Archiv der Kategorie: Medienkompetenz

Für konstruktive Medien-Kritik

Hans Högl – Leserbrief an die „Neue Zürcher Zeitung“

Der Beitrag (NZZ. 12.6.17) lässt an Österreichs ORF- Publikumsrat denken. Im Sinne von mehr Demokratie regte Österreichs Bundeskanzler Kreisky in den 70-igern die ORF-„Hörer- und Sehervertretung“ an, heute Publikumsrat genannt.

Die 31 ORF-Publikumsräte sind ein offizieller Spiegel Österreichs. Ihre Funktion ist aber gering: Programm-Tipps, Beschwerden, Mitsprache bei Gebühren. Als „Vereinigung für Medienkultur“ beobachten wir seit Jahren die Abläufe. Es fehlt an „Zund“ und Transparenz: Die Beschwerden werden kaum mitgeteilt.

Hingegen wurden Schweizer Rundfunk-Beschwerden in Roger Blums Buch „Unseriöser Journalismus?“ offen dargelegt. Die öffentliche Auseinandersetzung trägt zu Medienkompetenz bei. R. Blum regt eine gemeinsame Medien-Instanz an – versus journalistischer Inhalte und über die Werbung. Und dies für Privatsender, den Rundfunk und Printmedien. Auch in Österreich bestehen getrennt und sind weithin unbekannt: Publikumsrat, Presserat, Ethikrat für Public Relations und Werberat.

Demokratie bedarf neuer Formen der Mitsprache, z.B. analog den Vorarlberger Bürgerräten. Dafür werden Leute nach Zufall ausgewählt, die das Land beraten. Dies wäre als ergänzendes Modell für den ORF-Publikumsrat empfehlenswert.

 

Reiche Schweiz mit halber Million Armer

Hans H ö g l – Quelle: Neue Zürcher

Auf  23 knappen Zeilen, einem Einspalter,  meldet die Neue Zürcher (17. Mai 2017) eine leichte Zunahme der Armut in der Schweiz. Dies findet sich auf Seite 26 und rechts ganz unten. Das ist die Strategie von Redaktionschefs,  um Nachrichten möglichst zu übersehen.  In rund 16- fachem Umfang geht es auf der gleichen Seite um das Erlernen von Fremdsprachen in der Schweiz.

Der Inhalt des kurzen Textes: Demnach sind in der Schweiz 2015 rund 570.000 Personen von Einkommensarmut betroffen. Dies sind 7 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung in Privathaushalten. Im Jahr zuvor waren es 530.000 Personen oder 6,6 % . Besondere Risikogruppen sind „Haushalte ohne Erwerbstätige“ (das Wort Arbeitslosigkeit wird vermieden) und Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern.

Auch die Armutsquote der Ausländer außereuropäischer Herkunft ist deutlich höher als jene der Gesamtbevölkerung, ebenso jene von über 65-Jährigen, die alleine leben, und von Personen ohne nachobligatorische Schulbildung.

Schon am 13. April fanden unsere Leser u. Leserinnen den Beitrag  Armut in der Schweiz und Pfarrer Sieber.  Das ournal Panorama von Ö1 nannte in der Schweiz 590.000 Armutsbetroffene, sagt ein professioneller Helfer.  Das  sind 7,5 % der Bevölkerung, wo das Budget bis Ende des Monats nicht hält. Also: Es sind Menschen, die unter dem Existenzminimum leben.

 

 

 

 

Der ORF und die Bedrohung von innen

Udo Bachmair

Es ist gut, dass es den ORF gibt.

Trotz berechtigter Kritik an bestimmten Entwicklungen, wie etwa der Fehlentscheidung, Ö 1 aus dem Funkhaus zu verbannen. Trotz gewisser Schwächen vor allem der außenpolitischen Berichterstattung, die sich inhaltlich vom westlichen Mainstream, Beispiel Syrien, kaum unterscheidet. Und nicht zuletzt trotz parteipolitischer Zugriffe, die allerdings bei engagierten ORF-JournalistInnen immer wieder ins Leere gehen.

Gerade in den ORF-Informationsbereichen hat die Ära von Generaldirektor Alexander Wrabetz den Redakteurinnen und Redakteuren des Hauses einen beträchtlich größeren Spielraum beschert. Klagen über politischen Druck von außen, wie sie vor allem in der Phase der schwarz-blauen Regierung noch häufig waren, sind heute eher selten zu vernehmbar.

Gefahr lauert offenbar nun verstärkt von innen.

So geraten auch ORF-intern profund kritische Interviews , wie sie etwa vom stets gut vorbereiteten und engagierten ZIB 2-Anchor Armin Wolf geführt werden, immer öfter ins Visier. Da spricht der von der FPÖ unterstützte Online-Direktor allen Ernstes von „Verhören“ und einer „Anklagebank“ im Studio. Ähnlich, jedoch etwas abgeschwächt geäußert hatte sich zuvor der als „ORF2-Channelmanager“ vorgesehene SPÖ-nahe, angeblich auch FP-affine Salzburger Ex-ORF-Chef.

Die Äußerungen werden nicht nur innerhalb des ORF als Attacken gegen kritischen und investigativen Journalismus empfunden. Sie werden als demokratiepolitisch höchst bedenkliche Erscheinungen wahrgenommen. In dieselbe Kerbe schlägt ORF-Urgestein Peter Huemer. Bei der Concordia-Preisverleihung im Parlament in Wien hat er angesichts der Bedrohung von Freiheit und Unabhängigkeit des ORF zur Wachsamkeit aufgerufen.

Das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hält der renommierte Journalist „für das bestmögliche und menschenwürdigste“, weil es die Menschen ernst nehme. Beim uralten Konflikt „unabhängiger Journalismus versus Parteieneinfluss“ gehe es um „ eine Frage unserer Demokratie. Denn dass die Verfasstheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks demokratiepolitisch wichtige ist, sollte außer Zweifel stehen. Wer es anders sieht, hat ein anderes Demokratieverständnis.“

Es ist also (doch) gut, dass es den ORF gibt.

(Der Text ist erstmals in der Internetzeitung „unsere-zeitung“ erschienen sowie in gekürzter Fassung als Gastkommentar im „Standard“)

Freiheit ohne Verantwortung ? Verantwortung ohne Freiheit ?

Udo Bachmair

„Freiheit und Verantwortung“ – das ist die Losung des Reformationsjubiläums 2017. 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers. Ein Motto, dem sich Evangelische hierzulande besonders verpflichtet fühlen. Dabei wird Verantwortung nicht als Gegensatz zur Freiheit gesehen. Im Gegenteil: Nur ein freier Mensch kann Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Und umgekehrt wäre Freiheit, ohne mit Verantwortung gepaart zu sein, ethisch kaum vertretbar.

Freiheit und Verantwortung erscheinen auch unabdingbar für guten Journalismus. Dieser wird neben handwerklicher und inhaltlicher Qualität zusätzlich dann optimiert, wenn er auch medienethischen Kriterien genügt. Werden Medien und Journalistinnen und Journalisten ihrer großen Verantwortung genügend bewusst ? Eine der Fragen, die sich auch Marco Uschmann stellt, Chefredakteur der evangelischen Zeitschrift SAAT. Hier sein Beitrag:

Freiheit und Verantwortung – die 4. Macht im Staat

Marco Uschmann

Es geschah im Leitmedium Österreichs – dem ORF. In der ZIB 2, eine der meistgesehenen Nachrichtensendungen im Land, wird der scheidende Landeshauptmann Erwin Pröll am 27. März von Armin Wolf gefragt, ob er einen absolutistischen Arbeitsstil gepflegt hat. Pröll antwortet: „Mittlerweile sind wir Gott sei Dank in der Republik so weit, dass man nicht mehr alles und jedes glaubt, was in den Schreibstuben und Redaktionsstuben in Wien alles ausgekocht wird.“ Mit anderen Worten: Journalisten in Wien denken sich Geschichten aus. Pröll bezog sich auf die Berichte der Zeitung „Falter“ über Förderungen für eine Privatstiftung. Inzwischen klagen einander ÖVP und Falter über die Produktion und vermeintliche Verbreitung von „Fake News“ – also Falschmeldungen.

Es gibt weit dramatischere Beispiele dafür, wie sich die 4. Macht im Staat, also die Presse, ihrer Verantwortung bewusst geworden ist und sich nicht einschüchtern ließ: Herausragender Fall ist wohl die Watergate-Affäre. Sie ist geradezu ein Fanal und steht für den Triumph der Pressefreiheit, weil Journalisten Amtsmissbräuche Präsident Richard Nixons gegen seine politischen Gegner enthüllten. Freiheit ohne Verantwortung ? Verantwortung ohne Freiheit ? weiterlesen

Armin Wolf trotzt den Attacken

Respekt vor Armin Wolf

Udo Bachmair

Als der längstgediente Moderator in ORF-Informationsbereichen sage ich : Hut ab vor Armin Wolf. Er will dem jüngst immer stärker gewordenen Druck von FPÖ und rechtspopulistischem Boulevard konsequent standhalten.

Seit ich den ZIB 2- Präsentator noch aus Radiozeiten kenne, kann ich bezeugen, dass er sich investigativem Journalismus nahezu leidenschaftlich verpflichtet fühlt. Seine fundiert kritischen und exzellent vorbereiteten Studiogespräche sind freilich manchen ein Dorn im Auge.

Umso erfreulicher, dass ORF-General Wrabetz dem verdienten TV-Anchorman den Rücken stützt. Eigentlich selbstverständlich, könnte man meinen. Seriöse Kritik, Meinungsfreiheit und journalistische Eigenverantwortung drohen jedoch zunehmend dem rechten Zeitgeist geopfert zu werden. Der weht vor allem durch Massenblätter wie Krone und Österreich..

Standard-Redakteur Hans Rauscher warnt eindringlich vor „Kräften, die an die Substanz der demokratischen Öffentlichkeit gehen“. Und Rauscher weiter: „Die Rechtspopulisten sehen kritischen Journalismus als größtes Hindernis für ihre Machtübernahme“. Wo sie bereits an der Macht sind, wie in Ungarn, ist politisch unliebsamen Medien längst der Boden entzogen. Österreich darf nicht Ungarn werden. Garanten dafür sind wache und engagierte Journalisten wie Armin Wolf.

Falsche Gerüchte über Flüchtlinge

Kleine Zeitung

Seit mehreren Wochen hält sich hartnäckig die Meldung, dass in Selzthal (Steiermark) am Bahnhof 37 (!) Zug-Waggons der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB)  verschrottet werden mussten, weil unter anderem das Interieur zerstört worden sei – von Flüchtlingen. Mitarbeiter der ÖBB hätten obendrein einen Maulkorb in dieser Sache bekommen.

Nach umfangreichen Recherchen der Kleinen Zeitung (Graz) hat sich der Umstand als Gerücht und Falschmeldung herausgestellt. Die Frage ist, warum jemand solche Gerüchte streut.(Martin Mandl/Ennstal  2017-04-06).

—–NB. Auch über den kürzlich aus Altersgründen zurückgetretenen  Landeshauptmann von NÖ,  Erwin Pröll,  wurden vor einiger Zeit arge Gerüchte in die Welt gesetzt, die sich als haltlos erwiesen. Pröll bedankte sich bei seiner Abschiedsrede bei den Medien, dass die Gerüchte nicht aufgegriffen wurden. Mir selbst teilte ein Bekannter unter vorgehaltener Hand diese Gerüchte als zutreffend mit….(Hans Högl)

Boulevard und Terror

Medien, die Terroristen in die Hände spielen

Udo Bachmair

Nach dem jüngsten Terroranschlag in London sind sie wieder allgegenwärtig: Die Bilder des Terrors. Sie fallen umso drastischer dann aus, wenn sie vom geschäftstüchtigen Boulevard verbreitet werden. Ohne Verantwortungsgefühl, ohne jegliche journalistische Ethik und Pietät. Seriösen Journalisten bleibt es vorbehalten, besonders auch auf die angstmachende Wirkung von Bildern und sensationsgeiler Berichterstattung aufmerksam zu machen. Zur diesbezüglichen Rolle der Medien KURIER-Redakteur Andreas Schwarz :

„Sie müssen berichten, immer häufiger, und besorgen unfreiwillig mit jedem Bild vom Ort des Geschehens das Geschäft der Terroristen – die Verbreitung von Angst. Billig-Blätter wie „Österreich“ veröffentlichen auch noch Fotos von Leichen der Opfer – das Geschäft mit dem Gruseln ist auch eines, nicht wahr? Die Ideologen hinter den radikalisierten Idioten und Mördern sagen: „Danke“.

Keine Berichterstattung geht nicht, leider. Eine verantwortungsvolle und zurückhaltende wäre aber auch eine Waffe gegen den Terror“

( Zitat aus KURIER 24.3.2017 )

Populisten als Extremisten

Neues Buch mit Rezepten gegen rechten Extremismus

Udo Bachmair

Wie ist der Vormarsch von Nationalisten und Extremisten in der EU zu stoppen ? Wie kann man ihnen Paroli bieten ? Antworten darauf versucht Heribert Prantl, renommierter Journalist der Süddeutschen Zeitung, in seinem jüngsten Buch mit dem Titel „Gebrauchsanleitung für Populisten“. Prantl diagnostiziert eine „diffuse Existenzangst“ vieler Menschen, die für Populisten einen fruchtbaren Boden aufbereitet. In einem heute im KURIER erscheinene Gespräch distanziert sich Prantl aber von dem verharmlosenden Begriff „Populisten“. Diese seien „in Wahrheit Extremisten“:

Das Wort „Populismus“ ist eine unzulässig verallgemeinernde Bezeichnung für eine gefährliche Sache – für eine extreme Politik, die auf Grund- und Menschenrechte, die auf die Achtung von Minderheiten pfeift. Le Pen und Co. sind Extremisten und Nationalisten. Sie schüren Hass, sie tun so, als seien nur ihre Anhänger das wahre Volk. Das ist höchst gefährlich.

Die „Populisten“ behaupten, die Ängste der Menschen ernst zu nehmen, spalten jedoch die Gesellschaft, befindet Prantl:

Sie beginnen ihr Erniedrigungswerk mit der Verhöhnung aller bisherigen Politik, nennen es verächtlich „das System“. Dieses System aber ist unsere Demokratie, unser Rechtsstaat. Natürlich hat und macht dieser Fehler – aber der Nationalismus ist ein einziger großer Fehler

( Zitat aus KURIER, 24.3.2017 )

 

Presseförderung neu stärkt den Boulevard

Udo Bachmair

Verzerrung der Medienlandschaft

Unter diesem Titel ist in der „Presse am Sonntag“ meine Kurzanalyse zum Thema erschienen :

Auf den ersten Blick klingt es ja ganz gut, wenn Medienminister Drozda eine neue Presseförderung verspricht, mit der journalistische Arbeitsplätze und nicht mehr nur der Vertrieb gefördert werden soll. Das bedeutet aber, dass künftig auch auflagenstarke und profitträchtige Boulevard- und Gratismedien tief in den Fördertopf greifen dürfen, die bisher ohnehin bereits in den Genuss öffentlicher Gelder gekommen sind.

Damit werden ausgerechnet von einem sozialdemokratischen Minister umstrittene Blätter zusätzlich finanziell unterstützt, die mit Hetze gegen Asylwerber und andere Minderheiten, mit Schüren von Ängsten durch maßlose Übertreibungen, mit plakativer Schwarz-Weiß-Malerei etc. rechtspopulistischen Tendenzen Vorschub leisten. Damit verbunden ist eine weitere Verzerrung der österreichischen Medienlandschaft zu Ungunsten des Qualitätsjournalismus.

Genügt es denn nicht , dass vor allem aus dem Bereich der Stadt Wien bisher eine Unmenge an Inseratengeldern an den Boulevard geflossen ist ? SPÖ-Hoffnungsträger Kanzler Kern hatte angekündigt, sich das näher anzuschauen. Er sollte sich nun überlegen, ob es sinnvoll ist, dass florierende Gratiszeitungen jetzt auch noch mit (zusätzlichen) Steuergeldern gemästet werden.

 

ORF- Proporzinformation wie vor 1964?

Hans Högl.  Kommentar

Geradezu  überfallsartig,  in Missachtung des Redakteursstatuts, plant die ORF-Spitze ( in Einklang mit nervöser Politik) eine neue  Leitungsebene einzuführen. Und das, wo doch sosehr gespart werden soll!  Um dies zu vernebeln, damit sich viele nicht auskennen, wird diese Z u s a t z-Ebene „Channel Manager“ genannt.  „Channel“  ist nichts anderes als Kommunikations“kanal“, also ORF 1, ORF 2, Ö1, Ö3 usw.

Bisher reichten für die Hierarchie, die Struktur,  auch die Programmdirektoren. Darum der Protest der Redaktionsversammlung. Die ORF-Information war bisher bemüht, einigermaßen ausgeglichen zu berichten, wenngleich das Publikum zurecht immer wieder auch Einseitigkeiten feststellen kann.  Nun:  als Channel-Manager sind Proporzvertreter vorgesehen: Roland Brunnhofer mit SPÖ-Nähe und Lisa Totzauer, dem ÖVP- Lager zugerechnet. Die steirische Kleine Zeitung nennt dies sehr klar und deutet eine Befürchtung an – nämlich eine  Proporzbesetzung wie vor dem ORF-Volksbegehren 1964. Aber das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen.