3. Juni 2008
IST AUF MEDIEN VERLASS? Medien und Qualität.
Kooperation Forum Medienkultur mit Kathol. Männerbewegung. Festfeier 50 Jahre Rufer.


Mitwirkende: H. Feichtlbauer, Hans Högl, H.P. Schmidtbauer u.a.
Ort: St. Pölten Saal des Konservatoriums Klostergasse 10 – 19 Uhr

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Von den Medien und von der Kultur
Dr. Georg Zakrajsek (Jahrgang 1939) ist Notar in Wien-Neubau und engagiert sich als Marketing- und Medienreferent in der Österreichischen Notariatskammer. An der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt unterrichtet er Urheberrecht, Medien- und Verlagsrecht.

“Einst hatte das Journal soviel Geist wie jene, die es schrieben. Heute hat es soviel Geist, wie jene, die es lesen – Kinder das ist ein furchtbarer Unterschied!”
Roda Roda, hat das vor etwa hundert Jahren geschrieben. Viele seiner Geschichten waren von einer seltsamen Prophetie. Bei den “Journalen” hat er allerdings nicht recht gehabt.
Die Journale, also die Medien, haben nämlich heute längst wieder den Geist derer, die sie schreiben und das ist wirklich ganz furchtbar.

Der “Geist” unserer Medien könnte uns natürlich völlig gleichgültig sein. Die Medienfreiheit ist ja keine Einbahnstraße: Der Freiheit, den größten Unsinn zu publizieren, steht die Freiheit, diesen Unsinn nicht zu konsumieren, entgegen. Dennoch – Ignorieren und Schweigen sind wirklich keine Rezepte gegen eine Entwicklung, die nicht nur unsere Demokratie, sondern unsere ganze Gesellschaftsordnung gefährdet.
Tatsächlich sind gute, verantwortungsvolle und anständig gemachte Medien für den demokratischen Rechtsstaat unverzichtbar. Die “Vierte Gewalt” ist ja nicht nur ein Schlagwort – ohne mediale Öffentlichkeit können moderne Demokratien nicht funktionieren.
Also geht der Qualitätssturz, der unseren Medien in den letzten Jahren zugestoßen ist, nicht nur den enttäuschten Leser etwas an – unsere ganze Gesellschaft wird davon in Mitleidenschaft gezogen.

Es hat sich viel in den letzten Jahren geändert: die Art wie Medien produziert werden, die Art, wie man Journalisten ausbildet, die Art, wie man mit der Wahrheit umgeht und schließlich die wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen man in den Redaktionen arbeitet. Alle diese Umstände haben ihre Wirkung gehabt.

So gibt es seit vielen Jahren keine Setzer mehr. Auf den ersten Blick bedeutet das nur Vorteile: weniger Kosten, schnellere Umsetzung, unmittelbares Arbeiten. In Wirklichkeit aber hat die Qualität der Printmedien darunter unglaublich gelitten, denn die Setzerei war ein hochwirksamer Filter, in dem Fehler jeder Art zuverlässig hängengeblieben sind
Auch die Ausbildung junger Journalisten hat sich gewandelt. Das knechtische Verhältnis zwischen Redakteur und “Lehrbuben” gehört der Vergangenheit an. Die jungen Leute sind selbstbewußter geworden und jemand, der mit viel Glück einmal einen Artikel plazieren konnte, hält sich schon für eine Edelfeder und hat keine Belehrungen mehr nötig
Die genaue Recherche ist die Basis solider journalistischer Arbeit. In einer Zeit aber, in der es den meisten Medienkonsumenten völlig gleichgültig zu sein scheint, ob eine Geschichte stimmt oder nicht, gelten andere Kategorien der Wahrheit. Wahr ist, was sein könnte und nicht mehr was gewesen ist.
öfter werden geschwindelte Storys enttarnt – es ist zu befürchten, daß man sich irgendwann daran gewöhnt haben wird. Das hat natürlich auch mit der wirtschaftlichen Situation der Geschichtenverkäufer zu tun. Wer glaubt, dem Unterhaltungswert seiner Story durch Nachforschungen zu schaden, wird eben die Nachforschungen bleibenlassen.
sind Sachwissen und viele Bildungsinhalte einfach abhanden gekommen. Noch vor zehn Jahren hatten Schulabbrecher mehr Bildung als heutzutage ausgebildete Akademiker.
“Die Unbestechlichen” sind seit mehr als zwanzig Jahren ein Synonym für tapfere Reporter, die, unbeeindruckt von allen Anfeindungen, politische Komplotte aufdecken und sogar den Präsidenten der USA zur Strecke bringen. Von diesem Traumbild aller Journalisten muß man allerdings immer mehr Abstriche machen. Daß man heute manchesmal Artikel und Berichte kaufen kann, ist längst kein Geheimnis und für einen Druckkostenbeitrag wird der eine oder der andere Journalist gefügig. Noch ist das die Ausnahme. In ein paar Jahren vielleicht kann das schon selbstverständlich geworden sein.
“Presseförderung dient der Medienvielfalt und der Pressefreiheit.” Von allen falschen und verlogenen Schlagworten der letzten Jahre ist dies wohl das dümmste. In Wahrheit hat am 2.7.75, als das Bundesgesetz über die Förderung der Presse beschlossen wurde, das Ende der Pressefreiheit in Österreich begonnen. Wer über Fördermittel entscheidet, ist der Herrscher über den, der die Hand aufhält.
Presseförderung hätte auch anders aussehen können. Das Gesetz ist jedoch bewußt auf die Schaffung von Abhängigkeiten angelegt. Jeder hätte es damals erkennen können; viele haben es erkannt und trotzdem hingenommen. An Warnungen hat es jedenfalls nicht gefehlt.
Vom Rundfunk und vom Fernsehen war bisher noch nicht die Rede. So etwas muß man sich bis zum Schluß aufsparen.
Vor einigen Monaten hat der ORF mit großer Empörung darüber berichtet, daß in Serbien regierungskritische Fernsehstationen besetzt und geschlossen worden sind. Manch einem mag bei dieser Meldung bewußt geworden sein, daß in Österreich der Wüterich Milosevic mit regierungskritischen Sendern überhaupt keine Arbeit hätte – es gibt nämlich keine. Zumindest gab es keine bis zum 4.2.2000.
Das Trauerspiel der Rundfunkreformen in unserem Land ist die unendliche Geschichte der politischen Einflußnahme auf ein Medienmonopol, das in einer Demokratie westlicher Prägung überhaupt nicht mehr existieren dürfte.

Daß ein staatliches Monopol das Lied der Regierenden singen muß, kann auch durch ein noch so ausgeklügeltes System von Beiräten und Kommissionen nicht verhindert werden. Und es bedarf wirklich keiner seherischen Gabe, wenn man prophezeit, daß sich in den nächsten Monaten ein allmählicher Schwenk des ORF auf die Regierungslinie ereignen wird. Interventionen werden gar nicht nötig sein. Vielen wird das zwar nicht gefallen, aber die Strukturen sind ganz einfach so, daß dieses zwangsläufig passieren muß.
Man darf aber gespannt sein, ob diese Entwicklung endlich ein Anstoß dafür sein wird, die österreichische Gesetzeslage so zu gestalten, daß sie der Menschenrechtskonvention entspricht.
Kritisieren ist leicht, bessermachen schwer. Rezepte, wie man den jämmerlichen Zustand der österreichischen Medien saniert, können nicht angeboten werden. Mit einem Umdenken bei der Presseförderung und der Beseitigung des ORF-Monopols wäre zwar ein guter Anfang gemacht, alles andere muß aber einer natürlichen Entwicklung überlassen bleiben.

Ginge es aber nicht um den Zustand der Medien, wären schon längst in allen Zeitungen, Zeitschriften, im Rundfunk und im Fernsehen energische Forderungen nach neuen Gesetzen, Gesetzesverschärfungen und ausführlichen Regelwerken erhoben worden. Denn die einstmaligen Träger der Freiheit haben sich nämlich zu einer Koalition der Reglementierungsfanatiker entwickelt, die bei jedem noch so geringen Anlaßfall zuerst einmal nach Verboten, neuen Gesetzen und Gesetzesverschärfungen rufen. Man ist allerdings mit der Gesetzeskeule seltsamerweise nur immer dann schnell zu Hand, wenn es nicht einen selbst, sondern andere betrifft.
Dennoch, die Pressefreiheit ist ein heiliges Gut. Sie ist die Basis der Demokratie; Bürgerfreiheiten und Menschenrechte können ohne Pressefreiheit nicht bestehen. Staatliche Eingriffe sollte man daher hier nicht dulden. Die Freiheit muß auch für den bewahrt werden, der sie mißbraucht.
Aber Moral und Gewissen dürfen nicht schweigen. Man muß laut und deutlich sagen, wenn etwas nicht in Ordnung ist.
Karl Kraus hat es einst geschafft, allein durch die Macht seines Wortes einen Bekessy aus dem Land zu jagen. “Hinaus aus Wien mit dem Schuft!”, dieser Ruf, laut und leidenschaftlich, hat genügt. Das Gesetz und das Gericht hat Karl Kraus nicht dazu gebraucht.
Tribunale haben wir genug. Was uns fehlt, ist Wahrheit, Anständigkeit, Bildung, Kultur, Liebe zur Freiheit und der Mut, diesen Idealen wieder Geltung zu verschaffen.