Archiv der Kategorie: Studien / Rezensionen

Was wünschen Sie sich vom ORF?

Hans Högl
Am 7. u. 8. Juni findet die ORF-Medienenquete der Regierung statt. Der ORF selber hat sich darauf vorbereitet und legte  ein 332 Seiten starkes Buch vor mit dem Titel: „Public Open Space – Zur Zukunft öffentlich-rechtlicher Medien“. Darin  sind 55 wissenschaftliche Beiträge enthalten.
Gleichzeitig startet der ORF eine Publikumsbefragung, die Zuschauer und Hörer dazu anregen soll, Ihre Vorstellungen mitzuteilen:
„Was wünschen Sie sich vom ORF?“
a) über orf.at  (rechts oben ist die Rubrik: Publikumsbefragung) –
b) telefonisch 0800/55 66 44
c) persönlich an den „Unterwegs in Österreich“-Standorten. (Letzteres ist mir nicht  klar).

Wissenschaft und Verschleierung

 

Hans Högl. Kommentar

Wissenschaft emanzipierte sich im Laufe der Jahrhunderte – von Staat und Kirche. Diese Freiheit der Wissenschaft war oft relativ; denn Professoren wurden meist dann ernannt, wenn sie zumindest in etwa in die politische Landschaft passten. Übrigens: Viele großen Werke der Wissenschaft entstanden außerhalb der Universitäten. Im Selbstbild der universitären Wissenschaft dominiert das hehre Ideal der Wahrheit. Und nicht selten streift ein verächtlicher Blick den Journalismus.

Seit geraumer Zeit braucht universitäre Wissenschaft Drittmittel und wird abhängig. Mich erschüttert ein spezieller Fall von Verschleierung in einem Wissenschaftsbuch. Worum geht es? Hier um Tirol. Nicht nur im alpinen Raum gab es Ackerland, Almen und Wald im Besitz der gesamten Gemeinde. Ein Buch führt dies im Titel „Ländliche Gemeingüter“ oder „Rural Commons“ (2016) an. Es geht um die kollektive Ressourcennutzung in der europäischen Agrarwirtschaft.

In Tirol gehörten beträchtliche Teile des ländlichen Raumes der Allgemeinheit in Gemeinden. Im Laufe der Zeit und nicht zuletzt unter dem „ewigen“ Landeshauptmann Eduard Wallnhöfer hat die bestimmende Partei des Landes es vermocht, die Güter aller in der Gemeinde, die Allmende, sich „unter den Nagel zu reißen“ zugunsten der eigenen Klientel, der Agrargemeinschaften – zum Schaden aller. Da wurden Hotels und Seilbahnen gebaut- alles im wohlverstandenen privaten Eigeninteresse. Es ist erschütternd, wie verschleiernd dieses Faktum „wissenschaftlich“ formuliert wird- und zwar weit hinten im Buch und dann noch einmal in die Anmerkung 24 auf Seite 256 verbannt. Und alles wird vage angedeutet – ohne Namen zu nennen.

Der Wissenschaftstext lautet wortwörtlich: „Diesbezüglich gerieten führende Landwirtschaftsfunktionäre und Agrarpolitiker stark unter öffentlichen Druck. Eine journalistische Darstellung des Konfliktes um die Tiroler Agrargemeinschaften lieferte Alexandra Keiler, Schwarzbuch Agrargemeinschaften, Innsbruck 2009. Schwarzbuch Tirol, Innsbruck 2012.“

Doch dies spricht der Klappentext im „Schwarzbuch Tirol“, erschienen im Studienverlag, klar aus und nennt dies einen „Agrar-Krimi“ mit unheimlichen Facetten, die sich als „Enteignungen“ entpuppten, wohl unter dem NS-Regime in Osttirol grundgelegt. Seit die Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes 2008 klarstellte, dass die in den 1950er-Jahren in Nordtirol begonnene Übertragung von über 2.000 qkm öffentlichem Gemeindegut auf bäuerliche Agrargemeinschaften verfassungswidrig passierte, befindet sich das Land Tirol in einem Ausnahmezustand. Doch müssen die betroffenen Gemeinden weiterhin um ihr Grundeigentum kämpfen.

Was damit gesagt sein soll: Journalismus übertreibt nicht selten und pflegt eine klare Sprache, und dies ist wichtig, aber diese wissenschaftliche Verschleierung von Sachverhalten ist für ein Wissenschaftsbuch unwürdig. Dennoch: Es gibt verdienstvolle Wissenschafter, welche Sachverhalte klar beim Namen nennen und sich ins strittige Feld der Publizität begeben. Das hat in Frankreich hohe Akzeptanz.

Müll in den Süden. Wirtschaft ohne Moral?

Hans Högl

In den letzten Wochen häufen sich Beiträge über Karl Marx und seine Kapitalismuskritik. In diesen Kontext fügt sich das 2016 erschienene, wissenschaftliche Buch: „Die Sozialge-schichte des Kapitalismus im 19. und 20. Jahrhundert“, ein Sammelband von Friedrich Leger und Philipp Kufferath, Bonn 2016. Wir greifen darin den Beitrag von Simone M. Müller auf, nämlich über den Export von Giftmüll – von Industriestaaten in die Länder des Südens (S. 357-375 ).

Die Entsorgung giftiger Abfallstoffe wurde bis in die 1970er Jahre lokal und national organisiert. Das Wort „Giftmüll“ war ungebräuchlich. Mit der ökologischen Wende in den 1970er Jahren änderte sich dies. 1967 wurde in Schweden ein Umweltamt gegründet, gefolgt 1970 von Großbritannien und den USA und drei Jahre später von 21 Industrieländern. Die US-Umweltbehörde EPA genehmigte 1987/88 den Export von 3,7 Mio. Tonnen Giftmüll in über 13 Länder in Westafrika, Zentral- und Südamerika sowie in den pazifischen Raum. 

Der Chefökonom der Weltbank, Lawrence H. Summers, vormals Harvard-Prof., befürwortete 1991 in einem Memorandum, dass es ökonomisch wäre, den Giftmüll der Industrieländer in die am wenigsten entwickelten Länder („LDC“s, the least developed countries) zu bringen oder im Süden verstärkt schmutzige Industrien anzusiedeln. Nun: L. Summers  verwendet dafür eine eine ökonomische Formulierung. Dessen Argumente -hier stark gekürzt- waren etwa folgende: Durch Abnahme des Mülls könnten Länder des Südens ihre Schulden reduzieren und oft seien diese Länder auch dünn besiedelt (!) und weniger umbelastet als die Großstädte NY oder Mexico City. Das ursprünglich interne „Memo“ gelangte zur Redaktion der Londoner Zeitschrift „Economist“ und erregte riesiges Aufsehen, so beim Umweltkongress in Rio.

Im Kern ging es um die Frage, ob es zu verantworten oder ethisch gleichgültig sei , dass Industriemüll exportiert wird. Ist es legitim, von sozialen Kosten zu sprechen, oder darf Wirtschaft handeln, ohne auf moralische Kategorien zurückzugreifen?

Pressefreiheit versus Geheimhaltung. Film-Tipp „Die Verlegerin“

Hans Högl

In meiner Dissertation seligen Angedenkens befasste ich mich mit den „Pentagon Papers“, den verratenen Geheimdokumenten zum Vietnamkrieg, im Auftrag gegeben von Verteidigungsminister McNamara unter John F. Kennedy. „New York Times“  begann am 15. Juni 1971 diese höchst brisanten Geheim-Dokumente zu publizieren, erhielt dann ein Verbot wegen Geheimhaltung. Im Film „Die Verlegerin“ geht es primär um die Herausgeberin der „Washington Post“, die vor der Frage und dem großen Risiko steht, ebenfalls Abschnitte dieser umfangreichen, preisgegebenen Geheim- Dokumente zu publizieren. Das steht in diesem spannenden Film im Mittelpunkt. Nur gestreift werden all die lügenhaften Erklärungen der US-Regierung zum Vietnamkrieg, auch die Person Daniel Ellsberg, der eine Haftstrafe über 100 Jahre riskierte, wird nur gestreift. Immerhin: Der Film ist hervorragend und zeigt die Verwicklungen um diese Publikation und die Akteure und das Geschehen im Pressezentrum. Im Übrigen: Ende Juni 1971 entschied das amerikanische Höchstgericht zugunsten der Publikation und dafür, dass die Regierten das Recht haben, zutreffend informiert zu werden.

 

Ist der Mensch nur eine Maschine?

Hans Högl
Sehr geehrte Redakteure der Sendung „Ex Libris“. Heute Sonntag,  8. April 2018  um 16 Uhr.
Sie hatten recht, das neue Buch über La Mettrie zu besprechen. Wer je philosophische Vorlesungen besuchte, kennt die Hauptaussagen von La Mettrie.  Ich will mich kurz fassen, denn eigentlich müsste Folgendes intensiv  diskutiert werden. Die Redakteure haben mit klarem Bewusstsein und Absicht dieses Buch zur Besprechung gewählt,  ausgesucht unter einer Fülle anderer Bücher, die nicht besprochen wurden. Also sie trafen ganz bewusst eine Auswahl, es war kein Mechanismus, im Sinne von La Mettrie, keine „Maschine“ hat sie dazu gedrängt. Also Ihre Wahl war ein bewusster Akt, ein Willensakt, womit sie de facto  die Hauptaussage des Buches von La Mettrie widerlegen. 
 
Der Autor des Buches bzw. der Interviewer bedauerte, dass Vertreter der  katholischen Religion gegen das Buch auftraten und  auch  Philosophen der Aufklärung. So weit so richtig. Aber es fiel in der Sendung der  Nebensatz: Ohne Religionen  gäbe es keine Kriege. Also keine Kriege bei Atheismus!   Dies ist ein Hypothese,  die in letzter Zeit gern so nebenbei gesagt wird.
 
Haben Sie je das Buch von René Girard „Das Heilige und die Gewalt“ gelesen?   Der berühmte Autor weist darauf hin, dass mindestens  seit der Französischen Revolution  die meisten Kriege in einer und von einer säkularen Welt geführt wurden und von Menschen ohne Religion im eigentlichen Sinne.  Religion wurde oft missbraucht, aber die Kriege wurden aus kalkulierten Interessen (also wiederum aus Willensakten) geführt. Seit der Neuzeit ist der Einfluss der westlichen Religionen geringfügig. Oder basiert denn die Welt der Finanzen und der Waffenindustrie  auf  ethischen und religiösen Interessen? Diese Welt ist  säkular im Vollsinn des Wortes und weit ab von jeder Religion, sie ist a-religiös, und Kriegstreiber sind verantwortungslos gegenüber Menschen.     
 
Da trägt keine Religion eine Verantwortung!   Die Kriege der Neuzeit, nicht nur des Faschismus,  haben säkulare W u r z el n,  und das „Schwarzbuch des Kommunismus“ sollten  Intellektuelle  kennen (Piper, Umfang 987 Seiten).  Französische Intellektuelle waren zutiefst betroffen von den unglaublichen Gräueln im Namen einer atheistischen Weltanschauung und zogen darum ihre  Konsequenzen.  Österreich ist nach einem Diktum von Napoleon immer verspätet dran…um eine Armee, um eine Idee..Dies bedeutet dennoch,  dass Vieles in der Gesellschaftskritik zutreffend ist und bleibt. .  
 
Also: Es ist zwar richtig,  überall dort Religionen zu kritisieren, wenn Sie schuldhaft zu Kriegen und Verbrechen beigetragen haben (z.B. bei Kreuzzügen),   aber Ihre Redaktion bzw. der Autor sollten es sich nicht zu einfach machen, für alles heute   Religionen schuldig zu machen (Im Übrigen: wenn irgendwer schuldig ist, dann ist dies ein Akt des Bewusstseins und widerspricht wiederum den Thesen von La Mettrie). Mit solchen Meinungen ist mann/frau manchmal  in guter Gesellschaft, irrt aber  dennoch.  Mit  besten Grüßen und grundsätzlich ein Dank für Ihr wertvolle Sendung  Prof. Dr. Hans Högl 

Warnung vor Übertreibung bei Globalisierung

Kevin O`Rourke,  Prof. Univ.Oxford

Hier fasse ich zentrale die Passagen eines  außergewöhnlichen Interviews  dieses  irischen Prof. für Wirtschaftsgeschichte zusammen (Hans Högl).

Frage: Wie erklären Sie den Unmut der Wähler für die globale wirtschaftliche Integration? Beispiele sind der Brexit-Entscheid  und die Wahl von Trump: „Es wäre sonderbar, wenn wir den Unmut nicht hätten.So stagnieren in den USA die Löhne der Mittelklasse seit bald vier Jahrzehnten, während die wirtschaftliche Ungleichheit wächst.“ Diese Entwicklung  kann durch die Öffnung der Schwellenländer (wie China) erklärt werden  und durch die Bevorzugung der Banken (Bankenkrise).

Warum manifestiert sich die Unzufriedenheit besonders in den USA und Großbritannien? Anwort: In diesen Ländern hat sich das Pendel am stärksten zum Markt und weg vom Staat bewegt. Die sozialen Netze wurden immer löchriger…Es wäre wichtig, das zu sichern, was wir haben. Nicht noch mehr Privatisierung nicht noch weniger Steuern der globalen Konzerne.

„Wenn man fordert, es brauche eine Politik völlig offener Grenzen in Europa, birgt dies die Gefahr, bei faschistischen Regierungen zu enden. ..Wer die Verpflichtungen gegenüber Flüchtlingen und  Asylbewerbern erfüllen will, darf bei der Migrationspolitik nicht utopisch werden. Es gilt politische Sensibilität zu zeigen. Das können aber Ökonomen aber oft nicht besonders gut.“

Ferner kritisiert der Autor folgende  Auffassung: Höhere Gewinne  durch die Globalisierung seien am Schluss für alle besser. Das ist der Irrtum des sogenannten  Kaldor Hicks Kriterium. „Jeder Ökonomiestudent sollte verpflichtet sein, zehn mal vor dem Zubettgehen zu sagen: Kaldor Hicks is not a fix“. Dieses Kriterium trifft am ehesten in skandinavischen Ländern mit hohen progressiven Steuern zu,  wo auch soziale Absicherung gegeben ist (NZZ, 2017-11-22).

 

 

 

 

 

Journalismus auf den Punkt gebracht

 

Hans Högl. Rezension

Wo der Journalismus steht, das bringt Heinz Pürer auf den Punkt. Er lehrte bis 2012 Publizistik in München und verfasste das Buch „Journalismusforschung“ (Konstanz 2015, TB). Zeitgeschichte prägte drei Journalisten-Generationen: die Berichterstatter nach dem Krieg, den Anwaltstypus ab 1970, die Nachrichtenjäger ab 1990 (S. 46). Im Buch geht es um Berufslage, Medieninhalte, Ethik, Online- u. Boulevard-Journalismus. Und um dessen acht Konzepte – so um objektive Vermittlung, Kritik, Marketing-Journalismus und investigativen.

Das Internet eröffnet neue Zugänge: Es gibt den Laien-, Bürger- und Online-Journalismus. Schon um 2003 wurden 7.800 Online-Journalisten gezählt, davon waren 4.400 festangestellt (S. 111). Auch deutsche Klagen über prekäre Arbeitsbedingungen sind jetzt zu hören. Professioneller Journalismus hat sein Monopol verloren. Mitspieler sind: Parteien, Wirtschaft, Einzelne. Für das Publikum ist es leichter, reziprok den Profis zu antworten. Und versus „Informationsmüll“ fehlt flächendeckende Qualitätssicherung.

Ausführlich erörtert Pürer den Boulevard: Seine Themen, seine Sprache, die Graphik und diskursive Strategien (S. 122). Boulevard geriert sich als Schützer der kleinen, machtlosen Leute und produziert Gefühle wie Jubel, Angst, Empörung über Mächtige. Da fühlt sich der kleine Mann selbst im Besitz der Macht. Über Österreichs „Krone“ schrieb Stefan Weber (1995), über die deutsche „Unterhaltungsrepublik“ Margreth Lünenburg (2012). Dem „Journalismus light“ prophezeite 1999 ein Chefredakteur keine dauerhafte Zukunft (S. 126). Wir hoffen noch.

Differenziert erörtert der Autor, wie Nachrichten ausgewählt werden, und er spart das Thema Medien-Ethik nicht aus. In der Praxis dominiert ja das Medien-Recht. Und zur Medien-Ethik zählt auch die Verantwortung der Medien-Institution selbst.

Das Buch ist klar im Aufbau, dicht und doch gut lesbar und breit fundiert – mit Sach- u. Personenindex, Bibliographie, Links von Medienberufen. 177 Seiten, utb-TB.

Risikofaktoren. Cholesterin, Zucker, Rauchen

 Hans Högl.  Medien-Tipp. Gesundheitssendung
Wir gehen fallweise zum Arzt, lassen die Blutbefunde kontrollieren,  erhalten Gesundheitstipps von unserer Umgebung, die es  gut meint. Für Diät und ungesättigte Fette. Oft geht es darum, Risikofakturen zu mindern und die große Frage ist, wodurch diese  entstehen.     
Seit dem Herzanfall von Eisenhower hat sich Amerika intensiv damit beschäftigt. Er  rauchte wie ein Schlot, aber die Medizin- vor allem Harvard – entdeckte Cholesterin. Aber was macht ein Harvard-Professor (!) mit Daten von Italienern, Franzosen, Spaniern, die hohe Cholesterinwerte haben, zum Teil sehr  viel Fleisch essen wie Spanier — und dennoch ein fünf mal niedrigeres Risiko von Herzinfarkt als z.B. Finnländer? Es kam zu einem Krieg der Gelehrten mit ungleichen Waffen und ungleichen Einfluss auf angesehene Zeitungen und darum, welche Studien öfter zitiert wurden. 
Näheres findet sich in einer exzellenten ORF III Doku von Montag, den 5.März um 21:10 Uhr mit dem Titel  Cholesterin. Der große Bluff. Übernommen von ARTE. Der Film kann maximal bis Sonntag auf der TV Theke abgerufen werden. Ich sah die Sendung zwei Mal. Sehr aufmerksam. Es geht auch um den Einfluss der Statine auf das Gehirn und um Alzheimergefährdung. 

Wirtschaft, Werbung und Journalismus

Hans Högl. Eine Buchrezension

Publizistischer Idealismus trennt strikt Redaktion und Werbung eines Mediums – sowohl personell, inhaltlich und räumlich. Demnach dürfen Werbeziele journalistische Inhalte nicht beeinflussen. So wären also Werbekunden nicht zu schonen. Selbst strenge Chefredakteure sehen darin ein zu hehres Ziel… Dies war aber laut eines Insiders um 1980 im Wiener Magazin „profil“ Realität, das dem „Spiegel“ nacheifert. Wenn um 1980 im „profil“ ein Unternehmen inserierte, wurde dazu drei Monate lang nicht berichtet. Dies bekräftigte ein Journalist in einer Veranstaltung der „Medienkultur“ im Presseclub Concordia.

Dieses Thema erweitert Univ. Prof. Heinz Pürer in seinem neuen Buch „Journalismusforschung (utb. München) generell auf Marketing und nennt einen Typ des Journalismus „Redaktionelles Marketing“. „Es ist die konsequente Ausrichtung der redaktionellen Arbeit auf die Bedürfnisse und Interessen der Leserschaft“ und vereinbart redaktionellen Anspruch und Marktnotwendigkeit. Marketing ist im Prinzip zweifellos (!) für alle Mediengattungen wichtig, meint der Rezensent.

Redaktionelles Marketing impliziert laut Pürer eine stark kundenorientierte Sichtweise.“Hier bemühen sich Medienredaktionen, Wünsche, Interessen und Bedürfnisse des Publikums zu ergründen und „die publizistischen Produkte daran zu orientieren (nicht aber bedingungslos anzupassen)“.

Redaktionelles Marketing sucht eine Balance zwischen publizistischer Qualität und Werbung (also den Anzeigenkunden). Es ist ein „Spagat“ zwischen Qualität und Rentabilität und sei weithin Realität. Pürer sieht darin eine Zukunftssicherung für die in der Ertragskraft bedrängten Medien, aber auch die Gefahr des Abgleitens, dass redaktionelle Inhalte dem Kommerziellen untergeordnet werden.

Österreich im Konflikt über Coudenhove-Kalergi

Hans Högl

Ein Münchner Pan-Europäer las meinen Beitrag1 über Richard Coudenhove-Kalergi (RCK) und wunderte sich, dass er in Österreich wie ein ferner Schatten ist – abgesehen von politisch gut Informierten. Faktum ist: In den 1950-iger Jahren wurde RCK`s Wirken in Schulbüchern gewürdigt, später verschwand darin sein Name. Keine Straße in Wien erinnert an ihn.

Aber auf RCK verweist kurz Anton Pelinkas neues Buch: Die gescheiterte Republik. Kultur und Politik in Österreich 1918 -1938, Wien 2017. Das Bild von RCK wird von dem prominenten Politikwissenschafter eher reserviert bis negativ und ambivalent gezeichnet.

Meine Rezension greift Pelinkas Kritikpunkte (S. 101-106) an RCK auf : RCK`s Anliegen sieht er als „Flucht in ein (welches?) Europa“ und seine Europaideen sieht Pelinka  als chancenlos. „Die nach 1945 real einsetzende Integration Europas hatte mit Coudenhove-Kalergis Wunschdenken herzlich wenig gemein“. Und RCK`s politische Position sei ambivalent. War er Demokrat? Warum diese Nähe zum Dollfußregime? Wir sehen auf die Hintergründe von Anton Pelinkas Darstellung.

Nach 1960 gab es in Österreich um Otto von Habsburg einen innenpolitisch brisanten Konflikt. Dieser suchte, in Österreich einzureisen. Die Volkspartei wollte es gestatten, dagegen waren die Sozialdemokraten. 1966 erlangte Otto v. Habsburg die Einreiserlaubnis. Er folgte RCK als Präsident der Paneuropa-Union, und so wurde diese als monarchistisch punziert und in diesem Konnex verweigerte die SPÖ-regierte Stadt Wien, den Platz beim Westbahnhof nach R. Coudenhove zu benennen.

Der Konflikt liegt schon weiter zurück: Mit Ende der der Monarchie spaltet sich Restösterreich in drei konträre politische Lager: in die habsburgfreundlichen Christlich-Sozialen, in die habsburg-kritischen Sozialdemokraten und Deutsch-Nationalen (heute: FPÖ- die „Freiheitlichen“). Liberale waren kaum präsent. Restösterreich zweifelt an seiner Existenzfähigkeit, und die politische Polarisierung führt unter Dollfuß zu einem tödlichen Bürgerkrieg, und die Sozialdemokratie wird verboten. Pelinka wagt hier, ideelle Brücken zu bauen, stellt diese höchst strittige Phase fair und lesenswert dar. Faktum ist, dass RCK das Dollfuß-Regime gegenüber Nazi-Deutschland stützt.2

Dieser Hintergrund dürfte Anton Pelinka zur ambivalent-negativen Bewertung von RCK veranlasst haben, und er löst sich darin nicht von einem Denkschema. Ferner zitiert er nicht die große Studie über RCK von Anita Ziegerhofer-Prettenthaler. Kaum erwähnt wird, dass RCK den Antisemitismus und das Nazi-Regime massiv ablehnte und 50 Jahre seines Lebens realistisch- zeitvariabel konkrete Pläne für Europa entwarf und sich beim Aufenthalt in den USA für Europa einsetzte. Dies ist alles andere als Flucht in die Vergangenheit.

1. Hans Högl: Richard Coudenhove. Pan-Europa versus Hitler. In: soziologie heute (Linz) April 2015, S. 6-8.

2.Im Prinzip ist die Paneuropäische Union überparteilich. Sogar der junge Bruno Kreisky war Mitglied (ab 1970 SPÖ-Bundeskanzler).