusammen gestellt werden. Das erwähnt die „Süddeutsche“ nicht. Die Maschinenfabrik MAN wurde in Augsburg-Nürnberg gegründet.

 Ein verschwindend kleiner Teil ist in der Landwirtschaft tätig: nur 0,6 % (!) der Beschäftigten,  so die „Süddeutsche“.  Die kleinen Höfe werden immer weniger. Zwischen 2010 und 2016 haben 1.800 Bauern ihren Betrieb mit weniger als zehn Hektar aufgegeben. 2003 arbeiteten im Freistaat 63 Prozent der Frauen, heute sind es 75 % und ein Großteil davon in Teilzeit.

Das ländliche, katholische, in Vereinen organisierte Bayern schrumpft, zugleich wächst das urbane, individualistische Bayern. Städte boomen, auf dem Land hat so mancher das Gefühl, abgehängt zu werden. 1980 besuchten 44 % der Bayern einmal im Monat  den Gottesdienst, 2016 waren es 21 %.

Bayern zählt 13 Mio. Einwohner,  2017 gab es 6,9 Mio. Städter (51 Prozent)  und 6,1 Mio. auf  dem Land. München hat 1,5 Mio. Die Wohnungen in München sind für viele fast nicht mehr leistbar. Jede Opernkarte im Nationaltheater wird mit mehr als 110 Euro vom Freistaat subventioniert.

 

 

 

Transaktionssteuer. Grund des Scheiterns

Hans Högl

Eine häufige Schwäche von Medien ist es, nicht die (Hinter) Gründe von Ereignissen ausdrücklich mitzuteilen.   So erwähnt Wilfried Stadler (Ökonom und Mitherausgeber der Wochenzeitung „DIE FURCHE“) in einem Beitrag am 6. September 2018 zwei Hauptgründe, warum dieses „sinnvolle Projekt“ der  Transaktionssteuer scheiterte:   Zum einen war es „auf Grund heftigen Gegenwinds der Finanzmarktlobby, aber auch einiger konzeptioneller Schwachstellen“.

Abgesehen von der fünfminütigen Radio-Sendung  „Gedanken für den Tag“ in. Ö 1 wird  -meiner Beobachtung nach- vielleicht irre ich mich- nie ein FURCHE-Redakteur zu Fernsehsendungen eingeladen. Dies ist erstaunlich, denn die FURCHE ist ein  seriöses Wochenmagazin.