Archiv für den Monat: Oktober 2017

Nach der Wahl: Zur Zukunft von ORF und Funkhaus

Udo Bachmair

Die Nationalratswahl ist geschlagen, die Neuauflage einer schwarz-blauen Koalition gilt als wahrscheinlich. Eine Entwicklung, die mit großem Interesse und unverkennbarer Nervosität auch im ORF registriert und diskutiert wird. So wachsen bei Belegschaft und ORF-Führung Ängste und Befürchtungen über angebliche Pläne, ORF 1 und Ö 3 zu verkaufen. Ein solcher Privatisierungsschritt käme einer Zerschlagung des ORF gleich, wird argumentiert. So schnell, wenn überhaupt, dürfte es jedoch nicht dazu kommen.

Realistischer ist da schon eine komplette Umfärbung der wichtigsten ORF-Positionen. Abgeschreckt vom rigiden Kurs des ÖVP-nahen Hardliner-Duos Monika Lindner / Werner Mück erscheint das vielen im ORF als gefährliche Drohung. ORF-Redakteure haben den seither unter Wrabetz erreichten journalistischen Spiel-und Freiraum durchaus schätzen gelernt , wie mir Ex-ORF-Kollegen bestätigen. Der Vorwurf, Wrabetz würde ORF-Informationsabteilungen parteipolitisch gängeln, läuft daher weitgehend ins Leere.

Angesichts der voraussichtlich neuen politischen Konstellation im Lande erscheint auch die Zukunft des Funkhauses brisant. Hatte man noch im Vorjahr fix mit der Absiedelung von Ö 1 und FM 4 aus dem Wiener Funkhaus ins ORF-Zentrum gerechnet, so dürfte diese Fehlentscheidung des ORF-Stiftungsrates zwar endgültig vom Tisch sein, aber: Es kursieren neue Gerüchte, dass die Radioinformation als einziger Bereich in bestehende Hallen des ORF-Zentrums an den Stadtrand verbannt werden soll. Die Generaldirektion hat nämlich eine Machbarkeitsstudie für derartige Pläne beauftragt..
Die ProponentInnen und UnterstützerInnen der Funkhausrettung haben aus aktuellem Anlass daher folgende Erklärung veröffentlicht:

„Wir freuen uns, dass der ORF den 50. Geburtstag seines Kultur- und Informationssenders Ö1 sowohl im Wiener Funkhaus als auch in seinem Hörfunk- und Fernsehprogramm gefeiert und im Funkhaus einen würdigen Rahmen dafür vorgefunden hat. Er hat damit die Aufmerksamkeit auf das Funkhaus als Hauptstandort seiner Hörfunksender gelenkt. Wir verstehen das als Zeichen, dass ihm sein Funkhaus etwas wert ist und er es behalten möchte.
Daher gehen wir davon aus, dass nicht mehr an den Verkauf des gesamten Funkhauses gedacht ist. Nur noch Überlegungen zu einem Teilverkauf wurden zuletzt bekannt. Aber auch ein Teilverkauf des Funkhauses würde in den Folgekosten den Verkaufserlös bei weitem übersteigen und das Funktionieren von Ö1, FM4 und Radio Wien durch die Aufteilung der einzelnen Programmbereiche auf verschiedene Standorte elementar gefährden. —
Über die Standortfrage hinaus hängt die weitere positive Entwicklung vom Willen des ORF ab, die Sender des Funkhauses mit dem entsprechenden Personal und den nötigen Mitteln auszustatten. Dem ORF insgesamt und dem Hörfunk sowie Ö1 als Informations- und Kultursender kommt eine besondere Bedeutung und Verantwortung bei der Wahrung der äußeren und inneren Meinungsfreiheit und der Erhaltung der Meinungsvielfalt zu. Jede Einsparung bei Personal und Mitteln verringert sie. Nur der ORF ist durch seinen Informations-, Bildungs- und Kulturauftrag in der Lage, ein umfassendes Angebot in diesen Bereichen zu erstellen.
Wir treten daher für einen starken und unabhängigen ORF ein. Wir befürworten die Stärkung seiner Informations- und Kulturprogramme. Wir begrüßen jede Aktivität, die zum Ausbau seiner Kultur-, Bildungs- und Informationsaufgaben führt. Wir unterstützen alle Maßnahmen, die der Fortsetzung der großen Bedeutung des Wiener Funkhauses dienen. Wir befürworten jede Öffnung des Funkhauses für weitere öffentlich-rechtliche Nutzungen im Rahmen seines Auftrags.
Wir rufen den ORF und die Politik dazu auf, sich mit uns gemeinsam für einen ORF einzusetzen, der ein Garant für Offenheit, Pluralität und Objektivität ist. Der selbst, durch seine verschiedenen Standorte und ihre jeweils eigenständigen Gesamtprogramme, die innere und äußere Medienfreiheit repräsentiert und einen unverzichtbaren Bestandteil des kulturellen, wissenschaftlichen und publizistischen Lebens in Österreich darstellt.“

Aufwachen, aufwachen, aufwachen

Udo Bachmair

„Aufwachen, aufwachen, aufwachen“ – so der Titel eines empfehlenswerten Karikaturen-Buches, das kürzlich in der Volkshochschule Wien-Hietzing präsentiert worden ist. Autor des Werks ist Ali Kohlbacher, Ex-Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt, u.a. aktiv in der Friedensbewegung, in der SPÖ-Bildungsarbeit sowie beim Bund Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer. Sein Spezialgebiet sind Zeichnungen, politische Karikaturen, in denen er sich engagiert mit Verwerfungen, Torheiten und Krisen unserer Zeit auseinandersetzt.

Der linke Sozialdemokrat Ali Kohlbacher übt mit seinen Karikaturen Kritik am Neoliberalismus und nimmt Partei für „Modernisierungsverlierer“, Ausgebeutete, für Enttäuschte und Getäuschte. Er prangert Egoismus, Gier, Engstirnigkeit und Menschenverachtung an.

Kohlbacher gelingt es auf originelle Weise, seinen schonungslosen, oft auch zornigen Aussagen und Botschaften auch ein humoriges Element zugrunde zu legen, das nachdenkliches Schmunzeln auslöst.

„AUFWACHEN, aufwachen, aufwachen-Karikaturen aus dem 21. Jahrhundert“ ist im ECHOMEDIA BUCHVERLAG erschienen.Preis 19,80

Übergang zum Untergang

Eine Mitteilung des KLEEBLATT – Lesetheaters :

ARENABAR, Wien 5
Mittwoch, 4.Oktober 2017, 20 Uhr

ÜBERGANG zum UNTERGANG

Menschliche und andere Abgründe

Kommt der Weltuntergang? Kann man dagegen etwas unternehmen?
Sonntag nach der Schöpfung
Weltentstehungsmythen (KLEEBLATT)
Herr der Hyänen (Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit)
Der Sucher (Kurt Tucholsky)
Katastrophentourismus, Schlachtfelder-Rundfahrten
(Karl Kraus, Basler Nachrichten)
Kometenlied (Johann Nestroy und KLEEBLATT)
Weltuntergang im Film (KLEEBLATT)
Verhinderungsmöglichkeiten (KLEEBLATT)
Weltuntergang (Jura Soyfer – 2 Szenen)

PAUSE

Apokalyptische Reiter (Bibel, Johannes, Offb 6/1-8)
Ausnahmezustand (Holger Ptacek, Schauspiel über die Auswirkung von Angst)
Chronik der (verpassten) Weltuntergänge (KLEEBLATT)
Was man vor dem Weltuntergang noch tun muss (KLEEBLATT)
Weltuntergang (Jura Soyfer – Schlussszene)

Wir wünschen viel Vergnügen und gute Unterhaltung!!!
KLEEBLATT. Das Lesetheater
mit Julia Prock-Schauer, Helen Zangerle, Herbert Slavik, Paul Gruber

www.kleeblatt-lesetheater.at

Wahlkampf : Politologe mit Sager der Woche

Kurz im Gleichklang mit dem Boulevard : Flüchtlinge und Migration an allem schuld

Udo Bachmair

Der Wahlkampf geht langsam ins Finale. Wenn sich die Aufregung rund um eine angeblich von der SPÖ finanzierte Facebook-Seite mit Verunglimpfungen von Sebastian Kurz gelegt haben wird, wird wieder das emotionale Reizthema Migration und Flüchtlinge dominieren. Dafür wird mit einiger Sicherheit das voraussichtliche Siegerduo Kurz / Strache sorgen. Andere Themenkomplexe, die die meisten Menschen tatsächlich direkt betreffen, wie Soziales, Bildung, Wirtschaft und Arbeit, werden in der Wahlkampf-Schlussphase eine bloß untergeordnete Rolle spielen..

Die Wahl dürfte also nahezu ausschließlich mit Emotionen und Hetze geschlagen werden. Nicht nur seitens des rechtspopulistischen Duos Kurz/Strache, sondern auch durch Unterstützung der Boulevardmedien. Mit der Fähigkeit, dem Boulevard und der vermuteten Mehrheit der Bevölkereung nach dem Mund zu reden, erweist sich Kurz als der geschicktere Strache. Der talentierte Jungstar hat es in TV-Diskussionen konsequent geschafft, unabhängig vom Thema nach kurzer Zeit sofort die Flüchtlings- und Migrationsfrage für nahezu alle Fehlentwicklungen verantwortlich zu machen.

Der Politikwissenschafter Professor Filzmaier hat die Kurz-Sicht(igkeit) in seiner Analyse nach dem ORF-Duell zwischen dem langjährigen Integrationsverantwortlichen und der grünen Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek mit einem Schuss Humor auf den Punkt gebracht :

„Sebastian Kurz hat ein Glück, dass es bei dieser Diskussion nicht um Verkehrspolitik gegangen ist. Weil da hätte er wahrscheinlich auch argumentiert, das verkehrspolitische Problem sind Burka-Trägerinnen, die illegal in zweiter Spur vor Islamkindergärten parken.“

Rolle fotografischer Bilder im Wahlkampf

Hinweis auf eine interessante Veranstaltung gerade in Wahlkampfzeiten:

PODIUMSDISKUSSION

am Mittwoch, 4. Oktober 2017, 19 Uhr

MEINUNGSBILDER – FOTOGRAFIE IM WAHLKAMPF

Egal ob in Anzeigen, Plakaten oder online, politische Kampagnen setzen auf die Fotografie zur Kommunikation ihrer Botschaften. Gleichzeitig liefert der Fotojournalismus Munition für die Kombattanten der unterschiedlichen Parteien. Aus gegebenem Anlass widmet sich die Podiumsdiskussion der Rolle fotografischer Bilder im Wahlkampf.

In Kooperation mit dem Standard, Teilnahme mit Eintrittskarte, keine Anmeldung erforderlich

Es diskutieren
Mag. Judith Denkmayr (Digitalstrategie-Expertin)
Franz Merlicek (Werbeagentur Merlicek & Grossebner)
Dr. Desirée Schmuck (Universitätsass. am Institut für Publizistik und Komm.wiss.)
Luzia Strohmayer-Nacif, MA. (Leitung APA Picture Desk)
Milo Tesselaar (Wahlkampfmanager & Berater)

Moderation: Irene Brickner, der Standard

Die World Press Photo Ausstellung hat an diesem Abend bis 21 Uhr geöffnet!
WestLicht ist bereits zum sechzehnten Mal in Folge Schauplatz der renommierten Wanderausstellung. Dabei lassen rund 140 Einzelbilder und Fotoserien das vergangene Jahr Revue passieren, mit Blick auf Ereignisse in Politik, Gesellschaft, Sport und Natur.